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Berthold Seliger im Interview: „Keiner brennt mehr für Kultur“

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Berthold Seliger ist Konzertagent und Autor und lebt in Berlin. Als Europaagent vertritt er Bands wie Calexico, Tortoise, Lambchop oder The Walkabouts, als deutscher Tourveranstalter betreut er unter anderem Bonnie ‚Prince’ Billy, Patti Smith, Lucinda Williams und Alison Krauss. Seliger hat mit Townes Van Zandt und Lou Reed in den letzten Jahren ihres Lebens zusammengearbeitet. Er wird Ende 2013 seine Konzertagentur in ihrer bisherigen Form nach 25 Jahren schließen, jedoch weiterhin Konzerte ausgewählter Künstler veranstalten. Im September ist Seligers branchenkritisches Buch „ Das Geschäft mit der Musik – Ein Insiderbericht“ in der Edition Tiamat erschienen. Albert Koch traf Berthold Seliger zum Interview – und erfuhr dabei unter anderem, dass das „Albumgedöns vorbei“ sei, dass Casper ein nachhaltigeres Management als Cro haben muss und dass Seliger nie Kochs Buddy werden will.

Musikexpress: Du machst nach einem Vierteljahrhundert deine Konzertagentur zu. Eine der Begründungen lautet: Es gebe keine „ Liebhaber, Musikverrückte und Aficionados“ mehr in der Branche.

Berthold Seliger: Es gab eine Vielzahl von Gründen und das ist einer davon. Das hat mit meiner Kritik an den Verhältnissen durch die multinationalen Konzerne zu tun, denen die Popkultur heute unterworfen ist. Bei Tonträgerfirmen und in der Live-Branche. Diese Firmen hat es ja auch schon vor 25 Jahren gegeben. Aber wenn du es damals mit irgendjemandem zu tun hattest, war das trotzdem ein Musikliebhaber. Das waren Leute, mit denen du connecten konntest. Da hast du gemerkt, die arbeiten zufällig in einem großen Konzern, aber eigentlich haben sie den gleichen Beweggrund: die Liebe zur Musik, die Begeisterungsfähigkeit, eine bestimmte Art von Musik nach vorne zu bringen. Solche Leute findet man heute fast nur noch als „elder statesmen“ bei den großen Plattenfirmen. Nach meiner Beobachtung sitzen die Leute heute in den großen Konzernen, weil sie es supercool finden, einen solchen Job zu haben. Sie sind aber eher Betriebswirtschaftler, Juristen oder Marketingleute, die mit der Musik wenig zu tun haben. Sie könnten genauso gut Mode, Softdrinks oder Bier verkaufen. Es gibt immer weniger Leute, die für Kultur brennen, sondern immer mehr, die „irgendwas mit Medien“ machen wollen. Das merkt man dem Geschäft mit der Musik leider an.

Mein Eindruck ist, dass die meisten Leute aus Idealismus in die Musikbranche gehen, dann nach ein paar Jahren andere Interessen entwickeln, aber trotzdem bleiben. Weil: Ich hab doch nichts anderes gelernt.

Berthold Seliger: Es gibt viele, die lange dabei sind und ihren Job immer noch mit Leidenschaft machen. Aber ich habe das Gefühl, dass die jungen Leute viel weniger für Musik brennen. Bei den Major-Plattenfirmen habe ich es ganz oft mit Leuten zu tun, die sich gar nicht für die Themen interessieren, die sie betreuen. Diese Entwicklung ist aber nicht neu, sie hält schon zehn Jahre an. Bei manchen Majors hast du das Gefühl, die Mitarbeiter kommen aus einem Casting für „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Das klingt sehr kulturpessimistisch, ich bin kein Kulturpessimist, aber man muss diese Zustände ja trotzdem beschreiben. Als Europaagent und Tourveranstalter hast du es einfacher, wenn auf der anderen Seite – bei Plattenfirmen, bei Managern – auch Leute sitzen, die Musik lieben. Ich kann mich doch mit einem Christof Ellinghaus (Inhaber von City Slang – Anm. d. Red.) besser unterhalten und an einem Strang ziehen, als mit jemandem, bei dem ich merke, der hat eigentlich gar nichts mit der Musik am Hut, die er vertritt. Seine Plattenfirma hat ihm gerade dieses Produkt – so heißt das ja dort auch, und er ist eben ein „Produktmanager“ – vor die Nase gesetzt, und er muss damit arbeiten, hat aber eigentlich gar nicht so richtig Lust drauf.

