Radiohead – Motor der Moderne


Radiohead prägten die Popmusik der vergangenen Jahre wie kaum eine andere Band. Jetzt wird ihre wichtigste Platte OK Computer 15 Jahre alt. Eine Würdigung - und zwölf Neuinterpretationen ihrer Songs durch Austra, Diagrams und andere

15 Jahre sind eine lange Zeit. In 15 Jahren erneuern sich die Zellen unseres Körpers zwei Mal komplett. 15 Jahre, das ist in Deutschland eine lebenslange Haftstrafe. Im Pop sind 15 Jahre eine kleine Ewigkeit, in der zahllose Trends kommen und gehen und manche davon regelrecht ausradieren, was zuvor einmal als hip oder cool galt. 15 Jahre, das ist länger, als die meisten Bands überhaupt existieren. 15 Jahre ist es her, dass Radiohead mit OK Computer einen epochalen Meilenstein in die moderne Musikgeschichte gerammt haben, um den nicht herumkommt, wer sich für den Rock, seine Möglichkeiten und Grenzen interessiert. Es gibt vieles, was einen damals wie heute abstoßen kann an OK Computer. Seinen Ernst kann man als Humorlosigkeit auslegen, seine Menschlichkeit als Weinerlichkeit und seinen Anspruch als Größenwahn. Geht alles. Nur wegdiskutieren lässt es sich nicht. OK Computer ragt einsam im Rückspiegel auf und immer größer, je weiter wir uns davon entfernen.

Zeitgenossen wie Oasis (Be Here Now), Blur (Blur), U2 (Pop) und The Verve (Urban Hymns) in allen Ehren. Aber nur OK Computer ebnete nachfolgenden Künstlern wie Muse, Elbow oder Coldplay einen völlig neuen Weg. Chris Martin brachte es einmal auf den Punkt, als er über Radiohead sagte: „Wir können ihnen musikalisch nicht das Wasser reichen, wir sehen aber besser aus.“ Das mag ebenso wahr sein wie ein anderes Zitat von Martin: „Wir sind eine beschissene Version von Radiohead.“ Wir würden es nicht so drastisch beschreiben, eher so: In den verwaisten Songs von OK Computer haben sich ganze Generationen nachfolgender Gruppen häuslich eingerichtet wie staunende Barbaren in den verlassenen Palästen und Tempeln einer überlegenen Zivilisation.

Warum haben Radiohead damals die Masche fallenlassen? Warum haben sie sich ihre Formel nicht patentieren lassen? Wären Radiohead nicht Radiohead, sie hätten einfach weitermachen können – wie beispielsweise DJ Shadow, der mit Endtroducing … das einzige andere bahnbrechende Werk des Jahres 1997 abgeliefert hatte und seitdem künstlerisch auf der Stelle tritt. Radiohead würden heute noch von dem leben können, was sie damals geleistet haben. Dann wären, 15 Jahre danach, schon einige „Best of“- und „Live“-Alben erschienen, dann würden sie mit neuen Hymnen die Stadien füllen und wahrscheinlich auch mit dem einen oder anderen neuen „Creep“, ihrem Debüt-Hit von 1992. Noch unwahrscheinlicher als ein solcher Werdegang ist die Tatsache, dass es diese Gruppe überhaupt noch gibt. Anders als die Beatles haben sie nicht auf dem Gipfel ihrer Karriere das Bergsteigen aufgegeben, sondern sind nach dem Abstieg einfach weiter ins nächste Gebirge vorgedrungen, ins Neuland.

