PLATTEN

„WHY DON’T YOU JUMP FOR JOY AND BE HAPPY?“

„Jump For Joy“, The Jacksons, 1977

Betr.: Krieg der Sterne Niemand hier hätte es für möglich gehalten, dass nach dem Weggang des (Einflusses des) einschlägig vorbelasteten Praktikanten Christopher Hunold noch einmal ein, nun ja, astreines Techno-Album „Platte des Monats“ werden würde. Trotzdem passiert: IMMUNITY, das vierte Album des Londoner Produzenten Jon Hopkins, ist es geworden. Nach Aussage des zuständigen Labels „freut sich“ der Künstler „den Arsch ab“ angesichts dieser Auszeichnung. Selbiges tut auch und gratuliert ganz herzlich: Plattenmeister Koch

AUFGANG

ISTIKLALIYA

Infiné/Rough Trade (VÖ: 3.5.)

Die Band als Versuchslabor – das New Yorker Trio vereint auf seinem zweiten Album Abstraktion und Hymne in wild kreiselnden Pianomusiken.

Zwei Pianisten und ein Schlagzeuger, deren Geschichte sich aus dem Studium an der New Yorker Juilliard School und gemeinsamen Clubnächten speist. ISTIKLALIYA das zweite Album von Francesco Tristano, Rami Khalifé und Aymeric Westrich, hat null Komma nichts mit dem Klassik-meets-Pop-Verkaufsschlager David Garrett zu tun und spielt doch mit Klassik und Pop, in seltsamen Konfigurationen hymnischer und abstrakter Elemente. Bei „Vertige“ treffen Hochgeschwindigkeits-Rhythmen auf Pianogekritzel, „Abusement Ride“ vereint die Idee von Synthie-Pop mit Chormusik und Jazzklaviersentenzen, und der Track mit dem Titel „Diego Maradona“ könnte eine Übersetzung der Jahrhundertdribblings des argentinischen Fußballspielers in Beats sein. Dass es für die auf ISTIKLALIYA veröffentlichten, wild kreiselnden Pianomusiken noch kein Etikett gibt, werten wir erst einmal als ein gutes Zeichen, für einen Aufgang aber ist noch reichlich Luft nach oben.

***1/2 Frank Sawatzki

DAVID AUGUST

TIMES

DIYnamic/Word And Sound

Das Debütalbum des 22-jährigen Hamburgers. Electronica als musikalische Präzisionsarbeit.

David August ist mit 22 Jahren so etwas wie der Prototyp des elektronischen Musikers der gar nicht so fernen Zukunft, einer, der sein Aufgabengebiet sehr weit auslegt und damit dankenswerterweise ein paar Thesen stützt, die auf diesen Seiten schon mehrmals formuliert wurden. Der Hamburger Produzent – klassischer Klavierunterricht ab dem Alter von 5, DJ ab 15 – macht es mit seinem Debütalbum schwer, diese eine bestimmte Genrebezeichnung zu finden, die in den Vorspannen der Rezensionen hier dezent unterstrichen dargestellt wird. Nicht aber ohne zwei Jahre vorher mit der „Instant Harmony EP“ seine Hitfähigkeit bewiesen zu haben. Es ist kein Zufall, dass Augusts Hit „Moving Day“(auf dem Album nicht enthalten) in seiner ersten Minute aus nicht mehr als einem Beat besteht und damit als Ausweis seiner Clubtauglichkeit fungiert. Wer sich an dieser floortauglichen Deephousigkeit orientiert, könnte von TIMES ein bisschen enttäuscht werden. Auch wenn der Clubfaktor in Tracks wie „Until We Shine“ immer wieder auftaucht auf diesem Album. August liefert musikalische Präzisionsarbeit. „Help Me Through“, der erste Track auf TIMES, ist ein Epos von cinematografischen Ausmaßen. Das Saxofon in „Phenomenia“, die Klarinette in „Hommage“, der klassische Minimalismus in „Consolitation I“ – das alles will sagen, dass wir die Definition des Begriffs „House“ wieder einmal einer Überprüfung unterziehen dürfen.

***** Albert Koch

BIBIO

SILVER WILKINSON

Warp/Rough Trade (VÖ: 10.5.)

Stimmungsvolle, psychedelische Electronica auf dem dritten Warp-Album von Stephen Wilkinson.

Formverlust wurde Stephen Wilkinson vorgeworfen. Wie fad und öde und enttäuschend sein letztes Album MIND BOKEH doch gewesen sei. Natürlich Quatsch. Kurz und knapp: Sein drittes Warp-Album macht so vieles so viel besser. Auf den ersten Metern (ca. vier Songs) verirrt sich kein Beat in das sphärische Dickicht aus Stimme, Gitarre und psychedelischen Ambientteppichen. Erst beim Slow-Motion-House in „Mirroring All“ wirft Bibio den Motor an. Danach wird er „mutiger“; beim sommerlichen „À Tout À L’heure“ geht das Cabriodach automatisch herunter. Highlight ist aber „You“, das an Kollegen wie Gold Panda erinnert. Bibio gibt den Meister des Chopped and screwed, wenn in einem Track ein fetter HipHop-Beat einen Sample-Anfall überlebt und der Funk ihm aus den Poren läuft. Die kleine Singer-Songwriter-Ballade „Raincoat“ fügt sich nahtlos ins Klangkonzept ein. Dafür setzte Bibio sich nur zu gern an die frische Luft und zeichnete die Sounds von Gartenscheren und einem Plastikeimer auf. SILVER WILKINSON ist ein schönes Album, das die richtige Stimmung nicht voraussetzt, sondern gleich mitbringt.

****1/2 Christopher Hunold

BLOODGROUP

TRACING ECHOES

AdP Records/Alive

Electro-Pop für eine Welt, die eigentlich keine Hits braucht.

Was erst einmal auffällt: Das Sounddesign ist exquisit. Man kann sich gar nicht entscheiden, woran einen Bloodgroup auf ihrem dritten Album eher erinnern: An Portishead in ihren romantischen Momenten, an Massive Attack, als die noch zugänglicher waren, oder an The Knife. Das isländische Quartett weiß ganz genau, in welchem maschinellen Herzschlag momentan der Dancefloor schwingt, aber auch, wie kühl derzeit Pop sein muss, um noch modern, aber bereits ein wenig zeitlos zu klingen. So cool sind Bloodgroup, dass ihre Songs wie Hits wirken für eine Welt, die eigentlich keine Hits braucht. Oder anders gesagt: Wäre TRACING ECHOES ein Cocktail, dann wäre er definitiv gerührt und nicht geschüttelt.

****1/2 Thomas Winkler

BOMBINO

NOMAD

Nonesuch/Warner

Der Tuareg-Gitarrist geht mit Dan Auerbach ins Studio, wo die Kulturen zu einem Meisterwerk verschmelzen.

Der malische Sänger Omara „Bombino“ Moctar gehört wie auch die Mitglieder von Tinariwen und Tamikrest dem Nomadenvolk Tuareg an. Während diese beiden Wüstenblues-Bands aus dem Norden von Mali stammen, wurde der Sänger mit dem Geburtsnamen Goumar Almoctar in Niger geboren. Leichter hat das sein Leben nicht gemacht, befinden sich die Tuareg doch seit Jahrzehnten in komplizierten Umständen, die sie immer wieder zu Flüchtlingen oder Freiheitskämpfern machen. Die Tuareg sind ein islamisches Volk, wenn auch sehr gemäßigt. Deswegen fällt es ihnen auch nicht schwer, ihre Tradition mit der Moderne und alte Instrumente mit E-Gitarren und Keyboards in Einklang zu bringen. Von allen Künstlern, die auf dem 2012 veröffentlichten Benefiz-Sampler SONGS FOR DESERT REFUGEES (Glitterhouse) zu hören sind, verschiebt Bombino das Gewicht zwischen Orient und Okzident nun am stärksten gen Westen. Das hat auch sehr viel damit zu tun, dass Dan Auerbach, der Gitarrist der Black Keys, Bombino und seine Band nach Nashville in sein Studio Easy Eyes Sound einlud. Ein gewaltiger Schritt für die Nordafrikaner, der NOMAD deutlich hörbar stark prägt und das Album rockiger, dynamischer und schneller klingen lässt als das Debüt AGADEZ vor zwei Jahren. Natürlich gibt es weiterhin diese sanft groovenden, etwas eierigen, fast poetischen und tranceartigen Songs. Aber im Kontrast dazu finden sich auch völlig losgelöste Stücke. „Aman“ zum Beispiel, ein wilder Song mit einem Ska-Riddim, oder auch „Niamey Jam“ mit kirren, quengeligen Vintage-Keyboard-Sounds und Gitarren-Riffs à la Black Keys.

*****1/2 Sven Niechziol

COCOROSIE

TALES OF A GRASS WIDOW

City Slang/Universal (VÖ: 24.5.)

Die Prinzessinnen des Weird-Folk sorgen für große Überraschungen.

Bianca Casady und ihre Schwester Sierra haben sich ein kleines Musikparadies erschaffen. Inklusive Elfenbeintürmen und einem riesigen Spielplatz mit vielen komischen Instrumenten. Wer will schon erwachsen werden in einer Peter-Pan-Welt, in der Lieder so wunderbar bizarr, schief und krumm klingen und dann auch noch erfolgreich sind? Wer mag es den beiden Scheidungskindern verdenken, die nie die Erfahrung machen konnten, ein Heim aufzubauen oder wie Sierra (Rosie) mal sagte: „Wir tragen es wie Schnecken auf dem Rücken.“ Nun sind CocoRosie bei ihrem fünften Album angekommen. Wie schon bei den Vorgängern machen sie ein paar Wege frei, die heraus aus ihrem Kokon führen. Allerdings schlagen sie gerade im ersten Drittel von TALES OF A GRASS WIDOW eine ungewohnt breite Schneise, denn nicht nur das Eröffnungsstück „After The Afterlife“ überrascht trotz aller spleenigen Sounds mit Rhythmik und Pop-Appeal. Auch das fast eskapadenfreie, von Elektrobeats angetriebene „Tears For Animals“ zeigt, wie weit CocoRosie mittlerweile in der Lage sind, sich von ihrem schrulligen Gemisch aus Trip-und HipHop, Freakfolk, Dream Pop, Indie, Kammermusik, Plunderphonics und Oper zu distanzieren. Auf dem Song ist der langjährige Freund der beiden, der mittlerweile inflationär als Gaststar eingesetzte Antony Hegarty zu hören. So prägend und manieriert seine Stimme auch klingen kann, hier ist sie zum Glück nur eine Facette. Auf „Child Bride“ setzen die Schwestern den Kurs trotz der verschwurbelten Nebengeräusche Richtung Pop fort. Man wartet regelrecht darauf, wann CocoRosie sich -erschrocken von ihrem eigenen couragierten Auftreten -wieder in ihr Schneckenhaus zurückziehen, um sich zu besinnen. Aber das passiert nicht, selbst das von einem Piano dominierte „Harmless Monster“ kommt genauso wenig ohne digitale Beats aus wie das entrückte „Gravediggress“. Bislang tasteten sich CocoRosie von Album zu Album vor, entwickelten sich behutsam. TALES OF A GRASS WIDOW beschleunigt diesen Prozess. Erstmals sind die Casady-Schwestern nicht auf dem Außencover zu sehen, weit und breit keine angemalten oder angeklebten Bärte, sogar die wiehernden Pferde wurden eingepfercht. Und im Hidden Track („Devil’s Island“) machen CocoRosie Gabba der speziellen Art.

****1/2 Sven Niechziol

Story S. 40; CD im ME S. 83

CAMERA OBSCURA

DESIRE LINES

4 AD/Beggars/Indigo (31.5.)

Die schottische Indie-Band hat die weite Reise nach Amerika auf sich genommen und auf dem Weg dahin an Ausstrahlung verloren.

Sie haben sich eine Weile herausgehalten und nichts veröffentlicht. Camera Obscura hatten also genügend Zeit, alles neu zu durchdenken. Deshalb erstaunt es schon, dass sie nach Beendigung ihrer längeren Absenz immer noch genauso klingen, wie man sie in Erinnerung hat. Keiner der zwölf Songs überrascht in irgendeiner Weise. Der Country-Einfluss ist dieses Mal sehr offensichtlich, besonders in „Troublemaker“, wo sich Tracyanne Campbell in Lynn Andersons Rosengarten verirrt. Manchmal kommt die Band mit etwas mehr Schwung daher, manchmal watet sie schweren Schrittes durch die Melancholie. In beiden Fällen tut sie es aber nicht sonderlich inspiriert. Schuld ist das falsche Flugticket. Früher sind Camera Obscura nach Schweden zu Jari Haapalainen geflogen, der ihre Songs überragend kolorierte. Man denke nur an die euphorisierenden Streicher in „Lloyd, I’m Ready To Be Heartbroken“ und „French Navy“, die wunderbar mit Campbells traurigem Tonfall kontrastierten. Und diese tanzenden Pärchen in den Videos dazu, einfach toll! Jetzt wollte die Band das nicht mehr. Sie ist lieber zu Tucker Martine nach Portland geflogen, der bloß einen Routinejob hinbekommen hat. Wir lernen, dass das gute alte Europa für manche Bands eben doch der bessere Ort ist.

