Hirnflimmern: Die Kontinuität der Wuchtmusik


Weder das Albumformat noch der Graf haben ausgedient, dekretiert bzw. befürchtet Josef Winkler.

News just in: Die norwegische Band Röyksopp hat angekündigt, fortan keine Alben mehr veröffentlichen zu wollen, sondern nur noch EPs, weil – jetzt kommt’s –, weil „das Albumformat ausgedient hat“! Huch! Gut, jetzt könnte man sagen, dass solche Nachrichten aus dem Mund einer Band wie Röyksopp ungefähr so aufwühlend sind wie wenn mein Schwager erzählt, er habe da von einem Sack Reis läuten hören, der in China … Aber den 29 Menschen weltweit, die jetzt mit dem Schicksal hadern ob der Aussicht, nie mehr einen neuen „Longplayer“ von Röyksopp „vorgelegt“ zu bekommen, sei Trost gesprochen.

Wir haben mal den Hirnflimmern-Dorfältesten befragt, der erinnert sich an mindestens drei Gelegenheiten in den letzten 15 Jahren, bei denen die trendsettendste Band unserer Zeit, Radiohead, angekündigt respektive davon gesummselt hat, fortan keine Alben mehr veröffentlichen zu wollen, sondern nur noch EPs, weil das Albumformat nämlich ausgedient hat. Bemerkenswert ist dabei, dass Radiohead in den letzten 15 Jahren drei Non-Album-Singles und eine (in Zahlen: 1) EP sowie fünf Alben veröffentlicht haben. Seltsam! Aber so steht es geschrieben… Vielleicht fixieren wir es bis auf Weiteres mal provisorisch so: Das Albumformat hat dann ausgedient, wenn eine kritische Masse von, sagen wir, 65 Prozent der relevanten Bands und Musiker auf- gehört haben, Alben aufzunehmen und nur noch EPs und Multimedia- „bundles“ in die Cloud hauen. Vorher: noch nicht.

Apropos aufhören. Neulich die Promoinfomail: „Unheilig verkünden Abschied“ – und alle so „YEAH!“ Oder etwa nicht? Zugegebenermaßen: In den Hirnflimmern-Headquarters ist niemandem so recht zum Feiern zumute. Dieser Abschied – obgleich wir ihn ausdrücklich begrüßen – kommt nach einhelliger Meinung zu spät. Man muss es klar so sagen: Der Schaden ist angerichtet. Die pompös verblasene Wuchtmusik ist heute überall auf dem Vormarsch, der Schulterschluss von Gothkitsch und Befindlichkeitsschlager im Mittelstrahl des Mainstream hat dazu geführt, dass im gängigen Deutschrockpopsong heute nicht einmal noch einer mit den Kumpels einen saufen gehen kann, ohne es mit weltschwerer Contemplatio und zwei Streichorchestern zum großen deutschen Selbstvergewisserungsepos aufzupumpen. In seinem wortreichen Abschiedsbrief gibt es der „Graf“ – im Vollbewusstsein der Bedeutsamkeit seines Œuvres – den Jüngern mit auf den Weg: „Ich möchte euch alle bitten, die Botschaft meiner Texte und Songs mit all den positiven Werten in die Zukunft zu tragen und an Eure Liebsten weiterzugeben. Die Musik wird bleiben und der Glaube, die Hoffnung und das Gute daraus werden ebenso bleiben und überleben.“ Du meine Güte. „Tut dies zu meinem Gedächtnis“, oder wie? Also: Da ist noch lange keine Ruhe.

Zappend halte ich inne. Auf dem Bildschirm Helene Fischer, darunter steht: „Helene Fischer – Superhenne“. Was ist denn JETZT schon wieder los? Fortsetzung folgt…

Diese und weitere Kolumnen sind in der Dezember-Ausgabe des Musikexpress erschienen – seit 13. November am Kiosk und im App-Store erhältlich.