PLATTEN

„MUSIC MAKES THE PEOPLE COME TOGETHER“

„Music“, Madonna, 2000

Betr.: Die Musik „heutzutage“ Wer die „gelben Seiten“ der aktuellen Ausgabe durchblättert, wird nicht umhinkönnen festzustellen: Beim Juli haben wir es mit dem qualitativ bisher besten Monat des laufenden Musikjahres zu tun. Das spiegelt sich auch im „Krieg der Sterne“ wider. Selbst THE VISITOR, das neue Album von Matias Aguayo, das auf dem neunten Platz gelandet ist, hat (aufgerundet) eine Durchschnittswertung von vier Sternen erhalten. Da freut sich wahrscheinlich nicht nur Plattenmeister Koch

ACID WASHED

HOUSE OF MELANCHOLY

Record Makers/Alive (VÖ: 14.6.)

Electronica: Diese gerne versteckt arbeitenden Produzenten verringern die Zahl der 80s-Zitate zugunsten von elektronischen Träumereien.

In einem Monat, in dem sich immer noch alles um ein gewisses französisches Duo dreht, sollte man nicht vergessen, dass es bei unseren Nachbarn noch mehr Künstler gibt, die auch ihre Erinnerungsgänge zelebrieren. Acid Washed sind Andrew Claristidge und Richard d’Alpert. Vor drei Jahren erschien ihr Debütalbum, mit dem sie ihre Eindrücke aus den Achtzigern verarbeiteten. Sie erkundeten den kosmischen Disco-Vibe, koppelten einen an Billy Squier angelehnten Beat mit einem Miss-Kittin-Sprechgesangspart und lieferten eine Version von „The Rain“ ab (Oran „Juice“ Jones). Mit dem Nachfolger haben Acid Washed ihr Repertoire erweitert. Im souligen Gesang von „Fire’n’Rain“ steckt der Geist des Deep House. Für „Golem’s Dance“ versetzen sie sich in Trance. „Prince Acid“ ist ein weiterer Beweis für die Melancholie, die bei Acid Washed mitschwingt. Es ist schon verrückt mit den Franzosen. Sie wollen mal durchdrehen und können sich mal mies fühlen. Aber selbst dabei verlieren sie nie ihr Gefühl für Wärme.

****1/2 Thomas Weiland

ADULT.

THE WAY THINGS FALL

Ghostly International/Alive

Das Elektro-Duo aus Detroit setzt auch nach Beendigung einer längeren Pause auf trockenen Sound und schmerzvolle Erfahrungen.

Mit ihrem Klassiker ANXIETY ALWAYS haben sich Nicola Kuperus und Adam Lee Miller nicht gerade zu Fürsprechern zwischenmenschlicher Harmonie gemacht. Sie empfahlen einen gepflegten Tritt gegen das Schienbein. Es ging um zugeklebte Augenlider, blutende Nasen und nervliche Wracks. Überall lauerten Gefahrenmomente, sie machten Adult. Anfang der Nullerjahre zur Ausnahmeerscheinung. An ihrem Status hat sich nichts geändert. Kuperus und Miller sind immer sie selbst geblieben und haben nie Nutzen aus etwas Profanem wie dem Elektro-Hype gezogen. Jetzt kommen sie mit einem Album zurück, auf dem es mehr um emotionalen Schmerz geht. Um gebrochene Herzen, neue Frustration, die alte Lüge Liebe und die Aussicht, dass nichts ewig hält. Kuperus erzählt davon mit gefrierender Stimme. Miller greift zu analogen Synthesizern und kreiert einen minimalen und staubtrockenen Sound. Die Mischung aus beidem funktioniert auf hohem Level. Kein Song ist überflüssig.

***** Thomas Weiland

MATIAS AGUAYO

THE VISITOR

Comeme/Kompakt (VÖ: 24.6.)

Psychedelia, No-und New Wave, Ahnungen von Techno und House. Der Chilene hat die archaischen Rhythmen, die er für sein letztes Album AY AY AY freigelegt hat, durchgemischt und neu angeordnet.

AY AY AY, was hatten wir das letzte Album von Matias Aguayo 2009 abgefeiert als Rückführung der elektronischen Musik auf ihre afrikanischen Wurzeln, die weit über den Blues hinausgehen. AY AY AY, das Album, war durchsetzt von afrikanischen und lateinamerikanischen Rhythmen und weit weg von allem, was damals im Genre so stattgefunden hat. Jetzt scheint es so, als habe der Deutsch-Chilene mit seinem dritten Solo-Album THE VISITOR die Formel einfach weitergeschrieben, wie in „Rrrrr“, dem ersten Track, nachzuhören: monotoner, leicht crazy spanischer Gesang zu ungewöhnlichen Rhythmen. Aber schon im zweiten Track „Dear Inspector“ ändert sich was, es ist John-Lennon-Psychedelia, circa Summer Of 1967, angehoben auf Aguayo-Terrain. Wichtig ist, was auf THE VISITOR unter der Oberfläche brodelt, und brodeln ist durchaus wörtlich zu nehmen: psychedelische Kakophonie, Anklänge an No-und New Wave, Ahnungen von Techno und House. Matias Aguayo hat die archaischen Rhythmen, die er für AY AY AY freigelegt hat, durchgemischt und neu geordnet. Das gute halbe Dutzend Features (u.a. Aérea Negrot, Philip Gorbachev und Jorge González von der 80er-Wave-Band Los Prisioneros, Deadbeat als Co-Produzent) macht sich nicht negativ bemerkbar. Und vielleicht schiebt Aguayo auch diesem Album einen Konsens-Crossoverhit wie „I Don’t Smoke“ hinterher.

**** Albert Koch

AIRHEAD

FOR YEARS

R&S/Alive (VÖ: 10.6.)

Lo-Fi-Ambient aus den Ruinen der Bassmusik. Das Debütalbum von Rob McAndrews.

Die Bassdrum ist das Make-up der elektronischen Musik. Sie kann Schwachstellen übertünchen und eine Schönheit herstellen, die nur in der Imagination existiert. Wo die Bassdrum weitgehend fehlt – wie auf dem Debütalbum von Airhead – steht der Künstler nackt und ungeschminkt da. Rob McAndrews, Jugendfreund und Tourgitarrist von James Blake, hat nach zwei wunderbaren 12-Inches („Pyramid Lake“,“Wait“) für das R&S-Label ein Album gemacht mit strukturell hochkomplexer Musik. Es geht um Sonics, Ambiente, Atmosphären, das Spiel mit/die Verschiebungen von Beat und Struktur bis weder das eine noch das andere als solches noch erkennbar ist. Airhead nutzt diesen einheitlichen sonischen Raum in seiner ganzen Breite. Es gibt Annäherungen an House von der Bassseite („Fault Line“), Interpretationen von Postrock („Wait“), dazwischen eine aus dem Kontext gelöste Abstraktion wie „Pyramid Lake“. Und „Autumn“ als der Lo-Fi-Folk aus deinen feuchten Träumen. Als mächtiger ambienter Schlusspunkt dann „Knives“ featuring James Blake. Würde der eine LP machen in der Art seiner Non-Album-Singles, sie könnte durchaus wie FOR YEARS klingen.

***** Albert Koch

JUAN ATKINS & MORITZ VON OSWALD

BORDERLAND

Tresor/Rough Trade (VÖ: 10.6.)

Zwei Techno-Veteranen mit ihrer ersten Zusammenarbeit seit 20 Jahren.

Legende, Legende. Achse Detroit-Berlin. Dort: Juan Atkins, Techno-Miterfinder, einer der „Belleville Three“. Hier: Moritz von Oswald (Basic Channel, Chain Reaction, Rhythm & Sound), Miterfinder des Dub-Techno. Beide: Zusammen 100 Jahre alt. Für BORDERLAND haben sich Juan Atkins und Moritz von Oswald 20 Jahre nach ihrer letzten Zusammenarbeit im Projekt 3MB (mit Thomas Fehlmann) zu ihrem ersten Duo-Album zusammengetan. Und BORDERLAND klingt exakt so, wie man sich eine Zusammenarbeit der beiden vorstellt, wenn man mit ihrem jeweiligen Werk vertraut ist. Von Oswalds dubbige Grundierungen aus den Tropfsteinhöhlen des Techno werden mit Detroit-igen Zutaten verziert und einem straighten Beat, den wir Atkins zuschreiben. Während im ersten Track „Electric Garden (Deep Jazz In The Garden Mix)“ die Dubgrundlage, der Beat und die Trompetensamples noch relativ lose nebeneinanderstehen, gehen die Bestandteile im Verlauf des Albums eine feste Verbindung ein. Manchmal scheint der Einfluss von Oswalds größer („Electric Garden [Original Mix]“) zu sein, manchmal der von Atkins („Treehouse“). BORDERLAND wird veröffentlicht als Serie von drei 12-Inches, und – für die ewig Gestrigen – als eine CD.

**** Albert Koch

BEADY EYE

BE

Columbia/Sony Music

Noel – erfolgreiche Solokarriere hin oder her – hab bitte Erbarmen und sag Ja zum Oasis-Comeback! Sonst nimmt Liam noch ein Album mit seinem staubigen Britpop-Setzkasten auf.

Zugegeben, die Versuchung ist groß, die Rezension des neuen Albums von Beady Eye mit der des ersten Albums von Parlour Flames zu einer Sammelbesprechung zusammenzufassen – zwei Platten ehemaliger Oasis-Mitglieder in dreiwöchigem Abstand, beide Male im Kern eine Gestalt am unteren Ende der Kreativitätsskala der alles überschattenden Mutterband: Liam Gallagher, bzw. Paul „Bonehead“ Arthurs. Und tatsächlich drängen sich gemeinsame Angriffsflächen auf, allen voran die Texte. Beobachtet Boneheads neuer Sänger Vinny Peculiar „Manchester rain falling from the sky“, rät Liam: „Life is short, so don’t be shy. Spread your wings and learn to fly“. Aua. Und dann diese bereits bei Oasis zu Tode bemühten „Come on“s! Aber, schon klar, Gallagher ist ein anderes Kaliber und deswegen steht die Kritik von PARLOUR FLAMES auf Seite 90 und hier widmen wir uns jetzt ausschließlich BE … allein der Titel! Gut, Initialen des Bandnamens, aber ernsthaft: Nach BE HERE NOW und den omnipräsenten „Exist“-Bannern der HEATHEN CHEMISTRY-Tour noch mal das reine Dasein als Konzept? Große Gedanken oder erzählenswerte Geschichten sind bei Gallagher zwar ohnehin nicht zu erwarten, herausragender Gesang und zumindest ein gewisses Gespür für Melodien allerdings schon. Beides bekommt man. Auch Produzent Dave Sitek, den man bisher als supergeschmackssicher abgespeichert hatte, war ganz begeistert von der stimmlichen Souveränität des auch schon 40-Jährigen: „Man muss lediglich das Mikrofon anmachen und denkt nur noch: ‚Das klingt wie auf Platte!'“ Aber eben auf keiner mit auch nur einem durchgehend überzeugenden Song. Einzelne Ideen mögen funktionieren, wie der Bläsereinsatz auf „Flick Of The Finger“ oder der Basslauf von „Second Bite Of The Apple“. Doch jedes Stück hinterlässt ein dickes Warum? Worin besteht die Notwendigkeit für diese Musik? Alles, aber auch wirklich alles, wurde an anderer Stelle schon besser zum Ausdruck gebracht. Beschäftigungstherapie bis zur Oasis-Reunion? Gallagher tut im angeblichen Bruder-Diss, dem albernen „Don’t Brother Me“ zumindest sein Nötiges, um Letztere zu ermöglichen: „Come on now, give peace a chance. Take my hand, be a man“. Live will er jetzt auch wieder Songs von Noel spielen – hier weiß man wenigstens, warum.

** Stephan Rehm

Story S. 12

AUSTRA

OLYMPIA

Domino/Good To Go (VÖ: 14.6.)

Das zweite Album der Kanadier oder wie aus Neo-Goth ein bisschen Dance Music wird.

Das Albumcover ist ein Witz. Da steht Katie Stelmanis im pinkfarbenen Hosenanzug vor einer in Falschfarben gemalten Berg-und Seenlandschaft. Die Artworks der EP „Beat And The Pulse“ und des Debütalbums FEEL IT BREAK hatten in ihrem monochromen semiböse-Fee-haften Mystizismus einen perfekten Eindruck davon gegeben, welche Musik von Austra zu erwarten wäre. Und nun was? Eurovision-Song-Contest-Musik aus Aserbaidschan? Wie gesagt, das Cover ist ein Witz. Was nicht bedeuten soll, dass sich Austra seit ihrem elektronisch grundierten Neo-Goth-Pop vom Debütalbum nicht weiterentwickelt hätten. Die elektronische Komponente bei Austra ist auf OLYMPIA noch stärker geworden. Es ist Dance Music. „Painful Like“ wird dominiert von einer fetten Bassdrum und perlenden Synthesizern. Die Single „Home“ reminisziert die Piano-House-Ära. Die Leider-nicht-Single „Forgive Me“, die sich bei allen Elementen des Synthie-Pop bedient, ist der Überhit des Albums und „We Become“ benimmt sich am Anfang wie der uneheliche Sohn von „Shout“ von Tears For Fears. Vielleicht klingt OLYMPIA ein bisschen undüsterer, ein bisschen optimistischer als die Musik, die wir von der Band aus Kanada bisher kannten, aber sie bleibt doch unverkennbar. Was an der sehnsüchtelnd-melancholischen Stimme von Katie Stelmanis liegt, die dann doch wieder den gewissen Goth-Faktor in die Musik einbringt.