*** Thomas Weiland

THE CARROTS

NEW ROMANCE

Elefant/Alive

Soul-Pop: The Carrots verwalten das Erbe der Shangri-Las.

Die spanische Plattenfirma Elefant Records ist eine feste Bank, wenn es um Gitarrenmusik an der Schnittstelle von traditionalistischem Pop und Twee geht und veröffentlichte in der Vergangenheit unter anderem Musik von den BMX Bandits, Trembling Blue Stars und The School. The Carrots passen mit ihrem Debütalbum NEW ROMANCE gut in den Labelkatalog: Liebevoll und mit vielen Sha-La-Las updaten die Texaner (klar, Austin), deren Wurzeln in der seinerzeit von Bikini Kill protegierten Riot-Grrrl-Band Finally Punk liegen, den Female-Soul der 60er-Jahre. Auf der Haben-Seite können sie dabei neben einem guten Gespür für die catchy Pop-Melodie auf immer ein wenig rumpelnde Produktion setzen – nachzuhören im Titelsong, der im Übrigen auch textlich Interessantes bevorratet: „I wanted to buy some pills because I was sick of you but it made things worse“, heißt es da. Druffi-Soulnoir also. Mindestens charmant.

**** Jochen Overbeck

CAYUCAS

BIGFOOT

Secretly Canadian/Cargo

California-Pop-Nostalgie: Zach Yudin ist ein hochbegaber Songwriter aus der Klasse der Eskapisten.

Als „High School Lover“ 2011 in diversen Blogs auftauchte, nannte Zach Yudin sich noch Oregon Bike Trails, Monate vorher hatte der Kalifornier schon einen anderen Track ins Netz gestellt, der dem Sixties-Summer-Pop ein Lo-Fi-Denkmal setzte: „Come On Come On“ klang wie eine Endlosschleife aus Beach-Boys-Seligkeit und Tornados-Swing und war mit 3: 12 Minuten genau richtig bemessen. Ein Song, der einen in die virtuelle Badehose springen lassen konnte und nach Sommer-Mixtapes verlangte. „Come On Come One“ hat Yudin leider nicht auf sein Debüt BIGFOOT gepackt, „High School Lover“ steht jetzt als Anführer dieser stolzen Retro-Kollektion da, die alles hat, was eine große Pop-Platte braucht. Dieses Album ist eine Liebeserklärung an die Zeit, die still gestanden hat, das Doo-Doo-Doo der naiven Jahre, die High-School-Girls-and-Beach-Boys-Storys aus den Bilderbüchern des Pop. Angerührt mit raffinierten Rhythmen, selbstvergessenen Chören und ein paar Tricks aus dem Laptop-Studio. Man muss aber erst mal Songs wie „Will The Thrill“ und das von einem seltsamen Pfeifen begleitete „Deep Sea“ schreiben können – Zach Yudin könnte der kleine hochbegabte Bruder von Brian Wilson sein, der sich nichts sehnlicher wünscht, als ein Tiefseetaucher zu sein. Mit BIG-FOOT sprudeln die Erinnerungen an die Vereinigten Staaten der Glückseligkeit wieder an die Oberfläche, keiner kennt sich im Sixties-Sommer gerade besser aus als Zach Yudin. The beat goes on.

***** Frank Sawatzki

CHARLI XCX

TRUE ROMANCE

Asylum/Warner (VÖ: 31.5.)

Elektro-Pop: Trotz der Vorschlusslorbeeren bleibt die 20-jährige Britin Charlotte Aitchison auf ihrem Debütalbum einiges schuldig.

Egal mit welchen Superlativen eine halbwegs talentierte Künstlerin zu Beginn ihrer Karriere bedacht wird, mit der Veröffentlichung des Debütalbums ist die Schonzeit abgelaufen. Charli XCX ist alles andere als ein Retortenstar. Seit 2008 machte sie mit einer ganzen Reihe in Eigenregie veröffentlichten Singles und Mixtapes auf sich aufmerksam. Dass sie Hits schreiben kann, hat sie nicht zuletzt mit „I Love It“ von Icona Pop unter Beweis gestellt. Und auch auf TRUE ROMANCE findet sich die eine oder andere Nummer, die das Zeug zum Hit hat – zum Beispiel die wunderbare Hymne „Stay Away“. Trotz der Mitarbeit von namhaften Produzenten wie Ariel Reichstadt (Usher, Major Lazer), Patrik Berger (Lana Del Rey, Robyn) und den Blood Diamonds ist auf TRUE ROMANCE leider nicht alles Gold, was glänzt. Manche Songs, wie das extrem eingängige „Set Me Free“ oder „Grins“, fallen für jemanden mit solch hochgesteckten Erwartungen zu brav und vorhersehbar aus. Die Ecken und Kanten hat man Charli XCX, die sich selbst als eine Mischung aus Wednesday Addams aus der TV-Serie „Addams Family“, Winona Ryder in „Beetlejuice“ und Baby Spice beschreibt, zwar nicht ganz abgeschliffen, aber vieles klingt auf LP-Länge dann doch zu gefällig. Überraschungen hält TRUE ROMANCE nicht sehr viele bereit, aber jedenfalls dürften Stücke wie „Take My Hand“ und „You (Ha Ha Ha)“ mit ihrem Breitwand-Elektro-Sound genau den Geschmack der avisierten Zielgruppe treffen.

*** Franz Stengel

DAFT PUNK

RANDOM ACCESS MEMORIES

Columbia/Sony Music (VÖ: 17.5.)

Retro-Pastiche auf sehr hohem Niveau: Daft Punk erfinden das Disco-Rollenspiel.

Popmusik liegt immer eine Behauptung zu Grunde, nämlich die der eigenen Größe. Daft Punk führten dieses Prinzip im Vorfeld der Veröffentlichung ihres vierten Studioalbums ad Absurdum: Während einerseits kein Detail nach außen dringen durfte – der Schreiber dieser Zeilen, und das ist kein Witz, musste eine siebenseitige Verschwiegenheitserklärung unterschreiben, bevor die Plattenfirma ihm das erste Mal mündlich Informationen über die Existenz der Platte gab -, wurde andererseits das große Fass aufgemacht. Die Idee: Marketing wie in den 70ern. Das tun, was man in der Industrie „Geld in die Hand nehmen“ nennt. Werbezeit bei „Saturday Night Live“ buchen, Plakatwände bespielen, einen Trailer auf dem Coachella-Festival platzieren. Die Verbindung zur Gegenwart fand mittels einiger Filmchen statt, in denen Beteiligte vom Entstehen und Wesen der natürlich breathtaking Zusammenarbeit erzählten. Ein großes Tschingderassabum, dessen Businessplan man gerne einmal sehen würde, denn einiges an diesem Album könnte teuer gewesen sein. Vielleicht die Gästeliste: Julian Casablancas lässt „Instant Crush“ nach den Strokes klingen, die 70er-Semi-Größe Paul Williams schiebt „Touch“ sehnsuchtsvoll Richtung Progressive-Oper, Nile Rodgers‘ Gitarre prägt den Sound des Albums so sehr wie die beiden Franzosen selbst, des weiteren sind Todd Edwards, Chilly Gonzales, DJ Falcon und Panda Bear zu hören. Teuer war sicher aber der Rest. Denn auf RANDOM ACCESS MEMORIES wurden Streicher, Bläser, diverse Percussion-und viele Tasteninstrumente live eingespielt. Das Ergebnis ist ein Hybride aus Disco, Future Funk und Dance, der ab und an Richtung „Das letzte Einhorn“-Softpop schielt, aber weniger über Genres als über seine erfreut Ausschweifungen fördernde Ausarbeitung funktioniert. Das ist Kunsthandwerk, Disco-Rollenspiel. Pop, der erst gegen Ende des Albums erkennen lässt, dass die beiden Franzosen Wert auf Gegenwärtigkeit legen. Aber es macht Spaß, nicht nur aufgrund erwähnten Überbaus, den man als Musikfan doch gerne mitnimmt, sondern auch wegen der 75 Minuten Musik an sich: Daft Punk beherrschen den epischen Erzähl-Neunminüter („Giorgio By Moroder“ mit eben jenem als Zeitzeugen). Sie können Dance („Contact“), aber auch Pop, wie im tollen „Fragments Of Time“ und dem bereits bekannten „Get Lucky“ mit seinen schlitzohrigen Pharrell-Williams-Vocals. Diese Songs werden uns im Sommer 2013 begleiten.

**** Jochen Overbeck

Titelstory S.30

CLOUD BOAT

BOOK OF HOURS

Apollo/R&S/Alive (VÖ: 31.5.)

Wo Songs und Sonics zueinander finden: auf dem Debütalbum des Londoner Duos.

Es fängt schon damit an, dass man das Live-Setting von Cloud Boat nicht in Zusammenhang bringt mit der Musik, die damit erzeugt wird. Da sitzen Sam Ricketts und Tom Clarke mit ihren elektrischen und akustischen Gitarren und sehen in ihrer vollbärtigen Kurzhosigkeit aus wie everybody’s neueste Folk-Hoffnung. Effektgeräte und Drummachine bleiben unsichtbar. Das Duo aus London, das als Support Act von James Blake und Mount Kimbie begonnen hat, bringt auf seinem Debütalbum noch kompromissloser als die Genannten Song und Sonics zusammen. Es gibt auf BOOK OF HOURS die Bassdrum und die schweren Bässe, aber sie sind dekontextualisiert, herausgerissen aus ihrem Ursprungsumfeld, so wie die „echten“ Gitarren, die Cloud Boat als eine Soundquelle von vielen einsetzen. So entsteht ein dunkelgrauer musikalischer Impressionismus, der ätherische Soundscapes mit Brit-Folk-Traditionen und Erkenntnissen aus der britischen Bassmusik zusammenbringt. Den Songfaktor liefert Tom Clarkes helle Stimme. Und „Amber Road“ ist dann der Post-Dubstep-Track, den man von Cloud Boat vielleicht erwartet. Die Bassmusik mag tot sein, aber sie hat viele Nachkommen in die Welt gesetzt, und die brechen jetzt auf in alle Richtungen.

***** Albert Koch

CRYSTAL FIGHTERS

CAVE RAVE

Different/PIAS/Rough Trade (VÖ: 24.5.)

Das zweite Album der britisch-baskischen Ethno-Rock-Feierband.

Es gibt nur wenige Alben, deren Cover auf ein wissenschaftliches Werk schließen lassen. Bei den Crystal Fighters liest man jetzt von Heuristik und Ästhetik und vom Vorstoß in utopische Räume. Man erwähnt Vordenker aus Geometrie, Philosophie, Architektur und Literatur. Mit seinem Debüt STAR OF LOVE suchte das britisch-baskische Kollektiv Nähe zu Sonne, Mond und Sternen und kreierte davon berauscht einen Auftritt, in dem verrückter Bergland-Folk, Afro-Pop, Rowdy-Rock, Dubstep und diverses Tanzhallengetue Platz fanden. Dieses Mal gehen Crystal Fighters lange nicht so entschlossen und verspielt zu Werke. Ausgerechnet sie, die auf so ungewöhnliche Weise europäisch verwurzelt sind, haben sich entschieden, für die Aufnahmen drei Monate lang nach Los Angeles zu gehen. Das Ergebnis ist ein Routineauftritt. Immer wieder rattert die Band einen tanzbaren Ethno-Folk-Rock herunter, der sehr melodisch ist und durch unzählige Oh-Hoh-Hoh-Chöre auch Chancen beim Bierzelt-DJ hat. Hier klaffen Anspruch und Wirklichkeit auseinander.

*** Thomas Weiland

DEERHUNTER

MONOMANIA

4AD/Beggars/Indigo

Das Album zum Stand der Dinge im Indierock: Keiner weiß gerade wohin.

