S & J


Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft: 2007 lernten sich Jessica Schwarz und Scott Matthew kennen. Aufseiner letzten Tour besuchte der New Yorker Sänger die Berliner Schauspielerin nun in Michelstadt - in dem Designhotel, das sie neben ihrem Elternhaus eröffnet hat.

Es ist 2 Uhr morgens, genau fünf Stunden, bevor Jessica Schwarz ihren Flug zu einem Fotoshooting in London verpassen wird, und in Michelstadt ist Ruhe eingekehrt. Die 30 Gäste, die das Glück hatten, Scott Matthews privates Konzert in Jessicas kleinem Hotel „Die Träumerei“ zu sehen, sind nach Hause gegangen, und inzwischen sind auch der Künstler und der Großteil seiner Band im Bett. Lediglich in der Bar ist noch Betrieb: Jessicas Vater schenkt Getränke aus eigener Herstellung aus (die meisten aus der familiencigenen Brauerei, dazwischen aber auch brennbare, die wohl nie auf einer offiziellen Speisekarte erscheinen dürften), während seine Tochter im kleinen Kreis die Erlebnisse des Abends verarbeitet. „Ich hab die ganze Zeit zwei Leute beobachtet, die in der Mitte des Raumes standen“, sagt sie. „Die haben sich das ganze Konzert nicht getraut, ihre Plastiktüten abzusetzen.“

Scott Matthew hat an diesem Abend nur sechs Stücke vorgetragen, doch hat er bei allen Anwesenden-die Mehrzahl davon hatte zuvor noch nie von dem New Yorker Sänger und Songschreiber gehört, einen tiefen Eindruck hinterlassen. Selbst unverstärkt erfüllte seine Stimme den mit Kerzen beleuchteten Raum mit solcher Macht, dass über 30 Minuten lang die Zeit stillzustehen schien: Kein Wort wurde gesprochen, kaum jemand bewegte sich von seinem Platz, und zwei Gläser Wein, die zu kurz vor Beginn bestellt worden waren, blieben unabgeholt auf dem Thresen stehen. Zu spätgekommene, die mitten in „White Horse“ die Köpfe zur Türe hereinsteckten, wurden von der feierlichen Atmosphäre so verunsichert, dass sie mit einem entschuldigenden Lächeln den Rückzug in die kalte Nacht antraten. „Die Leute hier in Michelstadt haben sonst keine Gelegenheit, sich mit so emotionaler Musik auseinanderzusetzen“, sagt Jessica. „Die kennen nur, was im Radio kommt. Und Scott Matthew geht ganz schön tief rein, der Traurigkeit muss man sich erst mal stellen. Das muss man auch aushalten. Aber zum Beispiel die Leute mit den Plastiktüten? Die haben sich eben dafür entschieden, es auszuhalten.“

Bevor sie – nun auch ein wenig stolz auf die Bewohner ihrer Heimatstadt, die schon so lange stolz auf sie sind -, in ihr altes Kinderzimmer gehen wird, das ihr bei Besuchen in Michelstadt noch immer als Schlafstätte dient, will sie allerdings noch einen Verdacht bestätigt wissen. „Du hast dir auch ein paar Tränen verdrückt, stimmt’s?“, sagt sie mit einem herausfordernden Funkeln in den Augen zu ihrem Vater. “ Du kannst mir nichts erzählen, ich hab dich gesehen.“ Dass der nur lächelt und nicht widerspricht, scheint ihr viel zu bedeuten. Aber was zum Teufel – so oder ähnlich begann die Frage, die an diesem Abend wieder und wieder beantwortet werden musste – macht eigentlich Scott Matthew an einem konzertfreien Tag seiner Tournee in einer Kleinstadt im Odenwald? So oder ähnlich lautete die Antwort: Jessica Schwarz war 2006 Mitglied der Jury des Zürich Film Festivals. Der Preis für den besten Nachwuchsfilm ging damals an John Cameron Mitchells „Shortbus“, in dem zwischen vielen nackten Menschen Scott Matthew (angezogen) zwei kurze Auftritte als Sänger hat. „Ich fand einfach gut, dass es ein Film über Sex, aber auch über Liebe und Beziebungert im 21. Jahrhundert war für mich zumindest“, sagt Jessica. „Es war interessant, wie natürlich der Sex präsentiert wurde. Bei,Ken Park‘ und , Irreversible‘ hatte man immer das Gefühl, dass es nur um Sex geht – auf aggressive Weise.“

Beeindruckt erzählte sie ihrem Manager Christian Jerger von Scott. Als ein halbes Jahr später ihr 30. Geburtstag in einem Schloss bei Berlin gefeiert wurde, flog Jerger Scott Matthew als Überraschungsgast ein.