****1/2 Albert Koch

Story S. 46

BATHS

OBSIDIAN

Anticon/Indigo (VÖ: 17.6.)

Verschwommene Sinfonie aus Breakbeats und ätherischer Popmusik.

Im Bereich der Zwischenmusiken kennt Will Wiesenfeld sich bestens aus. Auf OBSIDIAN setzt der 24-jährige Produzent aus Los Angeles das fort, was er auf seinem Debüt CERULEAN vor knapp drei Jahren begann – mit verwaschen sinfonischen Tracks aus ätherischen Gesängen, gebrochenen Beats, dem Klicker-Klacker unserer Tage und ausgesucht hübschen Piano-Melodien und Streicher-Arrangements. Dazu säuselt Wiesenfeld, als sei er der jüngere Bruder von Karen Carpenter, der nun angetreten ist, das dunkel schillernde Vermächtnis des Soft-Pop in die Gegenwart zu tragen. Wohin die Reise geht, lässt er trotz vielsagender Titel wie „Worsening“, „No Past Lives“ und „Earth Death“ offen, mitten in die Erkundungen all der Schattenreiche fallen Sentenzen voller Humor und die letzten Sonnenstrahlen aus der Erinnerung an den Beach-Pop des jungen Brian Wilson. Zu eindeutig wird diese Musik nie, hin und wieder lappt sie ein bisschen weg, scheint sich vom Hörer zu verabschieden, über weite Strecken aber pendelt OBSIDIAN ganz komfortabel zwischen abblätternder Pop-Grandezza und Flying-Lotus-und-Gonjasufi-Vertracktheit und öffnet die eine oder andere Club-Tür („Miasma Sky“,“Phaedra“). Wer diesen Dancefloor betritt, darf auf Wattebäuschchen tanzen.

**** Frank Sawatzki

THE BEVIS FROND

WHITE NUMBERS

Woronzow/Broken Silence

Die britischen Psychedelic-Rocker wandeln auf vertrauten Pfaden.

Es ist schon erstaunlich, mit welcher Beharrlichkeit, Souveränität und Klasse sich Nick Saloman in seinem fast hermetisch abgeschlossenen, neo-psychedelischen Indie-Prog-Rock-Kosmos bewegt. Dort kommt es zwar immer wieder zu Verschiebungen und Gewichtsverlagerungen, aber nur zu minimalen Ausdehnungen. Überraschungen bleiben deshalb auch auf WHITE NUMBERS aus, dem 21. Studioalbum des britischen Hippies. Man mag kaum glauben, dass 26 Jahre vergangen sind, seit der Multiinstrumentalist aus London mit MI-ASMA, INNER MARSHLAND und BEVIS THROUGH THE LOOKING GLASS eine Art Triple-Debüt unter dem Projektnamen The Bevis Frond hinlegte mit Musik, die verschiedenste Einflüsse Salomans widerspiegelte: The Byrds, The Wipers, Syd Barrett, The Damned, Love und Jimi Hendrix – Größen der Popgeschichte, die auch auf WHITE NUMBERS unüberhörbar Einfluss nehmen. Je nachdem, in welche Richtung die Songs des Quartetts um Saloman, den Gitarristen Paul Simmons (Alchemysts), Bassist Adrian Shaw (Hawklords, Arthur Brown, Hawkwind) und Trommler Dave Pearce tendieren. So stehen vielen Balladen („Opthalmic Microdots“,“She’s Just Like You“) in Lysergsäure getränkte Tracks („Neverwas“, „High Wind Crow“), Punk-Rocker („Begone“, „For Pat“) und von Gitarren-Gegniedel geprägte Stücke entgegen. Zwei Dutzend Songs inklusive dem 42-minütigen „Homemade Traditional Electric Jam“ zählt die Doppel-CD (Triple-Vinyl).

**** Sven Niechziol

BIG DEAL

JUNE GLOOM

Mute/GoodToGo

Rock: Der zweite Volltreffer nach dem sensationellen Debüt.

Mit ihrem vor zwei Jahren veröffentlichten Debüt LIGHTS OUT machten sich Kacey Underwood und Alice Costelloe viele Freunde. Ihre Songs verfügten über jene Art gehobener Unschuld, aus der Legenden gestrickt sind. 2013 hat sich die Ausgangssituation gewandelt. Statt fragiler Schlafzimmersongs präsentieren sich Big Deal auf JUNE GLOOM als ausgewachsene Rockband. Was sich nicht verändert hat, ist die Treffsicherheit, mit der Big Deal eine unsterbliche Melodie nach der anderen aus dem Ärmel schütteln. Zwölf Songs, die das Zeug dazu haben, am Ende des Jahres in den Bestenlisten ganz oben zu stehen. Erstaunlich ist, wie nahe Big Deal bei Stücken wie „Golden Light“ und „Dream Machine“ dem goldenen Zeitalter des Alternative-Rock Mitte der 90er-Jahre kommen, ohne in die Retrofalle zu tappen. Die Musik hat an Power zugelegt, ohne dass die Feinheiten, die den Sound von Big Deal auszeichneten, verloren gegangen sind.

****1/2 Franz Stengel

BOARDS OF CANADA

TOMORROW ‚S HARVEST

Warp/Rough Trade

Nach acht Jahren ein neues Album des schottischen Psychedelic-Ambient-Duos. Atmosphärenmusik, düster und episch.

Angesichts von Beatkonstrukteuren wie LFO, Autechre und Aphex Twin im Kosmos des Warp-Labels muss sich das Debütalbum von Boards Of Canada mit seinen relativ geraden Beats, den Field Recordings, den Samples und manipulierten Sounds im Frühjahr 1998 angehört haben wie Easy Listening. War MUSIC HAS THE RIGHT TO CHILDREN natürlich gar nicht. Ein paar Spielzeiten später, nachdem elektronische (auch Warp-) Musik ein ganzes Stück „normaler“ geworden ist, relativiert sich diese Einschätzung. Heute könnte man das Debüt von Boards Of Canada als Neuerscheinung deklarieren und in eine Reihe stellen mit Post-Bass-musikalischen Veröffentlichungen von Bands/Projekten wie Lone, Burial und Baths, für die Kollege Sawatzki weiter oben dankenswerterweise den Begriff „Zwischenmusiken“ erfunden hat. Die Schotten Mike Sandison und Marcus Eoin sind die Urväter der Zwischenmusiken; meint: elektronisch generierte Klänge, die sich der heiligen Dreifaltigkeit Ambient-House-Techno nicht eindeutig zuordnen lassen. Und so ist es vielleicht kein Zufall, dass das vierte Album des Duos – acht Jahre nach THE CAMPFIRE HEADPHASE -in einer Hochzeit der Zwischenmusiken veröffentlicht wird. TOMORROW’S HARVEST ist eine sehr düstere, um nicht zu sagen pessimistische Platte geworden, die freilich vieles von dem zur Schau stellt, was Boards Of Canada groß gemacht hat; Beat-behaftete Atmosphärenmusik, die Kreation von Abstraktem aus Konkretem (= Samples), manches ein bisschen neben der Spur, und manchmal sind die Tracks so episch konstruiert, dass es kaum zum Aushalten ist. Das Album hat beatlose Ambient-Tracks („Sundown“), Kommentare zu aktuellen Bassmusiken („Reach For The Dead“), dekontexualisierte HipHop-Beats zu cinematografischen Soundlandschaften, aber auch Ausflüge in die Untiefen der elektronischen Avantgarde. „Uritial“ ist ein Track, der in seiner radikalen Konsequenz auch von Conrad Schnitzler oder Hans-Joachim Roedelius stammen könnte.

***** Albert Koch

Story S. 17

BOSNIAN RAINBOWS

BOSNIAN RAINBOWS

Clouds Hill/Rough Trade (VÖ: 28.6.)

Weniger Prog Rock mehr Post-Punk: Die neue Band von Omar Rodriguez Lopez (Ex-The Mars Volta) mit Le-Butcherettes-Sängerin Teri Gender Bender.

Es gibt ein handfestes Indiz dafür, dass Bosnian Rainbows im Gegensatz zur Omar Rodriguez Lopez Group, zu El Trio De Omar Rodriguez Lopez, zum Omar Rodriguez Lopez Quartet, zum Omar Rodriguez Lopez Quintet, zu El Grupo Nuevo De Omar Rodriguez Lopez eine „richtige“ Band ist: die Tatsache, dass der Name Omar Rodriguez Lopez nicht im Bandnamen auftaucht, obwohl Omar Rodriguez Lopez Teil dieser Band ist. Es ist vor allem ein Mitglied von Bosnian Rainbows – die anderen: Keyboarder Nicci Kasper und Ex-The-Mars-Volta-Schlagzeuger Deantoni Parks – das der Musik eine besondere Note verleiht: Sängerin Teri Gender Bender (Le Butcherettes), die zuletzt auf einer Handvoll Solo-Alben von Rodriguez Lopez zu hören war. Sie bringt mit ihrer vom Siouxsie-Sioux-Pathos getränkten Stimme, dem ekstatischen Geheule und der Sirenenhaftigkeit eine 80er-Jahre-Post-Punk-Note ein, die man so auf den 27 Solo-Alben des Mars-Volta-Mannes noch nicht gehört hat. „The Eye Fell In Love“ ist sogar ein veritabler Hit für die Indie-Disco. Aber gibt’s die überhaupt noch, die Indie-Disco? Die Musik auf BOSNIAN RAINBOWS ist weit weniger komplex als die von The Mars Volta, aber eben auch kein 08/15-Rock. Rodriguez Lopez verkneift sich allzu krasse Exkursionen in den Prog Rock. Es hat hier zwar auch Brüche und Tempowechsel, aber auch jede Menge Psychedelisierungen, dekonstruierte Gitarrensounds und splitternde Soli. Wenn schon Rock, dann so.

***** Albert Koch

BOMB THE BASS

IN THE SUN

O Solo Recordings/Alive

Die englischen Dance-Veteranen haben den Anschluss verpasst.

Bereits auf ihrem letzten Album, BACK TO LIGHT (2010), präsentierte sich die 1987 von Tim Simenon ins Leben gerufene Band uninspiriert. Daran hat sich mit IN THE SUN nichts geändert. Die Musik plätschert belanglos vor sich hin. Bomb The Bass haben den Anschluss verpasst. Zum gepflegten Wegdämmern beim Nachmittagstee mögen sich Nummern wie „Just This Universe?“ und „Bleed Into The Sun“ hervorragend eignen, aber rein konzeptuell betrachtet hat sich die Band seit Mitte der 90er-Jahre nicht einen Millimeter weiterentwickelt.

** Franz Stengel

PATRIC CATANI

BLINGSANITY

Keep It Business/Cargo

Berlins Elektro-Krawallschläger verlegt das Derbe ins Detail.

Wo ist der Krawall? Auf BLINGSANITY ist der gute alte Patric Catani kaum wiederzuerkennen. Der Berliner Produzent, bislang laut rumpelnd aktiv in verschiedenen Genres, reist nun mit entspannten Klängen durch die Weiten des Weltraums. Kein Gabba wie in E-de-Cologne-Tagen, keine Hardcore-Elektronik wie mit EC8OR, kein lustiger HipHop wie mit den Puppetmastaz, kein Elektro-Punk wie als Driver &Driver. Stattdessen Space-Sounds mit gemäßigten BPM-Zahlen. Das Derbe findet nur im Detail statt: Wenn wieder mal ein Ton nicht passen will, eine Sequenz leicht verschoben wirkt, ein Sound hämisch zu lächeln scheint über seine Verwendung. Einmalig aber ist Catanis Fähigkeit, seine Klangentwürfe so anzulegen, dass eine grundsätzliche Diskrepanz entsteht, die aber trotzdem nicht schroff wirkt. Hier liegt sie zwischen den zum großen Teil fiesen Sounds und der eher gemütlich groovenden Grundstimmung. So wie in „Head Of The Enemy“, das anmutet wie ein potenzieller Bond-Titelsong, dann aber an genau den falschen Stellen zu elektronisch blubbert und piepst. Der Krawall ist nicht so leicht zu finden wie früher, er versteckt sich nun im Kleinen.

**** Thomas Winkler

CHASING KURT

FROM THE INSIDE

Suol/Rough Trade (VÖ: 14.6.)

Zeitgemäße Deep-House-Klänge von beachtlicher Intensität.

Heutzutage spielt es keine Rolle, woher ein Musiker kommt. Häufig gedeihen in der Provinz die spannendsten Entwürfe. Chasing Kurt ist ein Beispiel dafür. Pascal Blanché, Wojtek Kutschke und Lukas Poloczek aus Gießen liefern auf ihrem Debütalbum zehn wundervolle Deep-House-Hymnen ab, die auch aus den angesagten Musikmetropolen stammen könnten. Nach diversen Singles, u.a. das wundervolle „Money“, das Maya Jane Coles auf ihrem DJ-KICKS-Mix einer breiteren Öffentlichkeit vorstellte, erscheint nun auf dem Berliner Label Suol das Debütalbum des Trios. Und darauf gibt es lässige Beats und Vibes, die nicht den üblichen Standards der Dancefloor-Szene entsprechen. Chasing Kurt gehen eigene Wege, vernachlässigen dabei aber nie die Basis einer guten House-Produktion: die hypnotischen Grooves. Und davon gibt es jede Menge – immer frisch arrangiert, versehen mit unerwarteten Ausbrüchen und Tempoverlagerungen.

****1/2 Franz Stengel

CLOSE

GETTING CLOSER

!K7/Alive

Der Brite Will Saul entwirft Electronic Soul-Pop mit Detroit-und Motown-Verweisen.

