Du und der Boss


Zuerst mußt du seine Frau aus dem Weg räumen. Du verkleidest dich als Zimmermädchen und besorgst dir einen Job in dem Hotel, in dem Bruce und seine Frau während der Tournee übernachten. Du weißt, daß du das Richtige tust. Bruce wird mit dir glücklicher sein. Was soll Bruce mit einer Frau, die Eichhörnchenbäckchen hat und im Bett wahrscheinlich Babysprache spricht? Du bist gebildet, du hast Anthropologie studiert. Du kannst Bruce mit seiner Musik helfen, mit ihm deine Ideen zur amerikanischen Kultur teilen. Du bist eine echte Frau.

Du gehst in Bruces Zimmer. Seine Frau liegt auf dem Bett, trägt ein T-Shirt, auf dem „Number 1 Groupie“ steht und starrt die Decke an. Du erzählst ihr, daß dich Bruce bestellt hat, um ihr eine Gesichtsmaske zu machen und sie zu massieren: Es ist eine Überraschung. Kichernd sagt sie: „Ist er nicht süß?“

Plötzlich ziehst du den Eispickel unter deiner Kleidung hervor und führst blitzschnell eine Lobotomiean ihr durch: Du hast diese chirurgische Technik in der Francis Farmer-Story im Femsehen gesehen. Bruces Frau zuckt nicht mal.

Nach der Operation überreichst du ihr eine Packung Valium und ein Flugticket nach Hollywood; das Taxi wartet vor der Tür. Zu deiner Überraschung tut sie genau das, was du ihr sagst.

Du sorgst dich ein wenig darüber, wie sich Bruce an ihre Ab- und deine Anwesenheit gewöhnen wird, aber als er um drei Uhr morgens ins Zimmer kommt, scheint ihm der Unterschied überhaupt nicht aufzufallen. Du trägst ihr Nachthemd, liegst im Bett und starrst an die Decke. Bruce zieht sich bis auf seine Jockey-Shorts aus und legt sich zu dir ins Bett. Er sagt: „Gute Nacht, Zuckermaus.“

Am Morgen scheint ihm die personelle Veränderung immer noch nicht aufzufallen. In Wirklichkeit ist Bruce überlebensgroß. Obwohl er im Fernsehen und auf Plattenhüllen klein aussieht, merkst du, als du das erste Mal neben ihm stehst, daß Bruce die Größe eines Monsters hat. Seine Hände sind so groß wie dein Kopf, sein Körper ist so riesig, daß er eine ganze Plakatwand damit ausfüllen kann. Das ist auch der Grund, weshalb er sich seine Gitarren extra anfertigen lassen muß.

Zum Frühstück verputzt Bruce ein Dutzend Eier, dazu Bouletten, Spaghetti und Pizza. Er singt beim Essen; amerikanische Lieder übers Essen. Er hat Pläne, Projekte; alles bespricht er mit seinem Business-Manager: der Bruce Springsteen-Vergnügungspark, das Bruce Springsteen-Casino in Las Vegas, eine Bruce Springsteen-Bowlingbahnkette.

Bruce beschließt, daß ihr euch heute ein neues Heim kaufen werdet. Die Aussicht macht dich ganz aufgeregt: Du stellst dir etwas wie Elvis‘ Graceland oder eine elegante viktorianische Villa vor. „Du überraschst mich“, sagt Bruce. „Wir hatten uns doch darauf geeinigt, daß dir mein Erfolg nicht zu Kopf steigen soll. „

Er nimmt ein kleines, einstöckiges Haus in einer Vorortstraße einer Industriestadt in New Jersey. „Geh du ruhig zur Probe, Liebling“, sagst du. „Ich kümmere mich um die Möbel.“

Aber Bruce will dir mit der Einrichtung helfen. Er besteht darauf, alles aus dem Sears-Versandhauskatalog zu bestellen: Eine braun-weiß-karierte und mit Holz abgesetzte Couch, einen verstellbaren, vinylbezogenen Lehnstuhl; orangefarbene Ausleg wäre. Bruce entscheidet, daß im Schlafzimmer Spiegel an die Decke kommen, dazu ein Wasserbett mit purpurroter Satinwäsche, weißer langf loriger Teppichboden und zwei Flipper. Er weist dich daraufhin, daß alles, was er ausgesucht hat, in den U.S.A. hergestellt wurde.

Am Nachmittag gibt Bruce hinterm Haus eine Grillparty. „Jeder braucht ein Hobby, Baby“, erzählt er dir. Er trägt eine Kochmütze und hat seine eigene, spezielle Grillsauce — Kraft’s Sauce aus der Flasche, die er mit Ketchup und Senf aufmotzt. Er kennt nur ein Gericht — ausgetrocknetes Hühnchen —, aber jeder sagt, daß das das Beste sei, was man je gegessen habe.

