„Absolutely Fabulous“-Stimme Conchita Wurst im Interview: „Starke Frauen müssen kämpfen!“


ME.STYLE traf Sängerin und Synchronstimme Conchita Wurst anlässlich der Premiere des Films Absolutely Fabulous (Start am 8. September 2016) und sprach mit ihr über Frauenrechte, Stil und die Modebranche.

Seit den 90er-Jahren zieht das Duo Edina Monsoon (Jennifer Saunders) und Patsy Stone (Joanna Lumley) die Zuschauer der Serie „Absolutely Fabulous“ mit schlagfertigem Humor, extravaganten Outfits und viel Champagner in ihren Bann. Die letzte „Absolutely Fabulous“-Folge ging 2012 über den TV-Bildschirm, nun ist das Duo mit dem Film zur Serie zurück. Und in „Absolutely Fabulous – Der Film“ geht es mehr als je zuvor um die Modewelt: Kurz vor der Fashion Week feuert Kate Moss ihren PR-Agenten. Patsy wittert ihre Chance und versucht, Kate in ein Gespräch zu verwickeln. Dabei schubst sie diese allerdings in die Themse. Kate taucht nicht mehr auf und Patsy und Edina müssen sich vor der Polizei verstecken.

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„Absolutely Fabulous“ konnte neben Kate Moss zahlreiche weitere Models, sowie Designer und Blogger für Cameo-Rollen engagieren. So spielen unter anderem Jean Paul Gaultier, Suzy Menkes, Cara & Poppy Delevigne und Suki Waterhouse sich selbst. Für die deutsche Synchronisation von Jourdan Dunn hat Conchita Wurst ihre Stimme geliehen.

Für ME.STYLE haben wir Conchita Wurst im Soho House Berlin getroffen. Im Interview spricht die Musikerin über die Bedeutung von „AbFab“ für die Gay-Community, warum sie in diesem Jahr auf keiner Fashion Week war und in welcher Beziehung sie die Privatperson Tom Neuwirth von ihrem künstlerischen Dasein Rolle als Conchita trennt.

ME.STYLE: „Absolutely Fabulous“ ist besonders in der LGBTQ-Szene beliebt. Wie kannst du dir das erklären?

Conchita Wurst: Es ist nun mal so, dass eine große Anzahl der Fans aus der Gay-Community kommt. Ich kann nur für mich sprechen, dass ich mich mit starken Frauen sehr gut identifizieren kann. Und das sind die beiden definitiv, ob sie sich nun gut benehmen oder nicht. Sie haben zumindest einen lukrativen Job, wohnen in teuren Häusern, tragen tolle Klamotten, haben was zu sagen und ziehen ihr Ding durch. Als die Serie Anfang der 90er-Jahre on air ging, war es revolutionär, dass sich zwei Frauen aufführen wie zwei Kerle.

Ich denke, dass die Gay Community deswegen so gut mit ihnen funktioniert, weil diese Frauen kämpfen müssen. Täglich. Alle starken Frauen dieser Welt, alle Frauen in Führungspositionen dieser Welt, Frauen per se müssen kämpfen, um ein gleiches Gehalt zu bekommen. Und wenn sie dann auch noch tough sind und wissen, was sie wollen, gelten sie als zickig. Dieser Antrieb, ständig gegen diesen Wind zu arbeiten, kennen wir aus der Gay Community zu gut. Wenn man irgendwo im selben Boot sitzt, ist man auch ein Team.

Edina Monsoon (Jennifer Saunders) und Patsy Stone (Joanna Lumley) in „Absolutely Fabulous - Der Film“
PR-Agentin Edina Monsoon (Jennifer Saunders) und Moderedakteurin Patsy Stone (Joanna Lumley) in „Absolutely Fabulous – Der Film“

Könntest du dir vorstellen, auch selbst einmal vor der Kamera zu stehen?

Filme synchronisieren macht mir sehr viel Spaß, ich würde auch gerne mal vor der Kamera stehen. Ich weiß, dass ich nicht alle Rollen spielen könnte. Ich kann gewisse Rollencharaktere, die mir aus Natürlichkeit liegen, spielen. Zum einen sind aber die Rollen für bärtige Frauen relativ imitiert und zum anderen habe ich noch nicht das richtige Angebot bekommen, um mir den Bart abzurasieren.