Tatsächlich ist OK Computer das Scharnier ihres Schaffens. Alles, was sie zuvor gemacht hatten, suchte und fand hier seinen Höhepunkt. Und alles, was sie danach gemacht haben, atmet eine künstlerische Freiheit, die das große Erbe ebenso konsequent zurückweist, wie sie davon profitiert. Schon in der Frage, wo diese Gruppe eigentlich heute steht, ist ein Teil der Antwort enthalten. Sie steht noch, und das ist ein kleines Wunder. Allerdings kocht die Gruppe längst ihr eigenes Süppchen, wobei „Süppchen“ eine Untertreibung ist. Tatsächlich arbeitet sie wie der legendäre spanische Ausnahmekoch Ferran Adrià, der in seiner molekularen Küche Olivenöl in Bonbons verwandelte, heißes Eis servierte, im Mund zerplatzende Mozzarellakügelchen oder ein Chicken Curry, bei dem das Curry fest und das Huhn flüssig war. Technologie wird anverwandelt, um alles Bestehende zu atomisieren, zu dekonstruieren – und daraus einen künstlerischen Mehrwert zu ziehen, vom dem zuvor niemand zu träumen gewagt hätte. Eine Methode, die schon in Radioheads letztem konventionellen „Fünf-Gänge-Menü“ von 1997 angelegt war.

Der normale Konzertgänger erlebt heute einen Thom Yorke, der sich konzentriert bis introvertiert seinen Instrumenten widmet und nur manchmal, beim Singen in gewissen Passagen, von der eigenen Musik durchgeschüttelt wird wie der Passagier einer Achterbahn von der Fliehkraft. Im Video zur Single „Lotus Flower“ zappelt der 42-Jährige, eine Melone auf dem Kopf, wie eine Marionette in eurythmischer Trance an den unsichtbaren Fäden eines erratischen Beats. Wie jeder einsame Tänzer wirkt er dabei verletzlich und, was zur Verletzlichkeit gehört, auch ein wenig lächerlich, wozu in diesem Geschäft wiederum ein enormer Mut nötig ist. Erstaunlich an diesem Clip von 2011 ist, dass Yorke überhaupt tanzt, gilt diese an sich freie Beschäftigung doch allgemein als Ausdruck der Lebensfreude. Und das ist keine Eigenschaft, die man dem Sänger von Radiohead unterstellen würde.

Wer die Energie spüren will, die später in OK Computer fließen sollte, der kann sich auf YouTube-Aufnahmen der Sendung „MTV Beach House“ anschauen. Mit einem Auftritt von Radiohead 1993, den die Gruppe als „den absoluten Tiefpunkt unserer Karriere“ bezeichnet. Vergnügt sitzen da spaßbereite Menschen um einen Pool herum, auf der Bühne spielt diese neue britische Band ihren Hit „Creep“. Thom Yorke, mit blond gefärbtem Langhaar, verbirgt seinen Frust über die Umstände nicht nur hinter einer ausladenden Sonnenbrille, sondern auch in einer fast reglosen, wie schockstarren Performance: „I don’t belong here“, in der Tat. Im folgenden „Anyone Can Play Guitar“ ergänzt Yorke die Textzeile „I wanna be Jim Morrison“ um den sarkastischen Zusatz „fat, ugly, dead“, bevor er wie ein frustrierter Kurt Cobain in die Kamera brüllt und sich dem Geschehen durch einen spontanen Kopfsprung in den verwaisten Pool entzieht. Die Band zerhackt derweil die Reste des Songs in einem geradezu gewalttätigen Feedback-Massaker.

Yorkes Unbehagen an den gesellschaftlichen Umständen, das Gefühl der Entfremdung und Zurichtung durch die Kräfte des Kapitals, all dies sollte sich während der folgenden Tournee bis zur Gewalttätigkeit steigern – und erst in den Aufnahmen für OK Computer ein künstlerisches Ventil finden. Der Erfolg von The Bends (1995) gab ihnen freie Hand, auch wenn Yorke andeutete, die Plattenfirma hätte insgeheim gehofft, die Band würde als Nächstes ihr The Joshua Tree abliefern. Gearbeitet wurde zunächst in einem mobilen Studio, dann in St. Catherine’s Court, dem denkmalgeschützten Landhaus der Schauspielerin Jane Seymour in der Nähe des britischen Ferienortes Bath.

