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ME-Helden: Nirvana

Unsere aktuelle Titelgeschichte, die gleichzeitig Teil 4 unserer Serie ME-Helden ist, dreht sich um Nirvana und ihr Album "Nevermind". Was bleibt heute vom erfolgreichsten Indiealbum aller Zeiten?

Foto:
20 Jahre Nevermind
Musikexpress 10/11

In unserer neuen Serie ME-Helden porträtieren wir Bands, die unser Leben beeinflusst haben. Den Auftakt bildete Jim Morrison und seine Band The Doors - Musik aus den Sechzigern, die Pate stand für viele Gruppen, die nach ihnen folgten. Die weiteren Teile der Serie widmen wir jüngeren Bands oder Musikern, die die ME-Redakteure und unsere Leser prägten. Teil 2 drehte sich um die Pixies. Der dritte Teil widmete sich Brian Eno.

Der vierte Teil, gleichzeitig auch unsere aktuelle Titelgeschichte, dreht sich um Nirvana, deren Album "Nevermind" morgen 20-jähriges Jubiläum feiert. Anlässlich dessen spendierten uns die Kollegen von tape.tv einen Player, in dem Nirvanas gesammelte Video-Werke zu sehen sind.

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Mehr Videos von Nirvana gibt es hier auf tape.tv!

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Am 24. September 1991 erscheint Nevermind in den USA. Der Anfang vom Ende der klassischen Rockmusik. Keith Cameron beschreibt, wie eine unbekannte Grunge-Band aus Seattle die internationale Musikszene für immer verändert hat – zwölf Monate zwischen Alarmstart und Selbstzerstörung. Dave Grohl erinnert sich an das Chaos dieser Revolution, Amy Raphael an eine heikle Nacht mit Kurt Cobain Tomasso Schultze und Henri Boerger fragen: Was haben uns Nirvana heute noch zu sagen?

Hier lesen Sie das Porträt und Interview von Keith Cameron:

Am Morgen des 21. August 1991 betritt Krist Novoselic die Lobby eines Hotels in Irland und wedelt mit der Kreditkarte. Dummerweise ist es nicht seine eigene – dem Namen zufolge gehört sie der Firma NIRVANA INC –, aber zum Klischee des kreditkartenschwingenden Managers passt sein Auftreten eh nicht: zerschlissene Jeans, zotteliger Bart, lange Matte, dazu ein schlaksiges Zwei-Meter-Gestell, das eher an eine Vogelscheuche erinnert.

Obwohl er mit einem Kater zu kämpfen hat, spricht er sofort über die Sowjetunion, wo Präsident Gorbatschow unter Hausarrest gestellt wurde, weil die Kreml-Hardliner seine Reformpolitik ablehnen. „Ich habe gerade mit Jelzin telefoniert“, behauptet Krist. „Er bat mich, schnell rüberzukommen und ihm zur Hand zu gehen, aber ich sagte: ,Kein Problem, Boris, aber du musst warten, bis wir unseren Auftritt in Reading hinter uns haben. Sorry.‘“ Natürlich kann Novoselic auch als außenpolitischer Experte nicht überzeugen. Er ist eben doch nur der Bassist einer amerikanischen Rock-Band – einer Band allerdings, die innerhalb von sechs Monaten Michael Jackson vom Thron der US-Charts stoßen wird.

Am Abend zuvor hatten Nirvana im Sir Henry’s gespielt, einem Club im irischen Cork. Obwohl nach ihnen Sonic Youth auftraten, kamen allenfalls 200 zahlende Zuschauer – und keiner von ihnen stürmte wegen Nirvana zur Bühne. Ich war mit Fotograf Ed Sirrs da, um einen Artikel für den „NME“ zu schreiben. Am gleichen Abend fuhren wir mit der Band nach Dun Laoghaire, einem Badeort vor den Toren Dublins, wo Nirvana im Top-Hat-Club gebucht waren. Am Tag danach ging es über die Irische See nach Reading, zu ihrem ersten Auftritt bei einem englischen Festival, auch wenn es nur für einen wenig attraktiven Platz am Freitagnachmittag gereicht hatte.