Produzent, Labelmanager, Plattensammler und DJ – Will Saul ist Strippenzieher in Sachen elektronischer Neuheiten aus UK. Als Betreiber von Aus Music und Simple Records hat er nicht nur Scuba, Joy Orbison und Bicep eine Plattform geboten, sondern durfte bereits selbst Hand an die Tracks von Little Dragon und The Juan Maclean legen. Dass beeindruckendes A &R-Management und sieben Jahre ohne eigene Veröffentlichung nicht zusammengehen, hat der Brite erkannt und präsentiert mit GETTING CLOSER seine eigene Sozialisationsschau: Die Bass-Passion ist hier lediglich Kulisse, es treffen Motown-Charme und dubbige R’n’B-Mikroproben auf die dunkle Seite des atmosphärischen Pop. Ja, das Schlagwort Future Soul darf hier ruhig verwendet werden. Saul ist an Soundevolution interessiert, das zeigen schon die Features mit Joe Dukie (Fat Freddies Drop) und der Folk-Sängerin Charlene Soraia, die mit „I Died 1 000 Times“ und dem House-grundierten „Beam Me Up“ (feat. Scuba) gleich an zwei Highlights beteiligt ist. Four-to-the-Floor muss nicht, Melancholie darf immer sein. Sauls langjähriger Freund Fink steuert mit „Wallflower“ eine Portion Songwritertum bei und Tikiman macht uns den Horace Andy, sodass selbst Reggae in diesem eklektischen Kaleidoskop in voller Blüte steht. Abwechslungsreich, herzerwärmend und mitunter bouncend – da bleiben kaum Wünsche offen.

**** Sebastian Weiß

LLOYD COLE

STANDARDS

Tapete/Indigo (VÖ: 21.6.)

Der in den USA heimische Sänger und Songschreiber mal wieder mit Band. So kommt er am besten zur Geltung.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Ruhe des Alters in das Werk Lloyd Coles eingeschlichen. Mit BROKEN RECORD und den zusammen mit Hans-Joachim Roedelius entworfenen Ambient-Collagen bestätigte sich dieser Trend. Dagegen gibt es nichts einzuwenden. Ein guter Künstler kommt in jeder Umgebung zur Geltung. Coles beste Alben sind aber die, die er mit einer Band eingespielt hat. Das gilt für die drei Commotions-Klassiker genauso wie für die ersten Solo-Veröffentlichungen und den Abstecher mit The Negatives. STAN-DARDS ist wieder so ein Band-Album. Die alten Bekannten Fred Maher (dr), Matthew Sweet (bg) und Commotions-Kumpel Blair Cowan (keyb) sind dabei, dazu setzte sich Joan Wasser ein paar Mal ans Piano. Mit diesen Begleitern findet Cole sofort zu seinem vertrauten Stil, der sich an Lou Reed, Tom Verlaine und Leonard Cohen orientiert. Dieses Mal zeigt er, dass er sich auch mit John Hartford auskennt. Dessen „California Earthquake“ klingt hier so bedrohlich, wie man es bei dem Titel erwarten darf. Es geht aber auch entspannter. „I’m drinking tea and taking unpaid leave from my women’s studies“, heißt es später. Cole war immer ein Vertreter der geistreichen Formulierung und des Witzes. Es ist beruhigend, zu hören, dass er in dieser Hinsicht nicht nachlässt. In „Myrtle And Rose“,“Blue Like Mars“ und „Kids Today“ läuft er zu großer Erzählform auf.

***** Thomas Weiland

MAYA JANE COLES

COMFORT

I/AM/ME/kobalt Label Services/Rough Trade (VÖ: 28.6.)

Das Debütalbum der Londonerin verspricht nicht weniger als die Zukunft von House.

Da wollen wir dem ungenannten Autor der Presseinformationsschrift ausnahmsweise nur ein bisschen widersprechen. COMFORT ist nicht „eines der“, sondern das am sehnlichsten erwartete Elektronik-Album des laufenden Jahres. Maya Jane Coles verbucht nicht nur eine viel umjubelte Ausgabe der DJ-KICKS-Serie und einen weltweiten Hype in den einschlägigen Medien auf der Habenseite. In den vergangenen fünf Jahren hat die 25-jährige Londonerin rund 25 Singles/EPs veröffentlicht – unter ihrem eigenen Namen mit eher housigen Tracks und basslastigere Musik als Nocturnal Sunshine. Und jetzt dieses Debütalbum. Den wunderbaren House-Pop der Single „Easier To Hide“ hatten wir schon an anderer Stelle gelobt. „Blame“ mit den Vocals von Nadine Shah ist ein melancholisches Stück Trip-Hop mit Twang-Gitarre. „Everything“ mit Karin Park lebt von dem schönen Gegensatz des weirden Backings und der Poppigkeit des Gesangs – und von 1 000 Einflüssen zwischen House, Bass und Indie-Pop. „Dreamer“ ist mit Coles‘ Gesang ein astreiner Pop-Hit, ohne wäre es ein abstraktes Stück Minimal-House. Die häufig halbdunklen Tracks strahlen einen seltsamen Optimismus aus. Bleibt nur noch die Frage: Wie macht Maya Jane Coles das nur? Artist-Alben von DJs sind ja oft eine protzige Angelegenheit, eine Art aufgeblasene Leistungsschau an Möglichkeiten, denen der Künstler mit seinem Unterhaltungsauftrag im Alltag niemals gerecht wird. Auf COMFORT aber stimmt einfach alles. Trotz der stilistischen Ausschläge und der vielen Features (u.a. Tricky, Kim Ann Foxman, Miss Kittin) ist dieses Debütalbum eine so runde Sache wie lange nichts mehr. Vielleicht haben wir gerade die Zukunft der House Music gehört.

*****1/2 Albert Koch

CSS

PLANTA

SQE/Cargo (VÖ: 14.6.)

Pop, Elektronik und ferne Echos von Punk -die Brasilianerinnen crossovern heute auf überschaubarem Niveau.

Hört man sich noch einmal das CSS-Debütalbum CANSEI DE SER SEXY von 2006 an, darf man staunen – ob einer Band, die sich im Handgemachten auf der Stelle die Welt eroberte. Auf dieselbe muss man ja nicht als fertige Elektro-Rock-Band kommen, die Brasilianerinnen spielten in der Garage ihres Vertrauens mit Disco-Scheinwerfern und namedroppten sich mit Witz in die Popkultur. Das war (und das ist) Musik, die einen direkt ansprang (anspringt). Von der frühen Emphase ist auf Album Nummer vier nicht mehr so viel geblieben, die Songs auf PLANTA suppen im leicht aufgedonnerten elektronischen Sounddesign gerne etwas nach hinten weg, da kommen dann auch ein paar knackige Gitarren im Track „Dynamite“ (aufgenommen mit Gossip-Drummerin Hannah Blilie) zu spät. CSS sind heute eine von den zahlreichen Synthie-Pop-Bands, die sich im Crossover auf überschaubaren Niveau bewegen. CSS demonstrieren aber auch: Wenn ein Song spartanisch ausgestattet ist, funktioniert er plötzlich wieder sehr gut. Mit „Frankie Goes To Hollywood“ ist den Brasilianerinnen dann weit hinten auf dem Album eine ausgesprochen hübsche Sehnsuchtsmelodie auf ein paar elektronischen Beats gelungen.

*** Frank Sawatzki

DEPEDRO

LA INCREIBLE HISTORIA DE UN HOMME BUENO

Warner Music Spain/Warner

Alles Mögliche: Der Gitarrist von Calexico nabelt sich ein großes Stück ab von den Wüstenrockern.

Der Vater ist Peruaner, die Mutter stammt aus Guinea, die eigenen vier Wände stehen in Spanien, der Hauptarbeitgeber ist in Tucson, Arizona ansässig und heißt Calexico. Dorthin, an die amerikanisch-mexikanische Grenze, zog es Jairo Zavala alias Depedro auch diesmal, um sein drittes Solo-Album LA INCREIBLE HISTORIA DE UN HOMME BUENO aufzunehmen. Natürlich wieder im Studio von Craig Schumacher, in dem sich auch Calexico regelmäßig einquartieren und aus deren Reihen Joey Burns, John Convertino und Martin Wenk als Gastmusiker auftauchen. So wie Drummer-Legende Tony Allen (jahrelanger Begleiter von Fela Kuti, Teil von The Good, The Bad & The Queen), Nick Urata von DeVotchka aus Denver und Bernard Fanning von den Aussie-Rockern Powderfinger. Auch befreundete spanische Musiker aus dem sozialen Umfeld von Depedro wirken auf dem Album mit. Er selber nennt das „the local and the global“. Auf alle Fälle handelt es sich hier um eine bunte und diffuse Mischung von Künstlern. Aber das passt zu dem Globetrotter-Leben von Jairo Zavala, der die ganze Welt bereiste. Vor allem aber bedeutet es eine Vielzahl von Einflüssen und Eindrücken, und so kommt es auch gar nicht dazu, dass der Gitarrist und Sänger den Fehler begehen könnte, sich dem Sound der ungleich erfolgreicheren Calexico anzubiedern. Ganz im Gegenteil, LA INCREIBLE HISTORIA DE UN HOMME BUENO rückt noch ein Stück weiter von ihnen ab als der Vorgänger NUBES DE PAPEL. Das ist kein Zufall, sondern gewollt. Denn Depedro ist mit Songs nach Tucson gereist, die er schon zu Hause komponiert hatte. Viele der zumeist auf Spanisch gesungenen Lieder wie „De Repente“ klingen sehr gelöst und nach Pop oder wie „A Veces“ nach psychedelischem Hippie-Folk, „Sanity“ vereint Mariachi-Klänge mit Twang-Gitarrenriffs. Hier eine Ballade, da frankophile Elemente, Bigband-Sound trifft auf Wüstenrock, Elektro-Beats auf Jazz, Ballade auf Latin. Depedro hat sich ein „Global Dream Team“ zusammengestellt, mit dem er auf große Reise geht. Ganz wunderbar.

**** Sven Niechziol

DISCLOSURE

SETTLE

PMR Records/Universal

Erste Longplay-Enthüllung des Duos aus dem Londoner Vorstadtgürtel mit vielen It-Gästen und eingängigem House-Sound.

Es gibt Dinge, die von vornherein für Disclosure sprechen. Da wäre die Verbindung zum Label Greco Roman, auf dem die EPs „The Face“ und „Control“ erschienen sind. Dieses Label wird von London und Berlin aus u.a. von Joe Goddard betrieben. Goddard kennt man von Hot Chip, mit denen Disclosure schon gespielt haben. Zudem haben Guy und Howard Lawrence eine ziemliche Begabung, wenn es darum geht, hippes Gesangspersonal zu integrieren. Für den infektiösen UK-Hit „White Noise“ hatten sie zum Beispiel AlunaGeorge gewinnen können. Um mögliche Hits geht es hier grundsätzlich immer. Mit an Soulful House, 2Step, UK Garage und Post-Dubstep grenzenden Tracks drängen die Brüder voll in die Mitte des Geschehens. Trotzdem klingt auf diesem Album nichts dreist oder billig. Weder „Defeated No More“ mit Ed Macfarlane von Friendly Fires, „You & Me“ mit Eliza Doolittle, „Confess To Me“ mit Jessie Ware, „Help Me Lose My Mind“ mit dem hoch gehandelten Trio London Grammar noch der an Green Velvet erinnernde Spaßmacher „Grab Her“ verdienen es, ignoriert zu werden. Disclosure liefern Clubmusik, die gleichzeitig auf entspannte Weise Pop sein will und dabei sehr britisch klingt. Ihre Mischung macht schon im ersten Anlauf einen todsicheren Eindruck.

**** Thomas Weiland

Story S. 52

DIRTY DISHES

VON DER RAFFINIERTEN KUNST, JEMANDEN IN EINEN TÜMPEL ZU STOSSEN

Rock-O-Tronic Records

Der Klamauk-Pop der Allstar-Band kennt keine Grenzen, ist aber nur bedingt spaßig.

Einerseits sind die Dirty Dishes eine Allstar-Band. Andererseits und in erster Linie aber die Möglichkeit für ihre Mitglieder Jan Müller (sonst Tocotronic), Rasmus Engler (Herrenmagazin), Norman Müller, Julia Wilton und Alex Tsitsigias endlich mal das zu tun, was anderswo nicht ginge. Deshalb geht auf VON DER RAFFINIERTEN KUNST, JEMANDEN IN EINEN TÜMPEL ZU STOSSEN allerhand, zum Beispiel ein Hohelied auf Mickey-Mouse-Comics oder auf den Hamburger Verkehrsverbund. Bewiesen wird auch, dass man die Geschichte der Meuterei auf der Bounty auf Popsonglänge schlüssig erzählen kann. Weitere Rollen übernehmen Bernd Begemann, ein Eichinstitut, der Handel mit Wurstwaren, Sisyphus, ein Stachelschwein und die Hose von Roland Kaiser. Vor allem aber ist garantiert keine Idee zu bescheuert, um verworfen zu werden. Also gibt es Songs, die keine halbe Minute lang sind und diese eine Zeile Text besitzen: „Wir sind auf dem Weg zu einem guten Steak“. Oder Stücke, in denen halt ein wenig gepfiffen, eine Gitarre gequält und auf einem Cello herumgekratzt wird. Außerdem: Wacklige Reime, irre Sounds aus dem Kinderzimmer, stumpfer Punkrock, Space-Funk, holprige Dance-Beats, abgrundtief dämliche Witze und jede Menge überzeugter Dilettantismus. Der Spaß allerdings, den die Beteiligten bei den Aufnahmen zweifellos hatten, war wohl ein wenig größer als das Vergnügen, das nun dem Zuhörer bleibt.