Sollen diese Songs alle ein- und demselben Album entstammen, die Handschrift einer einzigen Band tragen? Und was hat es mit den schwer dechiffrierbaren Ankündigungen aus dem Band-Headquarter auf sich: Deerhunter bewarben MONOMANIA als „mystery disc“, auf der die Band „before logic“ operiert: „FOG MACHINE /LEATHER / NEON“. Das muss man nicht verstehen, die Kryptik scheint ein Puzzleteil in einem größeren Rätsel zu sein, das mit einer Platte beginnt, auf der drei oder vier Bands zu hören sind, die sich Bradford Cox und seine Mitstreiter ausgedacht haben. Darunter finden sich das rülpsende Spacerockmonster Deerhunter vom „Neon Junkyard“, eine begnadete Schepperhitcombo („Dream Captain“), die Noise-Monomanen vom Titelsong und jene Versammlung von Autoren, die zu einer neuen Lesung des Dream-Pop einlädt („Missing“). Nach dem homogeneren, vage im Psych-Pop verankerten HALYCON DIGEST (2010) irren Deerhunter hier und heute manisch (keineswegs: monomanisch) auf dem Feld der Einflüsse hin und her, wie Sammler, die sich noch nicht über ein Ziel ihrer Tätigkeit klar geworden sind, hier eine Hommage setzen, dort ein Zerstörungskommando auffahren und immer Stellen von außerordentlicher Schönheit entdecken. Wahrscheinlich markiert MONOMANIA damit gerade den Stand der Dinge im US-Indierock: Keiner weiß, wohin, Deerhunter spielen diese Zerrissenheit mit der Emphase und Entdeckunglust in alle Himmelsrichtungen aus.

****1/2 Frank Sawatzki

DENSELAND

LIKE LIKES LIKE

m=minimal/Kompakt (VÖ. 13.5.)

Eine Sexyness der Leerstellen, oder: Hypno-Techno im Downtempo-Modus.

Kunstmusik? Funk? Ein Hörbuch, eine Hypnosesitzung? Das neue Album von Hanno Leichtmann (Percussion, Elektronik), David Moss (Gesang) und Hannes Strobl (Bass, Elektronik) will sich nicht leicht in Worte fassen lassen. Und die Worte, die wir darauf hören, sind zerknautschte Ansammlungen von Buchstaben. Wenn David Moss singt, wird hin und wieder ein komisches Gegrummel daraus. Das ist das Bindemittel für Beats, Bass und die elektronischen Knarzsequenzen, die vorne im Mix vorbeiziehen. Würde man den Beats Beine machen, ginge diese Platte wohl als Minimal Techno durch, im Downtempo-Modus aber entwickeln die Tracks eine weitere Qualität, sie nähern sich dem Blues von Captain Beefheart an, produzieren gleichzeitig eine Sexyness der Leerstellen. In den Lücken und Flüsterpassagen öffnen die Musiker Raum für Melodien, die wir diesen Tracks beim Hören in unseren Köpfen zuspielen können. LIKE LIKES LIKE hinterlässt eine angenehme Irritation, die mit den Tönen zu tun hat, die sich anziehen und abstoßen. Leichtmann, Moss und Strobl operieren mit ihren Klängen wie in einem Magnetfeld. Und wir befinden uns: mittendrin.

****1/2 Frank Sawatzki

DIVERSE

KITSUNÉ AMERICA 2

Kitsuné/Groove Attack

Der Franzose hat ’s gern elegant – auch wenn er sich in Amerika auf die Suche nach Electro-Tracks begibt.

Eigentlich ist es natürlich verboten, mit vermeintlichen nationalen Charaktereigenschaften Musik erklären zu wollen. Aber in der Not muss der Schreiberling von ehernen Grundsätzen abrücken. Die Notlage erzeugt das Pariser Electro-und Mode-Label Kitsuné, indem es auf AMERICA 2 Tracks versammelt hat, so unterschiedlich, dass als kleinster gemeinsamer Nenner nur die Eleganz bleibt, die man Franzosen gemeinhin zuschreibt. Bei ihrer Trüffelschweinsuche sind Kitsuné auf einige halbwegs bekannte Namen wie Toro Y Moi gestoßen, aber vor allem auf jede Menge Neuentdeckungen. Der verträumt schwubbernde Ambient von Ghost Loft, der runde Rap von Theophilus London, ein schöner, altmodischer Disco-Track wie der von Gigamesh, der „Get On The Floor“ fordert, oder das lustig pfeifende „Marijuana“ von Chrome Sparks, Malandros ewiges Stöhnen, Pop Hearts sommerlicher Dancehall und erst recht das großartige, an Arcade Fire erinnernde „Put Me To Work“ von Papa, hinter denen sich die Ex-Girls Darren Weiss und Danny Presant verstecken: Musikalisch werden hier ein gutes halbes Dutzend verschiedene Welten durchmessen, aber selten mit einem solch federnden Schritt.

****1/2 Thomas Winkler

THE DOPE

HINTERLANDIA

Devil Duck/Indigo

Experimenteller Indie-Rock aus dem bajuwarischen Hinterland.

Mit der schönen Wortkreation HINTERLANDIA hat das Duo aus dem bayerischen Nest Nettelkofen einen Albumtitel gewählt, der mit der Herkunft der Bandmitglieder ungleich mehr korrespondiert als mit der Musik auf dem Tonträger. Mit hinterwäldlerischer Uniformiertheit hat HINTERLANDIA nämlich ganz und gar nichts zu tun. Vielmehr nehmen sich Rudi Maier (Gesang und Gitarre) und Franz Neugebauer am Schlagzeug das Cover ihres Albums – eine Illustration aus dem Märchen „Der Hase und der Igel“ – zu Herzen und jagen in erfrischender Versponnenheit amerikanischen Indie-Einflüssen wie Built To Spill und vor allem Modest Mouse hinterher. Auch wenn es bei diesem Unterfangen zumeist recht ordentlich nach vorne geht, hetzen sich die beiden Bayern zum Glück nicht unnütz ab, wie der doofe Aristokratenhase, sondern folgen, pfiffig wie der Igel, stets ihrer eigenen musikalischen Vision. Die umspannt so einiges: Neben Maiers, mal herrlich verwaschen herumdengelnder, mal wiederum sehr lieblich arpeggierender Gitarre, gibt es Geigen (u. a. „Hollywood“), Blasinstrumente („Mother’s Boy Toyed With An Idea“) und vor allem zahlreiche interessante Brüche in Rhythmus und Tempo zu hören. Da HINTERLANDIA dabei immer sehr gekonnt auf der Kante zwischen Wohlklang und Krach balanciert, bleibt nur noch zu konstatieren: Sauber aufgspuit!

**** Martin Pfnür

MARK ERNESTUS PRESENTS JERI-JERI

800% NDAGGA NDGAGGA VERSIONS

Ndagga/Indigo (VÖ: 17.5.)

Der Berliner Produzent entdeckt Verbindungslinien vom polyrhythmischen Wall Of Sound der Ndagga-Musik zu Techno und Dub.

„Wenn ein Griot stirbt, brennt eine ganze Bibliothek nieder.“ So geht das Sprichwort. Die Griots tradieren die Geschichten ihrer Familien und ihres Volkes. Und die Sabartrommeln gehören zu den zentralen Instrumenten der Nachrichtenübermittlung in den Griot-Clans des Senegal. Wie der Sabartrommler Bakane Seck den Berliner Produzenten Mark Ernestus traf, ist nicht genau überliefert, das, was aus dieser Begegnung hervorgegangen ist, darf jetzt auf zwei zusammengehörenden Alben begutachtet werden: 800 %NDAGGA enthält acht Tracks mit Beiträgen von Gastvokalisten (u. a. Baaba Maal und Mbene Diatta Seck), das VERSIONS-Album die dazugehörigen Basic Tracks und Dub-Arbeiten. Ndagga zählt zu den noch nicht von der weltweiten Afrobeatgemeinde vereinnahmten Stilen, eine auf Polyrhythmen dahinfließende Tanzmusik, die mit elektrischen Gitarren und Marimba-Synthies verstärkt wird, der Sound der Straßen von Senegal und Gambia. Rhythm-&-Sound-Minimalist Mark Ernestus nimmt in diesem Projekt die Rolle des Arrangeurs, Produzenten und Strippenziehers ein, er sucht die Verbindungslinie von Ndagga zu Techno und Dub und verleiht den zahlreichen miteinander verwobenen, aber nie dominanten Rhythmen im Mix eine gehörige Durchlässigkeit, so leicht und so komplex klang Afrobeat selten. NDAGGA pur, dies ist kein Mix für den nächsten Senegal-Soundprospekt.

**** Frank Sawatzki

THE FALL

RE-MIT

Cherry Red/Rough Trade (VÖ: 17.5.)

Aufschwung dank Jubiläum: Das 30. Album des Post-Punk-Polterers ist eindeutig besser als das 28. und 29.

Mitte April erschien im „Lancashire Telegraph“ ein Interview mit Mark E. Smith aus Anlass des ersten britischen Konzerts der aktuellen Tour seiner Band The Fall. Darin erzählt Smith, dass er nicht gerne zurückschaue, sondern die Band in einem Prozess der laufenden Entwicklung sehe. Das letzte Album ER-SATZ GB sei für seinen Geschmack nicht gut gewesen, aber jetzt würden The Fall den Leuten wieder Angst machen. All dem ist nicht zu widersprechen. Zuletzt hatte die unangefochtene Lieblingsband vergleichsweise weniger überzeugt. Verschiedentlich klang das Material arg heruntergerissen und grenzte zu sehr an hartem Metal. Nicht an Black Sabbath, die Smith in der momentanen Phase als ein Vorbild nennt, sondern an Pantera. Das geht natürlich nicht. Man will in einem Fall-Song schon gerne diese kleinen verwinkelten Ecken haben. Es muss grooven und nicht nur dröhnen. Und es muss richtig schön böse sein, das versteht sich von selbst. Sonst kann man auch Two Door Cinema Club hören. Dieses Mal stimmt die Chemie. Smith hat seine personell immer noch unveränderte Band viel besser gedrillt. Garstiger Garagenrock wird oft mit schrillen Synthesizer-Spielereien von Gattin Elena Poulou garniert. Der Härtegrad ist genau richtig und erinnert an die ersten Jahre der Band. Und der Quengler plärrt auch wieder engagiert. In „Noise“ faucht er Musiker rücksichtslos an. Sie mögen doch bitte mal den Hintern hochbekommen. Mark E. Smith wird international, wenn er auf RE-MIT über alte Völker, Iren und Stationen auf Tour lästert. Er kriegt sich einfach nicht ein. Und so muss es sein bei The Fall.

***** Thomas Weiland

FANATICO

DANCING DAZE

Yellow Tail

Funky House: das Projekt des Kölner Produzenten Mathias Schaffhäuser mit dem Sänger Jorge Socarras.

Es liest sich zunächst wie überhaupt keine gute Idee: New Yorker Legende aus den 80er-Jahren singt zur Musik eines zeitgenössischen Kölner Techno-Produzenten mehrheitlich Coverversionen von Rock’n’Pop-Gassenhauern von Led Zeppelin, Roxy Music, The Rolling Stones, Fleetwood Mac, John Lennon. Aber von Anfang an: Der Sänger Jorge Socarras hatte in den 70er-Jahren zusammen mit dem großen Disco-Produzenten Patrick Cowley das Album CATHOLIC aufgenommen, das 2009 posthum vom Berliner Macro-Label veröffentlicht wurde. Später wurde Socarras Sänger der New Yorker Mutant-Disco-Band Indoor Life, deren einziges Album aus dem Jahr 1981 unlängst wiederveröffentlicht wurde. Mathias Schaffhäuser, DJ, Produzent und Besitzer des Kölner Ware-Labels, lernte Jorge Socarras durch seinen Remix eines CATHOLIC-Tracks kennen. Sowohl Schaffhäuser mit seiner Produktion als auch Socarras mit seiner unwiderstehlichen croonenden Stimme entreißen die Originale ihren ursprünglichen Kontexten. Es fällt schwer, Led Zeppelins „Dancing Days“ überhaupt zu erkennen, weil Fanatico dem Song mit ihrer Version den männlichen heterosexuellen Machismo austreiben. Exemplarisch für die Vorgehensweise des Duos ist die Version von Roxy Musics „Both Ends Burning“ – die noch am ehesten dem Original nahekommt, weil Socarras Bryan Ferrys Stimmfarbe und Phrasierung imitiert. Mathias Schaffh äuser gelingt das große Kunststück, auf dem schmalen Grat zwischen Tanzbarkeit und Experiment zu operieren. DANCING DAZE ist voll von extrem elastischer und funky House Music, die beizeiten von weirden Effekten, wobbly Bässen und ungewöhnlichen strukturellen Änderungen durchzogen wird. Ganz große Überraschung, ganz großes Album.

***** Albert Koch

STEFAN GOLDMANN

LIVE AT HONEN-IN TEMPLE

Macro/Word And Sound

Ambient zwischen Avantgarde und Atonalität -live aus einem japanischen Tempel.

