Axl Rose: Wilde Rosen


Axl Rose hat frisches Personal und verhilft Guns N Roses zu neuer Blüte.

Das Erste, was die knapp 200.000 Besucher des Rock In Rio-Festivals von Guns N‘ Roses zu sehen bekommen, sind die Worte „W. Axl Rose in ‚A Sorta Kinda Wonderful Life'“. Was folgt, ist ein gut zehnminütiger, sehr stranger Minifilm, der über die abartig große Videowand flimmert. Man sieht einen Comic-Axl, dessen Zehen- und Fingernagel immer weiter wachsen, der in ein wenig Vertrauen erweckendes Krankenhaus verfrachtet wird, dort eine Urinprobe abliefert, nach einer Bettpfanne verlangt und sich den Allerwertesten mit einer Seite aus dem „Rolling Drone“-Magazin abwischt. Damit nicht genug: Wie direkt einem schlechten Porno-Comic entstiegen taucht eine böse Krankenschwester auf (natürlich in schwarzen Netzstrümpfen), bewaffnet mit einer Spritze von der Größe eines Maschinengewehres. Axl kann noch sagen „Things go better wilh Diet Coke“, dann ist Schluss. Fassungslosigkeit macht sich breit.

Plötzlich zünden Pyroeffekte, die neuen Cuns N‘ Roses stehen auf der Bühne und starten mit „Welcome Tb The lungle“ voll durch. Schon nach wenigen Minuten ist klar, dass man es hier mit einem ganz besonderen Event zu tun hat. Hier steht nicht irgendeine zusammengekaufte Söldnertruppe auf der Bühne, die alte Nummern runternudelt. Die Herrschaften geben so richtig Gas. Allen voran natürlich Mr. W. Axl Rose himself. Er ist nicht, wie böse Zungen über die lahre immer wieder behaupteten, dick und unansehnlich geworden. Im Gegenteil, der 39-ährige sieht richtig fit aus. Die Haare sind ein bisschen kürDas Comeback

zer als früher, ansonsten könnte er direkt einer Zeitmaschine aus dem lahr 1989 entstiegen sein. Nur die peinlichen Radlerhosen und das charakteristische Stirnband gehören wohl endgültig der Vergangenheit an. Cut so. Auch das übertrieben Divenhafte scheint er abgelegt zu haben. Vielleicht hatten die diversen Psychotherapien, Akupunktur- und sonstigen Esoterik-Behandlungen, die kolportiert wurden, ja doch ihr Gutes.

Mit ihm auf der Bühne steht nur ein weiterer alter Bekannter: Keyboarder Dizzy Reed, der schon bei den Aufnahmen zu den „Use Your Illusion“-Alben zur Band stieß. Von Slash, über dessen Rückkehr immer wieder spekuliert worden war, fehlt jede Spur. Dafür hat’s gleich drei Gitarristen. Einmal den offensichtlich komplett durchgeknallten Buckethead, ein mehr als seltsamer Typ aus der kalifornischen Underground-Szene, der sich in der Öffentlichkeit grundsätzlich nur mit einer Maske vor dem Gesicht und einem Eimer der Fastfood-Kette Kentucky Fried Chicken auf dem Kopf zeigt. Daneben Paul Tobias alias Paul Huge, ein alter Freund von Rose, der sich über die Jahre immer im engsten Kreis der Band bewegte, ohne je offiziell zum Line-up zu zählen. Er agiert unauffällig, darf ein paar Soli einstreuen und ist noch der Normalste der neuen Mannschaft. Ganz im Gegenteil zum dritten Gitarristen, Robin Finck. Der würde vom Outfit besser zu Marilyn Manson passen, spielte eine Zeitlang bei Nine Inch Nails mit und war auch schon mit dem Avantgarde-Zirkus Cirque de Soleil unterwegs. Am Schlagzeug sitzt Brian Mantia, Indie-Experten bekannt als ehemaliger Drummer von Primus, den Bass bedient Tommy Stinson, ehedem bei den Replacements tätig. Komplettiert wird die Mannschaft durch Chris Pittman (ex-Tool), einen weiteren Keyboarder.

Eineinhalb Stunden dauert die G N’R-Show, das Programm ist gespickt mit Klassikern: „Paradise City“, „Sweet Child O‘ Mine“, „Mr. Brownstone“, natürlich „November Rain“, „Live And Let Die“ und „Knockin‘ On Heaven’s Door“. Dazu „Oh My God“ aus dem „End Of Days“-Soundtrack und vier neue Songs. Unter anderem auch „Chinese Democracy“, der Titelsong des neuen Albums, das nun wirklich und – glaubt man Gunners-Manager Doug Goldstein – ganz, ganz sicher in diesem Jahr erscheinen soll. Und „Madagascar“, ein an die Beatles gemahnendes Stück mit Bläsern und Martin Luther King-Samples. Zwischen den Stücken geht Rose sogar kurz auf die Vergangenheit ein: „Egal was ihr gehört oder gelesen habt, meine ehemaligen Freunde haben viel daran gesetzt, um zu verhindern, dass ich heute Abend hier sein kann. Ich sage Fuck that! Ich bin genauso enttäuscht wie ihr, dass wir, anders als zum Beispiel Oasis, keinen Weg gefunden haben, miteinander auszukommen. So viel zur Vergangenheit.“

Am darauf folgenden Tag soll Rose sich, so berichtete zumindest der englische New Musical Express, am Pool des Intercontinental Hotels in Rio mehr als zwei Stunden mit Fans über die unüberwindbaren Differenzen mit seinen alten Bandkollegen unterhalten haben. So hätten die Aufnahmen von Steven Adler grundsätzlich überarbeitet werden müssen, Duff McKagan habe unter Panik-Attacken gelitten. Izzy Stradlin und Slash hätten indes um die Vorherrschaft in der Band gerungen. Außerdem sei Slash schwerst drogenabhängig gewesen. Slash selbst hält sich vornehm zurück. Er werde sich bei Gelegenheit mal eine Show der neuen Guns N’Roses ansehen, ließ er unlängst verlauten.

Wie geht es weiter? Die Band will Anfang Juni für zwei Shows nach Deutschland kommen, ein dritter Auftritt am 23.6. in den Niederlanden ist bestätigt. Über ein Festival in England wird zurzeit noch verhandelt. Hierzulande wird es jedoch höchstwahrscheinlich keine weiteren Konzerte geben. Die Band spiele „exklusiv“ bei Rock am Ring/ im Park, heißt es beim Veranstalter. Aber das ist ja, im Vergleich zu den letzten Jahren, schon was. Und irgendwann wird dann auch das neue Album erscheinen. Und Axl Rose wird ein Interview geben. Irgendwann. Vielleicht.