„Cadillac Records“ mit Adrien Brody


Warum der Dreamcar des Senex Pop keinen Rückspiegel hat: Mit "Cadillac Records" hat die Regisseurin Darnell Martin die Geschichte der Chicagoer Plattenfirma Chess Records verfilmt. ME-Leser Tobias Schmidt sah den Film und hat darüber nachgedacht.

Schon gemerkt? Nach dem kurzen amerikanischen Jahrhundert des Pop dämmert gerade das zweite herauf. Das erste Saeculum hatten zunächst die europäischen Diktaturen verkürzt, danach brauchte die überraschte Selbstfindung unterm Sternenbanner ebenfalls noch etwas Zeit, im alten Europa allzumal. Nun, da die Veteranen der Anfangstage des Rock`n`Roll einer nach dem anderen final abtreten, wächst noch einmal das Interesse an ihnen. Jedoch eher als Popzeitzeugen, weniger als musikalischen Urgroßeltern, Vorbildern oder -spielern. Das ist der Lauf der Welt, Kommunikationswege über mehr als dreieinhalb Generationen sind zwangsläufig verschlungene, von Zeit und Poplegendenstatus überwachsene Pfade. Jedoch, gerade scheint sich hier einiges zu ändern. Zunehmend versucht sich der Pop in einer Diskussion über sich selbst, sozusagen im Meta-Poptalk. Man könnte meinen, er sei auf der Suche nach der eigenen (Achtung sperrig und bedeutungsheischend!) Erinnerungskultur.Schon gemerkt? Filme wie „Cadillac Records“ von Darnell Martin passen irgendwie genau in diese Zeit. Willie Dixon, Song- schreiber, Produzent, Hausbassist der Chicagoer Plattenfirma Chess Records und ein Grandseigneur des elektrischen Blues erzählt darin die Geschichte seines Arbeitgebers. Größtenteils ist das eine knapp zweistündige Bedeutungsgeschichte in Spiel- szenen, mit zeitlichen Sprüngen und von einer Regie erzählt, die immer ein wenig auf Abstand zu den Figuren bedacht ist. Kurzum, aus einer Aneinanderreihung pophistorischer Momente wird hier eine Geschichte gestrickt. Kein sonderlich gutes dramaturgisches Konzept, jedoch die Dichte der Moment- aufnahmen überrascht: Der Musikethnologe Alan Lomax macht 1941 Schellackaufnahmen des Plantagenarbeiters McKinley Morganfield, und dieser sich daraufhin auf nach Chicago, um fortan als gitarrespielender Muddy Waters sein Glück zu suchen. Ebendort will es auch Lejzor Czyz, ein blasser Jüngling aus dem jüdischen Shtetl Motal´ (nahe Brest-Litowsk, heute Weiß- russland), versuchen. Seit der Einbürgerung 1928 heißt er Leonard Chess, ist Schrotthändler im schwarzen Stadtsüden, doch dem Vater seiner Jugendliebe reicht das nicht. Chess eröffnet einen Club in der South Side, macht dort handfeste Bekanntschaft mit Waters, eines Nachts brennt der Schuppen ab, die Versicherungszahlungen steckt Chess in sein Studio gleichen Namens. Kein Wort über seinen Bruder Phil, nichts von den Verbindungen zur bereits bestehenden Firma Aristocrat Records – die Mär vom womöglich ja selbstgelegten Feuer ist nun einmal die kinotauglichere Variante.Chess fährt mit Waters in dessen Heimat im Mississippi Delta, dort firmiert der Rhythm`n`Blues noch unter „race music“. Chess besticht einen Radio-DJ, diese „Payola“-Rechnung geht auf und die beiden landen einen Hit. Waters bekommt dafür von Chess einen Cadillac, so wird er es mit all seinen Stars halten – was auch den Titel des Streifens erklärt. Doch auch von der dunklen, drogenschwangeren Seite dieser Suche nach Leben mit rhythmisch ganz ordentlich zur Sache gehender