Tom Morello live in Berliner SO36: Politik, Parolen und Party
Vom Stadion in den Club: Tom Morello von Rage Against The Machine mit Best-of-Konzert in Kreuzberg.
Kurz nach seinen bei Auftritten vor Zigtausenden bei Rock am Ring und Rock im Park am Wochenende betreibt der Gitarren-Visionär und politische Aktivist Tom Morello etwas Grassroots-Arbeit und gastiert in der Keimzelle des Berliner Punk, dem Kreuzberger Club SO36.
Generationentreffen der Gitarristen
Der Schweiß tropft von der Decke auf das zu weiten Teilen ergraute Publikum. Der jüngste Mensch in der Halle dürfte mit seinen 15 Jahren Tom Morellos Sohn Roman sein, der zweite Gitarrist in der Band des Papas. In punkto Versiertheit steht er seinem legendären Vater in nichts nach, immer wieder brilliert er mit hoch komplexen, voller Power und Passion vorgetragenen Soli, das stolze Grinsen des ohnehin gern lächelnden Morello Senior endet dabei irgendwo zwischen über den Ohren im Trademark-Basecap. Sogar mit Gniedelgott Steve Vai nimmt der Sprössling es auf und interpretiert dessen „For The Love Of God“.
Warm-up für das Soloalbum
Was Morello gerade um die Welt führt? Er will Appetit anregen auf sein erstes Rrrrock-Soloalbum, das nach diversen Vorab-Singles, zuletzt „Adjourn It“ feat. Serj Tankian von den Brüdern im Geiste, System Of A Down, für 2026 angekündigt ist. Bevor das droppt, möchte er uns wieder ins Gewissen rufen, was ihn zu so einem der einflussreichsten Gitarristen seiner Generation gemacht hat. So entsteht „ein bunter Abend mit Tom Morello“, eine Art „Das ist ihr Leben“ on stage: Neben seinen aktuellen Singles präsentiert er aufgemotzte Versionen der Stücke „One Man Revolution“ und „House Gone Up In Flames“ seines Folk-Alter-Egos The Nightwatchman, Neu-Interpretationen von Songs seiner Trilogie THE ATLAS UNDERGROUND, für die er Stars von Steve Aoki über Marcus Mumford bis Kirk Hammett um sich scharte, covert seinen Buddy Bruce Springsteen mit „The Ghost Of Tom Joad“.
Tribute an Ozzy, Chris Cornell, Taylor Hawkins und Ace Frehley
Ebenfalls unter den Ehrerwiesungen: „Mr. Crowley“ von Ozzy Osbourne – vor genau elf Monaten war Morello der musikalische Direktor des Mega-Metal-Events„Back To The Beginning“ im britischen Birmingham, dessen Höhepunkt das letzte Konzert von Black Sabbath darstellte; Osbourne starb keine zwei Wochen später. Hinter den Drummer wird in Berlin eine ikonische Schwarzweiß-Fotografie von Osbourne und seinem Gitarristen Randy Rhoads projiziert – Morellos ältester Sohn Rhoads ist nach ihm benannt. Später im Set stehen an der Stelle der zwei Metal-Ikonen zur Untermalung von „Like A Stone“, dem nachhaltigsten Hit aus Morellos Zeit mit der Supergroup Audioslave, nacheinander Bilder von deren Sänger Chris Cornell († 2017), Foo-Fighters-Drummer Taylor Hawkins († 2022) und von Kiss-Gitarrist Ace Frehley († 2025).
Ein Abend als Karriere-Rückblick
Den größten Applaus gibt es freilich für zwei Medley-Blöcke, in denen uns Morello seine bekanntesten Riffs aus dem Werk seiner berühmtesten Band, der die 90er wie kaum eine andere Heavy-Band prägenden Rage Against The Machine um die Ohren knallt. Auf ihre Essenz reduzierte Vermengungen dieser Art kommen zwar immer etwas cheesy rüber, aber wie es Morello hier umsetzt, hat auch was ehrfürchtiges: Denn er beschränkt sich wirklich nur auf seine Parts, stellt sich nicht ins Scheinwerferlicht des RATM-Shouters Zack de la Rocha (was macht der eigentlich so? Hatte der nicht immer SEHR viel zu sagen? Und gilt es das aktuelle Weltgeschehen nicht mehr als je zuvor zu kommentieren?), lässt weder sich noch Gastsänger ans Mikro, sondern die Musik für sich sprechen. Das ganz ausgespielte „Killing In The Name“ (kann man das rückwirkend bitte um den Zusatz „of“ erweitern, damit der Song nicht ständig falsch betitelt wird?) darf dann das Publikum singen, bevor Morello zu einem vielleicht arg klischeehaften Cover von John Lennons „Power To The People“ ansetzt.
Antifa All Nite
Zum Abschluss dann „Rock And Roll All Nite“ von Kiss, die sich im Dezember noch ganz ungeniert von Donald Trump auszeichnen ließen. Kiss genießen einfach einen unvergleichlichen Stellenwert in der US-Rockszene, da ist die Politik dann schnell zweitrangig. Denn, wie Morello am Anfang der Show bereits, per etwas platter Publikumsbefragung feststellte, finden sich nicht nur zahlreiche Menschen in der Halle, die Faschismus kacke finden, sondern auch deckungsgleich viele, die dem Rock’n’Roll zugewandt sind. Unterstützt wird diese Erhebung von Schlachtrufen aus der Menge: „Alerta, alerta, antifascista!“ Morello kommentiert bedauernd und wohl der Akustik auf der Bühne geschuldet etwas fehlgeleitet, dass seine Deutschkenntnis für das Verständnis der spanischen Parole nicht ausreiche, er sich aber sicher sei, mit den Fans übereinzustimmen. Ab und an entstehen durch solcherlei Animationen Vibes wie auf einem Antifa-Kindergeburtstag, aber es befindet sich ja auch mindestens ein Minderjähriger unter uns. Faschismus = doof, Rock’n’Roll = supi. Einfache Wahrheiten in einer Welt vertrackt wie ein Gitarrensolo von Steve Vai.





