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„Amy Winehouse ist meine größte Inspirationsquelle“ – Halsey im Interview

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Mit ihrem kraftvollen, an eine postmoderne Version der Riot Girls erinnernden Sound zwischen Indie- und Electro-Pop überzeugt die 21-jährige Sängerin Halsey mittlerweile weltweit. Sie schreibt Songs über Sex und Traurigkeit und ist dabei ehrlich aber berechnend. Ein Gespräch über Wüsten im Kopf.

Ist dein Bühnenname Halsey ein Alter Ego?

Halsey ist ein Anagram meines bürgerlichen Namens Ashley. Wenn du die Buchstaben etwas umsortierst wird aus Ashley Halsey. Natürlich geht es aber um mehr als nur das Buchstabieren. Wenn man auch mich als Person etwas umsortiert, dann stehe ich als Halsey vor dir. Es ist also nicht wirklich ein Alter Ego sondern mehr eine erweiterte Version von mir selbst.

Ashley ist ein einfacher Typ. Welche verdammten Cerealien esse ich zum Frühstück? Ashley fragt sich, ob ich meine Mutter zum Geburtstag angerufen habe. Ashley ist, wenn ich meinen Briefkastenschlüssel verliere. Ashley überlegt, ob ich die Schuhe ausziehe, wenn ich in eine fremde Wohnung gehe. Das ist Ashley.

Halsey ist das, was Leuten wichtig ist. Halsey ist, wenn ich richtig bin, wenn ich falsch bin, wenn es mir beschissen geht und wenn es mir super geht – es ist eben eine Verstärkung meiner Person. So verewige ich mein Leben durch die Musik.

Welches ist denn dein Lieblingsmüsli zum Frühstück?

Lucky Charms!

Ok. Halsey ist auch eine Bushaltestelle in Brooklyn.

Ja, richtig. Das war eine Station, an der ich immer ausstieg, als ich noch in New York gewohnt habe. Die Straße mit der Haltestelle war immer etwas Besonderes für mich und ich wusste nicht, warum. Irgendwann fiel mir dann eben auf, dass es ein Anagram zu meinem Namen ist und als es Zeit wurde, sich für einen Bühnennamen zu entscheiden war klar, dass ich mich Halsey nennen werde.

Was ist in der Halsey Street in Brooklyn passiert?

Ich habe da viel Zeit meines bisherigen Lebens verbracht und interessante Leute kennengelernt. In einem Apartment an der Ecke trafen wir coolen, jungen Kids uns immer. Alle waren irgendwie Künstler oder Sänger, Architekten, Musiker und Maler. Das war ein Ort, an dem sich junge Erwachsene trafen, die nach New York kamen um was Großes zu reißen. Es herrschte eine enorme kreative Energie und da entstand dann auch die Idee, dass ich erfolgreiche Sängerin werden will. Einfach weil mit den Leuten um mich herum alles möglich schien.

ROOM 93, deine erste EP, kam im Oktober 2014 raus. Was ist die Geschichte dahinter?

Die EP entstand, als ich viel gereist bin und in diversen Hotelzimmern übernachten musste. Ich hatte versucht, meine Beziehungen am Laufen zu halten. Egal ob es jetzt die zu meiner Familie oder Freunden oder auch romantische Beziehungen waren. Das Ding mit Hotelzimmern ist, dass sie so eine private und sterile Aura haben wenn nichts passiert. Da habe ich gemerkt, dass Menschen in Hotelzimmern gut Teile ihrer Persönlichkeit verstecken können und schrieb drüber.

Im August 2015 erschien BADLANDS. War diese Platte die perfekte universelle Vorstellung von Halsey?

Ich glaube schon. Ich habe Songs geschrieben, die sich auf mein Leben beziehen oder auf Sachen, die ich getan oder gedacht habe. Es fühlt sich schön an, wenn ich es schaffe, dass Menschen auf der ganzen Welt sich mit meinen Songs und Texten identifizieren können. Das ist das größte Kompliment, das du als Musiker bekommen kannst: wenn deine Musik verbindet.

Wenn man ein Album produziert, muss man es im fertigen Zustand sechs Monate zurückhalten bevor die Welt es hören darf. Ich hatte Schiss, wenn das Album rauskommt, dass ich es eventuell nicht mehr mögen könnte. Weil man sich ja verändert und eventuell verbessert. Aber BADLANDS höre ich noch immer so gerne und das bin auch noch immer ich. Es ist das Beste, was ich als erstes Album hätte schreiben und produzieren können.

Inwiefern bist du gewachsen, während die ROOM 93 und BADLANDS aufgenommen hast?