Die Gruppe spielte in den Räumlichkeiten aus dem 16. Jahrhundert weitgehend live und analog, verzichtete auf Overdubs. Aufgenommen wurde im fürstlichen Ballsaal, für manche Effekte zog man ins Treppenhaus um. Yorke erinnert sich, dass ihn die Stille störte, sobald man die Fenster öffnete: „Nicht einmal Vogelzwitschern, fürchterlich.“ Und doch wuchsen in St. Catherine’s Court alle Beteiligten über sich hinaus. Edward O’Brien, Colin Greenwood und Philip Selway entdeckten sich als Multiinstrumentalisten neu, Thom Yorke war wohl der beste Thom Yorke aller Zeiten. Und Colins jüngerer Bruder Jonny Greenwood gab sich erstmals nicht nur als Ausnahmegitarrist zu erkennen – sondern als wahres Genie. „Egal, was ich für eine Idee habe“, schwärmte Yorke neulich, „Jonny kann sie umsetzen.“

Greenwood schuf mit Produzent Nigel Godrich – der neben dem kongenialen Grafiker Stanley Donwood als inoffizielles Mitglied zur Gruppe gezählt werden kann – geradezu außerirdische Gitarrenklänge. Sogar ein versierter Routinier wie Slash von Guns N’Roses soll damals mehr als verblüfft gewesen sein. Anders als andere Gitarrenhelden erschöpft sich Greenwoods Arbeit allerdings nicht im Ausstellen der eigenen Virtuosität. Zwar beruft auch er sich, wie Thom Yorke auf Jeff Buckley, auf John McGeoch als musikalisches Vorbild. McGeoch spielte bei Magazine, Siouxsie And The Banshees und Public Image Ltd. und wurde auch von Kollegen wie The Edge für sein wuchtiges, aber unkonventionelles Spiel mit vielen Arpeggios verehrt.

Wichtiger noch als dieses eher technische Vorbild waren für Greenwood solche Klänge, die seinen musikalischen Kosmos erweiterten. Angeblich hörte er bis 2005 nichts als Dub oder historischen Reggae, Leute wie Lee „Scratch“ Perry oder King Tubby, wovon man sich übrigens auf der schönen Compilation Jonny Greenwood Is The Controller überzeugen kann. Hall, Echo und Raum finden sich denn auch auf OK Computer überall.

Womöglich weniger wichtig für OK Computer, aber entscheidend für den weiteren Weg dieser Band, ist Greenwoods glühende Verehrung für die klanglichen Extremtouren eines John Coltrane oder Miles Davis – sowie sein ungewöhnliches Faible für Neue Musik. Popferneres als die „ernsten“ Komponisten des 20. Jahrhunderts gibt es nämlich nicht. Greenwoods Begeisterung hierfür ruht auf drei Säulen.

Erstens ist da der 1992 verstorbene Franzose Olivier Messiaen, dessen „Turangalîla-Sinfonie“ für Greenwood seit Teenagerjahren das „liebste Musikstück überhaupt“ ist. Es handelt sich um das höchst anspruchsvolle Werk eines Komponisten, der sich an natürliche Klänge wie den Gesang der Vögel anlehnte, in deutscher Kriegsgefangenschaft mit selbst gebastelten Primitivinstrumenten musizierte und später auf Instrumente wie das Ondes Martenot setzte, ein Art Proto-Synthesizer aus den 20er-Jahren, der auch in zahlreichen Radiohead-Songs vorkommt.

Zweitens schätzt Greenwood den minimalistischen Avantgardisten Steve Reich, der mit versetztem Kanon und gegeneinander verschobenen Klangmustern eine ganz eigene, eigentlich auch ganz gut hörbare Musik geschaffen hat. Greenwood hört dergleichen nicht nur, neulich dirigierte er auf einem Festival in Polen ein ganzes Orchester zur Musik von Reich – in Anwesenheit des Künstlers. Drittens verehrt Greenwood den 79-jährigen polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki auf eine ähnlich leidenschaftliche Weise, wie sonst Fans Radiohead verehren. Und was Penderecki komponiert, ist für den normalen Klassik-Hörer so ungenießbar wie die späten Radiohead für den normalen Rock-Hörer. Stellenweise klingt seine Musik, als würde ein zorniger Hornissenschwarm wahllos die Flugrichtung ändern, weshalb besonders bedrohliche Stücke von Penderecki in Filmen wie „Der Exorzist“, „The Shining“ und zuletzt „Children Of Men“ Verwendung fanden.