*** Thomas Winkler

DIVERSE

MINUS – MINMAX

Minus/Rough Trade

Minimal Techno: Richie Hawtin scheitert an der Neujustierung seiner Labels: Die Zusammenführung von Minus und Plus 8 bleibt fahrig – trotz neuer Talente.

Wir alle wissen, der Minimal-Boom ist schon längst abgeebbt. Der elektronische Purismus der Nuller-Jahre begeistert selbst in den skurrilsten Afterhour-Schuppen keine Feierwütigen mehr. Damit ist jedoch nicht nur das Ende eines Trends, sondern gleichermaßen die schleichende Bedeutungslosigkeit von Richie Hawtin und seinem Label Minus beschrieben. Statt sich einen neuen Anstrich zu verpassen, werden groß inszenierte Events auf Ibiza geschmissen – wer hat, der kann. Die Notwendigkeit einer Standortbestimmung war aber unumgänglich, doch die Zusammenführung der beiden Imprints Minus und Plus 8 durch die Compilation MINMAX scheitert an einer verbindenden Idee. Die 24 exklusiven Tracks alter Weggefährten sowie neuer Acts lässt erahnen, dass der kommende Weg von Fragmentierung bestimmt sein wird. Gaisers („Trashbend“) und Julian Jewells („Yoko“) Peaktime-Aspiranten und Etapp Kyles romantisches „Yuma“ machen leider noch keine neue DNA aus. Anything goes – deepe, psychedelische, selbst housige Spielarten sind willkommen. Auch der mitgelieferte Mix von DJ Hobo lässt die Fragezeichen nicht verschwinden. Nicht Fisch, nicht Fleisch. Schade.

*** Sebastian Weiß

DIVERSE

NOISE OF COLOGNE 2

Mark e.V./a-Musik

Stadtgeräusche, Modulationen, Loop-Arbeiten und Meditationen – eine anregende Zusammenstellung aus den weniger bekannten Schmieden der Kölner Elektronik-Szene.

Ganz hervorragend hätte auf dieses Album ein Beitrag aus dem jüngsten Projekt von Phil Collins gepasst. Der britische Medienkünstler zeigt gerade im Kölner Museum Ludwig seine Arbeit mit dem bandwurmartigen Titel „My heart’s in my hand, and my hand is pierced, and my hand’s in the bag, and the bag is shut, and my heart is caught“. Die Ausstellungsbesucher sitzen in Hörkabinen, wie es sie früher in Schallplattengeschäften gab, legen 7-Inches auf und lauschen einer Art musikalischen Stadtgesprächs – Montagen aus Mitschnitten von Telefonaten, die Obdachlose kostenlos führen konnten und Geräuschen, Grooves und melodischen, songorientierten Elementen. Daran waren u.a. auch Vertreter der Kölner Elektroszene wie Pluramon und Cologne Tapes beteiligt. Was Collins‘ Projekt und die zweite Ausgabe der NOISE OF COLOGNE-Reihe verbindet, ist die Offenheit, sich auf Stimmen, Klänge und Noises (in einem weiten Sinne) einzulassen, die sonst eher ungehört bleiben. Kompiliert wurden die 16 Tracks wieder von Frank Dommert vom Sonig-Label, diesmal in Zusammenarbeit mit Hans W. Koch, der auf dem Vorgänger von 2010 noch mit einer Rückkoppelungs-Arbeit vertreten war. Jedes Stück steht für eine eigene Entdeckung in der Geräusch- oder Minitonmusik: Mit Titanoboas „Ante Sapina“ betreten wir einen Parcours aus Turntable-, Theremin-und Sampler-Klängen, der auf einem Tribal-Beat-ähnlichen Fundament steht. Anthony Moore zieht uns in eine verschwommene Zwischenwelt, die aus Field Recordings von Straßenbahnen und weiten ambienten Flächen besteht. NOISE OF COLOGNE bietet sich lustig drehende Geräuschloops und eine ernste Studie für elektrische Gitarre (freundlich manipuliert von Volker Zander, der schon bei Calexico Bass spielte), ein dahingeknarztes A-cappella-Stück von Bettina Wenzel, weiter hinten eine Komposition namens „Luziolenschrauber“, die sich auch dem Einsatz eines Mini-Ventilators verdankt. Mit Harald „Sack“ Ziegler ist dann doch noch ein weit über Insider-Zirkel bekannter Experimentalmusiker vertreten: „MFF 100“ sollte der Track sein, der der gängigen Vorstellung von Noise am nächsten kommt. Einige dieser Soundarbeiten verweisen auf die Anfangsjahre der elektronischen Musik in Köln, auf Herbert Eimert und Karlheinz Stockhausen, mehrheitlich deuten sie in eine noch unbekannte Zukunft, die hörbar werden lässt, was die Geräusche alles vermögen, wenn man sie aus dem Elfenbeinturm der Avantgarde herauslässt. Sie könnten der Rohstoff werden, aus dem sich einmal neue Clubmusiken auftun. Und sie erzählen ganz im Sinne von Phil Collins von den Möglichkeiten einer Meditation in einer eben bisweilen alles nivellierenden Flut von Stadtgeräuschen.

**** Frank Sawatzki

EDITORS

THE WEIGHT OF YOUR LOVE

PIAS/Rough Trade (VÖ: 28.6.)

Dieser Indie-Rock tröstet den Hörer über den Weltschmerz hinweg, in den ihn die Musik überhaupt erst treibt.

Die Musik der Editors mutet bisweilen an wie ein Bild aus alten Schultagen. Man hört zwei oder drei ihrer Stücke und direkt sieht man Sänger Tom Smith vor sich, wie er mit einem Zeigestock die Großbuchstaben der kreideweißen Überschrift entlang streicht: „How to sell a pop song“. Die Band aus Birmingham hat darauf eine denkbar einfache Antwort: Ihre Musik tröstet den Hörer über eben jenen Weltschmerz hinweg, in den ihn die Musik überhaupt erst treibt – wie Gift und Gegengift. Eine Strategie, die man auch dem neuen Album der Band anhört. Jede Textzeile, jeder donnernd geschlagene Rhythmus, jedes wehmütige Gitarrenriff entspringt der immer gleichen Pathosformel. Wie auf den letzten drei Alben der Band klingt das in den besten Momenten immer noch nach perfekt inszeniertem, düsterschwelgerischem Stadionrock. Einen eigenen Sound aber vermisst man. Wieder hört man eine Melange aus U2, Joy Division und Echo And The Bunnymen – immer das Gleiche, nur anders. Nach ihrem letzten Album IN THIS LIGHT AND ON THIS EVENING, auf dem sie mit dem Retrosound von Synthesizern experimentierten, flüchten sich die Editors wieder zurück zu ihren Anfängen und aalen sich in Gitarren-Soundscapes. In nebligen, finsteren Songs verbindet sich der Trübsinn des frühen amerikanischen Indie-Rock mit der Unruhe des Dark Wave. Dazu singt Smith in gespenstischen Metaphern von den Wirren der Liebe, von in Gläsern konservierten Körperteilen und manisch umherflirrenden Schatten. Einzig das folkige „The Phone Book“ sticht heraus. Ansonsten wird man den Gedanken nicht los, die Editors hätten dieses Album schon vor fünf Jahren aufnehmen können. Sie haben aufgepasst auf der Pop-Schulbank – jeder Ton sitzt – aufregend ist ihr Album eben deswegen nicht geraten.

**1/2 Annett Scheffel

Story S. 16

THE D.O.T.

DIARY

Cooking Vinyl/Indigo

Alles Mögliche: Nach dem Ende von The Streets und The Music haben sich die beiden Sänger zusammengetan. Das war keine gute Idee.

Man stelle sich vor, Mike Skinner startet ein neues Projekt und niemand bekommt etwas davon mit. Irgendwie hat er dieses Kunststück fertiggekriegt. Ob es am musikalischen Partner liegt, den er sich für The D.O.T. ausgesucht hat? Rob Harvey sang einst für The Music, die man völlig zu Recht vergessen hat. Er durfte sich schon auf dem letzten Streets-Album COMPUTERS AND BLUES ausmären. Keine Ahnung, was Skinner an ihm findet. Mit seiner permanent plärrigen Stimme ist Harvey ein Kandidat für die Wahl zur größten Nervensäge im Rock. Das wollen die beiden Herren aber nicht wahrhaben. Von der eigenen Begeisterung geblendet, legen sie ein ganz schönes Arbeitstempo vor. Das hier ist schon ihr zweites Album innerhalb von sieben Monaten. Und es ist gewiss nicht das bessere von beiden. „Don’t Look At The Road“ darf man bestenfalls als harmloses Britpop-Rülpserchen bezeichnen. Für den Blues-Soul-Mix von „Blood, Sweat And Tears“ spielt sich Harvey auf wie Robert Plant, der im Heliumballon festsitzt. Es geht aber noch schlimmer. Zum Beispiel wenn das Album bloß im Morast der Unbedeutsamkeit versackt. Was für eine Enttäuschung!

** Thomas Weiland

NANCY ELIZABETH

DANCING

Leaf/Indigo

Songs aus dem romantischen Buch der Abgeschiedenheit.

Ach ja, Kate Bush, das Gesäusel, das Gezirpe und die Folgen. Man möchte Nancy Elizabeth nicht zu nahe treten, wenn man dieses Album hört und sich schnell an die großen Sehnsuchtssirenen der Popgeschichte erinnert fühlt. DANCING hat etwas von einem großen romantischen Buch, dessen Kapitel sich mit immer neuen Piano-Verträumtheiten öffnen, in die sich die Sängerin mit einem Tirilieren und stillen Jubilieren fallen lässt. Das wäre nur dann zu viel des Guten, wenn Nancy Elizabeth nicht auch Wege aus den kunstseidenen, in Brokat gebundenen Erzählungen ins Hier und Jetzt finden würde, das passiert dann schon einmal mit Geräuschen, die aus einem entfernten Betrieb der Metallverarbeitung stammen könnten (zum Finale von „Indelible Day“). Hin und wieder will die Künstlerin hoch hinaus, wenn sie das letzte Gefecht besingt, fliegt der Chor der Heldinnen gleich mit, und es darf als sicher gelten, dass sie diesen nicht aus der Kriegskasse bezahlen musste. DANCING ist ein Solo-Album im engsten Sinne geworden, Nancy Elizabeth hat die Songs über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren alleine in ihrer Wohnung in Manchester aufgenommen, erstmals unter Zuhilfenahme eines Computers. Man möchte der Singer/Songwriterin nicht zu nahe treten, obwohl oder gerade weil sie uns so nahe kommt, weil diese Nähe so bekannt wie befremdlich ist. Habe ich da nicht eine Harfe im Song „Heart“ gehört? Ach ja, Joanna Newsom, das Gesäusel, das Gezirpe und die Folgen.

***1/2 Frank Sawatzki

EMIKA

DVA

Ninja Tune/Rough Trade

Das zweite Album der Britin in Berlin: dunkle Atmosphären zwischen Dub-Techno, Pop und Kunstmusik, zart und bitter.

Das Debütalbum von Emika wurde im Herbst 2011 in eine Zeit hineingeboren, in der Dubstep schon einen „bad name“ hatte. Die Engländerin mit den tschechischen Wurzeln hatte ein post-dubsteppiges Wunderwerk aus dunklen Atmosphären, minimalistischen Tracks und Ahnungen von Pop geschaffen. Heute, nach diversen Weiterentwicklungen und der Kaperung des Begriffs durch Effekthascher wie Skrillex, nennt sich der echte Dubstep demütig Bassmusik und das Spiel mit Einflüssen und Weiterentwicklung kann von vorne beginnen, bis auch Bassmusik einen „bad name“ bekommt. Zum jetzigen Zeitpunkt aber ist DVA (Tschechisch für „zwei“) die logische Fortschreibung eines Kapitels der Popgeschichte, das durchaus noch ungeahnte Wendungen bereithält. DVA ist Dub-Techno, der von zeitgenössischen Bass-Musiken infiltriert ist. DVA aber ist auch Pop. Der Track wird zum Song, ohne sich in exemplarischen Einzelfällen von der verzweifelten Stimmung, der abstrakten, komplexen elektronischen Einflüsse seiner Wurzeln zu verabschieden. Emika leistet aber auch einen Beitrag zu einem hoch aktuellen Thema: der Kunstwerdung, der Hochkulturwerdung von Techno. Wenn in geradezu hymnischen Kompositionen wie „Dem Worlds“ das City Of Prague Philharmonic Orchestra aufspielt, oder wie im Intro „Hush“ die Sopranistin Michaela Šrůmová zu hören ist, ist das die Kreation der zartbitteren Atmosphäre von Emika-Musik mit anderen Mitteln. Dann wäre da noch die Coverversion von Chris Isaaks „Wicked Game“. Der wohl verzweifeltste Mainstream-Song, der es jemals in die Top 10 geschafft hat – er passt wunderbar zur Atmosphäre dieses Albums.

***** Albert Koch

EMPIRE OF THE SUN

ICE ON THE DUNE

Capitol/Universal (VÖ: 14.6.)

Von wegen Eiszeit! Mit ihrem volloffensiven Elektro-Pop zaubern die beiden bunt bekleideten Australier den Sommer ins Haus.

