Anders als viele Kollegen gelten Bush als bodenständige Band. In einem ruhigen Moment sagt Gavin Rossdale, warum.


Ein beinahe beschaulisches Bild: Wie eine zufriedener Kater räkelt sich dieser Mensch in einer Kölner Hotelsuite, die mit allen Schikanen ausgestattet ist: Gavin Rossdale (34) ist frisch geduscht und fühlt sich sichtlich wohl in seiner Haut, während er makellos weiße Zähne in eine Feige versenkt. Der Morgen hat gut angefangen für ihn. Zwischen dem Frühstück und diesem ungnädig frühen Interview hat der Bush-Mann am Artwork der neuen CD „Golden State“ gebastelt und nutzt die Gelegenheit, sich vor dem Promotion-Marathon noch einmal in dem übergroßen Sessel zu strecken. Er ist entspannt, aber aufmerksam. Ein Bild, das sich auch beim Hören von „Golden State“ einstellt, einer Platte, die von Gegensätzen lebt.

Neun Jahre Bandgeschichte liegen hinter ihm und den ersten bescheidenen Schritten in Richtung Star-Dasein. Was 1992 in einem Londoner Club als konspirative Idee von Gavin Rossdale und Gitarrist Nigel Pulsford begann und mit Bassist Dave Parsons und Schlagzeuger Robin Goodridge bald Bush-Form annahm, trug Ende 1994 mit dem Debüt „Sixteen Stone“ erste Früchte. Darunter auch einige saure Trauben, denn seither ist dem englischen Quartett auch bei größter Spiellust und Eigenheit immer wieder Epigonentum vorgeworfen worden. Doch Nirvana hin, Pixies her – Bush haben diese häufig genannten Vergleiche hinter sich gelassen und allen Unkenrufen trotzend einen eigenen Weg gefunden.

Schnörkellos kommen die zwölf Songs auf „Golden State“ daher. Die verdrehten und düster pochenden Experimente des Vorgängeralbums „The Science Of Things“, auf dem reichlich Elektronik für mulmige Momente sorgte, haben wieder solidem, rifforientierten Material Platz gemacht. Auch an Remixe, wie sie Bush zuvor von Nightmares On Wax, Goldie, Tricky und anderen anfertigen ließen, wird nicht gedacht. Eine bewusste Kehrtwende? Gavin nickt und erklärt mit leichtem Bedauern: „Die Elektronik verschreckt den Rest der Band. Ich selber stehe ja ziemlich auf das ganze schrille Zeug von Radiohead, Aphex Twin oder die Sachen vom Warp-Label. Aber das scheucht meine Jungs auf, und sie kriegen das Gefühl, ihr Status würde untergraben. Auf der letzten Platte war dieser Aspekt ziemlich dominant,“ räumt er ein, „also mussten wir auf dieser gegensteuem und sie eher traditionell halten. Aber ich denke, unser Sound entwickelt sich in natürlichen Schüben – mal ist man mehr, mal weniger experimentell. Dazu kommt, dass wir einen Neuanfang brauchten; wir sind bei einem neuen Label untergekommen, und wir wollten unsere Stärken ausspielen. Alles das zeigen, was uns als Band ausmacht. Klar, ab und zu haben mir dabei die Experimente gefehlt, aber insgesamt scheint die Platte angemessen.“

Rechtsstreitigkeiten mit ihrer vormaligen Plattenfirma Trauma Records (nomen est omen?) vergällten Bush die Aufnahmen zu „The Science Of Things“

(1999) und haben dazu beigetragen, dass das Quartett nun als Version 4.0 runderneuert und rotzrockig unter der Flagge von Atlantic Records durchstartet. Der Wechsel ermöglichte auch die lang ersehnte Zusammenarbeit mit Produzent Dave Sardy, dem Kopf der Gruppe Barkmarket, dessen verqueres Musikverständnis bereits Marilyn Manson, System Of A Down und anderen auf die Sprünge geholfen hat. Gavin erinnert sich gerne an ihr Studio-Dreamteam: „Dave Sardy wollte, dass ‚Golden State‘ unsere beste Platte wird. Wir sind gute Freunde und haben ein lockeres Verhältnis zueinander. So konnte ich auch klipp und klar sagen: ‚Dave, du machst Rockplatten wir spielen Rock. Weg mit der Künstlichkeit, lass‘ uns unsere Ressourcen in einen Topf werfen.‘ Er sagte mir später, dass er bei Manson sechs Monate gebraucht habe, um an diesen Punkt zu kommen.“

Dass es wenig Distanz zwischen dem Knöpfchendreher und den Ausführenden gab, belegt auch eine freundliche Ermahnung, die Sardy dem Bush-Texter und -Sänger mit auf den Weg gab: „Er sagte in eindeutigen Worten, ich solle gefälligst auf meine Texte aufpassen“, wundert sich Gavin noch immer. „Das hat mich stutzig gemacht; so was hat mir noch nie jemand gesagt! Also hab‘ ich mich auf den Hosenboden gesetzt und aufgepasst, dass meine Texte auch wirklich gut werden, damit er mir nicht nachstellt.“ Mit Sardy im Nacken hat der introspektive Grunge-Apokalyptiker seinen Ansatz überdacht und die gewohnheitsmäßig kryptischen Texte griffig verknappt. Sie passen zu dem kratzigen Timbre, mit dem er sie hinausschleudert: Hier wütet und reibt sich einer, ist bissig, sucht Wahrheit und Wärme und Nähe.

