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Interview

Von Tele zum „Tatort“: Warum Songwriter Wilking auf Schlagerpop umschulte

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Francesco Wilking kennt Ihr, sehr verehrte Musikexpress-Leser, zuerst als umtriebigen Indiemusiker. Seit 2000 ist der 41-jährige Wilking als Sänger und Songschreiber der Band Tele bekannt, 2011 erschien sein Solodebüt DIE ZUKUNFT LIEGT IM SCHLAF. Sein zuletzt spannendstes Projekt heißt Die Höchste Eisenbahn. Gemeinsam mit Moritz Krämer und diversen Gastmusikern (u.a. Judith Holofernes und Gisbert zu Knyphausen) nahm die Musiker bisher eine EP namens UNZUFRIEDEN und ihr Debüt SCHAU IN DEN LAUF HASE auf. Im Herbst soll ihr zweites Album kommen. Was weniger Menschen wissen: Wilking schreibt auch Musik für Film und Fernsehen. Seine bisher prestigeträchtigste Arbeit war auch seine abseitigste: Im neuen „Dresden“-Tatort, der Sonntag erstmals ausgestrahlt und seitdem viel diskutiert wurde, liest man Wilkings Namen sowie den von Tele-Keyboarder Patrick Reising in den Credits im Abspann. Bloß: Im gesamten „Tatort“ war nichts anderes als Schlagermusik zu hören. Ein triftiger Grund zur telefonischen Nachfrage am Tag danach: Wie konnte es bloß dazu kommen, Francesco Wilking?

Francesco Wilking: Das hat sich so ergeben. Wir haben mit dem „Tatort“-Drehbuchautoren Ralf Husmann damals die Musik für den „Stromberg“-Film gemacht. Der Dialog war super, deshalb hatte er uns angehauen, für den „Tatort“ diese, naja, Schlagerpopmusik zu schreiben.

Wie lauteten Eure Vorgaben?

Ralf Husmann schrieb einen Teil der Texte, ich habe hier und da etwas ergänzt. Gemeinsam haben wir uns viele echte, unironische Lieder angehört und uns für ein paar Wochen in diese Welt begeben.

Hattest Du vorher schon Berührung mit Schlagermusik?

Nee, gar nicht. Auch nicht durch Tanten oder Omas, die das gehört hätten.

Die Grenze zwischen „ernsthaften“ Schlagersongs, wie Du es nennst, und Euren Nummern ist fließend. Hast Du nun mehr oder weniger Respekt vor der Schlagerbranche?

Die Branche kenne ich nicht. Ich kenne nur die Musiker und Veranstalter aus meinem Umfeld. Darauf bezog sich ja auch der große Shitstorm nach dem „Tatort“: Die Darstellung hätte mit der Wirklichkeit nichts zu tun gehabt.

„Wenn man sich nicht mal mehr über Volksmusikanten lustig machen darf, weiß ich auch nicht mehr weiter“

Und die Musik?

Über die Musik will ich nicht haten. Die ist halt sehr funktional, auf etwas Affirmatives hin geschrieben. Es gibt die klassischen „Ich wurde verlassen“-Lieder. Die „Du Arschloch, mit Dir will ich nichts mehr zu tun haben“-Lieder. Die „Unsere Stadt ist die schönste“- oder „Unser Land ist das schönste“-Lieder. Handwerklich ist vieles gut gemacht. Anderes ist frech und schlecht gemixt. Etwa dieses Bumsbeat- und Ziehharmonika-Ding. Alles ist auf ein bestimmtes Ziel hin produziert, soll zum Beispiel Volksmusik- und Ballermann-Fans ansprechen. Schlagermusik spielt selten mit wahnsinnig vielen Ebenen.

Dem „Tatort“ wurde Realitätsverzerrung vorgeworfen, obwohl von den Künstlernamen über die Maschen bis zu den freakigen Fans ja vieles genauso existiert.

Schwierig. Du erzählst eben eine Geschichte mit ironischem Ansatz in einem bestimmten Ambiente. Es hätte genauso gut um Fussball oder die Pharmaindustrie gehen können. Wenn da jemand sagt, „Ihr zieht unsere ganze Branche durch den Kakao“, sind wir wieder bei der alten Satire-Diskussion. Wenn man sich nicht mal mehr über Volksmusikanten lustig machen darf, weiß ich auch nicht mehr weiter.

Ein vergleichsweise kleiner deutscher Indiemusiker macht Musik für eine große deutsche Fernsehproduktion. Bist Du jetzt steinreich?

Vielleicht, ja! (lacht) Nein, ich weiß es nicht. Mit der Bezahlung selbst hat das wenig zu tun. Das Gejammer über fehlendes Budget ist immer groß, gerade für die Musik wird ja selten tief in die Tasche gegriffen. Die GEMA aber ist ein großer Posten. Es gibt vielleicht eine Handvoll Musiker in Deutschland, die überhaupt deren Vergabeschlüssel verstehen. Deswegen weiß man nie, wieviel Geld man ein Jahr später, wenn die GEMA sich meldet, wirklich bekommt. Das hat damit zu tun, wieviele Minuten du Musik gemacht hast, um wieviel Uhr auf welchem Sender der Film lief, wie oft er wiederholt wird und so weiter. Und da wir noch nie für den „Tatort“ gearbeitet haben, habe ich wirklich keine Ahnung, was dadurch reinkommt.