ICE ON THE DUNE – mit so einem Titel hat man bei dieser Band nicht gerechnet. Nicht nach dem Debütalbum WALKING ON A DREAM, in dem so viel Wärme, Leichtigkeit und Optimismus steckte. Aber man sollte sich davon nicht irritieren lassen. Luke Steele und Nick Littlemore sorgen im Elektro-Pop nach wie vor für ein angenehmes Ambiente. „Let’s go running away just like the ice on the dune“, heißt es im Titelsong des Albums. Einfach abhauen und zusammen glücklich werden. Darum geht es. Der ewige Traum. Empire Of The Sun kolorieren ihn mit aller Macht. Die Produktion wirkt kraftvoll, selbstbewusst und klar. Wenn den beiden Australiern zwischendurch mal melancholischer und zurückhaltender zumute ist, landen sie bei den Pet Shop Boys, also immer noch mitten im Pop. In der Mehrzahl sind Empire Of The Sun aber auf Happygo-lucky-Attacken aus. „Loving every minute cause you make me feel so alive“, die Aufhängerzeile des Albums, darf man getrost als Hinweis verstehen. Himmel und Glückseligkeit, wo man nur hinhört. Von Vorteil ist es, dass Luke Steele und Nick Littlemore ihr Ding dieses Mal bis zum Ende durchgezogen haben. Ihr Debütalbum baute nach gewisser Zeit etwas ab, aber auf ICE ON THE DUNE sitzt jede Melodie; jetzt ist das Niveau von Anfang bis Ende hoch. Dream on.

****1/2 Thomas Weiland

CELSO FONSECA E RONALDO BASTOS

LIEBE PARADISO

Membran/Sony Music (VÖ: 14.6.)

Eine sanfte Bossa-Sinfonie in der Leichtgewichtsklasse von Antonio Carlos Jobim.

Ein brasilianisches Berlin-Album, das zugleich eine Neubearbeitung eines 16 Jahre alten Modern-Bossa-Klassikers ist und jetzt das Wörtchen „Liebe“ im Titel trägt -das muss man erklären. Ursprünglich erschien PARADISO 1997 als Projekt des Komponisten Ronaldo Bastos und des Sängers Celso Fonseca, in ihren Songs entstand so etwas wie eine sehr reduzierte Poesie für Gitarre, Percussion und Stimme. Bastos suchte in den vergangenen Jahren neue Orte auf, sammelte Inspiration und fand neue Unterstützer: Nun sind Berlin, Violinen, Flöten und Bläser dazugekommen, ein Gesangsverein aus alten Helden und aufstrebenden Jungstars (von Milton Nascimento bis hin zu Adriana Calcanhotto), und an den Pforten des Paradieses spielt auch schon mal eine Rockband. Von dem einen oder anderen E-Gitarrenfleckchen in dieser sanften Sinfonie einmal abgesehen, legen Fonseca und Bastos ein Werk in der Leichtgewichtsklasse von Antonio Carlos Jobim vor. Musik, die streichelt und kitzelt und mit den Bildern im Video den Ort der Sehnsüchte und Träume festhält: Berlin, wie man es aus der Tram heraus entdecken kann.

**** Frank Sawatzki

ELEANOR FRIEDBERGER

PERSONAL RECORD

Merge/Cargo (VÖ: 14.6.)

Das zweite Solo-Album der einen Hälfte der Fiery Furnaces: Folk-Pop, sonnenscheinig und Sixties-beeinflusst.

Eleanor Friedbergers erstes Solo-Album LAST SUMMER war im second last summer so etwas wie ein Versprechen. Die Musikerin versprach damit, eines Tages in der Lage zu sein, ein Album aufzunehmen, das jenseits der experimentellen Popentwürfe, die sie zusammen mit ihrem Bruder Matthew als The Fiery Furnaces veröffentlicht, nun ja, ausgearbeitete Popmusik enthalten könnte. Wenn dem so ist, dann hat Friedberger mit PERSONAL RECORD dieses Versprechen eingelöst. Das zweite Solo-Album der Sängerin und Gitarristin aus Brooklyn hat sonnenscheinigen Sixties-(Folk)-Pop, der aber noch über genügend Ecken und Kanten verfügt, um Friedbergers Herkunft nicht zu verleugnen. Die Songs sind fein säuberlich instrumentiert bis in die letzten Winkel hinein mit Kontrabass, Bassklarinette und Flöte. Das ist Musik, die sich selbst genug ist, und das sind Songs, die diese Bezeichnung auch verdienen. Was will man mehr? Vielleicht noch ein Cabrio, mit dem man in den Sonnenuntergang fahren kann, während „Stare At The Sun“ auf Repeat läuft.

**** Albert Koch

FRIEDMAN & LIEBEZEIT

SECRET RHYTHMS 5

Nonplace/Groove Attack

Das Duo bleibt auch auf seiner fünften gemeinsamen Musikexpedition spannend und unberechenbar.

Mit ihrer SECRET RHYTHMS-Reihe haben der ehemalige Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit und der Musiker Burnt Friedman in den vergangenen zehn Jahren für viel Diskussionsstoff gesorgt. Ihre spannenden Experimente, bei denen sie das Zusammenwirken von Beats, Rhythmen und Sounds neu definieren, waren von Anfang an als offene Versuchsplattform gedacht. Und entsprechend frei von allen Zwängen bewegen sich die beiden Musiker auch auf dem fünften Teil der Serie. Dabei geht es Jaki Liebezeit und Burnt Friedman nicht um eine lineare Fortentwicklung ihrer Ideen; man muss sich ihren in den vergangenen Jahren erarbeiteten musikalischen Evolutionsprozess eher als ein kreisförmiges Gebilde vorstellen.

Mit den im westlichen Denken verhafteten Rhythmusmustern kommt man dabei nicht weit. Das Zusammenspiel des Duos, das teilweise unterstützt wird von befreundeten Musikern wie Sänger Daniel Dodd-Ellis, Gitarrist Tim Motzer und Bassist Daniel Schröter, folgt ganz anderen, neu entwickelten Bewegungsmustern. Und die machen die Sache auch im fünften auf Platte dokumentierten Versuch spannend und unberechenbar. Lässt man sich als Hörer erst einmal auf die ungewohnt „krummen“ Rhythmen ein, mit denen Tracks wie „240-11“ und „105-14“ unterlegt sind, dann entwickelt die Musik des Duos schnell eine kaum für möglich gehaltene Sogwirkung. Letztendlich verfolgen Liebezeit und Friedman auf SECRET RHYTHMS 5 mit Erfolg die gleichen Intentionen, die man auch schon auf den frühen Alben von Can beobachten kann: die Idee eines abgeschlossenen Stückes zugunsten einer viel freieren Werkinterpretation aufzugeben.

**** Franz Stengel

GUIDED BY VOICES

ENGLISH LITTLE LEAGUE

Fire Records/Cargo

Groß war die Begeisterung über die Wiedervereinigung der Indie-Urgesteine aus Dayton, Ohio. Knapp zwei Jahre später sind ihre neuen Platten schon wieder eine eher ermüdende Angelegenheit.

Nanu: Schon Anfang Juni und noch keine neue Platte von Guided By Voices? Ach, da ist sie ja schon. ENGLISH LITTLE LEAGUE heißt das neue, 20. Album. Es ist die erste von drei Platten der Indie-Rock-Band aus Dayton, Ohio, die im laufenden Jahr erscheinen werden. Nach der Wiedervereinigung 2011 ist das Line-up um Robert Pollard, Tobin Sprout und Mitch Mitchell mittlerweile veröffentlichungsfreudiger denn je. Der neue Drei-Alben-pro-Jahr-Rhythmus ist eine Absage an Kritiker, die sich oft gewünscht haben, die Band würde länger an ihren Ideen arbeiten. Denn den perfekten Rocksong wollen Guided By Voices gar nicht schreiben. Sie möchten ihn nur andeuten – immer und immer wieder. Allerdings gelingt auf ENGLISH LITTLE LEAGUE leider nicht einmal das. Sechs Stücke müssen vorübergehen, bevor mit „Noble Insect“ der erste halbwegs eingängige Refrain daherkommt. Es gibt auf dem Album die üblichen John-Lennon- und R. E. M.-Zitate, Lo-Fi-Nonsens („Reflections In A Metal Whistle“) und viele lustige Songtitel – nur eben keine ansprechenden Melodien. Selbst Hardcore-Fans der Band dürfen dieses Album getrost auslassen.

*1/2 Reiner Reitsamer

JOASIHNO

A LIE

Alien Transistor/Indigo

Experimenteller Pop aus dem Dunstkreis von The Notwist.

Wem es gelingt, mit seinem Debütalbum die Brüder Markus und Michael Acher derart zu bezirzen, dass diese einen erst auf eine Tour ihrer Band The Notwist mit-und bald darauf auch auf ihrem Hauslabel aufnehmen, der scheint musikalisch etwas vorweisen zu können. Und in der Tat: Nach dem überzeugenden Debütalbum WE SAY: OH WELL legen Multiinstrumentalist Christoph „Cico“ Beck und Schlagzeuger Nicolas Sierig nun mit A LIE ein Album nach, das die Vorschusslorbeeren aus Weilheim abermals rechtfertigt. Auch wenn die Frage „Are you a lie?“, die Beck dem Hörer mit seiner linden Graham-Coxon-Stimme gleich zu Beginn entgegensingt, weder die netteste noch die sinnigste ist. Aber: So schön von einer akustischen Gitarre und einem euphorisch drauflospolternden Schlagzeug begleitet, wurde sie bestimmt noch nie gestellt. Im Folgenden klingt A LIE mal sehr gelungen nach elegischem Piano-Pop („Dreaming Of The Dark“), mal schwer nach Beck zu ODELAY-Zeiten („Some Light“), während „Disappearing Friend“ mit seiner synthetischen Kühle und seinem verhallten Gesang aus dem Nirgendwo gar so etwas wie ein Hidden-Track auf der Atoms-For-Peace-Platte sein könnte. Immer aber beeindruckt das Album mit seiner Detailfülle und Verspieltheit: Es wummert, tutet, klackt und klappert aus allen Rohren und wahrt dabei dennoch stets die Melodie. Lügen haben kurze Beine, sagt man. Diese hier klingt einfach nur sehr schön.

****1/2 Martin Pfnür

LABRASSBANDA

EUROPA

Europa/Sony Music (VÖ: 14.6.)

Die bayerische Bläser-Pop-Kapelle sucht nach neuen musikalischen Mitteln für ihre beschränkte Besetzung.

Zum Anfang des neuen Albums etwas Altes: Ihr drittes Studioalbum beginnen LaBrassBanda ausgerechnet mit „Tecno“, einem Stück, das schon seit Jahren fest zum Live-Repertoire der Blaskapelle aus Übersee am Chiemsee gehört. Damit aber wird tatsächlich ein Neuanfang markiert. Denn auf EUROPA verleugnen LaBrassBanda zwar nicht ihre Vergangenheit, aber suchen nach neuen Möglichkeiten für ihre nur scheinbar beschränkte Besetzung aus Bläsersektion und Rhythmusgruppe. Die früher beherrschenden Reggae-Rhythmen und die Balkan-Beats sind nur mehr selten zu finden. Stattdessen ist „Jacqueline“ ein locker swingender Pop-Abgesang auf eine Beziehung und „Nackert“ ein Hohelied auf einen Tag am Baggersee, der Soul-Bläser in einen hektischen Club entführt. Ansonsten führen die Songtitel oft in die Irre: Ausgerechnet „Holland“ verbindet osteuropäische Melodieführung mit einem Drum’n’Bass-Beat und auch „Western“ ist nicht tauglich als Soundtrack zu einem John-Ford-Film, sondern entpuppt sich als in die Beine gehender Funk. So aufgeräumt geht es allerdings nicht immer zu: Schon für das zu Herzen gehende „Opa“, in dem Sänger Stefan Dettl den Tod seines Großvaters beschreibt, wird das Tempo verlangsamt und auf der abschließenden „Hymne“ entdecken LaBrassBanda den evangelischen Posaunenchor, der vermutlich schon lange in ihnen schlummerte.

**** Thomas Winkler

JUSTICE

ACCESS ALL ARENAS

Ed Banger/Warner

Die EDM-Tracks der Franzosen erreichen ausgerechnet live größere Komplexität.

Wer braucht denn das, ein Live-Album eines Electronic-Dance-Music-Acts? Diese EDM-Simpel, so das Vorurteil, drücken doch sowieso nur auf einen Knopf und dann geht der vorbereitete Mix los. Justice allerdings gehören zwar zu den wenigen, die heutzutage mit elektronischer Tanzmusik die ganz großen Hallen bespielen, aber bei ihnen ergibt eine Konzertkonserve tatsächlich Sinn. Denn Gaspard Augé and Xavier de Rosnay drücken nicht nur auf ein Knöpfchen, sondern drehen auch ganz schön am Rad. Bis zu 16 parallele Spuren, so die Legende, würden die beiden Franzosen bei ihren Auftritten live manipulieren, dazu spielen sie Synthesizer und MIDI-Controller. Damit haben sich Augé und de Rosnay ein bereits zweites Live-Album nach dem vor fünf Jahren veröffentlichten A CROSS THE UNIVERSE verdient: ACCESS ALL ARENAS dokumentiert einen kompletten Auftritt im römischen Amphitheater im südfranzösischen Nîmes im Juli des vergangenen Jahres – vom den Set eröffnenden „Genesis“ bis hin zu den Zugaben. Dazwischen sind fast alle Hits der zehnjährigen Bandgeschichte zu hören – in zum Teil radikal veränderten Versionen: „Waters of Nazareth“, „Phantom“, „Civilization“, „Stress“, „Audio, Video, Disco“, „On’n’On“. Vor allem „D. A. N.C. E.“ ist zeitweise kaum wiederzuerkennen und erlangt dank Streicherarrangement und Piano, diversen Breaks und Tempowechseln eine geradezu symphonische Qualität. Nicht jeder Justice-Track findet in der Liveversion zu so viel neuer Komplexität, aber es ist doch erstaunlich, dass ACCESS ALL ARENAS bisweilen den normalerweise üblichen Live-Album-Effekt umkehrt: Statt die Songs zu vereinfachen, erhalten die in den Studioversionen wenig sensiblen Justice-Tracks auf der Bühne zumindest bisweilen eine größere Vielschichtigkeit.