Bevor Krist wieder über den KGB referieren kann, frage ich ihn, was es mit der Kreditkarte auf sich hat. Er lacht schallend. Richtig ist, dass die Band nun bei einem Major unter Vertrag steht, und zwar dem Label des legendären Musikmoguls David Geffen – und doch hatten sich seine Lebensumstände nicht die Bohne geändert. Mit seiner Frau Shelli wohnte er noch immer in einem winzigen Haus in Tacoma, zwischen Seattle und der Landeshauptstadt Olympia. Krist und Shelli lebten beengt, waren aber zuvorkommende Gastgeber. Mit einem Fotografen hatte ich sie im September 1990 für eine Titelstory für das englische „Sounds“ besucht. Wir sahen Nirvanas bislang größte Show in Seattle (in der Motorsports International Garage mit 1 500 Zuschauern) und erlebten den einzigen Auftritt mit Drummer Dan Peters von Mudhoney. Genächtigt wurde im Wohnzimmer der Novoselics auf der Matratze – und als wir morgens mit Black Flag geweckt wurden, brutzelte es schon aus der Küche.

Im Sommer 1991 lebten die anderen Bandmitglieder nicht weniger bescheiden. Dave Grohl, der letzte einer langen Kette von Nirvana-Drummern, war in der Pear Street in West Seattle untergekommen. Kurt Cobain hatte hier seit 1987 mit seiner Freundin Tracy Marander gelebt, nach der Trennung 1990 zog Grohl zu Cobain. „ Die Küche war eine Kloake“, sagte er später, „der Kühlschrank war immer leer. Im Wohnzimmer standen ein kaputter Fernseher, ein Plattenspieler, ein Dutzend Platten, ein Sofa und eine Lampe. Der Rest des Zimmers wurde von Kurts riesigem Aquarium eingenommen, in dem sich zwei stinkende Schildkröten befanden. Das winzige Schlafzimmer hatte Kurt schwarz gestrichen, die Toilette war so groß wie ein Flugzeug-WC. Und mittendrin lebten wir.“

Cobain ist inzwischen aufgewacht und setzt sich zu uns. An unbequeme Nächte im Auto ist er gewöhnt. Einen Monat zuvor kam er nach einer Westcoast-Tour mit Dinosaur Jr. in sein Apartment zurück – nur um festzustellen, dass sein Hab und Gut auf der Straße stand: Er war wegen Mietrückständen aus der Wohnung geworfen worden. Einen Monat vor Veröffentlichung des Megasellers Nevermind musste die Kreativzelle von NIRVANA INC im Auto nächtigen. Kein Wunder, dass sie inzwischen nichts mehr aus dem Gleichgewicht bringen konnte.

Das Interview:

Auch wenn euer neues Album noch gar nicht erschienen ist, wetzen die Punk-Fundamentalisten schon die Messer. Da du selbst ja so etwas wie ein Fundi bist: Wie würdest du es einordnen?

Cobain: Ich denke, es ist eine gelungene Mischung aus radiofreundlichem Scheiß und dem, was unser Bleach-Album ausmachte und wie wir live nach wie vor klingen. Heavy ist es jedenfalls noch immer. In allen Interviews, die ich in den letzten zwei Jahren gegeben habe, wies ich schon warnend darauf hin, dass wir künftig mehr poporientierte Songs schreiben würden. Insofern können die Leute eigentlich nicht mehr aus allen Wolken fallen, wenn sie das Album schließlich hören.

 

Ich vermute mal, dass „Pop-Song“ kein Schimpfwort für dich ist?

Cobain: Überhaupt nicht, alle meine Lieblingsnummern sind Pop-Songs. Die Butthole Surfers machen Pop-Songs. Pop bedeutet doch nur, dass es simpel sein muss – das war auch der Punk, bevor er zum Hardcore mutierte.

Novoselic: Oder nimm die Sex Pistols: alles Pop-Songs! Ein großartiges Album. Und The Clash machten auch Pop.

Cobain: Wobei das beste Clash-Album Combat Rock ist. Ich liebe diese Platte. Jedenfalls ist sie Klassen besser als Sandinista. (lacht)

Bei unseren Begegnungen sah ich Cobain öfter grinsen, selten herzhaft lachen. Wenn es eine unbeschwerte Phase für die Band gab, dann im Sommer/Herbst 1991 – bevor „Smells Like Teen Spirit“ MTV überrollte, bevor Nevermind Michael Jacksons Dangerous von der Chartsspitze vertrieb, bevor ihre ganze Welt aus den Fugen geriet.