Du findest es ein bißchen merkwürdig, daß keinem auffällt, daß seine Frau verschwunden ist und du ihren Platz eingenommen hast. Aber vielleicht liegt das einfach daran, daß jeder so damit beschäftigt ist, Bruce und sein Talent zu bestätigen, daß keine Zeit dazu bleibt.

Bald hast du dich an das Leben mit Bruce gewöhnt.

Lust mit dir zu schlafen, hat Bruce höchstens dann, wenn ihr zu viert — du, Bruce und seine zwei Leibwächter — in seinem Mustang rumfahrt. Am liebsten hält er auf den verschiedenen Müllhalden außerhalb Newarks, und er besteht darauf, daß du, während die Leibwächter draußen warten, auf den Rücksitz kommst. Die Atmosphäre stimuliert ihn sehr: Ratten, kaputte Kühlschränke, alte Matratzen, Blechdosen. Er hat es lieber, wenn du dich nicht ausziehst; er mag es, wenn du so tust, als ob du dich gegen ihn wehrst. Die Sonne verschwindet langsam hinter der dichten Smogwolke — ein leuchtend roter Ball, der sich langsam violett färbt. Dann kommt die Nacht.

Wenn Bruce nicht auf Tournee ist, nicht mit seiner Band probt, keine Platte aufnimmt oder neue Songs schreibt, verbringt er seine Zeit am liebsten damit, Altersheime und Krankenhäuser zu besuchen, wo er so lange für die Alten singt, bis sie ihn anflehen aufzuhören. Weshalb er das so gerne macht, erklärt er damit, daß es ihn erfrischt, mit echten Amerikanern zusammenzusein, mit solchen, die ihn nicht anbeten und nicht versuchen, seine Kleidung zu berühren. Aber selbst die kranken Alten entdecken nach kurzer Zeit, daß sie geheilt werden, wenn Bruce ihnen was vorspielt.

Die Todkranken erholen sich, sobald sie nur einen einzigen Tropfen von Bruces Schweiß geleckt haben. Bald ist die Nachfrage nach Bruce in den Pflegeheimen so groß, daß er sich gezwungen sieht, die Sache abzublasen. Es gibt nichts, das Bruce nicht in Gold verwandeln kann.

Eines Tages hat Bruce eine Überraschung für dich. „Baby, wir fahren in den Urlaub“, sagt er. „Du weißt doch:, We are born to run. ‚“Du bist begeistert. Endlich bekommst du deine Reise nach Europa; du wirst bedient werden, du wirst die Modehäuser besuchen und dir eine sagenhafte Garderobe zusammenstellen, bei Bulgari wirst du dir eine Handvoll Juwelen aussuchen und bei Fendi einen Zobelmantel. Jeder wird dir Ehrerbietung entgegenbringen, jeder wird dein Freund sein wollen, um dadurch in die Nähe von Bruce zu gelangen.

„O Bruce, das ist ja wunderbar“, sagst du. „Wo fahren wir hin?“

„Ich hab einen Camper gekauft“, sagt Bruce. „Ich hab mir gedacht, wir könnten ein bißchen rumfahren, vielleicht sogar raus aus New Jersey.“

Camping war dir schon immer verhaßt, aber Bruce hat eine weitere Überraschung — er hat schon das Essen für die Reise eingekauft. Gefriergetrocknete Rühreier, Eierkuchenmischung aus der Tüte, Trockenfleisch. „Für uns kein Fast-food mehr“, sagt er.

Ihr fahrt den ganzen Tag; Bruce hat sich entschlossen, die Baseball Hall of Farne zu besuchen. Beim Fahren spielt er Cassetten mit seinen eigenen Liedern und singt mit. Du sagst ihm, es beeindrucke dich, daß er sich die ganzen Texte gemerkt habe. “ Wie findest du sie ? „, sagt er. “ Gefällt dir die Musik?“

Obwohl deine Füße schmerzen — Bruce hat dir ein Paar Wanderstiefel gekauft, die drei Nummern zu klein sind —, sagst du ihm, daß du die Musik wunderbar findest. Noch nie sei ein größeres Genie über die Erde gewandelt.

Dummerweise macht die Antwort Bruce ärgerlich. Ihr beide habt euren ersten Streit. „Das sagst du ja bloß so“, sagt Bruce. „Du bist genauso wie all die anderen. Ich dachte, du bist anders, aber du willst dich auch nur einschmeicheln, indem du mir erzählst, ich sei großartig.“

„Und was willst du von mir?“, sagst du.

Bruce fängt an zu weinen. „In Wirklichkeit bin ich überhaupt nicht gut“, sagt er.