Deine Konzertagentur war vorrangig deinem Musikgeschmack verpflichtet. Die CEOs der Major-Plattenfirmen müssen bei einem solchem Idealismus mitleidig lächeln.

Berthold Seliger: Kann ich mir gut vorstellen, aber das interessiert mich nicht. Mich macht die Musik, die ich vertrete, glücklich. Ich finde es wunderbar, dass ich mit Künstlern arbeiten darf, an die ich glaube – unabhängig von ihrem Bekanntheitsgrad. Natürlich schreibe ich mit Künstlern wie Calexico oder Patti Smith eher meine Schecks als mit Souled American oder Big Harp. Ich liebe aber Big Harp oder Souled American keinen Deut weniger als Patti Smith. Die Verkaufszahlen interessieren mich gar nicht, wenn mich das Konzert glücklich gemacht hat. Aber ich habe natürlich auch das Ziel, dass meine Künstler kommerziell erfolgreich sind. Dieses Getue, als ob wir im Indie-Bereich nicht Interesse daran hätten, Tickets zu verkaufen, ist mir immer auf den Keks gegangen. Wir wollen doch auch, dass die Künstler erfolgreich sind, nur steht bei uns die Kunst und die Qualität der Musik im Zentrum.

In deinem Buch „Das Geschäft mit der Musik“ beschreibst du die Verbetriebswirtschaftlichung der Musik. Meiner Meinung nach kann man das alles herunterbrechen auf die Aussage des Eingangszitats.

Berthold Seliger: Da hilft die klassische Philosophie und Soziologie: Der Begriff der „Kulturindustrie“ von Adorno zeigt, dass es um Kapitalismus geht, um Profite, ums Verkaufen. Das muss einem klar sein. Extremes Beispiel – EMI wurde an einen Hedgefonds-Betreiber verkauft. Eine tolle Plattenfirma mit einem super Katalog. Was hat denn ein ekelhafter Hedgefonds für kulturelle Interessen? Natürlich gar keine. Die sagen, da gibt’s gewisse Copyrights, die müssen wir materialisieren. Das ist ein Prozess, der in den letzten zwei Jahrzehnten massiv durch die Decke gegangen ist.

Ist es eine romantische Vorstellung zu glauben, wenn ein Musikverrückter an einer entscheidenden Position im Business sitzen würde – zum Beispiel an der Spitze eines universal tätigen Musikkonzerns –, dass dann wieder mehr die Musik in den Vordergrund rücken würde?

Berthold Seliger: Ich glaube, es ist auszuschließen, dass heute ein Musikverrückter an die Spitze eines Musikkonzerns gelangen würde. Die Leute, die heute nach oben kommen, sind stromlinienförmige, gegelte Aushängeschilder multinationaler Konzerne, wenn diese Typen noch nach irgendwas verrückt sind, dann höchstens nach Profit und Erfolg.

Gab es Reaktionen aus der Branche auf das Buch?