Musik wird berichtet. Am ärgsten trifft es den Heißsporn Little Walter, der ebenso rastlos lebt wie er Bluesharp über den Gitarrenverstärker spielt. Ein eindrucksvoller Howlin` Wolf setzt sein eigenes raues Bluesding durch und wird zum kreativen Kontrahenten Muddy Waters. Just als der Streit um Wolfs Gitarristen Hubert Sumlin eskaliert, betritt ein vergnügter Schwarzer die Szene, der dem schwermütigen Blues fröhlichen „weißen“ Hillbilly beibringt. Chess sagt über seine neue Milchkuh Chuck Berry, er wisse auch keinen Namen für dessen Musik. Den posaunte ja auch laut Rockannalen der DJ Alan Freed in die Welt: „Rock`n`Roll“. Auch dieses Histörchen fehlt nicht, samt einiger böser weißer Surf- brettbuben, die Berry sein „Sweet Little Sixteen“ abspenstig machen. In solchen Momenten schimpft dann das schwarze Leinwandkollektiv auf alle Weißen, und es wird deutlich, welch weiten mentalen Weg wir bis heute aus der trennenden Wirklichkeit der „race music“ gegangen sind, welche Bedeutung hinter den damals neuen Stilbegriffen und Genrebezeichnungen wirklich steckt.Auftritt Etta James: Dass sie weiland eine abermalige Neu- orientierung des Labels hin zur Soulmusik einläutete, erfährt man (nur) implizit – über die Ohren. Der Flirt zwischen Leonard Chess und seinem drogenabhängigen Goldkehlchen ist wichtiger, wenn auch recht hemdsärmlig erzählt. Berührend ist jedoch, wie die resolute Dame Chess ihr „At Last“ entgegenschmettert. Schnell wird klar, dass dies nicht nur ein Abgesang auf die Liebe ist. Die Off-Stimme Willie Dixons berichtet von sozialen Veränderungen im Süden Chicagos, was die jedoch genau mit dem Ende von Chess Records zu tun haben, bleibt sie dem Zuschauer schuldig. Verkauf der Firma 1969, zwei Todesfälle, etwas altväterliche Kinoabschiedsworte darüber, wo der Musiktraum der Chess-Familie heute noch überall drin steckt. Schwarzblende, Ende.Schon gemerkt? „Cadillac Records“ weiß nicht recht, ob es Spielfilm oder Doku-Drama sein will. Das ist nicht gut oder schlecht und gewiss nicht die „Guidoknoppisierung“ von Pop- geschichte, es ist wohl zeittypisch. Der Pop hat das Rentenalter überschritten. Die Fahne des ephemeren Pathos immer wieder aufs Neue hochhalten, im Trends setzenden Strom der Gegenwart ganz vorn mitschwimmen und darin lustvoll ersaufen bis zum nächsten herbeigesehnten kleinen Tod, ja das kann und konnte er. Aber das verträgt sich nicht mit dem altersweisen, gelassenen Blick zurück, mit der über sich selbst und den Moment hinaus denkenden Rückschau. Ihm fehlen darum bislang Vokabular und Affekt des Sich Erinnerns. Filme wie „Cadillac Records“ wollen u.a. dies mitentwickeln. Ob sie diesen Anspruch erfüllen, bleibt indes ungewiss. Doch fest steht, weitere solcher für das Kino aufbereitete Poplegenden werden folgen – und in Legenden steckt dem Wortsinn nach ja stets eine herauszu- “lesende“ Wahrheit über den Leser/Hörer/Zuschauer selbst. Und wenn wir es nicht schaffen mit der popadäquaten Vanitas, mit dem erzählenden Pop-Erinnern? Auch dann muss uns nicht bange sein. Der popkulturelle Entdeckergeist, der Vorbilder bisweilen erst zerlegt und dann zelebriert, kommt immer (!!) irgendwann von selbst wie das Pfingstwunder über „die Jungen“. Keine Ahnung warum, aber recht ist’s durchaus. Vielleicht muss der Pop ja rück-sichts-los sein.

Tobias Schmidt – 25.05.2009