„Ich fand das unglaublich romantisch“, sagt Scott – er muss immer noch lachen, wenn er daran denkt. „Auf so was hab ich mein Leben lang gewartet. Es war total schön, auch wenn ich nervös war. Das war ja eine neue Welt. Sonst saß ich immer in meinem abgerockten Apartment m Brooklyn, und plötzlich war ich in einem Schloss bei Berlin -fantastisch. „Und weil sich auf dem Fest Menschen begegnet sind, die sich sympathisch waren, entwickelte sich nicht nur eine Zusammenarbeit (Jerger unterstützt Scott Matthew seit 2007 als Manager), sondern auch und vor allem eine Freundschaft: Man besucht sich, wann immer es geht, tauscht Neuigkeiten aus und ab und zu auch Wohnungen. Kein Wunder, dass die beiden vertraut wirkten, als sie sich den freien Nachmittag gemeinsam in der „Träumerei“ um die Ohren schlugen. ME: Scott, bekommst du in einer Kleinstadt wie Michelstadt nicht Atemnot? Scott: Was? Es ist wunderbar! ME: Du hast mal gesagt, dass du Australien verlassen hast, um der Kleinstadtmentalität zu entkommen … Scott: Das stimmt, ich hab sie dort verabscheut. Deshalb hab ich mir mit New York den größten, toughesten Ort überhaupt ausgesucht. Aber das hier hat nichts mit dem Kleinbürgertum zu tun, das ich damals in Australien erleben musste. Es ist märchenhaft. ME: Jessica, wie stehst du inzwischen zu deiner Heimat? Jessica: Viel besser als früher. Ich musste hier so dringend raus, als ich jünger war. Alle in meiner Familie sind so prakweiter auf Seite 50

tisch, ich hatte mit meinen Befindlichkeiten da keinen Platz. Ich fühlte mich total unverstanden: Ich verstehe sie nicht, sie verstehen mich nicht, ich muss adoptiert sein, (lacht) Scott: (lacht) So ging’s mir auch! Jessica: Aber meine Eltern haben meine Gefühle verstanden. Sie wussten: Sie wird in kürzester Zeit heroinabhängig sein, wenn wir sie nicht gehen lassen. Das war eine coole Entscheidung. Ich konnte gehen, als ich 16 war, hab London und New York gesehen, konnte mir meine Narben abholen und durfte herausfinden, was ich brauche.

ME: Heroinabhängig?!

Jessica: (lacht) Nein, ich wusste immer, dass ich das nicht probieren würde. Das ist die unterste Stufe.

ME: Eine Stufe, die du sehen konntest, wenn du die Treppe runtergeschaut hast?

Jessica: Eine Zeit lang hab ich sie auf jeden Fall im Blick gehabt. Aber man muss auch wissen, dass man in dieser Stadt schon „heroinabhängig“ ist, wenn man Gras raucht, (lacht) Sie wussten einfach, dass ich wahnsinnig geworden wäre, wenn ich hier hätte bleiben müssen. Das wollten sie nicht. Und das war gut für mich.

ME: Kannst du sagen, was du an Scotts Musik magst?

Jessica: Das ist schwer … Scott: Naja, Traurigkeit zieht dich schon an – das weiß ich auch von deinen Filmrollen. Jessica: Stimmt. Und mich faszinieren Leute, die sich selbst spüren, die über ihre Begegnungen singen – mit sich und anderen. Leute, denen es um Wahrheit geht. Solche Rollen spiele ich auch gerne. Das ist auch die Faszination bei Scott: Er sitzt auf einem Stuhl, begleitet sich nur auf der Ukulele, und dabei entsteht eine unglaubliche Tiefe. Manchmal wird das so erhaben, dass ich mir denke, dass es einen Engel geben muss, zu dem du singst und der dir eine Stimme gibt.

ME: Hattest du Bedenken, dass Scott ganz anders sein könnte, als dich die Musik das erwarten ließ?

Jessica: Nein. Ich hatte auch gar keine Zeit für so was, ich wurde ja völlig überrumpelt: “ Hier ist ein Geburtstagsgeschenk: Scott Matthew.“ Ich war von der Organisation sowieso so gestresst, dass ich die zwei Tage davor nichts gegessen habe. Alle mussten sich erst mal kennenlernen, dann kam auch noch Scott, und ich hab mich gefragt, ob die Leute mit so einer Musik überhaupt was anfangen können. Aber nach dem ersten Ton war mir eh alles scheißegal. Ich saß nur da und hab geweint. Und dann hab ich plötzlich gespürt, dass es ruhig wird – zum ersten Mal sind alle friedlich geworden. Ich hatte das Gefühl, dass danach auch das Kennenlernen passiert war – es wurde total harmonisch.