Berthold Seliger: Durchaus, auch von Menschen, von denen ich das nie erwartet hätte. Viele haben gesagt, „du hast eigentlich total recht. Wir müssen viel mehr darüber nachdenken. Wir sind in einem Hamsterrad, uns ist da was entglitten. Eigentlich sind wir doch auch mit der Leidenschaft für Musik reingegangen“. Einer der drei, vier großen Tourveranstalter hat mir persönlich geschrieben: „ I started the business out of a passion for music   – but now the passion is all about money“. Andere haben mir geschrieben, dass sie auch schon darüber nachgedacht haben, aufzuhören: „Ich hasse es zum Beispiel, dass mir als Tourveranstalter inkompetente Manager Vorschriften machen.“ Da kann ich nur sagen: Ändert diese Branche, macht sie wieder zu dem Musikding, die sie mal war!

Was 2013 aufgefallen ist: die marketingmäßigen Versuche, Albumveröffentlichungen wieder als Ereignisse erscheinen zu lassen: David Bowie, Daft Punk, Arcade Fire. 

Berthold Seliger: Glaubst du nicht, dass das die letzten Zuckungen, die Verzweiflungstaten einer sterbenden Tonträgerindustrie sind? Das Albumgedöns ist vorbei. Das hat auch damit zu tun, dass die Musikindustrie ihre Produkte selbst schlecht gemacht hat. Wie kannst du auf die Idee kommen, so ein Scheiß-Billigprodukt wie die CD ohne Cover-Artwork mit dem ganzen Plastik drumherum den Leuten 50 Prozent teurer zu verkaufen als eine Schallplatte? Das ging eine Zeitlang gut, weil sich der Backkatalog gut verkauft hat. Die CD ist tot, und ich habe keine Träne im Auge. Die kulturell interessante Frage ist, ob nicht sogar das Album als Ereignis obsolet ist. Ich glaube schon. Wenn man sich eines dieser gehypten Alben anhört – zum Beispiel das von Daft Punk – merkt man, dass zwei, drei tolle Tracks drauf sind und der Rest ist eigentlich uninteressant. Ich habe mir vorgestern das erste Velvet-Underground-Album angehört. Da sind elf Meisterwerke drauf! Marc Fisher sagt im Interview in der aktuellen Testcard: „Es wird weiter ein Tröpfeln von halbwegs interessanten Platten geben, aber die Vorstellung eines epochalen, alles zerreißenden, wichtigen Werks, das die Regeln verändert, existiert nicht mehr.“

Noch verdienen Bands mit Konzerten Geld. Aber wie lange wird das noch gut gehen? Will man seine Lieblingsband wirklich dreimal im Jahr sehen?

Berthold Seliger: Da wir in der so genannten Marktwirtschaft leben, regelt das der Markt. Und der ist brutal. Wenn du ein kluger Konzertagent oder Bandmanager bist, kapierst du, dass es Zyklen gibt, in denen du machen musst, was möglich ist. Ich habe es bei Calexico so gemacht, ich war ja ihr Europaagent. Wenn ein neues Album kam, ließ ich sie touren ohne Ende, wir machten zwei Festivaltourneen – die Band liebt es, live zu spielen. Aber dann kommt der nächste Schritt, und der ist nicht einfach, weil du deinen Bands sagen musst, jetzt bleibt ihr mal zwei, drei Jahre zuhause, jetzt macht ihr euch rar. Wenn du das schlau anstellst, merken die Leute, wenn ich die Band sehen will, muss ich jetzt hingehen, weil sie nicht jedes Jahr kommt. Gegenbeispiel: Cro. Da habe ich das Gefühl, das Management glaubt nicht wirklich an den Künstler und holt jetzt raus, was irgendwie geht. McDonalds-Spot, H&M-Kampagne – die scheinen zu wissen, dass sie in den nächsten zwei Jahren den Künstler melken müssen, weil er wahrscheinlich nicht weiter trägt. Diese Verwertungslogik finde ich problematisch. Ein Gegenbeispiel ist nach meinen Beobachtungen das Management von Casper, das ganz viele Werbedeals ablehnt und eine sehr kluge Strategie fährt, unabhängig davon, dass wir uns einig sind, dass die Musik auch nicht so toll ist.  