**** Thomas Winkler

MS MR

SECONDHAND RAPTURE

Columbia/Sony Music

Pop: Das New Yorker Duo sorgt nach seiner Hit-Single für keine weiteren stürmischen Momente.

Was hatte man nicht über dieses Duo getuschelt! Ein Grund dafür war „Hurricane“. Der Song tauchte kurz vor dem letzten Weihnachtsurlaub in unseren Charts auf und war ein kleines Fest. Dass er jetzt das erste Album der beiden New Yorker eröffnet, ist keine Überraschung. Dass gleich alle vier Titel aus der dazugehörigen EP „Candy Bar Creep Show“ auf diesem Debüt vertreten sind, ist dann aber schon einigermaßen dreist. Das deutet nicht auf Ideenreichtum hin. Viel Neues haben Lizzy Plapinger und Max Hershenow dann in der Tat nicht zu bieten. Ihre Songs funktionieren alle nach einem Prinzip. Ohne massiven Trommeleinsatz geht gar nichts. Er übertönt alle elektronischen Grundierungen. Wenn sinfonische Elemente hinzukommen, klingt es noch fetter. Trotzdem erweckt Plapinger nicht den Eindruck, als ob sie sich übermäßig anstrengen muss. Sie bewahrt Coolness. Bei wem sich Ms Mr bedient haben, ist nicht schwer zu erraten. Schnell muss man an Florence & The Machine denken, und zwar so schnell, dass der Albumtitel SECOND-HAND RAPTURE absolut seine Berechtigung hat. Blöd nur, dass es sich hier nicht so passioniert wie beim Original anhört.

**1/2 Thomas Weiland

SCOTT MATTHEW

UNLEARNED

Glitterhouse/Indigo (28.6.)

Der Singer/Songwriter verwandelt Klassiker von Joy Division bis Whitney Houston in Scott-Matthew-Songs.

UNLEARNED, der Titel des vierten Albums von Scott Matthew, bezieht sich auf ein Zitat von Gloria Steinem: „Das Hauptproblem für uns alle, Männer wie Frauen, ist nicht das Lernen, sondern das Verlernen.“ Der australische Singer/Songwriter wollte möglichst verlernen, wie die Songs, die er hier covert, im Original klingen, und sie so vollkommen neu erfinden. Dabei hat er sich allerdings nicht die allergrößte Mühe gegeben, denn nun hören sich die Klassiker, egal ob sie von Neil Young („Harvest Moon“), Joy Division („Love Will Tear Us Apart“) oder The Jesus & Mary Chain („Darklands“) stammen, einfach wie Scott- Matthew-Songs an, hat er sie doch genau so eingespielt wie seine eigenen: Mit viel Klavier, Streichern, Gitarre, sparsam eingesetzter Ukulele, einer gehörigen Portion Melancholie und vor allem seiner markanten Stimme, die stets auf dem schmalen Grat zwischen Sensibilität und Jammerei entlang klettert. Bei einem Stück wie „No Surprises“ von Radiohead ist so keine allzu große Übertragungsleistung nötig, „I Wanna Dance With Somebody“ von Whitney Houston allerdings wird vollständig und wundervoll verwandelt. Schlussendlich hat sich Matthew hier ein paar sehr schöne Songs angeeignet, die dadurch wahrlich nicht schlechter werden -aber eben auch nicht entscheidend besser.

*** Thomas Winkler

NOAH AND THE WHALE

HEART OF NOWHERE

Mercury/Universal

Eingängiger Rock, der ohne Präfixe auskommt: Auch auf Album Nummer vier feilt die Band um Charlie Fink an ihrer persönlichen Variante des AOR.

Im ewigen Tanz der zahllosen Mini- und Mikrotrends hat einer einen Unique Selling Point: Stadionrock definiert sich nun mal durch eine Eingängigkeit, durch eine Größe, die automatisch als Türöffner für den Mainstream fungiert. Glaubt man. Aber das Interessante ist, dass Automatismen im Pop doch nicht immer greifen. Und so haben Noah & The Whale zwar bisher eine Million Alben verkauft, in Deutschland aber erschütternd wenige. Vor allem: Die ungleich größere Ernte fuhren ihre früheren Weggefährten aus der Londoner Folk-Szene, Mumford & Sons, ein. Mit denen hat man nun schon zuletzt kaum mehr Berührungspunkte besessen: LAST NIGHT ON EARTH (2011) war eine hervorragende AOR-Platte, die freudvoll Richtung Pop zwinkerte. Auf HEART OF NOWHERE bleibt man dem Genre treu, ändert nur Details. Wir hören Anna Calvi als Gastsängerin. Die Arrangements sind direkter, weniger produziert als zuletzt, die Formensprache bewegt sich irgendwo zwischen Bruce Springsteen zu THE RIVER-Zeiten, Tom Petty &The Heartbreakers 1982 und Arcade Fire. Bei „There Will Come A Time“ muss man, vielleicht auch wegen der Anfangsakkorde, die doch ein wenig an „My Best Friends Girl“ erinnern, an The Cars denken. Gute Referenzen, die funktionieren, weil Frontmann Charlie Fink, gerade mal 26 Jahre alt, nicht nur mehrfach die große Melodie findet, sondern auch, weil er den ordentlich abgegrasten Themenkatalog des Rock’n’Roll (jugendliche Liebe, Coming Of Age, ein bisschen Erbauungslyrik etc.) so präsentiert, dass man bei ihm gerne einkauft. „I was looking for HARVEST, but all I found was SILVER & GOLD“, singt er selbst über seine Jugend. Es scheint ihm nicht geschadet zu haben.

**** Jochen Overbeck

NRFB

TRÜFFELBÜRSTE

Staatsakt/Rough Trade (VÖ: 14.6.)

Der Bastardpop, der die hiesige Konkurrenz gerade hinter sich lässt: Technopunkafrokraut auf einem Bierdeckel aus Hamburg.

Techno-Wellen im Anmarsch, der Schulmädels-Chor heult auf wie eine Sirene, Zivilbevölkerung in die Keller: „Engel auf den Wiesen rauchen Joints und lachen, sehen auf die Glucken was sie gerne wären“. Oder so ähnlich, wer weiß, was die Kinder im Afri-Cola-Rausch so alles fabulieren? Die Ereignisse überschlagen sich auf diesem Album, NRFB kriegen im rasenden Tempo die Kurve vom Prollpunk mit Reibeisenstimme zum Krautrockfreakout, von der Schreitherapie zum Neue-Deutsche-Welle-Beat, sie wippen mit dem Hintern auf dem Teutonengrill, wenn sie rumpelnden Synthie-Pop spielen und geben kurz bekannt, dass sie auch aktuellen Aneignungen westafrikanischer Highlife-Musik nicht abgeneigt sind, mit ein paar abgehackten Gitarren, einem Bläsersample und einem Gesangsverein, der an Andreas Doraus Marinas erinnert. Dass das sitzt, passt und auch noch Luft hat, verdankt sich einer „All-Star-Band“, deren Mitglieder das Wörtchen „Star“ allenfalls als Witz auf ihren Trikots tragen würden: Punkdichter Jens Rachut (Blumen am Arsch der Hölle, Kommando-Sonne-nMilch, Oma Hans), Soundbreaker Mense Reents (Egoexpress, Stella, Die Goldenen Zitronen), Ex-„Tellerwäscher“ Thomas Wenzel (Die Sterne, Die Goldenen Zitronen), Schauspielerin Lisa Hagemeister u.a.m. TRÜFFELBÜRSTE ist das Produkt einer großen Befreiung, von den mitunter bleiernen Diskursen und nicht mehr zeitgerechten Schulen, von Sinnmaschine und Stil-Diktat, mitten in die Gitarrenunwucht fallen Zeilen wie diese: „Die Gänse ziehen über Japan und suchen einen Ort für die Rast, Japan ist toll, doch Osaka“. Wer sich jetzt umdreht oder lacht, wird mit dem „Beelzebub“ bekannt gemacht. Oder als „Kollegenschwein“ verlacht. Mit NRFB steht das Comeback des Mitgrölrefrains vor der Tür. Neurowissenschaftlich inspirierte Fußnote: „Denk einfach nur daran, dass die Hälfte des Gehirns nicht benutzt werden kann“.

****1/2 Frank Sawatzki

OKTA LOGUE

TALES OF TRANSIT CITY

Columbia/Sony Music

Die Darmstädter peppen ihre Hippie-Mucke mit ein paar Versatzstücken aus der Club-Musik auf.

Erste Idee: Pink Floyd werden auf den Dancefloor gezerrt und fühlen sich dort überraschend wohl, dann schummeln sich noch die Beatles dazu und alle schunkeln zusammen zu einem Riff, das sie dem mal wieder völlig breiten Keith Richards unterm knochigen Arsch weg geklaut haben. Womöglich auch: Eine Horde Hippies hat hinter dem Gitarrenverstärker, dem WahWah-Pedal, dem Klingklang-Glöckchen und dem Haschisch-Versteck eine seltsame Kiste gefunden, die zwar ganz verstaubt ist, aber so ein lustiges rhythmisches Knacken produziert. Tatsächlich ist es so: Die Darmstädter Rockband Okta Logue erweitert auf ihrem zweiten Album TALES OF TRANSIT CITY ihren stark retrospektiven, streng auf die 60er-Jahre gerichteten Ansatz um einige Sounds und immer mehr Strukturen aus der elektronischen Musik. Das bedeutet: Immer noch lange Songs, die verträumt jängeln, sich im Nichts verlieren, dann aber plötzlich von einem pulsierenden Beat eingefangen werden, aber doch nie zu einem einfachen, eingängigen Song werden wollen, aber noch lange kein Krautrock sind. Oder, ganz einfach: Eine sehr großartige Platte mit wunderschöner Musik, die eindeutig altmodisch klingt, zugleich ziemlich zeitlos ist und einen vor allem die Zeit vergessen lässt.

****1/2 Thomas Winkler

PARLOUR FLAMES

PARLOUR FLAMES

Cherry Red/Rough Trade

Das Debüt der Band eines der musikalisch unwichtigsten Oasis-Mitglieder: Spät-80er-Britpop ohne „modern twist“.

Lustigster Vermerk auf der Presseinfo zum ersten Album der neuen Band von Oasis-Gründungsmitglied Paul „Bonehead“ Arthurs: „Please note: Bonehead is happy to talk about Oasis in interviews.“ Ein Hilfeschrei nach Aufmerksamkeit. Der Gitarrist, dessen Beitrag zum Ruhm der Gallaghers aus ein paar geschobenen Barrégriffen bestand und dessen Ausstieg von Chief Noel so quittiert wurde: „It’s hardly Paul McCartney leaving the Beatles“, gab in den 14 Jahren seither den DJ auf Britpop-Nostalgiepartys. Jetzt hat er sich mit dem „Poeten“, wie es im Beipackzettel heißt, Vinny Peculiar zusammengetan und ein langweiliges Lilac-Time-Album aufgenommen, für das er sich nicht schämen muss, das aber gewiss am kollektiven Arsch der Menschheit vorbeigehen wird. Für das Gelingen des Konzepts Oasis war Bonehead von essenzieller Bedeutung: Er, musikalisch überschaubar talentiert und optisch kein Hingucker, neben dem enorm talentierten Noel und dem enorm gutaussehenden Liam – eine Identifikationsfigur für den gemeinen Oasis-Fan. Wenn der das schaffen kann, kann ich das auch. Das ist Boneheads (passiver) Verdienst. Den Platz in der Musikgeschichte hat er, da wird er damit umgehen können, dass Parlour Flames keinen im Plattenregal finden werden. „You had your fifteen minutes, now it’s someone else’s time“, heißt es in „Never Heard Of You“.

** Stephan Rehm

MIKE PATTON

THE PLACE BEYOND THE PINES

Milan/Warner

Mike Pattons größter Coup als Filmkomponist: Mit diesem Score dringt der Sänger nach Hollywood vor.

Schon in den frühen Neunzigern hatte Mike Patton den Plan, eines Tages Hollywood-Filme zu vertonen. Jahrzehntelang hat er nun daran gearbeitet, einen Fuß in die Tür zu bekommen, hat sich mit Arbeiten für Kurz- („A Perfect Place“), Trash- („Crank: High Voltage“) und ausländische Filme („The Solitude Of Prime Numbers“) einen Namen als Filmkomponist gemacht. Nun liegt sein erster richtiger Hollywood-Score vor. Mit THE PLACE BEYOND THE PINES geht ein Traum in Erfüllung – nicht nur für Patton, sondern auch für Derek Cianfrance, den Regisseur des Films. Der ist seit über 20 Jahren Mr.-Bungle-Fan und wartet seitdem auf eine Gelegenheit zur Kooperation mit Patton. Dementsprechend viele Freiheiten hat er seinem Idol gegeben: Beruhend auf Cianfrances Beschreibungen durfte Patton draufloskomponieren, ohne einzelne Szenen des Films gesehen zu haben. Herausgekommen sind zwölf bedrohlich dahingeisternde Stücke, bei denen Patton auf alte Tricks setzt: gemutete Surf-Gitarren, Keyboard-Teppiche und Chöre aus dem Synthesizer. Im Vergleich zu THE SO-LITUDE OF PRIME NUMBERS wirkt THE PLACE BEYOND THE PINES recht einseitig – was vielleicht auch am Film liegt, in dem es nur wenige auflockernde Momente geben dürfte. Zu deren Untermalung eignen sich einige der fünf Stücke (u.a. von Ennio Morricone, Bon Iver), die Pattons Score ergänzen.