Wir wissen nicht, ob Stefan Goldmann – wie gar nicht so wenige zeitgenössische elektronische Musiker – das Wörtchen „Ambient“ für ein Schimpfwort hält. Wir bezeichnen LIVE AT HONEN-IN TEMPLE als Goldmanns Ambient-Album. Nicht nur weil das Setting – der für die Öffentlichkeit normalerweise unzugängliche Honen-In Tempel bei Kyoto – ein Teil der Musik geworden ist, weil die Geräusche einer Shishi-odoshi, einer Art wasserbetriebenen Vogelscheuche, auf den Aufnahmen zu hören sind. Die dunklen Soundscapes, die fragmentarischen fernöstlichen Motive, der Chorgesang erinnern an die Soundästhetik des Ambient, einer Musik, die ausdrücklich als Bestandteil der Umwelt, auf die sie losgelassen wird, aufgefasst werden will. Alles wird zu einem großen Fluss. Es gibt Anklänge an die Pioniere elektronischer Musik, Tracks zwischen Avantgarde und Atonalität, Minimalismus, der als tiefgefrorenes Schaben aufs Maximale ausgereizt wird, lyrische Repetition. Techno not Techno, aufgenommen am 29. Juni 2012 während Goldmanns Künstlerresidenz in der Villa Kamogawa in Kyoto.

****1/2 Albert Koch

JACCO GARDNER

CABINET OF CURIOSITIES

Trouble In Mind/Cargo

Sind so kleine Hände: Barock-Pop, der vom Verlust des unschuldigen Blicks erzählt.

Kinder sind ja so unverstellt. Sind noch nicht deformiert vom Leben. Blicken hinaus in die schnöde Welt und sehen Wunder: Das sind, könnte man jetzt sagen, ein paar arg kitschige Klischees, aber solange es so prima klingt, soll sich Jacco Gardner ruhig an zweifelhaften Stereotypen abarbeiten. Der Mittzwanziger aus den Niederlanden hat mit CABINET OF CURIOSITIES ein Konzeptalbum geschrieben und – bis aufs Schlagzeug – im Alleingang eingespielt, auf dem er ausführlich den Abschied von der Unschuld erforscht. Vielleicht ist es zwangsläufig, dass er dabei musikalisch in den 60er-Jahren gelandet ist. Dort, wo Pop noch seine Naivität besaß, aber schon mit der eigenen Ausdifferenzierung begonnen hatte, findet Gardner nun so schlichte wie wundervolle Folk-Songs, sich an ihrer Komplexität erfreuende Psychedelic-Versuche, nicht vor Schwulst zurückschreckenden Barock-Pop oder einfach nur den Mut, einen ganzen Song lang keinen Gesang, sondern Babyglucksen erklingen zu lassen. Das muss man sich erst einmal trauen. Das funktioniert nur, weil Gardners Liedern eins gemeinsam ist: das Staunen darüber, welch einen großartigen Effekt so ein simpler, guter Popsong für das Gemütsbefinden haben kann.

****1/2 Thomas Winkler

Story ME 5/2013

GUARDS

IN GUARDS WE TRUST

Partisan/Rough Trade

Wenn es Indie-Pop noch geben sollte, dann klang er lange nicht mehr so grandios.

War Indie-Pop eigentlich schon immer so? So euphorisch? So eingängig? So bereit fürs große Stadion? So wie IN GUARDS WE TRUST? Wenn ja: Warum war er dann überhaupt jemals indie? Aber dass sich die alten Definitionsfragen endgültig überlebt haben, ist nicht die Schuld von Guards. Das New Yorker Trio hat einfach das wohl beste Indie-Pop-Album aufgenommen, das im Jahr 2013 möglich ist: Von Cults, wo zwei Guards-Drittel in der Live-Band spielen, hat man die großen, aber immer ein wenig verträumten Melodien mitgebracht, und für den Rest wurde sich überall dort bedient, wo es gut und teuer ist. Die schneidigen Gitarren stammen aus dem Fundus von Franz Ferdinand, die heftiger verzerrten von den Screaming Trees. Die Refrain-Hooks sind auch bei den Black Keys kaum mitreißender und die Tribal-Beats kriegen auch Vampire Weekend nicht grooviger hin. Aber nicht nur die einzelnen Bauteile sind hochwertig, sie wurden auch so versiert zusammengesetzt, dass nahezu ausschließlich Hits entstanden sind. „The future is all I see“, singen Guards, aber Tatsache ist wohl. Das hier ist vor allem eins: die grandiose Gegenwart des Indie-Pop.

***** Thomas Winkler

CD im ME S. 83

GRAFZAHL

DER RÜCKZUG INS PRIVATE

Tumbleweed/Broken Silence (VÖ: 10.5.)

Was vom Punk übrig blieb: knurrige, klein-große Gegenlieder.

Auf einmal wieder unten mit der Vergangenheit: Grafzahl schenkten dem Schreiber dieser Zeilen vor vielen, vielen Jahren einen Sommerhit. Der hieß, nun ja, „Sommerhit“, und schrammelte also irgendwann Ende des letzten Jahrtausends einige Monate lang aus einem alten Audi 80 hinein in den Landkreis Fürstenfeldbruck, bis irgendwann das Tape kaputt war. Jetzt sind Grafzahl also wieder da beziehungsweise: Sie waren nie weg, operierten aber immer in einem Nebenraum des Popgeschehens, der offenbar nicht über Tür und Fenster verfügt und dementsprechend wenig herausließ. Die Texte des neuen Albums DER RÜCKZUG INS PRIVATE sollen sich junge Menschen bitte schön in der U-Bahn untereinander zuraunen, weil da eine ganze Menge kluge Gedanken drin vorkommen. Die aber – und das ist erst recht klug – werden trotz musikalischer, räusper, Weiterentwicklung und einer tatsächlich als solche erkennbaren Produktion durch Guido Lucas nie für das Format Popsong zu sehr zurechtgestutzt. Im Gegenteil, denn auch wenn man in einigen Momenten zarte Ankläge von Vergangenheitsbilanzierung („Nicht immun“) heraushören mag: Hier wurde der Tisch auch noch für Bruder Punk mitgedeckt, hier bleibt das Interesse an der Teilnahme an dieser Gesellschaft eher gering: „Neue Haarfarbe reicht nicht, lieber anderes Land“ heißt es knapp in „Änder‘ deinen Namen“. Dass mit „Kater“ jedoch auch ein Lied auf dem Album herausspringt, bei dem so viel Blues im Spiel ist, dass der Rezensent am Tag der Rezensionsverfassung die Redaktion mit einer Träne im Knopfloch verlassen hat, sei der Vollständigkeit halber noch erwähnt.

***** Jochen Overbeck

KYLE HALL

THE BOAT PARTY

Wild Oats

Das Nesthäkchen des Detroit Techno versucht sich nach fünf Jahren voller EPs an seinem ersten Album.

Glaubt man der Legende, so lernte Kyle Hall Urgestein und Produzenten-Legende Omar-S im Alter von 15 Jahren kennen. Wenige Monate danach hat Omar-S die erste Platte von Hall veröffentlicht, und ein weiteres Jahr später – mit 17 – hatte Hall sein eigenes Label gegründet. Seitdem tauschte der Wonderboy Jugend gegen Jetset, fördert Künstler, die älter sind als er, und ist dem Status als Nachwuchstalent längst entwachsen. Der stampfende, gefilterte und dreckige Techno des 21-Jährigen ist überraschungsarm, aber effektiv – das hat er von Größen wie Rick Wilhite gelernt. Kyle Hall quält die Equalizer, wenn Überreste alter Discotracks ihren Weg in das Trommelfell antreten. Zwischendurch dreht er seine Tracks (wie etwa „Dr. Crunch“) auf links und lässt hören, wie 90 Prozent der anderen Jungspunde sie angehen würden, nur um direkt wieder kehrtzumachen zu seinem Trademarksound. Anders als das zweite Wunderkind des House, Gerry Read, schafft es Hall nur bedingt, ein Gefühl für Albumtracks zu entwickeln. Dafür ist die Angelegenheit zu wüst und unfokussiert. Das soll aber nicht viel heißen. Zu wissen, dass der Mann noch mindestens 20 Jahre lang Platten veröffentlichen wird, und zu ahnen, wo die Reise damit hingehen wird, ist schon sehr viel wert.

**** Christopher Hunold

HERO & LEANDER

TUMBLE

Tapete/Indigo (VÖ: 10.5.)

Pop, der sich so herausputzt, als könnte er jederzeit zum Hit werden.

Für alle, die nicht ganz so sattelfest sind in der griechischen Sagenwelt: Leander durchschwimmt jede Nacht den Hellespont, um bei seiner geliebten Hero zu sein. Das kann natürlich nicht gut ausgehen: Als er in einem Sturm ertrinkt, stürzt sie sich von der Klippe. Die Band Hero & Leander hat sich über eine noch breitere Meeresenge gewagt: TUMBLE, das Debütalbum des englischen Sextetts, erscheint beim Hamburger Label Tapete, das mit Hero &Leander den Schritt zum Großpop riskiert. Einen Song haben sie „Here Comes The Sun“ genannt, aber die Beatles sind nur einer von vielen Einflüssen. Denn hier wird verfahren nach dem Motto: Viel hilft viel. Die Melodien auf TUMBLE sind raumgreifend, die Arrangements ausgefuchst und die Songstrukturen anspruchsvoll. Die Latte liegt hoch, aber alle Zweifel werden mit kräftigen Bläsern einfach weggetutet und von feisten Keyboards zugedeckt. Streicher fehlen natürlich auch nicht und so eine kleine Klaviermelodie passt doch immer noch rein. Nicht alle Songs auf TUMBLE sind Hits, aber jeder einzelne hat sich so herausgeputzt, als müsste er jederzeit damit rechnen, doch noch einer zu werden.

**** Thomas Winkler

Story S. 29, CD im ME S. 83

TALIB KWELI

PRISONER OF CONSCIOUS

Javotti Media/3D/Groove Attack

Er scheint sich im Umfeld des problembewussten Rap eingeengt zu fühlen. Aber dort macht der Mann aus Brooklyn seine besten Platten.

GUTTER RAINBOWS, das letzte Album von Talib Kweli von 2011, war sehr gut. Und das, obwohl es sich um das Resultat eines spontanen Sinneswandels handelte. Eigentlich hatte Kweli vor, das konzeptionell bereits umrissene PRISONER OF CONSCIOUS fertigzustellen, aber dann landeten ein paar Tracks auf einem nicht geplanten Zweitkanal, der plötzlich im Kopf des Künstlers herumflimmerte und am Ende den Vorzug erhielt. Was wir jetzt vor uns haben, ist keine Verlegenheitslösung. Es ist ein großes Statement, in das sich viele Rap-Kollegen, Sänger und Produzenten eingeklinkt haben. In „Come Here“ gastiert Miguel, der letztes Jahr mit KALEIDOSCOPE DREAM ein hervorragendes Album veröffentlicht hat, das im Zuge der Frank-Ocean-Euphorie etwas unterging. Miguel geleitet den Hörer mit seiner an Marvin Gaye erinnernden Stimme in den Soul der 70er. Das jazzige „High Life“ ist eine von vier guten Produktionen von Oh No. Sängerin Melanie Fiona bringt sich mit „Ready Set Go“ in Erinnerung. Unbedingt sei auch auf zwei ans Ende platzierte Tracks verwiesen. Mit „Upper Echelon“ liefert Kweli einen Bericht über den Zustand des HipHop ab, den Producer Harry Fraud klug mit Ur-Electro-Klängen versetzt hat. In „Favela Love“ lässt sich der Brasilianer Seu Jorge zu trippigen Bossa-Sounds grandios gehen. Ganz zum Schluss fordert Kweli auch noch die Befreiung von Pussy Riot. Der Mann trägt das Herz am richtigen Fleck.

****1/2 Thomas Weiland

LITTLE BOOTS

NOCTURNES

On Repeat/Rough Trade (VÖ: 10.5.)

Mit Hilfe von Tim Goldsworthy, Andy Butler und James Ford perfektioniert Victoria Hesketh ihren Disco-Pop.

Scheiß-Rückwärtsgewandtheit der Popmusik. Die ewigen Recycling-Zyklen sind schuld daran, dass Feindbilder irgendwann keine mehr sind – es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich jede Musik durch die Hintertür Zutritt zum Haus des achtbaren Pop verschafft haben wird. Zum Beispiel Little Boots. Ihr 2009 erschienenes Debütalbum HANDS war eine Sammlung von Songs, die mit den richtigen Leuten und mit der richtigen Einstellung produziert wurde, aber von anderen richtigen Leuten als falsch wahrgenommen wird, weil der Dance Pop von Little Boots nun einmal nicht die Vorstellung von Authentizitäts-Verfechtern und Popskeptikern bedient. Vier Jahre später kommt Victoria Hesketh als Little Boots mit ihrem zweiten Album NOCTURNES zurück, produziert und aufgenommen von DFA-Label-Mitgründer Tim Goldsworthy in Bristol; an zwei Songs waren Andy Butler (Hercules And Love Affair) und James Ford (Simian Mobile Disco) beteiligt. Es fällt zunächst auf, dass dem Album im Gegensatz zu HANDS offensichtliche Hits wie „Stuck On Repeat“,“Remedy“,“New In Town“ und „Hands“ fehlen, es aber – trotz gar nicht einmal so kleiner stilistischer Unterschiede zwischen den zehn Songs – viel mehr als Album funktioniert. Trotz der 90er-Jahre-House-Referenzen, Anklänge an 70er-Jahre-Disco und eindeutigen Verweisen auf zeitgenössische, tech-housige Electronica („Broken Record“,“Shake“) ist das Ziel der 29-jährigen Engländerin der perfekte Popsong. Und irgendwann im Verlauf der weiteren Anhörungen von NOCTURNES kommen dann auch die Hits: „Motorway“, „Shake“,“Broken Record“,“Every Night I Say A Prayer“,“Confusion“. Man kann es auch so formulieren: NOCTURNES ist das konsistente Dance-Pop-Album, das Kylie Minogue in ihrer gesamten Karriere nicht gelungen ist.