1997 in St. Catherine’s Court komponierte Jonny Greenwood die Streicher für „Climbing Up The Walls“ im Stil Pendereckis, damit sie „nicht so klangen wie alle Streicher seit 30 Jahren“, nämlich sauber und harmonisch wie bei den Beatles. Im März 2012 nun ist ein gemeinsames Album mit neuklassischen Kompositionen von Jonny Greenwood und Stücken von Penderecki erschienen. Greenwoods Beiträge (etwa das an seinen Filmscore für „There Will Be Blood“ erinnernde „Popcorn Superhet Receiver“) mögen smarte Hommagen an Penderecki sein: In „48 Respones To Polymorphia“ beginnt das Orchester auf einer einzigen Note, bevor es sich wie die Adern eines Blattes auffächert, was eine Anspielung auf Penderecki ist, der eine Sammlung von Bäumen und anderen Pflanzen hat. Nicht von der Hand zu weisen aber ist, dass Jonny Greenwood derzeit offenbar gelingt, woran zuvor Größen wie Paul McCartney („Liverpool Oratorio“), Elvis Costello („The Juliet Letters“) und Billy Joel („Fantasies And Delusions“) kläglichst scheiterten – als Komponist zeitgenössischer klassischer Musik wirklich ernst genommen zu werden.

Da traf es sich gut, dass auch Radiohead mit OK Computer aufgehört hatten, nur eine gute Band zu sein – und eine wichtige Band wurden. Die Künstler verzichteten bewusst darauf, langfristig von den Zinsen ihres kolossalen kulturellen Kapitals zu leben. Statt dessen reinvestierten sie ihr komplettes kreatives Vermögen in eines der seltensten Güter des Pop – in Glaubwürdigkeit. Wer sich lieber seitwärts ins Unterholz abseitiger Musikstile schlägt, als auf der mit Gold gepflasterten Straße stadionwärts weiterzuschreiten, dem ist’s wahrscheinlich ernst mit seiner Kunst. Auf dem Zenit ihrer Karriere haben einen solchen Ausfallschritt nur sehr wenige Künstler gewagt. Bob Dylan, als er zur elektrischen Gitarre griff. Oder Talk Talk, als sie sich jäh vom Synthiepop ab- und jazzigem Postrock zuwendeten. Radiohead nahmen damals ihr breites Publikum einfach mit ins Neuland – auch wenn es sich teilweise mit Händen und Füßen dagegen wehrte. Heute lassen sich von einer so integren Band als Reiseführer selbst orthodoxe Rockfreunde gerne in die rockfernen Welten der Elektronik entführen. Denn das Ergebnis eines so gewagten Manövers ist, wenn es denn gelingt, der heilige Gral eines jeden Künstlers: die absolute Freiheit.

Vor Kid A (2000) hatte Yorke bekanntlich den Katalog des legendären Warp-Labels rauf und runter und wieder rauf gehört, aber wichtiger noch als alle elektronischen Neuerungen war die Tatsache, dass der Gitarrist mitspielte – freilich ohne Gitarre. Für Greenwood kein Problem. Anstelle seines Stamminstruments griff er nun zum skurrilen Ondes Martenot, dessen warmer Klang dem Album eine Atmosphäre gibt, die, weil das Instrument gar so abseitig ist, mit Nostalgie nichts zu tun hat. Die Sessions für Kid A reichten noch für Amnesiac, ab Hail To The Thief gingen Radiohead auch in Sachen Distribution zeitgemäße Wege.