**1/2 Reiner Reitsamer

THE PHOENIX FOUNDATION

FANDANGO

Memphis Industries/Indigo

Popmusik von der Gänseblümchenwiese, auf der auch psychogene Pilze wachsen.

Zum Teufel mit dem Zeitgeist. Und warum eigentlich nicht auch mal im Schatten des USB-Sticks die technischen Möglichkeiten ausnutzen, die eine gute alte CD bietet? The Phoenix Foundation, mit ihrem letzten Album BUFFALO hierzulande leider nur ein bisschen bekannt geworden, bewegen sich mit ihrem neuen exakt innerhalb dieser Eckdaten; es gilt eben: damn the Zeitgeist und nimm so lange auf, bis die handelsübliche CD SOS funkt. Fast 80 Minuten läuft FANDANGO, das fünfte Album der Band aus Wellington, Neuseeland, und es ist nicht wegen der Minutenzahl ein Monumentalwerk. Sondern ob seiner künstlerischen Komplexität. Redundanzen, Langweiliges, Zerfasertes? Nein! Die Musiker stellen Songs her, die an das erinnern, was einst im gut sortierten Tonträgereinzelhandel unter „Kiwi Pop“ zu finden war. Lieder wie „Modern Rock“,“The Captain“ und „Thames Soup“ gemahnen an Bands wie The Chills, The Clean und die Able Tasmans: leicht verschlurfte, aber keineswegs vertrödelte Gitarren-Songs. Das Pop-Reisetempo der Band ist gemäßigt, die mittlere Spur ist ihre, und auf der gelingen ihnen schwelgerische Lieder. Der andere Rhythmus, den FANDANGO auf Lager hat: einer, der weitaus verfrickelter, schummriger und unbedingt spooky ist. „Tripped-out pop“ nennt Sänger und Gitarrist Samuel Flynn Scott diesen Sound im Waschzettel; wir sagen: Auch auf einer Gänseblümchenwiese können psychogene Pilze wachsen. The Phoenix Foundation wissen das und pflücken sie mit kundiger Hand. In „Corale“, und auch im finalen Stück, dem strammen 18-Minüter „Friendly Society“. Zum Teufel mit dem Zeitgeist, wir wollen The Phoenix Foundation begegnen. Im Mondschein, und anderswo erst recht.

**** Martin Weber

QUEENS OF THE STONE AGE

… LIKE CLOCKWORK

Matador/Beggars/Indigo

Interessante Gäste, erdiger Trip auf dem sechsten Album der Kalifornier: Auch nach sechs Jahren Pause kann man sich wieder auf diese Rockband einigen.

Da wäre man schon gerne dabei gewesen, als Josh Homme den Anruf von Elton John entgegennahm. „The only thing missing from your band is an actual queen“, soll der bekannteste Pop-Pianist aller Zeiten gesagt haben. Übersetzt heißt das in diesem Fall: Alles, was deiner Band fehlt, ist eine echte Tunte. So ein humorvoll unterbreitetes Angebot konnte Josh Homme natürlich nicht ablehnen. Was nicht heißt, dass er es dem Veteranen leicht machte. Elton John gastiert nicht etwa im Titelsong, der dem, was man gemeinhin als Pianoballade bezeichnet, ziemlich nahe kommt. Er taucht etwas versteckt im ruppigen Rocker „Fairweather Friends“ auf. Diese Episode unterstreicht einmal mehr, dass sich auf diese Rockband anscheinend alle einigen können. Die draufgängerische Single „My God Is The Sun“ kann davon nicht ablenken, dass auf dem sechsten Studioalbum von Queens Of The Stone Age die differenzierte Tonart dominiert. Bei „The Vampyre Of Time And Memory“ darf man an melodischen 70er-Jahre-Rock denken. Sogar an die Eagles, wenn man will. Oft wird unterschätzt, dass die Queens auch viel von Groove verstehen. Wer es nicht glaubt, wird mit dem massiv in Marsch setzenden Blues-Funk in „Smooth Sailing“ eines Besseren belehrt. Der Sound von … LIKE CLOCKWORK macht insgesamt einen angenehm entschlackten Eindruck, er erinnert an den von Masters Of Reality. Auf diese Weise bleibt das Königinnenreich so was von stabil, man glaubt es kaum.

**** Thomas Weiland

Story S. 42

RALFE BAND

SON BE WISE

Highline Records/Rough Trade

Verspielt, aber keineswegs verfusselt: Folk und Folklore, schöne Songs und Schunkeleien für Teilzeit-Hippies.

Neulich war uns wieder mal mehr als nur ein bisschen blümerant. Weil aus dem Radio immer noch der Kindergartenfolk von Of Monsters And Men plärrte. Weil man Mumford & Sons, der Konsensmilchband der Stunde, und ihrem Banjo-Hochleistungsgeplinker noch immer nur schwerlich mit den Ohren aus dem Weg gehen kann. Kurzum: Auf das, was aktuell publikumswirksam als „Folk“ verhandelt wird, waren wir nicht gerade gut zu sprechen. Und standen sowieso kurz vor einem pantomimischen Herpes. Aus diesem Zustand erlöst uns nun zum Glück Oly Ralfe, die Kreativzelle der Ralfe Band und außerdem noch Illustrator und Filmemacher. SON BE WISE heißt das dritte Album der Ralfe Band, und es fasst das, was man unter „Folk“ hören kann, auf keinen Fall einengend zusammen. Sondern ganz, ganz weit. Wir hören Songs fürs mentale Lagerfeuer; wir sind entzückt ob des Zwiegesangs, den Oly Ralfe in „Barricades“ mit Alessi’s Ark an den Start bringt; wir freuen uns, wenn der Mann aus London in „Come On Go Wild“ Latin-Rhythmen in seiner Musik parkt -und wir gehen auch mit, wenn uns die Ralfe Band mit „Kings And Queens“ zu Schunkeleien für Teilzeit-Hippies einlädt. SON BE WISE ist verspielt, aber keineswegs verfusselt und randvoll mit feinen Kleinigkeiten. Und die machen ja, wir haben das extra noch mal bei Oscar Wilde nachgeschlagen, die größte Mühe. Was man, auch das ist eine Qualität des Albums, der Ralfe Band nicht anmerkt.

**** Martin Weber

ROSEAUX FEAT. ALOE BLACC

ROSEAUX

Tot Ou Tard/Indigo

Das haben die französischen Kollegen von Nouvelle Vague in einem anderen Sound schon vorgemacht: Wie Coverversionen leicht abgenudelten Klassikern neues Leben einhauchen.

Gerade häufen sich mal wieder die Alben, in denen der Soul zu sich selbst findet. Zuletzt war das bei Michael Kiwanuka und Marques Toliver der Fall. Bei Roseaux liegt die Sache noch spezieller: ein Cellist, ein Multiinstrumentalist und ein Produzent laden ihren Lieblingssänger Aloe Blacc ins Studio, spielen ihre Lieblingssongs neu mit ihm ein und wundern sich, dass sie eine Soul- und Jazz-Roots-Platte aufgenommen haben. Pearl Jam auf Blue Notes, sehr minimal und so ganz anders. Kim Englishs House-Hotter „Missing You“ schlurft bei Roseaux nur so dahin und wird zur kleinen Kammermusik. John Holts Reggae „Strange Things“ schickt das Quartett auf einer Bossa-Brise nach Brasilien. Zurückgenommen, beseelt, Kernarbeit – damit liegt man nie falsch. Und wie sie hier einen Radiohit von Police („Walking On The Moon“) ins Tröpfelnd-Jazzige übersetzen, ja, das hat was. Und ist dann auf seine Art auch wieder radiotauglich. Kein Wunder: Roseaux-Chef Emile Omar macht (haupt)beruflich Radioprogramme.

**** Frank Sawatzki

HENRIK SCHWARZ / DETTMANN – WIEDEMANN / DIN

MASSE

OstGut Ton/Kompakt (VÖ: 10.6.)

Die Ballettmusik aus dem Techno-Tempel Berghain berücksichtigt alle Aspekte der elektronischen Musik.

Es ist ja immer so eine Sache, wenn die so genannte Hochkultur auf die vermeintliche Subkultur trifft. Meistens geht das haarscharf an beiden Welten vorbei. In diesem Fall trifft das Staatsballett Berlin auf den Techno-Club Berghain. Anlass ist das Ballett MASSE mit den Choreografien von Xenia Wiest, Nadja Saidakova und Tim Plegge und dem Bühnenbild von dem Maler Norbert Bisky, das im Mai in der neu eröffneten „Halle am Berghain“ aufgeführt wurde. Die Musik teilen sich Henrik Schwarz („Balletsuite #1“), Marcel Dettmann und Frank Wiedemann („Menuett“) und DIN – Efdemin und Marcel Fengler („Evolve“). Der „Balletsuite #1“ von Henrik Schwarz ist das Bemühen anzuhören, einen Beitrag zur Hochkultur zu leisten. Die sechsteilige Suite bleibt unentschlossen. Kompromissloser gehen Dettmann und Wiedemann ihr dreiteiliges „Menuett“ an. 25 Minuten voller tiefschwarzer, abstrakter, weitgehend beatloser elektronischer Musik, die stellenweise an die Großtaten der frühen Synthesizerpioniere erinnert. In „Evolve“ schließlich zeigen DIN alle Aspekte vorwärtsgewandter elektronischer Musik auf von introspektiv melodisch bis hin zu abstrakt.

**** Albert Koch

GREGOR SCHWELLENBACH

GREGOR SCHWELLENBACH SPIELT 20 JAHRE KOMPAKT

Kompakt

Und noch ein Versuch, elektronische Musik mit Klassik zu verbinden.

Es gab ja schon immer Versuche, elektronische Musik mit Klassik/Kammermusik zu verheiraten. Wir reden jetzt nicht von den ehrenwerten, vor allem in jüngster Vergangenheit wieder hochaktuellen Bestrebungen, experimentellen Techno und Neue Musik da zusammenzuschweißen, wo es die meisten Berührungspunkte gibt. Sondern von Transkripten, von der Überführung des Tracks in ein wie auch immer geartetes „klassisches“ Environment. Grandios gescheitert: der große Jeff Mills mit dem Montpellier Philharmonic Orchestra im Jahr 2006. Wenn der Komponist Gregor Schwellenbach jetzt 20 Hits aus dem Repertoire des Kompakt-Labels aus Anlass dessen 20-jährigen Jubiläums in eine kammermusikalische Sprache übersetzt, kündet das von verschiedenen Dingen: der wahrscheinlich diebischen Freude der Kompakt-Macher darüber, eine Platte wie diese in ihrem Programm zu haben, und von der Unmöglichkeit, einen Track in irgendetwas zu verwandeln, das ohne Kickdrum und Bassline auskommt. Von der Pianominiatur („Vision 03“ von Voigt & Voigt), über Steve-Reich’sche Minimal Music („Everlasting“ von Kaito) bis hin zum Streichquartett (sehr gelungen: Justus Köhnckes „Was ist Musik“) werden die Hits von Closer Musik, Voigt &Voigt, Michael Mayer, Jürgen Paape und Saschienne mehrheitlich zu einer Novelty Music, die weder der einen noch der anderen Seite gerecht wird. Wie schön wäre eine 12-Inch mit den vier besten Tracks dieses Albums geworden.

** Albert Koch

SIRIUSMO

ENTHUSIAST

Monkeytown/Rough Trade (VÖ: 14.6.)

Moritz Friedrich nimmt in seinem Fusion-Update Disco House, Elektro, Hip-Hop und eine Portion Funkyness mit.

Fusion nannte man das in den 1970ern, wenn ein Jazz-Ensemble sich der Strukturen und Texturen bediente, die aus der Rockmusik kamen (und umgekehrt). Der Berliner Moritz Friedrich hat früher als Keyboarder in diversen Bands gespielt und nach der Wende einer Fusion-Gruppe angehört. Das, was er auf seinem zweiten Album für das Modeselektor-Label Monkeytown produziert, steht hörbar in der Tradition dieser Fusion-Erfahrungen. Es ist ein Amalgam aus unterschiedlich tief in den Zeitschleifen stehenden Stilen, das im Mix bisweilen dann Future-Sound-Qualitäten gewinnt. Bei Siriusmo dürfen sich die Gegensätze anziehen; auf einen Breakbeat-Track mit dahineiernden Keyboards setzt Moritz Friedrich eine leicht barocke Synthesizer-Melodie („Tränen aus Bier“), ein Robot-HipHop-Stück wie „Plastic Hips“ stellt er mit weiten Keyboard-Flächen beinahe auf den Kopf. Und wie das ist, wenn man auf dem Kopf steht und die Welt nicht mehr versteht, erfahren wir in „Wattnlosmitmir“, eine Techno-Dada-Konstruktion mit einem berlinernden Vokalisten: „Ick frage mir, wattnlos mit mir, ich stehe immer noch ohne Hosen hier, das ist Quatsch mit Soße hier.“ Es gibt auf ENTHUSIAST muntere Synthie-Songs, die sich ins Epische verabschieden, Drum-&-Bass-Irrfahrten, Disco-House-Verfremdungen, Easy-Listening-Meditationen über Bleeps und Streichern – die Welt des Siriusmo ist ziemlich groß und besitzt zahlreiche Einfallstraßen für Verwirrungen, die die Fangemeinden von Squarepusher und Tipsy gleichermaßen interessieren dürften.