****1/2 Albert Koch

Story S. 15, CD im ME S. 83

MARK LANEGAN & DUKE GARWOOD

BLACK PUDDING

Heavenly/Coop/Universal (VÖ: 10.5.)

Der Blues-Grunzer ist wieder in seinem Element.

Es gab Leute, die waren mit BLUES FU-NERAL gar nicht zufrieden. Wegen der elektronischen Beats. Das mag verstehen, wer will. Mit Gitarrist Duke Garwood kehrt der venerable Grunzer wieder in sein spartanisch ausgestattetes Stamm-Metier zurück. Die beiden Musiker kennen sich schon länger und haben oft zusammengearbeitet. Garwood steigt mit einem Instrumental ein, das sich irgendwo zwischen Flamenco und „Ghost Riders In The Sky“ einpendelt. In „Mescalito“ ist Lanegan voll in seinem Element. In der gleichnamigen Kurzgeschichte von Hunter S. Thompson geht es um den Meskalinrausch von Raoul Duke. Auch Lanegan soll in seinem Leben schon mit derartigen Substanzen zu tun gehabt haben. Der Drum-Computer scheppert, die Gitarre zieht ihre Kreise und der Sänger vertieft sich in eine Séance. Ein anderes Muss ist „Cold Molly“. Hier weicht das Duo vom introvertierten Weg ab und wendet sich rhythmischem Jazz-Funk zu. Ja, Jazz-Funk. Gerade im Umgang mit dem Unerwarteten offenbart sich die Stärke Mark Lanegans.

**** Thomas Weiland

LL COOL J

AUTHENTIC

Maybach Music Group/Warner

HipHop: Powerballadeske Gruselrefrains treffen auf Plastikbeats.

Authentisch – das kann LL Cool J niemand nehmen. Seit knapp 30 Jahren bleibt er sich treu, macht Bauchmuskeltraining und danach Rapmusik. Auf seinem 13. Studioalbum fügt J dem ewigen Balzen ein lärmendes Lamento über den angeblich verschüttgegangenen Geschmack im Game hinzu. Denn was der Onkel alternativ als Das-ist-noch-echter-HipHop anzubieten hat, taugt maximal zur Fremdscham. Powerballadeske Gruselrefrains treffen auf plakative Plastikbeats der übelsten Sorte, missverstandene Rockismen auf ungelenke Funkversuche und ein abgeschmacktes Rollenbild, das bei einem vierfachen Familienvater Mitte 40 nur noch unangenehm ist: „Hand on my nuts, that’s product placement.“ Aha. Auf der sphärisch wabernden R’n’B-Nummer „Between The Sheetz“ blitzt noch einmal kurz LL Cool Js Talent als verschmitzter Berufsbezirzer auf. Aber spätestens wenn er gemeinsam mit Travis Barker, Tom Morello und – Obacht, echter HipHop – einem Scratch-DJ den Public-Enemy-Klassiker „Welcome To The Terrordome“ als Bühne für ein von niemandem bestelltes Nu-Metal-Revival missbraucht, ist auch das vergessen. Grotesk schlecht.

* Davide Bortot

MAJOR LAZER

FREE THE UNIVERSE

Because Music/Warner

Mehrfach verschoben, nun endlich da: Diplos zweiter Streifzug durch die Welt des Electro-Dancehall-Reggae.

Selten schafft es jemand, ein Konzept so unter Spannung zu halten, dass es auch auf dem zweiten Album noch frisch wie am ersten Tag klingt. Die Teaser-Single „Get Free“ zeigte bereits, dass man im Fall von Major Lazer unbesorgt sein darf. Projektleiter Diplo setzte auf die verführerische Stimme von Amber Coffman (Dirty Projectors) und verstärkte damit das Indie-Element. Dadurch kommt noch mehr Farbe ins ohnehin schon bunte Treiben. Nach wie vor werden dabei Freunde des hypernervösen Mad-Decent-Vibes bestens versorgt. In „Wind Up“ redet sich ein aufgestachelter Elephant Man heiß, begleitet von allerlei Lauten zwischen Zischen, Schnauben, Pfeifen und hoppelnden Beats. Diplo lässt aber auch seinen anderen Interessen freien Lauf. In „Jessica“ verkuppelt er Ezra Koenig (Vampire Weekend) mit einem klassischen Reggae-Groove. Neuentdeckung Wynter Gordon kann sich mit ihrer R’n’B-Stimme in „Keep Cool“ gut gegen den Angriff des boombastischen Shaggy behaupten. Peaches macht in „Scare Me“ zusammen mit Timberlee Electro-Alarm. Diplo baut auch Ruhepausen ein. Das entbehrt nicht einer gewissen Logik. Ein Freiheitskämpfer braucht zur Vorbereitung des nächsten Schlags Momente zum Nachdenken.

***** Thomas Weiland

THE MARY ONETTES

HIT THE WAVES

Labrador/Broken Silence

Mit ihrem Ausflug in den Soft Rock beweisen die Schweden: Toto war gar nicht so schlimm.

Waren Toto doch nicht so schlimm? Mit HIT THE WAVES, ihrem dritten Album, tauchen The Mary Onettes jedenfalls sehr tief in den einst als seicht verschrienen Soft Rock der 80er ein. Ihre Tasteninstrumente hat die schwedische Band vor den Aufnahmen so lange nach Kalifornien in den Urlaub geschickt, dass jetzt nur noch fröhliche Töne aus ihnen herauskommen. Über diesem leinwandbunten Synthie-Sound singt Philip Ekström Melodien, mit denen aus A-ha eine wirklich wahnsinnig gute Band hätte werden können. Bloß ein Saxofon fehlt noch, dann könnten wir auch gleich noch Supertramp rehabilitieren.

**** Thomas Winkler

MISS KITTIN

CALLING FROM THE STARS

Wagram/Indigo

Die Rundumversorgung für eine Nacht auf dem Dancefloor.

Das ist dann wohl die Rundumversorgung für den Partygänger. Gleich zwei CDs hat Miss Kittin gefüllt. Mit der ersten schickt die Schweizerin den Hörer auf den Dancefloor, mit der zweiten gibt sie der anschließenden Ruhephase einen Rahmen. Allerdings könnten die meisten der Tanzboden-Tracks mittlerweile auch im Radio laufen: Nicht nur, weil Caroline Hervé so ausführlich ihrer eigenen Stimme vertraut wie nie zuvor, sondern auch weil sie – abgesehen von einigen prima pumpenden Tracks wie „Life Is My Teacher“ – geschickt die aktuellen Electro-Pop-Konventionen adaptiert. Diesen Willen zum Pop hatte Kittin schon immer, aber dass er nie zuvor so ausgeprägt war, beweist sie nicht nur mit einer Coverversion des R. E. M.-Hits „Everybody Hurts“. Neben japanischen Melodielinien und eingängigen Refrains hört man das vor allem der gepflegten Emotionslosigkeit und den schmucken 80er-Jahre-Synthies an. In Hälfte zwei gibt es die ausgefalleneren Klänge. Gepflegtes Ambient-Wummern wird mit flotten Beats vor der Beliebigkeit bewahrt.

**** Thomas Winkler

MOUNT KIMBIE

COLD SPRING FAULT LESS YOUTH

Warp/Rough Trade (VÖ: 21.5.)

Die Briten erweitern auf ihrem ersten Album für das Warp-Label ihr Referenzspektrum um melodiösen House und Electronica.

Es ist ein verdammt gutes Gefühl, dass es solche Alben noch gibt. Mit denen unfair hohe Erwartungshaltungen verknüpft sind, weil der Vorgänger Standards gesetzt hat – die aber diese Erwartungen dennoch mühelos erfüllen. Wie hätte das großartige Mount-Kimbie-Album CROOKS & LOVERS von 2010 getoppt werden können? Muss es ja gar nicht, wenn es die beiden Londoner nur irgendwie geschafft hätten, an dessen Klasse anzuknüpfen. Und wie ihnen das mit COLD SPRING FAULT LESS YOUTH gelungen ist. Der Opener „Home Recording“ hat schon alles, was es braucht. Kein Instant-Hit, nichts, wofür ein DJ um vier Uhr morgens töten würde. Nein, dafür dieser ruhige, hallende Beat mit Ohrwurm-Gesang und verhuschten Bläserklängen. „Made To Stray“ vollführt das Kunststück, in fünf Minuten von klackerndem House zum Pop-Ungetüm zu mutieren, wenn im letzten Drittel die Vocals dazustoßen. Diese gibt es zwei Mal von King Krule (the artist formerly known as Zookid). Ob elektronischer Lounge-Folk, der an Boards Of Canada erinnert („So Many Times, So Many Ways“), oder ungewohnt harsche Experimente („Slow“), es funktioniert alles auf einem der besten zweiten Alben der vergangenen Jahre.

*****1/2 Christopher Hunold

Story S. 23

SCOUT NIBLETT

IT’S UP TO EMMA

Drag City/Rough Trade (VÖ: 20.5.)

Ein Krisenalbum, was sonst? Die Sängerin stolpert über neun Songs in eine Therapie des Rock.

Es könnte ja alles viel schlimmer sein. Krise, Verlust, Verlassenwerden, Zusammenbrüche. Und dann: Überleben, Hinterfragen, Selbstvertrauen finden, sich neue Wege bahnen. Man kann Scout Niblett auf der Platte stolpern und straucheln hören, um kippt sie in diesem gesegneten Lärm nie. Der ist ihr Heiligtum, ihr Elixier, und die Form, die das Elend unter Kontrolle hält. IT’S UP TO EMMA ist auch nicht die erste Scout-Niblett-Platte, die unter einem dunklen Stern steht, diesmal hat sie drei Schlagzeuger ins Studio geladen, ein Backup-Team, das sich nicht gleich in jeden Blues einmischen muss. Man kann das Therapie nennen, was Scout Niblett hier probt, so ganz allein im Gespräch mit der Gitarre, und immer mit dem sicheren Gespür für die Möglichkeiten, die ihr zur Verfügung stehen: Reduktion, Intensität, Authentizität. Anders betrachtet: eine gute Produktion, Scout Nibletts Songs fahren immer noch und schon wieder unter die Haut. Die Bedrohung ist spürbar von den ersten Zeilen an auf IT’S UP TO EMMA. „And I think I’m gonna buy me a gun, a nice little silver one.“ Was damit passieren kann, lässt Scout Niblett im Ungewissen, über dem Gepolter des Schlagzeugs und den Gitarreneruptionen stellt sie aber auch noch eben klar: „You took your love away from me and I am thankful everyday.“

**** Frank Sawatzki

QUEENS

END TIMES

Dial/Kompakt

Eine Art Auskunftsmusik mit Bezugsquellenangabe: sanfte Drones, kosmische Klänge, John Fahey.

Scott „Queens“ Mou hat schon ein paar Alben und Projekte hinter sich, das bekannteste unter dem Namen Jane an der Seite von Noah „Panda Bear“ Lennox von Animal Collective. Wo Jane ihre Sounderkundungen auf zerschnittene Techno-Beats setzten, arbeitet Mou heute im schwerelosen Raum. Einmal auf END TIMES erinnern die Keyboardschwellklänge an indische Raga-Aufnahmen, im nächsten Track ist es ein vokales Dröhnen, das sich langsam über eine elektronische Fläche bewegt. Weit kommt Queens in diesen Stücken nicht, der Trip ist das Ziel, wohin er geht, interessiert erst einmal nicht. END TIMES ist eine Auskunftsplatte geworden, die zu gleichen Teilen den Versuch einer Standortbestimmung im weiten Feld melancholischer Soundscapes unternimmt und als Bezugsmusik funktioniert, die ihre Quellen offen auslegt: sanfte Drone-Arbeiten, kosmische Klänge, Aufnahmen von John Fahey, die frühen Tracks von Animal Collective.