Aber nicht nur an den Texten ist gefeilt worden. Das Projekt „Golden State“ scheint insgesamt eine heilsame Erfahrung gewesen zu sein; Rossdale hat sich daran auch spirituell abgearbeitet, ohne gängige Erleuchtungsmetaphern zu bemühen. Ia, mit dem Buddhismus verbinde ihn einiges, aber seine eigene Religion sei chaotisch und unorganisiert. „Werte wie Mitgefühl und Sorge für andere und um sich selbst zum Beispiel,“ grübelt er, „die ergeben einfach Sinn. Man muss das Verhältnis von Ursache und Wirkung im Auge behalten, die Konsequenzen abwägen. Man könnte sagen, ich habe durch diese Platte etwas mehr Gleichgewicht gefunden. Das ist schon unfreiwillig komisch, weil ‚Golden State‘ hauptsächlich von Spannungen handelt. Schon der erste Titel ‚Solutions‘ reißt das als Thema an; er ist eine musikalische Absichtserklärung. Es geht um diese ganzen Push/Pull-Effekte, um Gegensätze und Balance. Ich habe mich zu der Zeit sehr hin und her gerissen gefühlt. Wir brauchen Lösungen für die sozialen Ungerechtigkeiten, für die Fragen, die uns unter den Nägeln brennen, heißt es in diesem Song, aber woher nehmen und nicht stehlen?“ Ein weiterer Track, auf dem sich der Sänger als der freundliche Fatalist von nebenan gibt, ist „Head Full Of Ghosts“: „Ich denke, wir alle tragen gespaltene Persönlichkeiten in uns. Du gehst nach links, aber die andere Stimme in deinem Kopf sagt: Hey, rechts! Rechts ist der richtige Weg! Aber wer weiß schon, welcher Weg der richtige ist?“

Wenn er selbst seine Ruhe haben will, so Gavin, zieht er sämtliche Telefonstecker seiner Londoner Wohnung heraus und verkriecht sich. Gavins kleine Fluchten reichen aber auch schon mal über den großen Teich, denn da wohnt seine Freundin Gwen Stefani (32), die Sängerin von No Doubt. An einen dauerhaften Umzug nach Amerika mag er trotzdem nicht denken: „Bei aller Liebe, ich muss zugeben, dass ich einfach europasüchtig bin und diese Angewohnheit schlecht aufgeben kann. Europa und England haben etwas, mit dem Amerika einfach nicht mithalten kann. Ich habe wohl Glück, immerhin kriege ich das Beste beider Welten mit.“ Konflikte sind dennoch vorprogrammiert. Die randvollen Terminkalender arbeiten gegen das Paar, und schön ist es für Gavin nicht, seine Gwen mit sämtlichen No Doubt-Fans teilen zu müssen, während sie im fernen Los Angeles lesen darf, was für ein Frauenschwarm der knuffige Bush-Frontmann doch ist.

Und: In einer Beziehung wie der ihren kann es auch wegen der Musik krachen. „Es macht mich total froh, dass alles, was Gwen heute anpackt, gut ist und immer besser wird. Das erspart mir das Lügen“, grinst Gavin breit. „Als wir anfingen auszugehen, war ich nicht so scharf auf ihre Art von Musik, aber seit der letzten Platte und der demnächst erscheinenden stehe ich voll hinter dem, was sie macht. Ich selber spiele ihr ungern meine Sachen vor, und bei ‚Golden State‘ habe ich sehr geheimnisvoll getan. Als ich ihr etwas davon vorgespielt habe, war sie verunsichert und druckste herum, also habe ich es nicht mehr versucht, bis die Platte fertig abgemischt war und ich ein besseres Gefühl dabei hatte. Sie spielt immer alles allen vor, aber ich bin da anders: Ich kriege schon bei dem Gedanken Schweißausbrüche.“ Solche Unsicherheit geht ihm jedoch in diesen Minuten völlig ab, und die Qualität und Beliebtheit von Bush haben Ausmaße erreicht, die Gavin eigentlich ruhig schlafen lassen könnten – wäre er nicht so ein grundbescheidener, für das Rockbusiness viel zu netter Kerl. „Ich glaube“, wiegelt er ab, „viele betrachten Arroganz als Abkürzung zum Ruhm. Wenn man so besonders und so talentiert ist, dann darf man sich auch fies benehmen, oder? Auf lange Sicht funktioniert das aber nicht. Wann immer ich wirkliche Stars getroffen habe, waren sie die ruhigsten und bescheidensten Menschen der Welt. Tom Waits zum Beispiel, der war so unglaublich schüchtern und höflich und leise… Anfangs kam es mir so vor, als sei ich für dieses Geschäft nicht Schwein genug. Aber es ist so viel einfacher, sich gegenseitig zuvorkommend und freundlich zu behandeln!“

Die englische Journalistin Jennifer Nine, deren Bush-Biographie „The 27th Letter“ Ende 1999 bei Virgin Books erschienen ist, genoss die Arbeit mit der auskunftsfreudigen Band. Gavin verbindet damit angenehme Erinnerungen, wenn auch aus anderen Gründen. „Vor einiger Zeit ging es meinem Vater sehr schlecht. Ich besuchte ihn im Krankenhaus und bekam einen Riesenschreck, weil er nicht in seinem Zimmer war, nur seine alten Schuhe standen vor dem Bett. Das war das Traurigste, was ich je gesehen habe; mein Herz plumpste direkt durch den Fußboden. Und auf dem Nachttisch lag das Buch über uns. Das hat mich so sehr gerührt! Ich habe meine Eltern nie wirklich an Bush teilhaben lassen, habe ihnen keine Videos oder die Platten vorgespielt. Und dass sich mein Vater in so einem Moment die Zeit nahm, unsere Biografie zu lesen, das war das Schönste an dem Buch überhaupt.“