Mothers Finest


Schwarz und weiß, Funk und Rock, Groove und Gitarre: Mother's Finest sind wieder da. Nach langen Jahren der Abstinenz haben die Geburtshelfer des Funk-Rock den Weg zurück auf die Bühnen der Welt gefunden. ME/Sounds-Mitarbeiter Christoph Becker flog mit Joyce Kennedy in der Zeitmaschine

Freunde von uns waren in Schweden. Und da haben sie irgendwo in Stockholm eine Mauer gesehen, auf der gesprüht stand: ,Wliere is Mother’s Finest?‘ Nun, da konnten wir natürlich nicht nein sagen. Wir mußten weitermachen.“ So einfach war es also. Eine Hauswand, eine Spraydose – und schon beginnt eine Legende wieder zu leben.

Joyce Kennedy, Sängerin, Co-Autorin und Aushängeschild der Band, genießt es, wieder gefragt zu sein. Top 10 in Amerika, gefeierte Konzerte. Da erzählt man schon mal die eine oder andere Geschichte. True orfalse, letztlich egal – Hauptsache Mother’s Finest ist wieder da.

Die Band bleibt das Mutterschiff. Joyce und Kollegen haben es erkannt und steuern wieder einen gemeinsamen Kurs. Die Zeiten der Solotrips und Eskapaden sind vorüber. „In den letzten Jahren hatten wir alle einzeln die Zeit, uns Gedanken zu machen. Jeder ist für sich als Musiker gereift, jeder hatte eigene Projekte. Dennoch haben wir wahrscheinlich erkannt, daß die Band, unsere Einheit, mehr ist als der Einzelne.“

Auch wenn jetzt vor manchen Augen das rote Lämpchen „Klischee“ zu Feuchten beginnt, trifft Joyce Kennedy ins Schwarze: Die Bandmitglieder mußten wohl oder übel einsehen, daß ihnen solo die kreative Puste ausgeht. Selbst die schöne Joyce hatte nach ihrem leidlich erfolgreichen Album LOOKING FOR TROUBLE, der Hitsingle „The Last Time I Made Love“ und der anschließenden Grammy-Nominierung die große Karriere verfehlt. Der große Frust war angesagt.

Da kam das Angebot eines gewissen Step Johnson gerade recht. Der Mann arbeitet für EMl/Capitol in Los Angeles und offerierte den resignierenden Recken die verlockende Reunion. Und zwar nahezu in Urbesetzung: mit Joyce Kennedy und Ehemann Glenn Murdock (Gesang), Gary „Moses“ Moore an der Gitarre sowie Jerry „Wizzard“ Seay am Baß; lediglich Drummer B. B. Borden wurde durch Neuzugang Dion Derek ersetzt.

„Als es die Band noch gab, erzählte uns jeder, wie weit wir doch unserer Zeit voraus seien. Als wir dann getrennte Wege gingen, hörte man nicht mal mehr das. Wir brauchen aber nun einmal ein Publikum. Mother’s Finest ist nicht die Band, die im Schlafzimmer,sitzt und stillvergnügt vor sich hin experimentiert. „

Das war 1985. Vier lange Jahre dauerte es immerhin, bis sich auch Capitol traute, auf Mother’s Finest zu setzen. Vier Jahre lag die LP auf Eis. Inzwischen kam der große Hard-Rock-Boom. Bands wie Guns n‘ Roses holten Millionen in die Kassen, toughe Gitarren waren wieder angesagt. Doch nachdem selbst Newcomer wie Dan Reed Network, deren Stif maßgeblich von Mother’s Finest beeinflußt wurde, problemlos einen Markt gefunden hatten, war es an der Zeit, daß das Original eine erneute Chance erhielt. „Warum ausgerechnet jetzt plötzlich wieder der Trend zum harten Funk-Rock entstanden ist, weiß ich auch nicht. Ich vermute, es liegt daran, daß man heutzutage nicht mehr allzu viele Bands hören kann, die wirklich spielen, singen und performen können. People want to hear raw music again. All diese Weicheier mit ihren maschinellen, emotionslosen Songs sind doch stinklangweilig.“

Das neue Album heißt beziehungsreich LOOKS COULD KILL.

Aber darüber, wen diese Blicke treffen sollen, schweigt sich Joyce Kennedy vornehm aus. Statt dessen erzählt sie lieber wortstark und gestenreich, wie ungewöhnlich die Entstehungsgeschichte der neuen LP gewesen sei.

„Eigentlich ist LOOKS COULD KILL ein long-distance-album. Ich habe in LA. geschrieben, Wizzard in Atlanta und Moses wieder woanders. Erst zwei Wochen, bevor wir ins Studio gingen, haben wir intensiv geprobt.“

Kein Wunder, daß dem Album mitunter die Durchschlagskraft früherer Produktionen fehlt. Es gibt starke Momente, beeindruckende Songs, exzellente musikalische Leistungen und originelle Einfälle. Andererseits sind die Schwächen nicht zu übersehen. Anstatt eines handfesten Basses blubbert monoton der Synthesizer. Besonders unschön tut sich hier Kollege Attala Zane Giles (Earth, Wind and Fire) hervor. Seine Produzententätigkeit schielt allzu platt Richtung Dancefloor. Da hatte die Firma wohl ganz bewußt Kommerzialität verordnet. Was der Band natürlich gar nicht gefällt. „Die Platte ist als erster Schritt in die Zukunft in Ordnung. Auch wenn wir damit nicht absolut zufrieden sind, können wir mit der Produktion leben. LOOKS COULD KILL ist eine An Bestandsaufnahme: Mother’s Finest 89.“ Mother’s Finest hatten immer schon ein gespaltenes Verhältnis zu Tonträgern. Was bei ihren exquisiten Live-Shows mit Pep, Originalität und einem gehörigen Schuß Sex herüberkam, verlor auf Platte oft den eigenen Reiz. „Gerade deshalb sind wir jetzt auch so scharf darauf, live zu spielen. Der falsche Eindruck von Mother’s Finest, den die Platte möglicherweise hervorrufen kann, wird auf der Bühne garantiert geradegerückt. Das ist uns besonders wichtig in Europa, wo wir immer mit einer unglaublichen Offenheit empfangen wurden. Deshalb haben wir unsere Tournee auch hier begonnen. Und – das ist noch nicht offiziell – hier werden wir auch eine neue Live-LP und ein Live-Video aufnehmen. „

Mother’s Finest live sind – die ersten Konzerte beweisen es – immer noch eine Granate. Manchmal ist schon gut, alte Freunde wiederzutreffen.