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Der Feier-Tag: Ein Plädoyer für das Ausgehen am Sonntag

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Silke und Felix sind zwei nicht mehr ganz junge Menschen, verheiratet, zwei Kinder, wohnhaft in Berlin. Wenn ihre Eltern zu Besuch sind, tauschen sie mit ihnen für eine Nacht Altbauwohnung gegen Hotelzimmer, nehmen sich sonntagmittags ein Taxi und gehen für ein paar Stunden ins Berghain. In der Panoramabar, der oberen Etage im ehemaligen Heizkraftwerk, tanzen sie stundenlang zu House-Musik – so wie vor zehn Jahren. Kurz vor Mitternacht kommen sie zurück, ein müder Kuss im Hotelbett, ein „Toll!“ auf den Lippen, und sie schlafen ein.

Oder Jan. Der junge Mann um die 30 arbeitet am Wochenende, muss auf Veranstaltungen den Ton richtig einstellen. Wenn andere am Samstag feiern, schaut er wie gebannt auf Lautstärkepegel. Dafür ist er am Sonntagabend unterwegs, mit Freunden geht er ins Sisyphos, nur ganz kurz, am nächsten Morgen will er ja einer Freundin helfen, die Lampe anzubringen. Pille? Höchstens eine. Trinken, torkeln, die Zeit gerät aus den Fugen. Die erste SMS schreibt Jan um drei Uhr nachts: „Vielleicht schaffe ich es nicht.“ Drei Nachrichten später, um neun Uhr, verlässt er endlich den Club, die schwere Industrielampe muss noch eine Woche in der Ecke stehen bleiben.

Ronny hat eine eigene Firma, irgendwas mit dem Internet, niemand versteht das, was er tut – zumindest nicht, wenn drumherum 130 Beats pro Minute durch den Raum düsen. Er ist Ende 30, wenn er ausgeht, dann nur am Sonntagabend. Er zieht sich auf der Tanzfläche das T-Shirt aus, läuft mit einem Oberkörper wie aus einem Superheldenfilm durch den großen Saal und grinst, wenn andere Männer an seinen Nippeln spielen.

Sonntag wird zum Feiertag

Sonntag in den Club? Nicht Kaffee und Kuchen, sondern Wodka und Red Bull. Für viele Großstädter gehört diese Erfahrung inzwischen zu ihrer Lebenswelt. Besonders, wenn sie in Berlin wohnen oder öfter einige Tage hier verbringen. In kaum einer anderen Stadt ist es so einfach geworden, den Sonn- zu einem echten Feiertag zu machen. Sommers wie winters heißt es: Willkommen in Berghain, Sisyphos, ::// about blank, Wilde Renate und wie auch immer gerade der aktuelle Bar-25-Nachfolger heißt.

Die Erweiterung der Tanzzone ist auf den veränderten Biorhythmus der Sonntagsclubber zurückzuführen. Oft handelt es sich dabei um Menschen, die bereits gestandene Nachtlebenpersonen sind, seit 25 Jahren ausgehen und einfach nicht mehr nächtelang wach bleiben können. Pille palle, druff druff druff druff, das war einmal. Jetzt heißt es, nur noch zu ausgewählten DJs und zu bestimmten Zeiten die Disco zu stürmen: nämlich sonntagnachmittags. Denn jetzt, nach so langer Zeit, mit der schönsten Sache der Welt aufhören, das geht auch nicht.

Warum auch? Mindestens zwei Generationen sind in der Begegnungsstätte Club sozialisiert – mit elektronischer Musik, langen Toilettenschlangen und dumpfen Nebenwirkungen vom Kokain am Morgen danach. Mit der Lebenszeit der Clubgänger halten inzwischen die Öffnungszeiten der Lokale Schritt. Vor zehn Jahren hat ein Club sonntags um 12 Uhr mittags seine Türen geschlossen, inzwischen ist es völlig normal, dass er bis Montagmorgen seine Besucher mit Musik beglückt. Ein 40-Jä̈hriger kann problemlos um Mitternacht ins Bett, um am Sonntag auszuschlafen und seinen ersten Espresso an der Theke im Berghain zu trinken. Dieses eklige Wochenend-Nachgefühl, das sich wie ein Jetlag über frühere Montage und Dienstage legte, fällt weg.

Ein anderer Grund, warum diese Eingeweihten erst sonntags in den Club einmarschieren wie eine zweite Kolonne: Sie wissen, jetzt geht die Party erst richtig los. Bis zum Nachmittag haben sich 15 Stunden lang diejenigen abgemüht, die am Sonntag wieder ihren Rückflug nach Manchester, Mailand oder Madrid haben.

Dieser Artikel ist in der ersten Ausgabe von me.URBAN erschienen.

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