Reportage

Auf der Flucht


Was tun, wenn man etwas tun möchte? Die Wiener Autorin Stefanie Sargnagel entschied sich für den direktesten Weg – und half Flüchtenden über die Landesgrenze aus Ungarn nach Wien.

Nach der ersten Fluchthilfeaktion waren meine Freundin Maria, die Fahrerin, und ich, die Beifahrerin, angefixt. Wir wollten es unbedingt wieder tun. Wir waren eine Woche zuvor innerhalb eines Konvois von 150 Autos mitgefahren, der sich zusammengeschlossen hatte, um Flüchtlinge kostenlos von Ungarn nach Österreich zu bringen. Eine medial international beachtete Aktion, bei der wir Behar und seine Freunde, drei junge Afghanen, zum Wiener Westbahnhof brachten, um ihnen ihre Weiterreise nach Belgien, wo sie Familie haben, zu erleichtern. Behar hatte uns von Misshandlungen durch bulgarische Polizisten erzählt, seiner Familie in Kabul und davon, dass „Titanic“ sein absoluter Lieblingsfilm sei („I watched it a million times. Rose is the most beautiful woman in the world“). Außerdem stellten wir bei der nächtlichen Autofahrt fest, dass er daheim genau wie ich im Callcenter eines Mobilfunkkonzerns gearbeitet hatte.

Das asoziale Netzwerk
Da ich zu wenig Zeit hatte, mich langfristig in der Flüchtlingshilfe zu engagieren, waren solche Aktionen für mich eine Möglichkeit, punktuell Hilfe zu leisten, meine Comfort-Zone zu überwinden, die Situation zu begreifen und – was noch wichtiger war – Menschen für kurze Zeit auf ihrer anstrengenden Reise zu entlasten. Sie vor gefährlichen Schlepperfahrten zu bewahren, wegen denen erst kurz davor in Österreich 71 Menschen erstickt auf der Autobahn in einem LKW gefunden wurden. Und um ein Zeichen gegen die europäische Grenzpolitik und für Solidarität mit Vertriebenen zu setzen. Den Angstschweiß der ersten, nicht ganz legalen Aktion hatten wir aus unserer Kleidung gewaschen, und Freunde borgten uns wieder ihr Auto.

Viele Flüchtlinge sprechen gutes Englisch (warum auch nicht)

Ungeordnete Verhältnisse
Diesmal wollten wir in das ungarische Lager bei Röszke, das aus einem Feld ohne Unterstände und ohne medizinische und hygienische Versorgung bestand, um dort dringend benötigte Hilfe zu leisten. Ich hatte Videos gesehen, in denen Polizisten Essensrationen in eine umzäunte Menge von Flüchtlingen warfen, die darum rangeln mussten wie bei einer Tierfütterung, und wusste, dass ich das nicht fünf Stunden von meiner Heimatstadt entfernt tatenlos geschehen lassen konnte. Wir hatten aber nur einen Tag Zeit – und sahen ein, dass wir an diesem Tag an anderen Orten eine bessere Unterstützung sein würden. Wir fuhren also zu einem unterversorgten Flüchtlingslager bei Györ. Wir öffneten die Autotüren und forderten die Leute auf, sich zu bedienen, fragten, was sie brauchen, versuchten mit ihnen Sachen, die wir nicht hatten, in den anderen Wagen zu finden. Eine Familie saß am Boden in einem Berg aus Lumpen und ich fragte, ob sie Englisch könnten. Alle, sogar die Jüngsten, sprachen gutes Englisch. Es überrascht immer wieder, wenn in diesem Bild von Armut plötzlich klar wird, dass es die neue Armut einer Familie ist, die davor guten Zugang zu Bildung hatte. Ich wollte Gummihandschuhe aus meinem Rucksack holen und realisierte, dass ich ihn einfach beim Auto gelassen hatte, wo er mit einer Spende verwechselt wurde und nun weg war. Die Suche scheiterte, und ich fand mich mit dem Verlust ab. Wie so oft bei der Flüchtlingshilfe, die in der Form von zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation neu war, machte man Fehler und lernte dazu. Es war auch nichts Wichtiges drin, nur Kleidung und das mit Post-its markierte Buch, das ich immer für Lesungen verwende, halb so wild. Ich denke, das Buch wird bei den Flüchtlingen gut ankommen. Ich freue mich sogar schon auf die ersten Briefe syrischer Fans.

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