Primavera Sound 2026: Barcelona, you want it darker?!
Eine Festivaledition, bei der Shoegaze & Goth die Hauptbühnen überlassen wurden – und so zum Glück nicht nur der Sturm nachhallt.
Was für andere Mainstream-Veranstaltungen dieser Größenordnung ein besonders mutiger Schritt wäre, ist beim Primavera Sound Festival in Barcelona eine Selbstverständlichkeit – ein Teil der Haltung, ein Kurationsstatement. Denn nach dem Jahr der Powerpuff Girls Chappell Roan, Charli XCX und Sabrina Carpenter wurde es 2026 auf den Bühnen des Festivals wesentlich düsterer: mit Acts wie The Cure, Ethel Cain, My Bloody Valentine, Slowdive, The xx, Einstürzende Neubauten und Blood Orange.
Die meisten der genannten Künstler:innen brachten ihren Shoegaze, Dreampop, Post-Industrial, Gothic-Rock und -Americana auf den Hauptstages an die Leute. Und diese standen tatsächlich zuhauf da – und das mit hoher Aufmerksamkeitsspanne. Die 24. Ausgabe des Events im Parc del Fòrum war schließlich zum zweiten Mal in Folge ausverkauft. Aus Gründen.
Sturmtief und Shitstorm
Doch bevor es zu all diesen flächig-darken Ganzkörper-Konzerterfahrungen kommen konnte, mussten die Veranstaltenden erst einen Shitstorm und die Besucher:innen den echten Sturm überstehen. Denn gleich der erste richtige Showtag brachte Regen und Böen bis zu 80 km/h mit sich, was dazu führte, dass unter anderem Massive Attack, Doja Cat, Alex G und Mac DeMarco ihre Gigs nicht spielen konnten und viele Besucher:innen im Unklaren blieben. Die Kommunikation rund um die Absagen war seitens Primavera schlecht, die Crowd machte sich in den Kommentarspalten des Open Airs ordentlich Luft.
Umso mehr versuchten die Festival-Macher:innen im nächsten Schritt für Versöhnung zu sorgen – und schafften es letztlich, für den finalen Primavera-Tag Olivia Rodrigo für ein Spontan-Set zu gewinnen. Zu ihr gesellte sich für das Duett „What’s Wrong With Me“ auch Robert Smith. Genau solche Momente unterstrichen wieder die Einzigartigkeit dieser Veranstaltung, die die Massen nicht mit Durchschnittlichkeit, sondern mit Sinn für musikalische Nuancen in jeder Richtung anzieht.
Mehr als Festival-Abfertigung
Was nachhallt, ist am Ende das, was sich auf den Stages abspielte – Konzerte, die nicht von der Stange waren und sich oft eher nach intimen Clubshows anfühlten als nach Abfertigung der XL-Menge. Bei einigen Bands wirkte es tatsächlich so, als wäre ihnen genau dieses Festival wichtig. So kehrten The xx, die am letzten Abend auftraten, bereits zum Opening-Tag auf dem Gelände ein, um das Primavera in Gänze mitzuerleben. Auch Kevin Shields von My Bloody Valentine war früher angereist und ließ sich zusammen mit Stuart Braithwaite von Mogwai und Rachel Goswell von Slowdive sehen.
Grian Chatten, der lediglich einen Gastauftritt bei der Kneecap-Show, aber keine eigene Fontaines-D.C.-Show anstehen hatte, war beim Tanzen zu The Cure zu erleben.
Little Simz blieb länger, um bei den Gorillaz auf der Bühne mitzumischen, und Robert Smith selbst ebenfalls für Olivia Rodrigo.
So vermischte sich immer wieder, wer als Fan und wer als Artist angereist war. Dadurch entstand ein umfassendes Gefühl des Miteinanders – was bei einem Publikum von 287.000 Personen Seltenheitswert hat.
The xx und das Gemeinschaftshighlight
Das Konzert von The xx war eines der Gemeinschaftshighlights des ersten Juni-Wochenendes. Sobald sie ihre Debüt-Songs „Crystalised“ und „VCR“ anstimmten, sang das Publikum inbrünstig mit und lag sich selbst bei Romys Solostück „Enjoy Your Life“ in den Armen. Als Oliver Sim bei „GMT“ sich durch die Masse bewegte, wirkte die Balance aus Nähe und musikalischer Wucht vollkommen abgerundet.
Dass die Stille und Düsterkeit ihrer Tracks noch einmal eine Crowd dieser Größe erreichen könnte, hätte nicht auf der Bingokarte von Kritiker:innen gestanden – und doch hauten sie um.
Hypnose, Shoegaze und ein E-Cello
Ähnliches gelang My Bloody Valentine mit ihren hypnotisch-taumeligen Klängen und Visuals: Trotz der parallel auftretenden Olivia Rodrigo brachten sie eine stabile Masse mit ihrer kontinuierlichen Soundwand zum Shoegazen. Wenig Ansagen brauchten sie, um zu überzeugen.
Genauso wenig wie Dev Hynes, der seinen Slot mit einer E-Cello-Interpretation von The Smiths‘ „How Soon Is Now?“ einleitete. Er setzte damit den Ton für alle kommenden Konzertmomente, die zwischen Sehnsucht, Darkness und verträumtem Pop changierten und allem noch mehr Raum gaben.
The Cure: Festlichkeit statt Trauer
Raum nahmen sich letztlich auch The Cure, die selbst auf einem Festival eine zweieinhalbstündige Show absolvierten. Es war das erste Konzert ohne ihren Gitarristen und Keyboarder Perry Bamonte, der im Dezember verstorben war. Eden Gallup, Sohn von Bassist Simon Gallup, übernahm Bamontes Parts – eine Entscheidung, die dem Gesamteindruck etwas deutlich Familiäreres gab.
Was Robert Smith und seine Band auf der Bühne zeigten, war eine Überraschung: kein Trauern, kein Innehalten, sondern das festlichste, festivaltauglichste Repertoire, das sie hätten wählen können – eine großzügige Parade von Singles aus fast fünf Jahrzehnten. The Cure lieferten ein Melancholie-Set, das sich nicht in der Trauer verlor, sondern sich wie eine Geste nach vorne anfühlte.
Womöglich ist genau das das eigentliche Primavera-Versprechen in a nutshell: Ein Festival, das keine Angst vor dem Dunkeln hat, hallt am lautesten nach.