Apropos Casper. Wie dieser Hype funktioniert, ist klar: mithilfe eines Kumpel- und Stammtischnetzwerks in Berlin wird seine Musik flächendeckend hochgejubelt.

Berthold Seliger: So ein Kumpelnetzwerk ist schon hochproblematisch, du musst doch eigentlich als Journalist auf Distanz gehen. Bei aller Sympathie: Ich will als Konzertagent nicht dein Kumpel sein, Albert. Wir haben unterschiedliche Interessen. Ich will mich gut mit dir verstehen und mich austauschen können. Ansonsten muss ich dir immer die Freiheit geben, meine Bands hart kritisieren zu können. Diese Kumpelnummer funktioniert nicht. Wir dürfen nicht Buddys sein, und wenn wir doch Buddys sind, dann darfst du nicht meine Band rezensieren, das gehört sich nicht. It’s that simple.

Ist Sponsering für den Sänger der mittelgroßen Hamburger Band manchmal nicht die einzige Möglichkeit, die Familie mit den Kindern zu ernähren?

Berthold Seliger: Ich glaube nicht, dass das die einzige Möglichkeit ist. Und wenn es denn so sein sollte, was ich – wie gesagt – in Abrede stelle, dann soll er das halt machen, ich möchte aber auch die Möglichkeit haben, in der Öffentlichkeit zu sagen, dass ich das scheiße finde. Und zwar richtig scheiße. Tom Waits sagt, du bist dann als Künstler das „Sperma, mit dem das Ei der Konsumindustrie befruchtet wird“ – das muss einem klar sein. Oder in den Worten von Patti Smith: „Build a good name! Keep your name clean! Don’t make compromises“, du musst dich als Künstler um die Reinheit deines Namens bemühen. Das ist das einzige, was du dein Leben lang als Künstler hast – dein Werk und deinen Namen. Wenn der beschmutzt ist, bleibt er es für immer. Wenn du einmal das Mädchen aus der Apple-Werbung bist, bleibst du es für den Rest deines Lebens. Ich bin ja in der luxuriösen Situation, dass ich mit Künstlern zusammenarbeite, die das furchtbar finden. Bei Calexico steht im Vertrag, dass sie keine Werbung in der Show haben wollen. Dann stehst du beim Hurricane und sagst, klar, Coca Cola ist der Sponsor, aber wir wollen das nicht. Und dann wird die Werbung während des Auftritts von der Bühne weggeräumt oder abgedeckt – das funktioniert. Die Künstler haben mehr Rechte als man denkt.

Wie können Musiker ausreichend Geld verdienen, ohne einen Zweitjob haben zu müssen?