Die zwei Shows in Irland waren Warm-ups für eine zweiwöchige Spritztour zu europäischen Festivals. Erstmals fuhr man im Bus und nicht mehr im Van, man teilte sich ein paar Hotelzimmer und pennte nicht mehr im Wohnzimmer von Bekannten oder mit der Crew in versifften Bed & Breakfasts – neue Erfahrungen, die die Band durchaus genoss. Natürlich gingen ein paar Umkleidekabinen zu Bruch, aber es waren Streiche von Jungs auf der ersten Klassenfahrt ins Ausland, nicht die Rituale narziss­tischer Rockveteranen. Es gab keinen Druck – nur den Ehrgeiz ambitionierter Musiker, ihre Chance zu nutzen. In diesem Punkt war die Band gnadenlos. Trotzdem war ihre Unbekümmertheit spürbar: Sie hatten gerade ein großartiges Album aufgenommen, waren aber noch nicht in die Tretmühlen des Musikbetriebes geraten – auch wenn sie mit dem Geffen-Deal entsprechende Weichen gestellt hatten. Aber wie hätte auch irgendjemand vorhersehen können, was über sie hereinbrechen sollte?

Nur die wenigsten erinnern sich daran, wo sie gerade waren oder was sie taten, als das wichtigste Rock-Album der letzten 20 Jahre veröffent­licht wurde. Am 30. September 1991 stieg Nevermind auf Platz 36 der englischen Charts ein – nicht gerade ein weltbewegendes Ereignis. Tatsächlich hätten mehr Alben verkauft werden können, wenn sie lieferbar gewesen wären. Die englische Plattenfirma hielt 6 000 Exemplare für völlig ausreichend. „Der Gegensatz zwischen Realität und Erwartungen war gewaltig“, sagt Anton Brookes, Nirvanas damaliger Medienberater in England. „Das Band-Management rief mich an und fragte: ,Kannst du die Plattenfirma nicht dazu bewegen, mehr Alben ausliefern zu lassen?‘ Worauf die Plattenfirma sagte: ,Nein, 6 000 reichen.‘ Zwei Tage später – zack, alles ausverkauft. Ich würde lügen, wenn ich heutzutage behaupten würde, Der krönende Höhepunkt jedoch war das Nirvana-Porträt in dem TV-Magazin „Rapido“. Gefilmt bei ihrem Gig in Sheffield am 28. November, nahm die Band die Gelegenheit wahr, ihrer aufgestauten Zuneigung für die BBC-Sendung und ihren schnatternden Moderator Antoine de Caunes freien Lauf zu lassen:

COBAIN: Ich bin ja so aufgeregt. Weil das eine meiner liebsten Sendungen ist, wann immer wir in England sind. Sie scheint immer an dem Abend zu laufen, wenn wir hier landen.

GROHL: Wir können nicht schlafen, und das ist nun mal die einzige Sendung, die es sich anzuschauen lohnt.

NOVOSELIC: Wir schauen uns vielleicht gerade die internationalen Billard-Meisterschaften an, aber dann kommt plötzlich „Rapido“ – und wir springen im Bett auf und ab: „Yeah! Rapido! Rapido!“

COBAIN: Jedenfalls besser als Billard.

Dann sieht man wartende Fans und hört eine Stimme aus dem Off, die – durchaus zutreffend – Nirvana als „die einzige Basis-Bewegung des Jahres“ bezeichnet: „Die Band erspielte sich ihren Status ohne Geld der Plattenfirma, ohne Werbung, sondern nur durch Mundpropaganda und ihre Musik.“ Als das Interview fortgesetzt wird, liegt Cobain auf dem Boden und versucht sich an einer Definition ihrer Musik: „Das Wort, das ich in allen Reviews lese, ist ,Freiheit‘. Insofern verstehen wir unsere Musik als musikalische Freiheit.“

Sieht man heute noch einmal den „Rapido“-Beitrag, so trifft er den mentalen Zustand der Band, das naive Staunen angesichts ihres frappanten Erfolges, genau: Während das Chaos in ihrem Leben immer ungesundere Dimensionen annimmt, reagieren die drei als Gruppe – witzig, sarkastisch, aber immer geradeheraus und ehrlich. Der Beitrag endet mit einem Statement von Kurt Cobain, der euphorisch und mit leuchtenden Augen von ihrer Mission erzählt, ein Jahrzehnt voller Rock’n’Roll-Sünden radikal auszuradieren: „Es hat in der Geschichte des Rock’n’Roll immer leidenschaftliche Band gegeben. Die Fans und die Leute aus der Musikindustrie haben dafür zu sorgen, dass uns nicht mehr so schale und lahmarschige Musik vorgesetzt wird wie in den vergangenen zehn Jahren.“

