Der Sommersong ist tot, Bellini – ein Nachruf


There goes the Summer Son(g): Bellini versucht mit „Samba do Brasil“ einen Sommer-/WM-Song hinzulegen und vergisst: Der Sommersong ist tot. Ein Nachruf von Jan Schmechtig.

Lieber Sommersong,

nachdem deine namensgebende Jahreszeit im Zuge der Klimaerwärmung entweder auf sich warten lässt oder überhaupt nicht auftaucht, hast auch du entschieden abzudanken. Der Grund meiner aufkommenden Melancholie? „Samba do Brasil“, Bellinis neuer alter Song, mit dem die Band in neuer Besetzung mit altem Sound wieder ein bisschen Chart- beziehungsweise WM-Luft schnuppern will. Doch eigentlich sollten sie wissen, dass es nur ein kläglicher Versuch ist, Tote wieder zu beleben. Dein Körper ist da, aber die Seele fehlt. Es ist nicht wie 1997, als eine fiktive brasilianische Kapelle durch die (wahrscheinlich deutschen) Straßen zog und dafür sorgte, dass alle sofort Bikini oder Badehose anlegen wollten. Du hattest damals viele Bewunderer und hast uns mit „Macarena“, „Samba de Janeiro“, „Coco Jambo“, „Bailando“, „The Ketchup Song“ und wie sie alle hießen Perlen sommerlicher Tanzmusik beschert.

In den vergangenen Jahren musstest du aber erkennen: Das funktioniert nicht mehr. Da gab es die Guettas, Perrys und Thickies, die zwar Hits lieferten, die aber keine wirklichen Sommerhits waren. Das waren einfach nur eingängige Popsongs mit mehr oder weniger nackten Brüsten in ihren begleitenden Musikvideos. Der Reiz war verloren, aber die Leute wollten diese beliebig als Sommersong etikettierten Kracher hören – und so fielst du in ein tiefes Sommerloch. Vorbei die Zeiten als du uns Choreographien hast performen lassen mit denen man sich reihenweise zum Idioten gemacht hat und sich die Fragen stellen musste: In welche Richtung springe ich beim „Macarena“? Wie oft kreuzt man beim „Ketchup“-Song die Arme bevor man mit den Beinen schlackert?

Nun versucht man also dich gewaltsam wieder auferstehen zu lassen im Gewand eines „WM-Songs“ und weiß doch insgeheim: So wunderbar schlimm wie damals wird es nie wieder werden. Damit hinterlässt du nicht nur Mandy, Ronny, Heinz-Dieter und Rosemarie, die jetzt nichts mehr zum Schunkeln in Großraumdiskos oder im Fernsehgarten haben, sondern auch traurige Frühdreißiger wie mich, die nie vergessen werden wie scheußlich schön die Zeit mit dir war.

Ruhe in Frieden.

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Jan Schmechtig bloggt unter Horstson.de über Männermode und Musik – und in loser Regelmäßigkeit auf musikexpress.de.