Berthold Seliger: Zum einen fordere ich eine vernünftige soziale Absicherung, also Mindestgagen zum Beispiel, günstige Mieten, umfassende Förderung von Spielstätten, also: Auftrittsmöglichkeiten. Da hat die Politik hierzulande noch viel zu erledigen. Ansonsten glaube ich daran, dass die Musiker die Macht haben. Sie haben die Möglichkeit, diese ganzen üblen Deals zu stoppen. Das wird natürlich nicht der kleinen Indie-Band gelingen, aber nimm das Beispiel Kid Rock – was eher problematisch ist, weil erstens die Musik eher medioker ist und der Typ ein überzeugter Republikaner. Er ist ein Mainstream-Künstler, der sich mit Live Nation, dem weltgrößten Konzertveranstalter, hingesetzt und gesagt hat: Ich möchte günstige Ticketpreise. Er hat eine US-Sommertour gemacht mit Ticketpreisen zu 20 Dollar ohne bescheuerte Zusatzgebühren. Er hatte im Schnitt 50 Prozent mehr Publikum bei seinen Konzerten. Ich glaube, dadurch hat sich das mindestens genauso gerechnet wie vorher. Er hat aber vor allem etwas gewonnen, wovon man als Künstler heutzutage nicht genug haben kann: Die Zuneigung seiner Fans, Credibility. Es gibt ja viele Künstler, die sagen, wir wollen günstige Ticketpreise haben, Calexico etwa, Patti Smith oder auch Herbert Grönemeyer. Die sehen zu, dass das auf einem vernünftigen Level bleibt. Aber damit ist natürlich nicht das Problem der Mittelsmänner, der Zwischenhändler gelöst. Das könnten aber die Künstler und die Veranstalter lösen. Besonders dann, wenn den Veranstaltern das Venue gehört, was ja in vielen deutschen Städten der Fall ist: die Fabrik in Hamburg, das Tollhaus in Karlsruhe, die Muffathalle in München. Mit welcher Logik müssen die bei CTS (der europäische Marktführer im Konzertticketverkauf – Anm. d. Red.) ihre Tickets verkaufen? Man muss den Leuten klarmachen, dass ihnen dort das Fell über die Ohren gezogen wird, dass sie bei CTS bis zu 44 Prozent an Zusatzgebühren zahlen, die weder bei den Künstlern noch bei den Konzertveranstaltern ankommen. Von dem ganzen Geld, das CTS Eventim kassiert, wird nur Herr Schulenberg, der Vorstandsvorsitzende, noch reicher. Er ist mittlerweile Dollarmilliardär. Die Leute denken ja, dass der Künstler das ganze Geld bekommt, das sie für Tickets zahlen. Schön wär’s. „ Internetgebühr“ 2,50 Euro, damit du dir das Ticket zuhause auf deinem Drucker ausdruckst, was ist das für ein Mist? Ist das im Interesse der Musiker? Nein. Ist das im Interesse der Konzertveranstalter? Ganz sicher nicht. Die gehen ins Risiko, zahlen im Zweifelsfall bei einem schlecht laufenden Konzert drauf und der Tickethändler macht immer den Reibach, ohne im Risiko zu sein. Das ist nicht in Ordnung.

Die Streamingdienste werden die Musikindustrie retten, oder?

Berthold Seliger (lacht): Die entscheidende Frage ist doch: Wem gehören denn eigentlich die Streamingdienste? An Spotify haben die drei Majors eine 18-Prozent-Beteiligung durchgesetzt, nein, mafiotisch erpresst. „Mafiotisch“ ist von mir, „erpresst“ sagt Tim Renner (der ehemalige Geschäftsführer von Universal Music Deutschland – Anm. d. Red.). Vevo gehört Universal und Sony Music. Der Warner-Boss ist an Deezer in Frankreich beteiligt. Die Logik der Majors hat ja immer nur dadurch funktioniert, dass sie die Vertriebswege hatten. Dann haben sie die Vertriebswege verloren, weil sie das digitale Geschäft verschlafen haben, plötzlich konnte ein Hardwarehersteller wie Apple den Majors die Bedingungen diktieren – wie doof kannst du sein, dass dir so etwas passiert? Jetzt versuchen sie verzweifelt, sich die digitalen Vertriebswege zurückzuerobern. Insofern ist Spotify für die Majors ein Weg, ihre Produkte wieder an Mann und Frau zu bringen. Spotify und die anderen Streamingdienste sind ja kommerzielle Unternehmen, sie haben kein Interesse an Musik, sie wollen möglichst viele Clicks haben. 70 Prozent der Einnahmen geben sie an die Rechteinhaber weiter. Spotify hat 25 Millionen Tracks im Angebot. Aber mit ihren Algorithmen schustern sie dir hauptsächlich die 2500 Mainstream-Tracks der Majors zu. Sie empfehlen ja nicht einen super durchgeknallten Track zum Beispiel der Meridian Brothers – ich habe gerade deren tolle Version von „Purple Haze“ angehört, die gibt’s nur als Stream und als Vinyl-Single – sie empfehlen lieber das neue Album von Justin Bieber. Du bleibst in dem eingezäunten Gärtchen der Majormusik, und das ist genau das Konzept. Pro forma bieten sie dir die ganz große Freiheit an: 25 Millionen Tracks. Was ja auch toll ist, deshalb liebe ich Streaming, alles ist da und nur einen Click entfernt. Aber in der Praxis versuchen sie den Leuten, die ihren musikalischen Geschmack noch nicht entwickelt haben, ihre wenigen Mainstream-Tracks aufzudrücken. Und: die Majors halten 18 Prozent an Spotify. Was passiert, wenn Spotify irgendwann mal für, sagen wir, eine Milliarde Dollar verkauft wird? Dann würden die Majors 180 Millionen bekommen. Würden sie die mit ihren Künstlern teilen? Natürlich nicht. Das ist ein reines Profitmodell. Über das ganze Künstlergejammere „Spotify bezahlt mich nicht fair“ kann ich nur lachen. Das ist naiv. Spotify wird einen Künstler nie fair bezahlen, genauso wenig wie es die Plattenfirmen getan haben. Warum klagen denn all die Künstler aus den 70er- und 80er-Jahren gegen ihre Plattenfirmen? Weil sie verarscht wurden, weil die Plattenfirmen ihnen zum Beispiel von den Einnahmen bei den Streamingdiensten statt 50 nur 10 Prozent geben wollen, vereinfacht gesagt. Das Konzept der Plattenfirmen und der Streamingdienste ist: Sie wollen Profit machen mit etwas, das gerade herumliegt, der Kunst. Das muss man als Künstler wissen und schlau sein und gute Deals machen, oder besser: alles in der eigenen Hand behalten und sich selbst vermarkten.