**** Frank Sawatzki

STEFFI

PANORAMA BAR 05

OstGut Ton/Kompakt

State of the Art von House: Steffi lässt auf diesem DJ Mix an ihrem Underground-Techtelmechtel zwischen House-Grooves und Techno-Exkursen teilhaben.

Neulich auf Facebook: Nina Kraviz beschwert sich über einen Artikel über sie, in dem sie auf ihren Sex-Appeal reduziert wird und gibt zu verstehen, dass sie von der Thematik Frauen in der Musikindustrie mehr als gelangweilt sei. Nun ja, von einer Männerdomäne zu sprechen, ist sicherlich genauso kalter Kaffee wie falsch. Dennoch: Viele Damen tummeln sich leider nicht in der Champions League der Plattendreher. Umso heller strahlt das Licht der gebürtigen Holländerin Steffi. Ihre DJ-Sets in der Panorama Bar (und neuerdings auch im Berghain) in Berlin sind sichere Arm-Raise-Events und Happy-Smiling-Happenings.

Auf dem Berghain-Inhouse-Label Ost-Gut Ton erscheint nun der fünfte Mix der Panorama Bar, auf dem Steffi in 75 Minuten ihre Passion für rohen, warmen und verspielten House-Sound ausbreitet. Was mit Palisade und Doze als Kopfhörer-Mix beginnt, erfährt spätestens durch Chris Mitchells „Lonely Nights“ eine sehr deepe Note, die die Lust auf den Floor in Kopf und Fuß ausbreitet. Mit dem technoiden Chicagostück von Fred P („Project 05“), den Disco-Cuts von Juergen Junker („Post Reunion“) und Steffis eigenem verdrehten Acid-Beitrag „DB011“ bleibt der Großteil der Tracks der Liebe für zupackende Grooves treu. Dennoch kommt zum Schluss die Vorliebe der Holländerin für Techno zum Tragen, mit Shooting Star Trevino und einem Maschinenfunk der pumpenden Sorte („Juan Two Five“).

**** Sebastian Weiß

STILL CORNERS

STRANGE PLEASURES

Sub Pop/Cargo

Mit ihrem zweiten Album wechseln die Amerikaner in London zu sehnsuchtsvollem Elektro-Pop über.

Aha, Factory Records! Etwas in der Art von The Railway Children geistert durch „The Trip“, den ersten Song auf dem zweiten Album dieses Duos. Die perlenden Gitarrenläufe verraten alles. Der Mann, der sich daran erinnert oder orientiert, heißt Greg Hughes. Zusammen mit der Sängerin Tessa Murray bildet er seit einigen Jahren den Kern von Still Corners. Zuerst haben sich die beiden über Filmmusik verständigt. Auf dem Debütalbum von Still Corners, CREATURES OF AN HOUR, aus dem Jahr 2011, war der Einfluss von einschlägigen Komponisten wie Ennio Morricone und John Barry nicht zu überhören. Jetzt werden wir Zeuge einer Band, die zur Geradlinigkeit gefunden hat. Man hat das Gefühl, Tessa Murray und Greg Hughes sind jetzt richtig in der Materie drin. Die Sängerin führt sich als verträumte Femme fatale auf und stellt sich dabei unter anderem vor, wie es wohl wäre, wenn man mit Glühwürmchen durch die Natur schweben würde („Fireflies“). Da der Sommer in diesem Jahr mehr noch als sonst herbeigesehnt wird, fliegt man da gerne mal mit. Multiinstrumentalist Greg Hughes liefert Grundierungen, die zwischen erwähntem zarten Indie-Rock der 80er-Jahre und dem Synthie-Pop aller Epochen liegen. Fans von Beach House, Chairlift, Washed Out oder The Sundays werden diese Einflüsse herzlich gerne begrüßen und sich darüber freuen, dass es überhaupt nicht billig nachgemacht klingt. Beachten, bitte!

**** Thomas Weiland

THESE NEW PURITANS

FIELD OF REEDS

Infectious/PIAS/Rough Trade (VÖ: 14.6.)

Avantgarde/Neo-Classical: Die Londoner kappen auf ihrem dritten Album so ziemlich alle Verbindungen zum Pop.

Dem Debütalbum BEAT PYRAMID von These New Puritans war im Jahr 2008 noch halbwegs eine postpunky Komponente zuzuschreiben. Und so positionierte sich die Londoner Band in den letzten Ausläufern des damaligen Indie-Rock-Revivals mit Hängen und Würgen auf gerade noch zeitgeistigem Terrain. Zwei Jahre später kam dann das zweite Album, HIDDEN, mit seinen nicht wenigen Ausbrüchen ins Neo-Klassik-Fach. Konsequenterweise brachten These New Puritans das Album auf die Bühnen mit Kammerorchester, Kinderchor und (in Deutschland) Dirigent André de Ridder. Dieser nimmt als Zeremonienmeister auf dem dritten Album, FIELD OF REEDS, eine nicht unwesentliche Rolle ein. Die Musik wurde vor den Aufnahmen exakt notiert und arrangiert und mit kleiner Orchesterbesetzung eingespielt. Und so kappen These New Puritans mit Album Nummer drei so ziemlich alle Verbindungen zu einer Musik, die zeitgenössisch, modern oder auch postmodern genannt werden würde. Man kann auch sagen: Sie kappen die Verbindungen zur Popmusik. FIELD OF REEDS ist neoklassische Avantgardemusik in Struktur, Arrangement und Instrumentierung. Allein die Gesangslinien der portugiesischen Jazzsängerin Elisa Rodriguez und die Bassstimme von Adrian Peacock sind purer Anti-Pop. Manchmal sind auch noch Spurenelemente von Pop in dieser Musik nachzuweisen. Zum Beispiel in „V (Island Song)“, einer Komposition, die über neun Minuten den Weg von der Neuen Musik hin zu einer Art Popsong nimmt, um dann wieder zurück zur Avantgarde zu gehen. Und so dürfen wir These New Puritans in einer Reihe mit den großen Sich-selbst-Neuerfindern in der Popmusik begrüßen, in der zum Beispiel auch Talk Talk und Mark Hollis ihren festen Platz haben.

***** Albert Koch

TUNNG

TURBINES

Full Time Hobby/Rough Trade (VÖ: 21.6)

Den Briten ist ein wunderbar fließendes Album mit Verbindungslinien zu Folk und Pop gelungen, so relaxed wie komplex.

Es ist schön zu hören und beruhigend zu wissen, dass da draußen immer noch Bands unterwegs sind, die sich nach ihrem dritten oder vierten Album nicht in irgendeine bequeme Ecke fallen lassen und sich entweder selbst kopieren oder ihr „Ding“ mit zahlreichen Verfeinerungen in die Breite spielen. Bei Tunng hat man sowieso größere Schwierigkeiten, dieses „Ding“ überhaupt festzunageln. Bleiben wir also locker: Das hier ist eine Band, die aus der Jam Session heraus mit TURBINES ein genauso relaxtes wie komplexes Album aufgenommen hat. Tunng lassen ihre Liebe zu den Texturen bis in die Haarspitzen ihrer Songs einwirken. Bei den Londonern klingt selbst das Gitarrenfeedback so leicht, dass man es für das Geknister von Butterbrotpapier halten könnte. Der Loop, der aus einem, ja nun, Dreampopsong wie „The Village“ herauswächst, funktioniert hier als ein kleines Ausrufezeichen. Tunng sagen damit, wir lieben nicht nur den guten Song, wir lieben auch unser Studio. Und: Besteht der Beginn des Tracks „Bloodlines“ vielleicht aus einem Terry-Riley-Zitat? Was danach folgt, könnte ein alter englischer Folksong sein, den die Band mit einem perwollweichen Chorgesang so richtig fließen lässt. „Follow Follow“ darf als Tunngs Beitrag zu den gerade aktuell stattfindenden Simon-And-Garfunkel-Gedächtnistagen gelten, ergänzt um ein Klackern im Beat und ein paar elektronische Mini-Melodien. TURBINES ist das Album, das Hot Chip hätten aufnehmen können, wenn man sie auf einem aus Folk-und Popmelodien dahinrauschenden Fluss ausgesetzt hätte. Tunng machen auf ihrem fünften Album mehr daraus, unterwegs wurden lose herumliegende Elektronikteilchen aufgelesen und mit Liebe zum Detail in die Musik eingewoben.

****1/2 Frank Sawatzki

ANNA VON HAUSSWOLFF

CEREMONY

City Slang/Universal (VÖ: 14.6.)

Ein Album, das um den Sound einer Kirchenorgel gebaut ist: Kontemplationen über Sein und Nichtsein in Form einer Drone-Messe.

Anna von Hausswolff hatte sich mit ihrem Debüt SINGING FROM THE GRAVE schon weitab des Popbetriebs positioniert. Auf ihrem neuen Album, CEREMONY, behandelt die Schwedin den Moment des Todes in der neunminütigen Kontemplation „Deathbed“ und erinnert sieben Tracks später an den verstorbenen Großvater, dem sie das Stück „Harmonica“ widmet. Bevor dieser starb, schenkte er der Enkelin eine Mundharmonika und bat sie, darauf zu üben und nur über die Dinge zu schreiben, die ihr wichtig seien. In 13 Kompositionen dreht sich die Künstlerin um die zentralen Fragen des Seins und Nichtseins, sie reflektiert unser Verhältnis zur Natur und hat eine Trauermusik für ihre zukünftigen Kinder geschrieben. CEREMONY ist um den Sound einer Kirchenorgel gebaut und besitzt doch eine gewisse Leichtigkeit. Von Hausswolffs Stimme scheint über den Drones zu schweben, als erzähle sie aus einer anderen Welt, einem anderen Bewusstseinszustand. Eine Meditation über die Mühsal des Lebens („Liturgy Of Light“) findet sich in einem Folksong, den man auf einem Album von Vashti Bunyan suchen und vielleicht bei Nurse With Wound oder Current 93 finden würde. CEREMONY mag ein Album aus dem Dunkeln sein, es sucht in jedem Moment Wege ins Licht -auf dem weiten Feld zwischen Soundtrack und Drone-Messe. Die Goth-Schublade bleibt geschlossen.

***1/2 Frank Sawatzki

WAMPIRE

CURIOSITY

Polyvinyl/Cargo

Psychedelic Rock, der mitunter zu seiner eigenen Parodie zu werden droht.

Der Bandname klingt nach der Sorte Wortspiele, mit der deutsche Kabarettisten gern ihre Bühnenprogramme betiteln. Aber Wampire kommen aus Portland. Die seltsam schlaffen Songs des Duos entwickeln einen eigentümlichen Reiz, von dem man nie weiß, ob er so gewollt war – oder einfach dadurch entsteht, dass Rocky Tinder und Eric Phipps ihre Produktionsmittel nicht gänzlich beherrschen. Auf ihrem Debüt CURIOSITY finden sich obskure Stücke wie „Outta Money“, das nirgendwohin zu führen scheint, aber dann auch wieder ein flotter, vergleichsweise konzentrierter Popsong wie „Trains“, der wie direkt aus den Sixties importiert scheint – jedenfalls bis der Rhythmus ins Stolpern gerät. An anderer Stelle klebt die Orgel alles zu wie Zuckersirup und scheinen die Harmonien gestrickt aus Watte, während die Stimmung aus einem billigen Horrorfilm stammt. Vor allem aber übertreiben es Wampire immer wieder mit dem Hall, sodass noch das grandioseste psychedelische Pathos zur Parodie zu verkommen droht. Aber es darf Entwarnung gegeben werden: Zum furztrockenen deutschen Kabarett halten Wampire ausreichend Sicherheitsabstand.

***1/2 Thomas Winkler

ZOMBY

WITH LOVE

4AD/Beggars/Indigo (VÖ: 14.6.)

Ein fragmentarisches Kunstwerk aus Dubstep, Jungle, Techno-Resten und elegischen Piano-Tracks auf zwei CDs (drei LPs).

Dass Zomby der Alleskönner der aktuellen Dubstep-Schickeria ist, hat er mit zwei Alben unter Beweis gestellt: der Rave-Hommage WHERE WERE U IN ’92? (2008) und dem dunklen Autoren-Album DEDICATION (2011). Aus der Tiefe der Zeit kommend, aber in die eigene Zeit wirkend, entwickelte der Brite eine Bastardmusik, die sich den Trance-Momenten des Dancefloors und dem großen Glück der Melodie, das der Pop verspricht, öffnete. Man darf das jetzt im Signaturtrack des Albums bewundern; wenn gerade ein Stück das Zeug haben sollte, den Dubstep aus seiner Selbstreferentialität zu befreien, dann ist das „If I Will“(mit einer Art Kopfgesang und einem Marimba-Thema tief aus dem Bauch). Zombys Spektrum reicht von Jungle-Fantasien („Overdose“, „777“), Techno-Resten und Vocal-Loop-Experimenten („VI XI“) bis hin zu Piano-Elegien auf Breakbeats („Entropy Sketch“,“I Saw Golden Light“) und dem Erkunden vollkommen beatfreier Räume („Sunshine In November“). WITH LOVE haftet etwas Fragmentarisches an, die meisten der 33 Tracks bleiben unter der Zweiminutengrenze, Zomby entwickelt aus wenigen Elementen Motive, die kurz aufb litzen und wieder verschwinden. Erst im Gesamtkunstwerk wachsen Teile dieser Fragmente zusammen oder überlagern sich zu Soundtracks -und erst nach mehrfachem Hören.

**** Frank Sawatzki