 

Es sollte nicht lange dauern, bis die Wünsche eben dieser Musikindustrie ihr Leben so rigoros beherrschten, dass der Raubbau nur eine Frage der Zeit war. Im Falle von Cobain, dem zerbrechlichsten Glied in der Kette, bedeutete es, dass er alle Situationen mied, in denen er nicht mehr Herr der Lage war. Die Treffen mit den Medien überließ er Grohl und Novoselic. Nachdem ich einmal miterleben konnte, wie er einen Label-Angehörigen wort- und gnadenlos niederstarrte, war klar, dass Cobain nicht für die üblichen Meet-&-Greet-Rituale geeignet war. Für Cobain war es ein schlichter Selbstschutzmechanismus: Wuchs ihm eine Situation über den Kopf, zog er sich zurück. Erschöpft von den monatelangen Tourneen und endlosen PR-Terminen, kam er einfach an einen Punkt, an dem er sagte: „Genug!“

Die abschließende Woche der Europa-Tournee, vom 9. bis 14. Dezember, wurde gecancelt – was bedeutete, dass die letzte Show auf dem Trans-Musicales-Festival

in Rennes stattfand. Offensichtlich erleichtert, endlich das Licht am Ende des Tunnels zu sehen, lief die Band noch einmal zur Höchstform auf und lieferte ein Set ab, das mit einer krachenden Schändung von The Whos Song „Baba O’Riley“ gleich in die Vollen ging. Und damit endete, dass Novoselic Cobain auf den Armen von der Bühne trug.

Andererseits konnte Kurt der umgänglichste Mann der Welt sein, wenn er sich wohlfühlte und im Publikum so etwas wie Respekt spürte. Am 1. Dezember wollten ein paar Dutzend Besucher der Southern Bar in Edinburgh ihren Augen nicht trauen, als Cobain und Grohl unangekündigt ein akustisches Set zum Besten gaben. „Wenn man sich in ihrer Nähe aufhielt“, so Anton Brookes, „bekam man eigentlich nichts von den gewaltigen Veränderungen mit. Sie waren die gleichen Leute mit den gleichen Problemen. Die Band wurde nicht über Nacht eine andere. Sie wurden nicht großkotzig. Sie waren nur erschrocken über das, was um sie herum passierte.“

Was ist das Besondere an eurer Band?

Cobain: Die Songs. Sie bringen uns nach vorne. Es gibt viele Dinge, auf die ich genauso gut verzichten könnte. Ich habe genug Abwehrmechanismen aufgebaut, um mit allem fertig zu werden. Mit anderen Worten: Wenn sich die Band morgen auflösen sollte, wäre das schon bitter, aber … dann fängt man mit einer neuen an, macht etwas anderes. Wir alle haben Freunde.

Nehmen alle den Rock’n’Roll zu ernst?

Cobain: Viel zu ernst. Die Leute projizieren alle möglichen Erwartungen in ihn hinein. Sie glauben, er wäre ein Medium, um politisch aktiv zu werden. Dabei sollte er nicht mehr sein als Background-Musik.

Heißt das, dass er dir persönlich nie allzu viel bedeutet hat?

Cobain: Mein Gott, Musik hat mein Leben völlig verändert. Durch Punk-Rock sind mir so viele Dinge erst klar geworden. Er erinnerte mich daran, dass ich so etwas wie eine Identität habe, letztlich schon immer gehabt habe. Mein gottverdammtes Leben änderte sich schlagartig, als ich die Musik zum ersten Mal hörte. Insofern ist sie natürlich elementar wichtig, es ist nur so … (lacht), dass die Leute in ihr Dinge zu erkennen glauben, die einfach nicht da sind.

Kannst du dir vorstellen, was aus dir geworden wäre, wenn du nicht auf die Musik gestoßen wärest?

Cobain: Ich wäre in jedem Fall ein viel depressiverer Mensch geworden. Ich hätte mir vermutlich etwas angetan. In jedem Fall wäre ich nicht in einer Werkstatt gelandet, um Autos zu reparieren. Da bin ich mir ganz sicher.