Welchen Beitrag leisten wir Musikjournalisten zu dieser marktkonformen Popkultur?

Berthold Seliger: Fehler ist natürlich ein großes Wort. Ihr seid ja auch in einem Hamsterrad und müsst funktionieren. Aber ich würde mir generell vom Musikjournalismus mehr Selbstbewusstsein und mehr dezidierte Kritik wünschen. Ich bin ein Fan von ja-ja oder nein-nein. Ich bin Fan von einer gut begründeten Jubelarie und von einem gut begründeten Verriss. Es ist ja auch ein Problem deiner Zeitschrift, dass ihr so viele Rezensionen habt. Wer liest denn das alles? Als Vielmusikkäufer wie ich hast du ein paar Autoren, deren Urteil du interessant findest, dann liest du, was sie zu sagen haben. Dann lese ich auch Beiträge, die mich sonst nicht interessieren, wie etwa, was du zu Casper zu sagen hast. Ich glaube, dass der Musikjournalismus viel mehr könnte. Popmusik braucht ja den Musikjournalismus. Der Musik würde ohne Kritik sehr viel fehlen. Ich wünsche mir, dass man sich nicht so sehr in die Verwertungslogik einbinden lässt, sondern sich auch mal die Freiheit nimmt, erst nach drei Monaten eine große Rezension zu machen. Dafür hat Diedrich Diederichsen einmal in einem Aufsatz plädiert. Ich glaube, dass auch Musikjournalisten viel selbstbewusster ihre Rolle wahrnehmen sollten. Sie sollten deutlicher machen, wofür sie stehen, wofür sie brennen und sich auf weniger konzentrieren, das aber ausführlicher bringen.

Bonnie „Prince“ Billy, einer der Künstler, die du betreust, hat sein aktuelles Album folgendermaßen „veröffentlicht“ : Er hat persönlich einen Stapel LPs, CDs und Cassetten bei einem Plattenladen in seiner Heimatstadt Louisville, Kentucky, vorbeigebracht.

Berthold Seliger: Mir gefällt die Romantik an diesem Konzept total, klar, gleichzeitig kotzt es mich als Musikliebhaber auch ein bisschen an, dass ich in den USA für viel Geld die Platte auftreiben muss. Aber der Künstler hat das Recht an seinem Werk. Wenn er das so machen möchte…. Und es ist natürlich eins in die Fresse der Musikindustrie. Und das ist auch gut so.

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