ME: Wie sieht es bei dir mit Musik aus? Hast du Pläne?

Jessica: Äh, nein, (lacht) Scott: Für Schauspieler ist es schwer, weil sich Leute sofort ein Urteil erlauben. Die Erwartungen sind so hoch. Ich finde, dass Scarlett Johanssons Platte ziemlich gut ist, aber man hat in den USA ganz schön darauf rumgetrampelt. Jessica: Barbara Schöneberger hat es richtig gemacht: Sie hat ihr Album JETZT SINKT SIE AUCH NOCH genannt, (lacht) Scott: Machen wir ein Duett? Ich will vielleicht auf dem dritten Album nur Duette haben. Jessica: Das wäre großartig!

ME: Was für Musik würdest du machen, wenn du dir das erlauben würdest?

Jessica: Hm. Meine Stimme wurde mit R’n’B-Zeug ausgebildet—Whitney Houston, Ahca Keys und so —, aber das hör ich überhaupt nicht mehr. Jetzt finde ich schwierig, eine Stimme zu finden. Aber eine Freundin lernt Akkordeon. Wir würden am liebsten in schäbige Bars gehen, und ich singe mit ihr Marlene-Dietrich-Stücke oder so. Hildegard Knef. So was sing ich manchmal unter der Dusche. Scott: Das klingt fantastisch. Du musst ja nicht gleich ein Album machen, fang doch erst mal mit einer Show an. Jessica: Oder unter Pseudonym in Norwegen. Aber nicht hier in Deutschland im Hinterhof von Yvonne Catterfeld.

ME: Apropos: Yvonne Catterfeld spielt in einem Film Romy Schneider – genau wie du. Wie weit ist dein Film?

Jessica: Fertig! Deshalb seh ich so entspannt aus. Es ist komisch, meine Haut hat beim Dreh komplett verrückt gespielt. Ich hab jeden Tag Ausschlag bekommen. Nicht vom Make-up – vom Stress. Dann war der Film fertig, und der Ausschlag war weg. Und vor zwei Tagen hab ich mit Freunden über Romy Schneider geredet, und zehn Minuten später hatte ich wieder den Ausschlag. Romy hat mich wirklich gestresst. Und an Grenzen gebracht. Scott: Wow.

Jessica: Ich hab sie auch geliebt, aber sie war so leidenschaftlich als Schauspielerin, dass du jeden Morgen sofort voll einsteigen musstest: Okay, du bist Romy Schneider, du bist unfassbar berühmt, du hast Probleme, du hast Angst, du bist betrunken. Sie war sehr instabil.

ME: Scott, wäre das was für dich – die Schauspielerei?

Scott: Nein. Ich hab mal kurz überlegt, auf eine Schauspielschule zu gehen, aber mich dann doch für die Musikschule entschieden. Vielleicht ist das narzisstisch, aber ich bin eher besessen davon, meine Wahrheit zu erzählen, als die von jemand anderem.

ME: Deine Musik klingt so rückhaltslos persönlich und emotional, hat das gar nichts mit Schauspielerei zu tun?

Scott: Nein. Überhaupt nicht.

ME: Dann musst du sehr mutig sein. Du machst dich dann ja sehr verletzlich.

Scott: Ja. deshalb hatte ich als Jugendlicher auch eine Punkband. Es hat gedauert, bis ich mich damit wohlgefühlt habe, so viel von mir in der Öffentlichkeit zu zeigen. Das ist schon hart. Inzwischen ist es einfacher, weil die Leute positiv darauf reagieren. Und ich muss es ja machen, um zu überleben. Es ist Therapie. Jessica: Und wann machst du wieder Punk? Scott: Wenn ich 65 bin! (lacht) Rosige Aussichten. Aber eines nach dem anderen. Aktuell steht schließlich ein ganz zauberhaftes Album mit trauriger Musik an. Bei Jessica kommt im August „Die Tür“ ins Kino, im Oktober strahlt die ARD „Romy“ aus. Aber erst mal muss sie nach dem entspannten Tag in Michelstadt wieder in die Gänge kommen – schließlich ist sie frühmorgens auf einen Flug nach London gebucht. Und wie das ausgeht, haben wir ja am Anfang schon verraten.

Albumkritik S.67

www.scottmatthewmusic.com