*** Frank Sawatzki

PARENTHETICAL GIRLS

PRIVILEGE

Splendour/Cargo

Jherek Bischoff produzierte das neue Orchesterpopalbum Zac Penningtons – so schön flattern kann selbst Morrisseys Stimme nicht

Vielleicht verdankt sich der orchestrale Pop der Parenthetical Girls einer Beschränkung. Zac Pennington kann gar nicht Gitarre spielen, wie er einmal verriet. Er ist ebenso wenig in der Lage, ein glückliches Lied zu schreiben, Penningtons vergrübelte Songs verlangten von jeher nach reichlich Luft, in der sich die Stimme des flatterhaften Crooners nach Belieben hoch- und runterschrauben konnte. Das Parenthetical-Girls-Album ENTANGLEMENTS von 2008 war eine Demonstration der Macht ohne eine einzige Machtpose: So klang neue Popmusik unter Ausschluss von klassischen Rock- und Pop-Texturen und -Instrumenten. Ein Album auch, das Twee-Pop und operettenhafte Überzeichnung in einem Akt der Emphase vereinte und heute als eine vergessene Blaupause für eine Reihe leicht überbewerteter Queer-Pop-Platten dasteht. So gut wie auf ENTANGLEMENTS ist Pennington die Gratwanderung zwischen Kitsch und Avantgarde, zwischen Jubel und Depression nie wieder gelungen, obwohl ihm für PRIVILEGE erneut der geniale Jherek Bischoff als Produzent und Arrangeur zur Seite stand. In den Kompositionen Penningtons kann man sich nach allen Seiten verlaufen, in digitale Räume, wo Stimmen verfremdet werden, in wilde Synthesizer-Auen und Skulpturengärten, die voller Streicherkunstwerke stehen, oder gleich in eine Ausstellung, die die Sophistication des 80er-Jahre-Pop zum Thema hat. Im Mittelpunkt: Das verletzte Ich, das über „Death & Endearments“ meditiert. Und wenn Pennington schon nicht Gitarre spielen kann, tut es auf diesem Album eben ein anderer. Der Song „The Pornographer“ könnte für den Beginn einer neuen Schaffensphase Penningtons stehen – Bluesrock in Barock.

**** Frank Sawatzki

VAN DYKE PARKS

SONGS CYCLED

Bella Union/Coop/Universal

Ein Liederreigen, der die amerikanischste aller Verlockungen feiert: den Popsong.

„Hold back time. Don’t talk about tomorrow. Tell that old clock on the wall he’ll just to call it a day. Hold back time when we’re in each others arms.“ Wenn Van Dyke Parks den Song „Hold Back Time“ vom gemeinsamen Album mit Brian Wilson heute singt, dann klingt das beschwingter als 1995. Es ist eine sanft berauschende Musik, die der 70-jährige Arrangeur, Produzent und Texter, Sänger und Pianist aus dieser Zeitschleife in die Gegenwart spielt, in einen aktuellen Liederreigen, der das Ende der amerikanischen Ära mit der amerikanischsten aller Verlockungen feiert, dem Popsong. Oder besser noch: dem Schlager. Lieder, die in ihrem ersten Leben auf einem Vorkriegs-Grammofon gespielt wurden oder einer Vaudeville-Aufführung aus der Imagination des Songwriters zu entstammen scheinen. Parks war ja immer auch ein Retter gefährdeter Musiken, sein Beitrag zur Vollendung von Brian Wilsons SMILE darf in diesem Sinne gelesen werden, sein Interesse an karibischen Percussion-Arbeiten hat Spuren bis auf SONGS CYCLED hinterlassen. „Recycled“ könnte man auch sagen, ohne Böses im Sinn zu haben. Parks bewirtschaftet den Boden der Americana nach seinen Regeln, mit Neuaufnahmen eigener Klassiker („The All Golden“ vom 1967er-Debüt SONG CYCLE), Adaptionen von Traditionals („The Parting Hand“ von 1835), mit Coverversionen („Aquarium“, ein Stück des französischen Romantik-Komponisten Saint-Saëns, das auf dem von Parks produzierten 1971er-Album der Esso Trinidad Steel Band erstmals auftauchte) und aktuellen Kompositionen, die in ihrer kühnen Verspieltheit perfekt auf den SONG CYCLE gepasst hätten. Ein Song über die „Wall Street“ wäre damals vielleicht böser ausgefallen. Parks ist nichts anderes zu unterstellen, als dass er mit diesen Leichtgewichten von Liedern gekommen ist, den Amerikanern die Wunden zu klammern, die 9/11, Bankenkrise und dumme Kriege geschlagen haben. Er macht das ganz nebenbei als Conferencier auf dem Rundgang durch sein Universum. Möglich, dass sich noch ein paar Satelliten auftun, aber das Hauptwerk von Van Dyke Parks scheint hiermit vollendet.

***** Frank Sawatzki

JOHN PARISH

SCREENPLAY

Thrill Jockey/Rough Trade

Nicht mehr als ein Appetizer für die Soundtrack-Arbeiten des PJ-Harvey-Produzenten und -Gitarristen.

SCREENPLAY ist Soundtrack und doch kein Soundtrack. Mehr eine Sammlung von Tracks aus Soundtracks, die dann so unterschiedlich klingen, dass man sie im „Blind Date“ nicht unbedingt ein und demselben Urheber zuschreiben würde. John Parish gilt dem Indierockfan der frühen Jahre immer noch als Mann, der PJ Harvey die Gitarren fürchten lehrte, und das so ziemlich von Anbeginn an, er verlieh ihren Alben als Produzent auch den maßgeblichen Rohschliff, zuletzt LET ENGLAND SHAKE (2011). Sein Œuvre als Soundtrack-Komponist ist weniger bekannt, Parish träumt sich ins Studio von Ennio Morricone mit einer E-Gitarre („The Girls Rehearse“), fährt eine Punkrockcombo für „The Minotaur Pt. 2“ auf und dreht ein paar weniger inspirierte Runden im Keyboard-Äther. Für Patrice Toyes Film „Little Black Spiders“(2012) entwickelte er die Technik der melancholischen Soundwischer. Als Soundtrack der Soundtracks funktioniert SCREENPLAY nicht so recht, man wird das Album als „Appetizer“ für einzelne Filmmusikarbeiten abhaken dürfen.

*** Frank Sawatzki

THE PASTELS

SLOW SUMMITS

Domino/Good To Go (VÖ: 24.5.)

Das Comeback-Album der Glasgower: ein Besuch im Trödelladen des Pop.

Warum erleben wir jetzt in kurzen Abständen die Rückkehr von Pop-Legenden nach gefühlten Ewigkeiten? Müsste man mal David Bowie oder My Bloody Valentine fragen, oder die Pastels. SLOW SUMMITS ist ihre erste Platte seit ILLUMINATION 1997. Die frühen Songs der Indie-Popper aus Glasgow klangen etwas garagiger als die der Kollegen aus dem Shoegaze-Fach, My Bloody Valentine oder Ride. Mit den späteren Veröffentlichungen der Band betraten wir einen Kosmos der Unaufgeregtheit, der nicht mehr in den Wendekreisen von Punk, Postpunk oder Postrock zu liegen schien. Jetzt also das Original-Sixpack mit neun Songs, aufgezeichnet mit einem halben Dutzend Buddys, die für die Intarsienarbeiten am fein geschnitzten Songkorpus ins Studio gebeten wurden (Teenage Fanclubs Norman Blake, To Rococo Rots Stefan Schneider und Ronald Lippok, Craig Armstrong und Produzent John McEntire). SLOW SUMMITS kommt einem Besuch im Trödelladen des Pop gleich. Was so an hübschen Altertümchen aufzugabeln war, haben die Pastels mitgenommen und aufgemöbelt; dabei entstanden zauberhaft dahintrudelnde Lieder wie „Secret Music“ und „Kicking Leaves“ und ein Beinahe-Soul-Song („Check Your Heart“), der im Refrain Petula Clarks „Downtown“ wachruft. Bei dem einen oder anderen Streicherarrangement darf man sich auch fragen, ob die Pastels dereinst Belle And Sebastian beeinflussten oder Belle And Sebastian später die Pastels. Mit SLOW SUMMITS ist den Pastels eine melancholische Anschlussplatte an ihre letzten Aufnahmen gelungen, eine bilderstarke Erinnerungsmusik, die in jedem Moment selbstbewusst im Hier und Heute steht.

**** Frank Sawatzki

PEACE

IN LOVE

Columbia/Sony Music (VÖ: 17.5.)

Dieses Indie-Pop-Friedensangebot irritiert, weil man nicht ganz genau weiß, wo die Neulinge aus Birmingham hinwollen.

Sie fläzen sich auf dem Boden, bedeckt von einem rot gefärbten Tuch. Der Anblick erinnert an die Farbkleckse aus den Tagen, als The Stone Roses im Pop alles waren. Auch musikalisch geht einiges in Richtung des ManchesterBaggy-Rave. Im Falle von „Higher Than The Sun“ schon dem Titel nach. Für „Follow Baby“ und „Waste Of Paint“ haben Peace kräftig Grooves angerührt. Das bedeutet aber nicht, dass die Band ein eindeutig umrissenes Revival ansteuert. Auf ihrem ersten Album lassen sie nichts unversucht. Insel-Reporter sehen Vampire Weekend und Foals als wichtigen Ausgangspunkt, was angesichts von „Wraith“ und „Bloodshake“ hinkommt. „Toxic“ hört sich gar nicht nach Friedensstiftern, sondern nach rebellischen Libertines an. Für „Sugarstone“ haben sich Peace bei den späten Beatles bedient. Manchmal tragen sie auch komplett Uncooles wie in der Ballade „Float Forever“ zur Schau. Hier merkt man, dass sich diese Grünschnäbel im Zweifelsfall auch mal auf was von Sting einigen können. Genau, Sting. Kann man Peace so eine Chance geben? Klar. Sie sind gerade erst von der Schule in ihren Plattenvertrag gestolpert. Und Blur waren ja auch erst später die Besten.

**** Thomas Weiland

Story S. 28

PORTUGAL. THE MAN

EVIL FRIENDS

Atlantic/Warner (VÖ: 31.5.)

Nerd-Pop für Fortgeschrittene auf dem Album Nummer sieben.

Nach Ansicht der amerikanischen Plattenfirma ist dieses Album ein solches Meisterwerk, dass es einer ähnlich strengen Sicherheitspolitik unterliegt wie ein Staatsbesuch von Präsident Obama. Sprich: Ohne Aufsicht und Kontrolle geht hier gar nichts. Was unfreiwillig komisch ist – wenn es nicht so traurig und absurd wäre. Denn Portugal. The Man haben so viel mit der Corporate Musikwelt zu tun wie ihre Songs mit Chartskompositionen. Mehr noch: Unter der Regie von Brian „Danger Mouse“ Burton lässt das Quintett aus Portland, Oregon, seinem kreativen Wahnsinn freien Lauf, kümmert sich nicht um Konventionen, sondern agiert in seinem Paralleluniversum. Dort gibt es permanente Stil- und Tempowechsel und abenteuerliches Instrumentarium (Xylofon, Piano, Saxofon, Keyboards, Streicher, Gitarren) sowie nerdig-entrückten Gesang. Damit beschreiten Portugal. The Man auf EVIL FRIENDS einen Zwölf-Song-Parcours zwischen Weirdo-Pop, Akustik-Folk und Prog-Rock, geben sich mal minimalistisch, mal tief romantisch und episch, aber -und das ist das Irre – immer klingen diese Songs eingängig und melodisch. Die Lieder fürchten weder Pathos, Bombast noch Größenwahn. Das ist Pop, der keiner sein will – und gerade deshalb unwiderstehlich ist.

****1/2 Marcel Anders

PRIMAL SCREAM

MORE LIGHT

Ignition/Indigo (VÖ: 10.5.)

Nicht die allseits erhoffte „Return To Form“, aber immerhin machen die Glasgower auf ihrem zehnten Album Saxofonrock cool.

„Mehr Licht!“ sollen angeblich – hoch umstritten – die letzten Worte Johann Wolfgang von Goethes gewesen sein. Mehr Licht hatten sich nach dem letztem Primal-Scream-Album auch die Fans der Band aus Glasgow gewünscht: Der als oberflächlich missverstandene Pop-Wurf BEAUTIFUL FUTURE aus dem Jahr 2008 wurde weitläufig geschmäht und fristet heute ein Schattendasein im Werk der Genre-Hüpfer. Die Kritik mag die an sich nicht so leicht zu beeindruckende Band dann doch irritiert haben: In den fünf Jahren seither gaben sich die fortschrittsversessenen Primal Scream konservativ. Bassist Mani kehrte zu seinen Stone Roses zurück, der Rest der Truppe ging mit seinem 20 Jahre alten Meisterwerk SCREAMADELICA auf Tournee. Erstaunlicherweise profitierte die Band von dieser Rückbesinnung: Selten dürfte die Welt eine so elektrisierende Oldie-Show gesehen haben. Opener und Leadsingle des zehnten Primal-Scream-Studioalbums MORE LIGHT versucht nun, diese Kraft zu bewahren. „2013“ ist ein neunminütiges Prog-Pop-Stück mit einem sich sofort einbrennenden Saxofon-Hook (oh ja, Saxofon – Feinde dieses Instruments mögen sich von dieser saxofondurchsetzten Platte fernhalten) und einer kreischenden Gitarrenfigur von Kevin Shields (My Bloody Valentine) im Refrain. Leider kann der Text dazu nicht mithalten: „Punkrock came and went and nothing changed, was it just a pose?/What happened to the voices of dissent? Getting rich I guess.“ Gähn. Von „einem“ Bobby Gillespie erwartet man sich einfach mehr Vision, mehr Licht. Das Album bleibt zwiespältig: Jede Großartigkeit wie das Disney-Sinfonien in Voodoo-Country einarbeitende „River Of Pain“ gleicht eine Banalität wie „Sideman“ aus. Zum Schluss wird es dann sogar ärgerlich: „It’s Alright, It’s OK“ ist SCREAMADELICA-Malennach-Zahlen – welches das so aufrührerisch beginnende Album dann mit einem „Ooh la la, it’s alright“-Chor beendet. Eine von der Plattenfirma in Auftrag gegebene Arbeit nach der erfolgreichen Nostalgietour? Spekulation. Ebenso wie die Frage, ob diese Band jemals wieder in der Lage sein wird, ein Album zu veröffentlichen, das sich mit dem einstigen Standardniveau von VANISHING POINT oder XTRMNTR messen lassen kann.