Zwanzig Jahre später muss man sich wieder ins Gedächtnis rufen, wofür Nirvana 1991 eigentlich standen. Die Band, die heute alle kennen, war jedenfalls nicht die gleiche wie damals. Inzwischen sind Nirvana der Gegenstand von tiefschürfenden Filmen und Büchern, von akademischen Diskursen und musealen Ausstellungen (wie gerade im „Experience Music Project“ in Seattle). Nirvana mussten herhalten für allen erdenklichen Schnickschnack – von Videospielen und Comics bis zu Puppen und Mode. Beim Reading-Festival trug Cobain ein „Sounds“-T-Shirt, das ich ihm im September 1990 geschenkt hatte. Es war nicht gerade ein ästhetisches Meisterwerk, sondern wurde von dem „Sounds“-Grafiker auf die Schnelle rausgehauen. Trotzdem freute sich Kurt wie ein Schneekönig – und trug es mehrfach in der Öffentlichkeit. Ich verstand es als eine solidarische Geste für eine Zeitschrift, die sich schon frühzeitig für Nirvana stark gemacht hatte – und im April 1991 eingestellt wurde. Niemand damals fand „Sounds“ cool, doch inzwischen ist selbst dieses Shirt – wie alles, mit dem sich Cobain identifizierte – ein gefragtes Nostalgie-Objekt geworden. 2009 kam ein Reprint auf den Markt und wurde beworben mit dem Slogan: „An exclusive as worn by Kurt Cobain. Featuring the logo of classic ’70/’80/early ’90s music magazine Sounds, this is a real find for Nirvana and Cobain fans.“

Eine Winzigkeit, die symptomatisch ist für den Wahnsinn, mit dem die Band konfrontiert wurde. Und trotzdem schafften sie es, mit Nevermind den Gang der Rockmusik zu verändern – ästhetisch wie kommerziell. Sie gaben dem Massenpublikum etwas, das nicht un­bedingt radikal, aber in jedem Fall authentisch und anders war. Der konservative Mainstream sah sich plötzlich konfrontiert mit Strömungen in der amerikanischen Kultur, die mit linker Politik und Feminismus sympathisierten und den bestehenden Machtmechanismen und konventionellen Vorstellungen von „Erfolg“ mit ausgeprägtem Misstrauen begegnaeten. So unterschiedliche Bands wie Bikini Kill und The Jesus Lizard konnten plötzlich Zuhörer finden. Mithilfe von Fanzines, autonomen Radio­sendern und Veranstaltungsorten entwickelte sich ein Underground-Netzwerk, das einen radikal alternativen Lifestyle propagierte.

Vielleicht stand dieser Paradigmenwechsel ohnehin an, aber er wäre ohne Nirvana sicher weniger vehement ausgefallen. Wie alle Revolten wurde auch diese ausgenutzt, unterwandert und kommerzialisiert. Hört man heute Nirvana aufs Neue, beschleichen einen gemischte Gefühle – ganz so, wie wenn man liest, dass Grohl und Novoselic auf dem neuen Foo-Fighters-Album nun wieder zusammenspielen. Oder wenn man hört, dass Kathleen Hanna neulich einem New Yorker Publikum erklärte, warum sie „Kurt smells like Teen Spirit“ auf die Wand von Cobains Apartment gepinselt hatte – um dann den Song zu singen, den Nirvana uns allen vermacht hat. Man kann nur hoffen, dass sie es so tun, wie er es sich damals vorgestellt hat.

Cobain: Ich fragte meine vier Jahre alte Schwester: „Was ist das größte Problem in der Welt, Brianne?“ Und sie sagte: „Die Leute müssen sich mehr konzentrieren.“ Es hat mich umgehauen! Sie wird bestimmt einmal etwas wirklich Wichtiges werden … und ich meine damit nicht den amerikanischen Präsidenten. (lacht) Ich bin davon überzeugt: Wer glaubt, den kapitalistischen Moloch ignorieren zu können, ist auf dem Holzweg. Man muss ihn ausbeuten, man muss ihn vergewaltigen – genauso, wie er dich vergewaltigt.

Großartig – eine Welt voller Vergewaltiger.

Cobain: Aber zumindest bist du aktiv und kämpfst in diesem Moment. Ich glaube nicht, dass die eigene kleine Welt dadurch besser wird, dass man sich dieser Optionen beschneidet. (lange Pause, dann ein Lächeln) Ich denke, „Empathie“ ist ein wirklich schönes Wort.

Weitere Artikel:

A Tribute To Nevermind - die Musikexpress-CD mit exklusiven Coverversionen von 13 Bands und Künstlern. Song-Snippets:

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Maike Rose Vogel singt "Something In The Way".



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