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Die wahren Oscar-Gewinner 2016 sind die Verlierer

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Als Julianne Moore den diesjährigen Oscar-Gewinner der Kategorie „Bester Schauspieler in einer Hauptrolle“ Leonardo DiCaprio, sichtlich erleichtert, auf die Bühne ruft, gönnen wir ihm den Preis wie sonst niemandem. Wir wissen, dass wir (irgendwann) sogar den herben Verlust der ganzen Memes verkraftet haben werden.

Und dann das: Leo hoppelt die Academy-Stufen nach oben, stellt sich hinter das Mikro und spricht über… Klimawandel? Alles hatten wir erwartet, aber mit dieser Bescheidenheit und Leidenschaft für ein von Politikern gerne totgeschwiegenes politisches Thema reißt Leo ziemlich jedes Hollywood-Klischee nieder, das wir in den letzten Jahrzehnten sorgsam gepflegt und weiterentwickelt haben. Seit wann sind es Schauspieler, die vergessene Themen reanimieren? Haben sich die Oscars tatsächlich aus ihrer selbstreferentiellen, inzestuösen, narzisstischen Attitüde gelöst?

Es scheint so: DiCaprio spricht über den Treibhaus-Effekt, Chris Rock über Rassismus in Hollywood, Lady Gaga erhebt ihre Stimme für Vergewaltigungsopfer und sogar der Schmusebär Sam Smith artikuliert konfliktträchtige und wohl auch geschäftsschädigende Worte, als er sich in seiner Dankesrede für die Gleichbehandlung der LGBT-Community einsetzt.

Ehrliche Leidenschaft für politische Themen

Und obwohl es sich bei allen Künstlern um herausragende Schauspieler – oder zumindest Darsteller – handelt, nimmt man ihnen ihre Plädoyers ab, denn sie können nicht damit rechnen, dass die Aussagen in irgendeiner Form ihre Karriere befördern, im Gegenteil. Es war bisher die große Ausnahme, dass existentielle und damit unbeliebte politische Probleme offen adressiert wurden und meist hat das den Hollywood-Größen eher geschadet.

 

 

 

Ellen Page (2008 für ihre Rolle in „Juno“ nominiert) war eine der ersten Schauspielerinnen, die sich „outete“ und damit ausdrücklich auf lukrative Angebote aus Hollywood verzichtete; Jodie Foster bekannte sich 2007 zu ihrer Beziehung zu einer Frau, danach tauchte sie nicht mehr bei den Oscars auf, auch ihre Rollen wurden deutlich weniger. Nur Neil Patrick Harris scheint es irgendwie schon 2006 hinbekommen zu haben, seine unpopuläre sexuelle Orientierung mit einer erfolgreichen Hollywood-Karriere unter einen Hut zu bekommen. Stichwort Minderheiten: Dass dunkle Hautfarbe einem schnellen Aufstieg (auch in Hollywood) eher hinderlich ist, hat zuletzt Will Smith beeindruckend erklärt und dafür reichlich Häme geerntet.

https://www.youtube.com/watch?v=MFJhNUwGysQ

Bei den Oscars 2016 erlebte man dieses öffentliche Engagement für Ausgegrenztes und Ausgeblendetes nun aber so gebündelt wie noch nie zuvor in Hollywood. Woher kommt diese neue Solidarität der Elite mit Themen jenseits von Luxus?

Hollywood war, mit Ausnahme von Arnold Schwarzenegger, politisch immer schon eher links, existentielle politische Themen wurden dennoch in der Regel ausgeblendet. Das lag zum einen daran, dass unterdrückte Gesellschaftsteile schlicht nicht in die Position versetzt wurden, sich öffentlich zu ihren Problemen äußern zu können, weil sie, nun ja… unterdrückt wurden – andererseits hatten sie, wie Chris Rock es in seiner Eröffnungsrede wunderbar darlegt, naheliegendere Probleme: „Wenn deine Oma am Baum baumelt, interessiert es dich nicht so sehr, wer den Oscar in der Kategorie ‚beste fremdsprachige Kurzdoku‘ gewonnen hat.“

Relive Chris Rock’s highly anticipated #Oscars opening monologue presented by Samsung Mobile USA.

Posted by ABC Television Network on Sunday, February 28, 2016

Außerdem scheinen Angehörige der „Kreativwirtschaft“ begriffen zu haben, dass es derzeit eine beachtliche Anzahl von immer mächtigeren Lobbyisten und Politikern gibt, die das Wählervolk mit einigem Erfolg ablenkt, um die Anliegen großer Konzerne aus dem öffentlichen Blickfeld zu nehmen – zum Nachteil des Allgemeinwohls. Und dass sich die Allgemeinheit wohl fühlt, ist nunmal die edelste Pflicht der Entertainment-Industrie.

Die Spitze des Hollywood-Berges ist ehrlich und politisch geworden und rückt wichtige Themen in das hellste Rampenlicht der Welt – eine großartige Entwicklung, da stört es fast gar nicht mehr, dass die Kleider in diesem Jahr mitunter unfassbar hässlich waren.

 

 

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