The King Of Limbs ist als jüngste Veröffentlichung ein beeindruckendes Beispiel dafür, was man mit absoluter Freiheit so alles anfangen kann. Vor allem ist das Widerspenstige, seit jeher wichtiges Element ihrer Musik, heute in die ästhetische Matrix selbst eingeschrieben. Im Zentrum steht die Rhythmusgruppe um Schlagzeuger Phil Selway, der mit Vorliebe frickelige Mikrobeats zu rhythmischen Parataxen reiht. Alles holpert, stolpert, prasselt und schabt, hin und wieder sind Anleihen beim kalifornischen Klangbastler Flying Lotus, aber auch aus dem schwülen Maghreb und kühleren Jazzgefilden erkennbar. Dabei funktionieren diese komplexen perkussiven Verstrebungen wie die Speichen eines Rades, die erst in der Drehung zu einem flirrenden Stillstand zu kommen scheinen. Eine akustische Täuschung, abgefedert von stark synkopierten Bässen, wie man sie von Dubstep-Projekten wie Burial kennt. Diese Bässe liegen in Schleifen und Schlieren oft spürbar unterhalb der Hörgrenze. Piano, akustische Gitarre, neutönende Streicher und sogar Bläsersätze kommen zum Einsatz, sind oft aber bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Überhaupt herrscht allenthalben eine luftige Fragmentierung, der sich auch Thom Yorkes Stimme als einziges verbliebenes menschliches Element unterwerfen muss, wenn sie, in einzelne Silben zerhackt, geisterhaft durch die Arrangements schwebt. Wieder tritt Jonny Greenwood in Erscheinung – nur diesmal weder als Gitarrengott noch als verblasener Komponist. Sondern als EDV-Spezialist: Er hat das Computerprogramm geschrieben, das die berückenden Klangwelten von The King Of Limbs erst möglich machte. Molekulares Musizieren, sozusagen.

Radiohead scheren sich nicht um die Erwartungen ihrer Hörer oder die Forderungen des Marktes. Diesen Eindruck verstärken auch die Texte, in denen es von naturromantischen Topoi nur so wimmelt. Als wär’s entspannter Folk, geht es hier fast ausnahmslos um Vögel, Früchte, Fische, Libellen, Wasser und Blumen. Von der zerquälten Haltung und der Weltmüdigkeit früherer Platten ist heute kaum mehr etwas zu spüren. Im Gegenteil zielt The King Of Limbs auf Erlösung im Kleinen, im Detail und im Idyll. In der sphärischen Ballade „Codex“ ist alles Rhythmische plötzlich nur noch ruhiger Puls, und Yorke besingt ironiefrei einen bukolischen Tag am See: „Jump off the end / Into a clear lake / No one around / Just dragonflies / Flying to the side / No one gets hurt / You’re doing nothing wrong“. Das bissig medienkritische „The Daily Mail“, das als Reaktion auf den Abhörskandal britischer Boulevardblätter gelesen werden kann, schaffte es nicht auf die Platte – zu hören ist das Stück, das wieder mehr Song als Track ist, auf der wundervollen Live-Version von The King Of Limbs, den BBC-Sessions von „From The Basement“.

Für manche Fans bleibt der Wandel der Gruppe ein Rätsel, um das sich zahlreiche Verschwörungstheorien ranken. OK Computer gilt als Dokument der Angst vor der Jahrtausendwende, Kid A soll angeblich inhaltlich wie grafisch die Ereignisse von 9/11 vorwegnehmen. In Rainbows soll gerüchtehalber als Pendant zu OK Computer aufgenommen worden sein, was man angeblich dann hört, wenn die Songs beider Alben abwechselnd abgespielt werden. Das mag schön klingen, ist aber ebenso Humbug wie eine andere berühmte Theorie der Popkultur: Pink Floyds The Dark Side Of The Moon läuft nur deshalb halbwegs synchron mit dem Film „Der Zauberer von Oz“, weil das menschliche Gehirn auf sinnliche Übereinstimmungen reagiert und die endlosen Passagen schlicht ignoriert, in denen Musik und Film eben nicht zur Deckung kommen.