*** Stephan Rehm

CD im ME S. 83, Fotoalbum ME 5/13

RETRO STEFSON

RETRO STEFSON

Les Fréres Stefson/Rough Trade

Das dritte Album der Genre-Bender aus Island: gewohnt eklektisch und eine Spur elektronischer.

Von Berlin und dem hiesigen Arm der Plattenfirma Universal haben sich Retro Stefson getrennt. Vielleicht war’s auch umgekehrt, aber so klingt es hübscher. International ist die Band geblieben, die mit dem ganzen Steine-Trolle-Feen-Geysire-Kram, mit dem isländischer Pop so gerne herbeierklärt wird, nie etwas zu tun hatte: Weggegangen wird nicht mehr in Moabit, sondern in London. Und in erster Linie Drake und The Weeknd, so ließen sie ausrichten, hätten sie vor den Aufnahmen dieser Platte gehört. In der Tat gibt es einige Momente, in denen die Synthies sich bei ähnlichen Referenzen bedienen. Der Unterschied ist jedoch, dass sie bei den Isländern eher Beiwerk sind, das den altbewährten Mix der Band schmückt: Die werfen nach wie vor alles in einen Topf, egal ob es zusammenpasst. Afro-Funk, sehr softer Softpop, Steely Dan, Kraut, Schweinerock: All das wird vermengt und mit meist solider Kickdrum aufgehübscht. Die sorgt dafür, dass eine gewisse Geschlossenheit eingekehrt ist, was keineswegs mit Langeweile verwechselt werden soll: Songs wie „She Said“ und „Glow“ sind bis in die Haarspitzen potente Pop-Ohrwürmer.

**** Jochen Overbeck

JOHN ROBERTS

FENCES

Dial/Kompakt (VÖ: 27.5.)

Electronica: Auf seinem zweiten Album collagiert der Amerikaner Samples, manipulierte Aufnahmen und Live-Instrumente zum großen Ganzen.

GLASS EIGHTS, das Debüt von John Roberts, hatten wir im Herbst 2010 noch in die Deep-House-Schublade gesteckt – aus Mangel an einem passenderen Begriff. House war als Housenummer zu verstehen, als Annäherung an eine Musik, die viel mehr bereithält, als das Genre vermuten lässt, in dessen Nähe man sie stellt. Zweieinhalb Jahre später kommt FENCES, das zweite Album des Amerikaners in Berlin. Nicht, dass man zu den Tracks, die oft auf einem vertrackten Beat vorausgaloppieren („Palace“, Mussels“), nicht vielleicht auch tanzen könnte, aber sie haben noch einiges mehr auf Lager. Roberts collagiert Samples, manipulierte Aufnahmen und Live-Instrumente zu einem größeren Ganzen, das man nicht unbedingt schlecht finden wird, wenn man die Musik der britischen Post-Bassmusiker und der amerikanischen Neo-IDM-Acts zu schätzen weiß. Der Ursprung der Sounds bleibt meist im Verborgenen – oder ist das vielleicht doch ein Cello, das die melancholische Melodie in „Calico“ spielt? Wir hören Anklänge an die Minimal Music, analoge Synthesizer, immer wieder fernöstliche Strukturen, Schichten von Sounds und Beats, die miteinander konkurrieren und ein polyrhythmisches und – melodisches Spektakel entfachen, das nicht selten die Linie zur Avantgarde überschreitet. Dass FENCES genau wie sein Vorgänger auf dem stilistisch nach oben offenen Hamburger Dial-Label erscheint, sei nur am Rande erwähnt.

****1/2 Albert Koch

SANDWELL DISTRICT

FABRIC 69

Fabric/Rough Trade

Ein DJ-Mix, mit allen Basslines und HiHats gewaschen.

Niemand sollte die jüngsten Darreichungen der New Yorker Underground-Heroen mit popassoziierter Schmonz-Verbalistik in Verbindung bringen, aber das Wiederaufleben der Tätigkeiten um das ehemalige Label Sandwell District gleicht durchaus einem Mini-Revival. Nach ihrem gemeinsamen, famosen Debütalbum von 2010 durften wir erst kürzlich in das Sci-Fi-Erstlingswerk von Dave Sumners (Function) eintauchen. Und die Inkubation hat gerade erst begonnen: Gemeinsam mit Karl O’Connor (Regis) ist ein 30-Tracks-Mix entstanden, der die Wichtig- und Notwendigkeit des Kollektivs für „contemporary techno“ düster unterstreicht. Hunderte Male wurden die Picks von u. a. Carl Craig, Factory Floor, VCMG und Laurent Garnier überarbeitet und mit Edits versehen. Alles nur, um dem Beton-Klangbild des Duos zu entsprechen. Es ist beeindruckend, zu hören, wie die beiden nicht nur zwei, sondern meist drei bis vier Tracks ineinander layern – man verzeihe die Floskel, aber das ist ein Mix wie aus einem Guss. Ob das deepe Wellblech-Brett „Detune“ der Kanadierin Mary Velo, der galoppierende Bass-(Alb-)Traum „Motion The Dance“ von Hemlock-Chef Untold oder die Drone-infizierte Narration von Surgeon – alles ordnet sich gespenstig genau dem Diktat der Düsternis unter. Ein Monster von einem Mix.

***** Sebastian Weiß

SHE & HIM

VOLUME 3

Double Six/Domino/Good To Go (VÖ: 10.5.)

Popsongs, die an die Zeiten erinnern, als Uuuhs und Aaahs an der Tagesordnung waren.

Girl Group trifft Boygroup? Nein, nicht ganz. Aber unternehmen wir mit Zooey Deschanel und M. Ward einen Saturday Night Drive in die Welt des Pop, ziehen all die evergreenen Teenager-Träume und -Dramen an uns vorbei: „Never Wanted Your Love“, „I Could Have Been Your Girl“, „Somebody Sweet To Talk To“, „Hold Me, Thrill Me, Kiss Me“, „Together“ „Shadow Of Love“. Aus diesen sechs Songtiteln ließen sich im Handumdrehen sechs weitere beliebig neu zusammensetzen, Songs, die vom Glück und von der Schwere des Erwachsenwerdens erzählen. Vielleicht doch: Girl meets Boy. She &Him: die Schauspielerin aus den Celebrity-Blogs und der Blues-Liebhaber und Songwriter aus Portland, Oregon kratzen mit diesen 14 Songs den Bodensatz des Pop richtig hübsch aus der Jukebox frei, sie schweben auf Uuuhs und Aaahs und Streicherwolken und lassen nur ahnen, dass man die Ruhe weg haben muss, um solch herzzerreißende Melodien zu schreiben. Oder ist es die aktuelle Rolle von Zooey Deschanel als Sitcom-Star in „New Girl“, die ein bisschen nachgeholfen hat? Die den Zungenschlag der Diseuse auf VOLUME 3 bestimmt? Noch ein Versuch: Mädchenmusik trifft auf Brill-Building-Produzentenkompetenz. Und ein Blondie-Cover ist mit „Sunday Girl“ auch noch drauf.

**** Frank Sawatzki

SAVAGES

SILENCE YOURSELF

Pop Noire/Matador/Beggars/Indigo

Die seriöseste Postpunkband der letzten Jahre mit der kalten Rastlosigkeit von Siouxsie und Joy Division.

Wenn wir auf die Straße gingen und uns bei Passanten erkundigten, was denn Postpunk sei, käme das ungefähr der weit offenen Frage gleich: „Was ist eigentlich moderner Fußball?“ Auf dem Mist des Post- oder Post-Post-Punk ist ein vages Verständnis von Rockmusik gewachsen, das so gut wie jede Indie-Gitarrenband von den 1980er-Jahren an aufwärts verinnerlicht hat. Manchmal ist Postpunk auch alle Musik nach Punk. Im besseren Fall, und damit wären wir bei Savages, steht Postpunk für die Kraft der Erneuerung, für eine Energie, die sich aus der Depression speisen kann, für eine Verachtung des Männlichkeitswahns im Rock, wie Simon Reynolds in seinem Standardwerk „Rip It Up And Start Again“ schreibt. Mit diesem Debütalbum ziehen wir mit Savages noch einmal über die Ruinenfelder des Punk, und es muss nicht verschwiegen werden, dass SILENCE YOURSELF in seiner kalten Rastlosigkeit an die frühen Aufnahmen von Siouxsie And The Banshees, Joy Division und einer weniger bekannten Band wie Penetration erinnert. Das All-Girl-Quartett aus London ist in jeder Sekunde zur Stelle, dieses Getriebenwerden in Form zu bringen, in sägende und bohrende Dreiminutensongs mit massiven Gitarren und Bassgrollen zu lenken, Songs, die aus lauter beschädigten Leben berichten: „You have no face“, singt Jehnny Beth an einer Stelle und das klingt so aufgewühlt, als wolle sie ihren eigenen Gesichtsverlust zu Protokoll geben. Die Schadensmeldungen sind auch instrumentalen Passagen zu entnehmen, im rätselhaften Soundfragment „Dead Nature“ liegen die Klänge schon am Boden. Das wäre dann das lose Ende des Postpunk.

****1/2 Frank Sawatzki

SOUNDTRACK

SOUND CITY – REAL TO REEL

RCA/Sony Music

Der Soundtrack zu Dave Grohls Regiedebüt – ein Who is Who der klassischen und modernen Rockmusik.

Er hätte es sich leicht machen und Klassiker der Rockgeschichte verwenden können. Die Musik der Musiker und Bands, die in „Sound City“, seiner Doku über das gleichnamige Tonstudio im kalifornischen Van Nuys, auftauchen. Doch Dave Grohl wählt den schweren, interessanten und vorbildlichen Weg: Er bittet (fast) alle Beteiligten in sein eigenes 606 Studio, schmeißt das analoge Neve-8028-Pult aus dem Film an und jammt drauflos – um anhand von elf Beispielen zu zeigen, wie viel Spaß Rockmusik macht, was für magische Momente beim Zusammenspiel entstehen und wie vielseitig das Ergebnis klingen kann. Ganz gleich, mit wem Grohl vor dem Mikrofon steht, es klingt abwechslungsreich, intensiv und Gänsehaut erzeugend: Psychedelic mit Black Rebel Motorcycle Club, Westcoast-Pop mit Stevie Nicks, Hardcore-Punk mit Fear-Sänger Lee Ving, Akustik-Folk mit Josh Homme und Chris Goss oder die Allstar-Band aus Paul McCartney und den verbliebenen Nirvana-Mitgliedern. Was Grohl und Co. sich hier aus dem Ärmel schütteln und frei improvisieren, ist großes Kino. McCartneys heftigste Performance seiner Karriere.

**** Marcel Anders

SPORTFREUNDE STILLER

NEW YORK, RIO, ROSENHEIM

Vertigo/Universal (VÖ: 24.5.)

Die Sportis tun, was alle erfolgreichen Rockbands machen: immer weiter.

Das Problem liegt auf der Hand: Die Sportis, wie sie heute jeder Deutsche nennen darf, können sich nicht entscheiden, ob sie wie die Toten Hosen altern möchten oder wie Die Ärzte. Einerseits wechseln sie auf dem sechsten Album mühelos von Stadionballaden wie „Applaus, Applaus“ zu feuchtfröhlichem Stimmungsrock wie „Unter unten“: „Unter uns und unter unten ist noch jede Menge Platz!“ Unter ihrem Niveau nämlich. Man hört die Festivalbesucher schon in leere Becher grölen. Andererseits: Die Sportis wären auch gern rockende Komiker, die jeden ihrer Stadionsongs in ungezwungener Ironie auflösen. Es fängt an mit einem listigen Zitat („Hey hey, my my. Selbstkritik will never die!“), geht weiter mit kokettem Indie-Schrumms („Ich hab mal wieder keinen Hit geschrieben, dafür schwob ich auf Wolke sieben“) und hört noch nicht auf mit einer NDW-Satire („Let’s did it! Bist du am Limit! Stopp deinen Hirnfick! Und tanz mal hier mit!“). Einen Song nennen sie „Clowns &Helden“, und das ist dann so ein Witz, der nur in seiner traurigen Wahrheit lustig ist. Auch „Purple Schulz“ hätte gepasst. Die Sportis waren ja schon mit LA BUM, dem letzten Al Bum, mittendrin in unserer aufgeräumten deutschen Poplandschaft, als Band des „Sommermärchens“, auch weil Peter Brugger immer schon so gut gelaunt nicht singen konnte. NEW YORK, RIO, ROSENHEIM ist der Beweis, dass Musiker aus dieser Mitte nur wieder herauskommen, wenn sie sich Mühe geben.