„Das stimmt aber nicht, Bruce“, sagst du. „Du darfst dich nicht entmutigen lassen. Deine Fans lieben dich. Du hast einen kleinen Jungen vom Krebs geheilt, nur weil er dich im Fernsehen gesehen hat. Du bist einer der ganz Großen: Die Beatles, Christus, Gandhi, Lee Jacocca. Du hast dafür gesorgt, daß New Jersey in seinem alten Glanz erstrahlt. Es ist wieder ein stolzer Staat. “ „Das reicht nicht“, sagt Bruce. „Früher, als ich einfach Bruce war und in meiner Garage spielte, war ich glücklicher. „

Allmählich wird dir klar, daß dich dein Leben mit Bruce unglücklich macht. Weil Bruce soviel Zeit mit seinen Proben verbringt, bleibt dir außer Einkaufen nicht viel zu tun. Mit Kreditkarten und sechs Leibwächtern bewaffnet (um dich vor Bruces wütenden weiblichen Fans zu schützen), durchstöberst du die Läden nach irgendeinem Geschenk für Bruce, das ihm gefallen könnte, Du kaufst Styroporbehälter, die sein Bier kühl halten sollen, Smurf-Puppen, Unterwäsche, die nach Bonbon riecht, einen Fernseher, den er um sein Handgelenk tragen kann, ein reinrassiges Araberfohlen. Du engagierst drei Frauen, die mit Matsch beschmiert auf seinem Bett ringen sollen.

Bruce bedankt sich höflich, aber er sagt dir: „Es gibt nur eins, was mich interessiert. „

„Ich“, sagst du.

Bruce blickt überrascht. „Meine Musik“, sagt er.

Zu deiner Überraschung stellst du fest, daß du schwanger bist, obwohl du keine Erklärung dafür hast, wie das passieren konnte. Du überlegst, wie das Kind heißen soll. „Wie wär’s mit Benjamin Springsteen?“, sagst du.

“ Klingt zu sehr nach jüdischen Einwanderern „sagt Bruce . „Aus dem Kind soll mal ein Amerikaner, nicht irgendein Linker aus Paterson werden.“ „Wie wär’s mit Sunny Von“, sagst du.

„Sunny von Springsteen?“, sagt Bruce. „Versteh‘ ich nicht. Nein, für mein Kind gibt es nur einen Namen. „

“ Welchen?“, sagst du und gehst die Möglichkeiten durch. Bruce sitzt auf der Couch und streichelt seine Gitarre. Die drei Telefone klingeln unentwegt, die Presse rennt die Tür ein. Du bist seit drei Tagen nicht mehr aus dem Haus gekommen. Der Boden liegt voller Kartons von Roy Rogers, Schachteln von White Castle-Burgers, leerer Cola-Dosen. Du fragst dich, wie du den restlichen Tag rumbringen kannst; deine Nägel hast du schon gefeilt, den Sears Roebuck-Katalog durchgesehen und ein Ferngespräch mit deiner Mutter geführt.

Endlich sagt Bruce was. „Ich werde das Kind Elvis nennen“, sagt er.

„Und was, wenn’s ein Mädchen wird?“, sagst du.

„Elvis“, sagt Bruce. „In jedem Fall Elvis.“

Du fliegst nach Hollywood, weil du versuchen willst, seine richtige Frau zu finden. Endlich spürst du sie auf. Sie arbeitet als Führerin im Wachsfigurenmuseum. „Fünf Dollar Eintritt“, sagt sie am Eingang. „Das Museum schließt in 15 Minuten.“ „Können Sie sich nicht an mich erinnern?“, sagst du. „Ich bin diejenige, die Ihnen die Lobotomie verpaßt und Sie nach Hollywood verfrachtet hat.“ „Wenn Sie’s sagen“, sagt Bruces Frau. „Vielen Dank.“ „Ich hab einen Fehler gemacht“, sagst du. „Es war nicht richtig. Hier ist Ihr Flugticket; Sie werden zu Bruce zurückkehren.“

Seine Frau ist willig, obwohl sie behauptet, keine Ahnung zu haben, wovon du sprichst. „Und was wird mit meinem Job hier?“, sagt sie. „Ich kann doch nicht einfach gehen.“

Du erzählst ihr, daß du die Sache für sie übernehmen wirst. Du bringst sie rasch zum Flughafen und schiebst sie in das Flugzeug, sagst ihr, daß sie auf Bruce Acht geben soll. Du sagst: „Ohne Dich kann er nicht leben.“

Du wartest noch, um sicher zu sein, daß ihr Flugzeug pünktlich abhebt. Ein Gefühl der Erleichterung durchströmt dich. Du mußt nirgends hin, mußt nichts tun; du beschließt, zum Wachsfigurenmuseum zurückzufahren, um sicherzugehen, daß es ordentlich für die Nacht verschlossen ist.

Du hast die Türschlüssel; keiner ist da, das Licht ist ausgeschaltet. Jetzt läufst du langsam durch die Haupthalle. Michael Jackson, Jack the Ripper, Präsident Reagan, Sylvester Stallone, Muhammad Ali, Adolf Hitler stehen da. Du bist mit allen diesen Männern allein, wachsgesichtig, bewegungslos, jeder ein Superstar.

Irgend etwas Gewaltsames fängt an, in deinem Bauch rumzutreten und sich zu drehen.