Im letzten Jahr warst du auf Fashion Week-Laufstegen präsent, in diesem Jahr gar nicht. War das eine bewusste Entscheidung?

Ich habe mich in diesem Sommer zurückgezogen und habe an meinem zweiten Album gearbeitet. Deshalb habe ich so gut wie nichts gemacht, war einmal in Amsterdam um dort zu arbeiten. Den Rest der Zeit habe ich in London und Berlin verbracht, um Musik zu machen. Es wär gelogen, ich war etwas wehmütig, weil es letztes Jahr so lustig war. Aber es macht ja nichts, Fashion Week ist jedes Jahr.

Wie wählst du deine Outfits für die Auftritte aus?

Ich bin in der glücklichen Lage, einen Stylisten zu haben, habe aber selbst eine Modeausbildung. Mein Stylist heißt auch Tom, der nimmt mir die lästige Aufgabe ab, die Klamotten in der ganzen Welt zu suchen und zu bestellen. Bestellen bedeutet aber nicht, dass wir sie kaufen, sondern viele Designer sind so nett und borgen mir diese wunderschönen Teile, die ich dann unversehrt zurückgebe. Wir haben einen Riesenraum voller Kleiderstangen und Klamotten und dann sperren wir uns da acht Stunden ein, werden komplett wahnsinnig und stellen Looks zusammen. Wir überlegen, was wo hin passt, was der Auftrag ist, ob es ein Club ist oder eine seriöse Podiumsdiskussion. So wird es ausgesucht.

Conchita Wurst beim Interview im Soho House Berlin
Conchita Wurst (r.) beim Interview im Soho House Berlin mit ME-Redakteurin Louisa Zimmer.

Wie groß ist Dein privater Kleiderschrank?

Mein privater Kleiderschrank ist tatsächlich sehr klein. Denn in meiner Wohnung ist nichts von mir, da wohnt Tom ganz alleine. Ich hab für Perücken, Make-Up etc, eigene Räumlichkeiten in meinem Büro, ich finde angenehm, das zu trennen.

Du bist Interior-Fan. Wie ist deine Wohnung gestaltet?

Es ist so absurd, das wir darüber in diesem Hotel sprechen. Ich bin vor ungefähr eineinhalb Jahren umgezogen und war kurz davor zum ersten Mal im Soho House, Berlin. Ich dachte: „So muss ich leben“. Ich habe das Buch dieser Hotelkette als Anleitung für meine Wohnung genommen. 

Wie hoch ist der Anteil an Realität bzw. Fiktion bei dem Film in Bezug auf die Modewelt?

Vieles ist tatsächlich wahr, selbst sehr, sehr überspitzte Situationen können tatsächlich in einer gewissen Art und Weise so passieren. Fashion Weeks sind für die Anwesenden sehr viel Stress. Für mich als Model nicht, das ist easy-peasy, ich setz mich hin und lass mich anmalen. Es kommt oft vor, das Looks eine Stunde vor dem Catwalk fertig werden oder kurz bevor das Model auf den Laufsteg geht noch zwei Stiche bekommen, damit die Perlen halten. Alle Menschen stehen unter Strom, sind höchst kreativ.

Ich wage zu behaupten, dass ich selbst ein kreativer Mensch bin. Viel Drama, man braucht es, um an Grenzen zu stoßen und weiter zu wachsen. In dieser explosiven Situation kann man emotional in die Luft gehen. Das ist so, wie wenn die Verkäuferin an der Kasse mürrisch drauf ist und man weiß nicht warum. Vielleicht hat sie aber den schlimmsten Tag ihres Lebens. Natürlich ist der Film dazu da, zum Lachen zu bewegen und die Branche mit einem Augenzwinkern zu betrachten. Auf der anderen Seite gibt es diese Situationen –und noch weiter gedacht sind sie manchmal sogar logisch zu erklären, so absurd sie auch scheinen.

Conchita Wurst in der Front Row bei Jean Paul Gaultier bei der Fashion Week Paris im Januar 2015
Conchita Wurst in der Front Row bei Jean Paul Gaultier bei der Fashion Week Paris im Januar 2015

Ab dem 08.09.2016 ist „Absolutely Fabulous – Der Film“ in deutschen Kinos zu sehen.

Pressebild Fox
privat
Michel Dufour WireImage