** Michael Pilz

MARQUES TOLIVER

LAND OF CANAAN

Bella Union/Coop/Universal

Soul-Barock: Der Sänger und Violinist lässt seine Songs in fein austarierten Streicherarrangements aufleuchten.

Da will noch schnell eine „Popstar im Anflug“-Geschichte ausgebrütet werden: Marques Frank-Juan Toliver hat klassische Violine studiert und jahrelang als Straßenmusiker rumgemacht. Der in Florida geborene und in London lebende Sänger erfuhr sodann eine wunderbare Werbekampagne durch Popsirene Adele, die sich obsessiv mit seiner Musik beschäftigt und dies gebührend kundtat. Der 26-Jährige hat schon mit Grizzly Bear, TV On The Radio und Bat For Lashes gespielt und begleitete James Blake auf dessen Europatour. Wir werden nicht mehr lange auf die erste Yellow-Press-Story vom „Violinenwunder aus den U-Bahnschächten“ warten müssen. Davor aber steht LAND OF CANAAN, das hochintensive Debüt eines Songwriters, der klassische Soul-Tugenden mit dem feierlichen Gestus eines Barock-Künstlers verbindet. Tolivers Stimme kurvt prächtig durch opulent ausgestattete Streicherräume und nimmt im Handumdrehen die Harmonien mit, die wir von den Großen des Genres kennen. Mit Tolivers Album blättern wir das Geschichtsbuch des Soul auf und lauschen doch einem Sänger, dessen Flehen und Barmen zwischen all den Arpeggien und Pizzicati neue Orte auf der Landkarte des Pop besetzt – bis zum Gospel-Finale „Find Your Way Back“.

****1/2 Frank Sawatzki

ERNSTALBRECHT STIEBLER

TON IN TON

m=minimal/Kompakt (VÖ: 13.5.)

Der spät entdeckte Komponist im Grenz bereich von Kammermusik, Elektroakustik und Elektronik.

Es besteht ein nicht ganz unwesentlicher Unterschied zwischen der Mehrheit der vorwärtsgewandten Musiker aus Rock und denen aus der Neuen Musik. Erstere verfallen – wahrscheinlich nach einem noch nicht näher erforschten Naturgesetz – nach ihrer Sturm-und-Drang-Phase in eine Art Altersmilde, die einen deutlich hörbaren Einfluss auf ihr Spätwerk nimmt. Hat da jemand „David Bowie“ gerufen? Die Vertreter der Neuen Musik bleiben in der Regel bis ins hohe Alter hinein der Forschung und Abenteuerlust verpflichtet wie in ihren Anfängen vor vielen Jahrzehnten. Wobei wir bei Ernstalbrecht Stiebler wären. Der 1934 in Berlin geborene Komponist wurde im vergangenen Jahr mit dem Album ERNSTALBRECHT STIEBLER, das auf dem Berliner Label m=minimal veröffentlicht wurde, auch jenseits der inner circle der Neuen Musik und Avantgarde ein Begriff. Wobei die Veröffentlichung symptomatisch für m=minimal ist, weil sich das Label allen minimalistischen Avantgarden verpflichtet fühlt, egal, wo sie auch herkommen. Das titelgebende „Ton in Ton“ aus dem Jahr 2011 wurde mit dem Frankfurter Ensemble Modern eingespielt. Für 23 Minuten werden die Grenzen zwischen Kammermusik, Elektroakustik und elektronischer Musik unkenntlich gemacht. Es ist ein mit Reduktion und Pausen „angefüllter“ Fluss aus dekontextualisierten Instrumenten. Musik, die sich nicht aufdrängt, allerdings die Auseinandersetzung des Hörers einfordert. Zwei Kompositionen für Orgel in der Interpretation von Hans-Peter Schulze stützen die Eingangsthese vom ungetrübten Forscherdrang des Komponisten. Das dreiteilige „Torsi“ aus dem Jahr 2002 steht „Betonungen“ von 1968 entgegen. 34 Jahre liegen zwischen diesen beiden Stücken. Auch hier bleibt das Instrument chiffriert, codiert, dekonstruiert. Ernstalbrecht Stiebler erkundet die Räume zwischen den Tönen, der 34-jährige Komponist und seine 68-jährige Inkarnation sind nicht voneinander zu trennen.

****1/2 Albert Koch

TRICKY

FALSE IDOLS

False Idols/!K7/Alive (VÖ: 24.5.)

TripHop: Tricky will nicht mehr Teil der schwachsinnigen Musikindustrie sein, schwächelt nun aber selber.

Tricky und die Frauen. Schon auf seinem Debüt MAXINQUAYE (1996) bildete eine Sängerin das Pendant zur dunklen Stimme des Musikers aus Bristol. Zu der Zeit stand ihm seine damalige Freundin Martina Topley-Bird zur Seite. Später, da war Tricky schon einer der prägenden Protagonisten der TripHop-Szene, folgten u.a. Kioka Williams und die Italienerin Constanza Francavilla. Nun heißen die Gastvokalistinnen Francesca Belmonte und Fifi Rong, beide hat er für sein neues Label unter Vertrag genommen, das diesem Album auch den Namen FALSE IDOLS gibt. Mit der Nigerianerin Nneka kommt noch eine dritte Frauenstimme dazu. Das Gegengewicht bilden Tricky und Peter Silberman von den Antlers. Das zehnte Album des Engländers beginnt mit der vertrauten Textzeile „Jesus died for someone’s sins but not mine “ Der „Somebody’s Sins“ benannte Song ist ein Cover des Them-Stücks „Gloria“. Die Textzeilen am Anfang aber basieren auf einem Gedicht von Patti Smith, das die „Grandmother Of Punk“ vor ihrer Karriere als Musikerin schrieb, um es dann auf ihr Debüt HORSES als Opener zu packen. Der extrem karg arrangierte Song mit seinen verschleppten Beats führt sanft in ein Album, das alle Facetten aus dem musikalischen Leben von Tricky bietet. „Nothing Matters“ ist klassischer TripHop mit Ragga-Elementen, „Valentine“ – durch das der Geist von „My Funny Valentine“ weht – klingt mondän, „Bonnie & Clyde“ groovt durch düsteres Unterholz. Dagegen hört man auf „Is That Your Life“ funky Beats und in „Tribal Drums“ vermischen sich Trommelschläge mit Psychedelia. Es hat schon stärkere Momente in der Diskografie von Tricky gegeben.

*** Sven Niechziol

TYLER, THE CREATOR

WOLF

Odd Future/Columbia/Sony Music

Das HipHop-Großmaul aus L. A. zeigt sich auf seinem dritten Album als großer Geschichtenerzähler.

Ganz sicher ginge es zu weit, zu behaupten, Krawallrapper Tyler, The Creator, „Fucking Walking Paradox“ des Gegenwarts-HipHop, wäre erwachsen geworden. Und doch klingt WOLF reifer als die Vorgängeralben. Musikalisch, wie textlich setzt es da an, wo das Erfolgsalbum GOBLIN vor zwei Jahren endete. Wieder sind die Raps rau und beleidigend, misanthropisch und sexistisch. Doch der mittlerweile 22-jährige Mastermind von Odd Future, arbeitet sich auch an eigenen Neurosen ab: „Papa ain’t call even though he saw me on T.V.“, rappt er in „Jamba“. Zwischen den tiefsitzenden „Daddy Issues“, dem Hadern mit dem Tod seiner Großmutter und dem zwiespältigen Verhältnis zum eigenen Ruhm zeichnet Tyler ungeheuer vielschichtige Szenarien. In den besten Momenten macht ihn diese Inszenierungswucht zu einem großen – vielleicht dem größten – Fabulierer der amerikanischen Aufsteiger-Wirklichkeit seiner Generation. Düstere Raps schleudert er über Upbeat-Klangbetten und polyrhythmische Hi-Hats hinweg. Klirrende Synthesizer treffen auf Jazzakkorde wie in „IFHY“ und der tosende Sound der Singleauskopplung „Domo 23“ überrascht mit lautem Einsatz von Hörnern. Schwindelerregend und nicht minder beeindruckend ist aber vor allem der erzählerische Balanceakt, den Tyler zwischen launenhaften Crash-Kid und jungem Erwachsenen vollzieht: zwischen den HipHop-prototypischen Narrationen von Dollarbündeln, Sex und Drogen und Selbstreflexion. Die Musik von Tyler, The Creator ist immer beides: Orgie und Therapie. Betrachtet man die bisherigen Alben als Dreiphasen-Seelenklempnerei, dann erscheint WOLF als Versuch die Konflikte zu lösen, die BASTARD im Jahr 2009 auf den Plan rief und GOBLIN zwei Jahre später in aller Respektlosigkeit zelebrierte. Die Frage, was danach noch kommen kann, dürfte in seinem Fall mehr als spannend sein.

****1/2 Annett Scheffel

Covervisionen ME 5/13

VISAGE

HEARTS AND KNIVES

Blitz Club/PIAS/Rough Trade (VÖ: 24.5.)

Jetzt feiert auch noch Stefan Seltsams oller New Romantic Club seine Revivalparty.

Als Türsteher des Londoner Blitz Clubs, der Wiege des New Romantic, als Style-Muse von David Bowie in dessen Weißclown-Phase und als Visage von Visage war der Sänger Steve Strange weitaus einflussreicher als als Musiker. Doch gelang es dem Zampano Ende der 70er-Jahre, Mitglieder von Bands wie Ultravox und Magazine um sich zu scharen. Mit diesem Personal ließ sich zumindest ein ordentliches Albumdebüt sowie ein Synthie-Pop-Klassiker aufnehmen: „Fade To Grey“. Der Rest der letztlich tragischen Strange-Geschichte war dann eher was für den britischen Boulevard. Aber weil sie eben alle zurückkommen, erscheint nach 29 Jahren Wartezeit nun tatsächlich das vierte Album von Visage. Es gibt nichts, was diese Platte als ein Produkt des 21. Jahrhundert ausweisen würde. In Sachen analoger Synthesizer-Sound, stoisch vor sich hin staubendem Studioschlagzeug und durchs Flanger-Effektgerät fauchende Leadgitarren schließt sie direkt an das bisherige Werk der Band an. Leider an die Phase, in der Visage schon die Melodien und jeder Biss abgegangen waren. Diesen Teil der Geschichte will nun wirklich niemand wiederholt kriegen.

** Oliver Götz

ANDREW WYATT

DESCENDER

Downtown/Coop/Universal

Der Sänger von Miike Snow, Songwriter und Produzent zelebriert auf seinem ersten Solo-Album den überlebensgroßen Orchesterpopsong in der Tradition Scott Walkers.

Was haben Bruno Mars, Carl Barât und Mark Ronson gemeinsam? Nicht viel, aber eben doch, dass sie in den vergangenen Jahren die Dienste von Andrew Wyatt als Songwriter und Produzent in Anspruch genommen haben. Dabei muss man sich Wyatt jetzt nicht als einen Industrieproduzenten vorstellen, der mitnimmt, was ihm in die Mailbox gelegt wird. Musikalisch leichter verorten lässt sich Wyatt über seine Band Miike Snow, ein der Melancholie verpflichtetes Pop-Unternehmen der ambitionierten Art. Für sein Solo-Debütalbum DESCENDER hat Wyatt jetzt ein komplettes Sinfonieorchester engagiert, das ihm Streicherwinde und verspielte Klangkaskaden serviert – ein fein geschmückter Resonanzraum, in dem des Sängers zartes Crooning leicht verhallt so wunderbar zur Geltung kommt. Ab und an drehen die Musiker der Prager Philharmonie ein paar Extrarunden, einmal dürfen die Streicherklänge ins Atonale driften, über das Gros des Albums aber zelebriert Wyatt den Popsong als das überlebensgroße Ding, als das Scott Walker ihn einmal für sich entdeckt hat. Wer Lieder wie „Harlem Boyzz“,“It Won’t Let You Go“ und „And Septimus “ schreiben kann, muss sich vor solchen Vergleichen nicht verstecken, DESCENDER steht in diesem Jahr und vollkommen überraschend als Solitär seiner Art da.

****1/2 Frank Sawatzki