Wie viele Platten müsstest Du verkaufen, wie viele Konzerte spielen, um ungefähr die gleiche Summe verdient zu haben wie Dein tatsächliches „Tatort“-Honorar?

Vom Gefühl her ist das für mich kein riesiger Unterschied. Die Arbeit und der Ansatz ist anders. Für mich reicht die Summe von allem, was ich mache, zum leben aus. Würde ich meine eigenen Sachen nur zum Spaß machen, käme ich mir komisch vor. Klar, mit reinem Platten verkaufen gibt’s nicht viel Geld. Aber wir spielen Konzerte, verkaufen auch dort CDs, machen Fernseh- und Kinomusik. Alles zusammen reicht.

Da Du schon länger mehrgleisig fährst, hast du nicht durch den „Tatort“ Blut geleckt und willst fortan nur noch Filmmusik machen?

Nee, gar nicht. Das ist etwas ganz anderes. Das eine ist ein weißes Blatt Papier, das bin ich. Bei dem anderen hast du einen Film und da musizierst du drauf, auch was Schönes. Der Servicegedanke ist mir dabei übrigens zuwider. Das ist eine Aufgabe. Bei meiner eigenen Musik gibt es diese Aufgabe nicht.

Es geht im Dresden-„Tatort“ nicht nur um Schlagerklischees, auch um Sachsen. Da gibt es zum Beispiel die Sachsen-Hymne „Mein Sachsen“. Wie sehr haben Euch die Klischees über das Sachsen, wie es sich in den letzten Monaten zeigt, beim Schreiben beeinflusst?

Die Musik schrieben wir, bevor sich dieses Bild mit Clausnitz und Bautzen verdichtete. Im „Tatort“ wird zudem nicht das Phänomen Sachsen thematisiert, sondern dieses Volkmusik- und Heimatding. Das kann sich auf viele Regionen beziehen, Beispiele dafür findest du überall. Schlager ist eben oft ländliche Musik, in der Schlagworte eine Rolle spielen. Eine Musik, die auch von Leuten gehört wird, die diese Heimatverbundenheit haben. Da gibt es dann natürlich auch eine Überschneidung mit Ressentiments gegenüber anderen, was im „Tatort“ ja auch angesprochen wurde durch den Satz: „Der Sachse sieht auf der Bühne am liebsten anderen Sachsen zu.“ Ich würde die Thematik gerne nicht weiter auf Sachsen zuspitzen. Aber es sind zuletzt eben Sachen passiert, die einem wie Realsatire vorkamen.

„Ich werde einen Scheiß tun und über Sachsen als Land, als Ganzes, herziehen“

Zum Beispiel?

Es gab da dieses Lied namens „Die immer lacht“, was dem von uns geschriebenen sehr ähnlich ist. Das ist von einem sächsischen DJ-Duo (Stereoact, Anm.) und einer Sängerin (Kerstin Ott, Radiomoderatorin aus Norddeutschland, Anm.) und wurde schon ohne Sachsen-Bezug ein großer Hit. Dem Song wurde ein neuer Text verpasst, der sich konkret auf Sachsen bezieht, diese Version wurde wieder zum Hit. Und diesen Sachsenhit hat ein böser Mensch auf YouTube-Videos aus Clausnitz gelegt. Andere böse Menschen wie Kraftklub haben den Song gepostet, es folgte ein Riesen-Shitstorm. Es gibt Überschneidungen, klar: „Das sind wir, wir sind das Volk, das ist unsere Kultur, ihr habt hier nix zu suchen.“

Ein ähnliches Video gab es ja mal über Heidenau. Dein Bild von Sachsen hat sich durch die Arbeit weder positiv noch negativ verändert?

Nein. Ich werde einen Scheiß tun und über Sachsen als Land, als Ganzes, herziehen. Mit der Höchsten Eisenbahn waren wir gerade gestern noch in Leipzig und trafen wahnsinnig viele nette Menschen.

Was steht bei Dir in Zukunft an?

Einiges. Mit der Höchsten Eisenbahn zum Beispiel machen wir gerade unsere zweite Platte fertig.

Die wann kommen soll?

Im Herbst. Auf Tour wollen wir dann auch gehen. Außerdem arbeiten Patrick und ich an einem Film.

Kannst Du schon Details zum neuen Album verraten? Titel, Songnamen, Gäste?

Gäste haben wir bisher keine. Vielleicht gibt es im Schlusssprint noch welche. Einen Titel haben wir, den wir vielleicht aber auch in letzter Sekunde wieder ändern. Nennen darf ich ihn Dir leider nicht, da kriege ich Ärger.

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