Auf ROOM 93 habe ich gelernt, Musik zu schreiben. Ich sammelte Erfahrungen und habe daraus Songs gemacht. Ich habe dabei einfach viel über das Songwriting an sich gelernt. Als ich dann BADLANDS geschrieben habe, lernte ich viel über mich als Person. BADLANDS ist ein dystopischer Ort auf der Welt, vor dem man nicht fliehen kann. BADLANDS war mein damaliger Geisteszustand. Ich war mit meinen eigenen Gedanken in meinem Kopf gefangen – in einer mentalen Wüste. Meine Jugend war geprägt von starken Emotionen und der Zerrissenheit zwischen zwei Geschlechtern. Ich habe eine bipolare Störung und bin bisexuell. Das Album war therapeutisch für mich, weil ich mich fragte, wie und ob ich aus diesem Zustand wieder rauskomme beziehungsweise wie ich mit dem Leben gerade fertig werde.

BADLANDS ist mutiger.

Richtig. ROOM 93 war vom Inhalt her und was die Produktion angeht safe. Das war einfach. BADLANS ist größer. Viel größer. Ich wusste von vorne weg: Ich kreiere ein Universum. Ich kreiere diesen Unort, wo ich Menschen dran Teil haben lassen will. Wie kann ich meinen Zuhörer dahin transportieren? Wie kann ich diese Landschaft und den Raum musikalisch darstellen? Alle meine Lieblingsmusiker – Kings Of Leon, Lana Del Rey, Kanye West, Frank Ocean, The 1975, Arctic Monkeys – lassen mich mit ihren Platten reisen und wandern. Also mental. Und das wollte ich auch mit BADLANDS schaffen. Es sollte in seiner eigenen Dimension existieren. Einige der Songs fühlen sich gewaltig groß an, wie eine Wüste, andere fühlen sich klaustrophobisch an, als wäre man in einem kleinen Raum gefangen. Dann gibt es Songs, die sich anfühlen, als seist du seit Stunden auf dem Highway unterwegs und jedes Straßenlicht sieht gleich aus und es fühlt sich an wie Hypnose. Diese Ideen haben wir mit Sound umgesetzt.

Du bist Protagonist und Antagonist zur selben Zeit. Ich denke, dass das der Grund ist, warum deine Fans sich dir so nahe fühlen. Wolltest du das erreichen?

Ja. Im Songwriting geht es darum, verschiedene menschliche Perspektiven aufzuzeigen. Das heißt, du musst auch deine schlechte Seite zeigen. Mein Song „Gasoline“ ist komplett selbstreflektierend. Es geht darum, was andere Menschen meinen, was mit mir nicht stimmt. Ich beschäftige mich damit viel. Mein Charakter ist ehrlich und echt. Und genau das veranlasst Menschen, mir zu glauben, was ich da sage und singe. Ich zeige, dass keiner von uns immer auf der Sonnenseite des Lebens steht und damit können viele sich anscheinend gut identifizieren. Ich bin auch nur ein Mensch. Auch ich mache Fehler und habe andere verletzt, ebenso wie sie mich verletzt haben. Und das ist wichtig, darüber zu schreiben.

Du nennst auch Amy Winehouse immer mal wieder als Inspiration.

Sie ist meine größte Inspiration. Ihr war immer alles egal. Sie war einfach sie selbst und hat gemacht, worauf sie gerade Bock hatte. Ganz oft will ich mich für Interviews zum Beispiel gar nicht schminken oder mein viel zu großes T-Shirt ausziehen, geschweige denn einen BH anziehen, damit ich dann ordentlich aussehe.

Also liegst du gerade ohne BH, in XXL-T-Shirt und Jogginghose und mit ungekämmtem Haar im Bett?

Das ist witzig. Ich trage nämlich wirklich keinen BH und eine viel zu große Jogger. Und meine Haare sehen aus wie Kraut und Rüben. Verrückt – kannst du mich sehen? (lacht)

Nein, ich kann dich nicht sehen (das Interview fand via Telefon statt).

Das ist so lustig, man. Ja und Amy war eben auch so. Sie war immer sie selbst und bereute nichts von dem, was sie tat. Sie war so hübsch und so sexy und eine richtig tolle Frau. Trotzdem hatte sie auch etwas sehr androgynes. Und so was sehe ich auch in mir. Diese Energie, die Amy hatte, war nicht immer so weiblich und das kennt man eher selten von Mädels. Das mag ich. Wenn ich das auch schaffe bin ich glücklich. Ich will sexy sein und ich will dabei keine Angst vor mir selbst haben.

Was planst du als nächstes? Ein neues Album ist in der Mache, richtig?

Ja, genau. Ich versuche das zweite Album zu schreiben aber momentan bin ich ja auf Tour und das auch noch bis April. Entweder schreibe ich das Ding also im Tourbus oder mache ein paar Monate Pause nach der Tour damit ich mich da ganz drauf konzentrieren kann. Man wird sehen.

Das war ein selbstbewusstes und -kritisches Interview.

Freut mich, dass du diese Worte verwendest. Mein Projekt baut auf Ehrlichkeit auf und so verlaufen dann auch Interviews. Ehrlichkeit ist für mich das Wichtigste. Viele Künstler sagen das und meinen dann immer „Ich bin immer ich selbst“. Das glaube ich verdammt nochmal niemandem.

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