Darum, das Richtige zu tun, geht es Radiohead nicht nur in den mikroskopischen musikalischen oder lyrischen Details ihrer Musik. Sondern auch im Großen und Ganzen. Auf ihren Tourneen bucht die Gruppe nur solche Hallen, die mit Ökostrom betrieben werden. Es gibt keine Lastwagenflotte, weil das Equipment vor Ort geleast wird, und sogar auf energiefressende Laser wurde zugunsten sparsamer LED-Tableaus verzichtet. Auf der aktuellen und prompt ausverkauften US-Tournee schweben flache Videobildschirme über den Köpfen der Band, deren ohnehin schon dichte Rhythmusgruppe um den ehemaligen Portishead-Drummer Clive Deamer ergänzt wurde. Ein neues Mitglied, während Produzent Nigel Godrich mit seiner eigenen Band Ultraista nun selbst nach Höherem strebt.

Die Tour ist ein Triumph, die aktuellen Songs entwickeln live eine ganz besondere Wucht, und mit „Identikit“ und „Cut A Hole“ haben Radiohead zwei neue Stücke im Programm – beide mit einem E-Gitarrensolo, das allerdings bei „Cut A Hole“ prompt abbricht, bevor’s hymnisch werden könnte. Wunder über Wunder: Während die britische Presse sich beschwert, dass Radiohead kein Material von Pablo Honey und The Bends darboten, entzücken ausgerechnet die Amerikaner die Esoterik und Experimentierfreude der Gruppe. Auch im Heimatland des von ihnen mehr als von den Deutschen verehrten Krautrock werden Radiohead aufspielen. Tickets für die beiden Open-Air-Konzerte in der Berliner Wuhlheide (6. und 7. Juli) gibt es bereits jetzt nur noch auf dem Schwarzmarkt, bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe gab es offizielle Karten nur noch für den Gig am 15. Oktober in der Lanxess-Arena von Köln-Deutz. Warum dieser Ansturm, als wären Radiohead die Rolling Stones auf ihrer wirklich allerletzten Welttournee – und nicht die komplexeste und intelligenteste Rockband unserer Zeit?

Seit den Beatles hatte jede Generation ihre Rockgruppe, deren kreativen Ausfallschritten die verblüfften Fans begeistert folgen konnten – nicht ohne sich dafür gegenseitig auf die Schultern zu klopfen. Die „New York Times“ analysierte neulich treffend, die Leute würden Popmusik deshalb lieben, „weil es ihnen das Gefühl gibt, Teil einer Sache zu sein, die größer ist als sie selbst. Und sie mögen avantgardistische Musik, weil es ihnen das Gefühl gibt, Teil einer Sache zu sein, die nicht jeder toll findet. Radiohead zu sehen, wie sie mutwillig schwierige, elektronisch verkrümmte Anti-Hymnen über von Hasen übertragbare Krankheiten oder menschliches Klonen in Hallen von der Größe des Madison Square Garden spielen, befriedigt beide Bedürfnisse: Du bekommst ein Gemeinschaftsgefühl und eine Ahnung von Abenteuer für den Preis eines einzigen Tickets.“

Das könnte er sein, der Grund, warum Radiohead heute keine obskure Fußnote in der Geschichte der Rockmusik sind – sondern ihr leistungsfähigster Motor. Man muss beileibe kein Nerd sein, um diese Musik zu lieben. Aber man muss sehr wohl ein Nerd sein, um sie machen zu können.

Mehr zu radiohead in „Das Archiv – Rewind“

ME 7/1997 CD-Besprechung: „OK Computer ist die Fortsetzung von The Bends unter dem Einsatz von Flokati und Räucherstäbchen.“

ME10/2000 Bericht über die Arbeit an Kid A: „Kunst statt Kommerz, Abschied vom Pop“

ME07/2011 Interview mit Thom Yorke: „Dunkler Denker“

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