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„Black Lives Matter“ in Deutschland – 6 Perspektiven für eine bessere Welt

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Am Dienstag, 2. Juni, war das Internet schwarz. Wer an diesem Dienstagmorgen durch seinen Instagram-Feed scrollte, dem begegnete immer wieder dasselbe (Nicht-)Bild: eine tiefschwarze Kachel mit der Zeile #theshowmustbepaused. „Alle Schwarzen Geschäftsführer, Künstler, Manager und Kollegen sind verletzt, traumatisiert, verängstigt und wütend“, erklärte Jamila Thomas hierzu. Sie ist Marketing-Direktorin bei Atlantic Records in den USA und hatte die Initiative gemeinsam mit einer Kollegin kurz zuvor ins Leben gerufen. Die Idee des „Blackout Tuesday“ hatte sich daraufhin wie ein Lauffeuer auf der ganzen Welt verbreitet, sodass sehr viele Labels und Magazine den Popbetrieb für einen Tag offiziell stillstehen ließen: „The show can’t just go on, as our people are being hunted and killed.“ Dass ein weißer Polizist in Minneapolis den Afroamerikaner George Floyd getötet hatte, war da gerade eine Woche her.

 

Dieser Artikel erschien erstmals im ME-07/2020.

Es kann nicht so weitergehen – für einige Tage schien sich ein großer Teil der Welt darauf einigen zu können. Es gab Demonstrationen und Solidaritätsaktionen, für einen Moment hing eine Stimmung von Revolution in der Luft. Auch in Deutschland. Doch gleichzeitig schalteten sich immer mehr Stimmen dazwischen, die den Rassismus relativierten oder sogar verleugneten. Der Diskurs hat längst schon wieder begonnen zu zerfasern und sich auf Nebenschauplätze zu verlagern. Dieser Artikel soll versuchen, die wesentlichen Fragen und Probleme im Blick zu behalten. Doch wenn ein weißer Mittelschichtstyp Schwarze Musiker*innen nach ihren Perspektiven befragt, sie dadurch unweigerlich nötigt, der sogenannten „weißen“ Bevölkerungsmehrheit wieder einmal (ihren eigenen) Rassismus erklären zu müssen und sich vielleicht sogar Lösungsvorschläge ausgerechnet von ihnen erhofft, wird auch klar: Wir sind selbst immer auch ein Teil des Problems.

DAVID MAYONGA – Rapper, Moderator, Autor

David spricht schon seit Jahren über Rassismus. Unter seinem Künstlernamen Roger Rekless verhandelt der 38-Jährige das Thema seit Jahren in klugen Rapsongs (zuletzt war er darüber hinaus Live-MC bei Deichkind), im vergangenen Jahr brachte er seine Erfahrungen mit einem
Buch auf den Punkt. „Ein Neger darf nicht neben mir sitzen“ erzählt von seiner Lebensrealität als Schwarzer Mensch in der bayerischen Provinz, der trotz dem richtigen Dialekt immer als irgendwie fremd wahrgenommen wird. Wir telefonieren anderthalb Wochen nach den großen „Black Lives Matter“-Demos in Deutschland.

Hallo David, wie geht es dir gerade?

Meine ehrliche Antwort würde bereits das Interview ausfüllen. Ich dachte eigentlich, ich hätte in der Pubertät meine Identitätsarbeit als Schwarzer Mensch in Deutschland abgeschlossen, habe jetzt feststellen müssen, dass ich dieses Feld noch mal neu erforschen muss. Es ist so viel hochgekocht: Schmerzen, eigene Erfahrungen mit Polizeibrutalität, rassistische Diskriminierungen – vor allem aber diese Reaktionen weißer Mitmenschen auf die weltweiten Proteste von Schwarzen Menschen. Dass immer noch die Diskussion geführt wird, ob wir Rassismus in Deutschland haben, macht es mir schwer, nicht laut zu schreien.

Für einige Tage bestimmten die „Black Lives Matter“-Proteste die Nachrichten und auch das Thema Rassismus in Deutschland nimmt einen großen Raum ein. Wie nimmst du diesen Diskurs wahr?

Vor anderthalb Wochen hätte ich noch gesagt, dass es total gut ist, dass die Gesellschaft uns Schwarzen endlich zuhört. Inzwischen sage ich, es ist derselbe Diskurs wie jedes Mal. Früher haben sie uns antanzen lassen, wenn eine antirassistische Haltung mal wieder „en vogue“ war und gefragt, wie es denn so ist mit dem Rassismus. Dann wurde eifrig beigepflichtet, wie schlimm alles sei und nach der Sendung hieß es „Ciao!“. Und jetzt ist es genauso, mit dem Unterschied, dass die Leute unbedingt wissen wollen, was sie ändern können. Nur: Auch das ist ein ständiges Entschuldigen im Sinne von „bitte nehmt die Schuld von mir“.

Du glaubst, es wird sich langfristig nicht viel verändern?

Gerade wollen Menschen und Magazine sichergehen, dass sie sich am Ende nicht nachsagen lassen müssen, man hätte sich nicht geäußert. Die Veränderung in der Gesellschaft werden wir als Schwarze Community aber einfordern müssen. Ich habe jetzt schon wieder die Diskussionen, in denen es darum geht, dass es hier ja nicht so schlimm ist wie in den USA. Geil – das soll jetzt also der Maßstab sein?

Wie sollten wir Medien die Diskussion stattdessen führen?

Ein richtiger Move wäre es, als Redaktion mal einen Moment zurückzutreten und Schwarzen Expert*innen das Wort zu überlassen. Das wäre doch was: Wenn bei Markus Lanz nicht ein oder zwei Gäste Schwarz sind, sondern alle. Lanz würde das Publikum begrüßen, sich anschließend ins Publikum setzen und beispielsweise Mo Asumang die Sendung moderieren lassen – wenn auch nur für 15 Minuten! Indem man Schwarze immer nur zu Rassismus befragt, reduziert man sie darauf. Zumal nicht automatisch jeder Schwarze Experte für dieses Thema ist.

MEGALOH – Rapper

Auch den Frankfurter Musiker muss man nicht viel fragen, es bricht einfach aus ihm heraus. Megaloh beschäftigt vor allem auch sein schwieriges Verhältnis zur Deutschrap-Szene, die seit Jahren an Schwarzer Kultur gut verdient – und doch stumm bleibt, wenn es darum geht, sie zu verteidigen.

Die großen Namen im Deutschrap sind ganz schön ruhig geblieben, oder?

Deswegen würde ich die deutsche Rap-Szene auch nie als HipHopSzene bezeichnen, bis auf wenige Ausnahmen ist das die pure kulturelle Aneignung. Ich habe keinen Respekt für Künstler, die sich bei der Sache nicht klar positionieren und sich währenddessen weiter an Schwarzer Kultur bereichern. Die Wurzel von HipHop ist, die Stimme der Unterdrückten und der Freiheit zu sein.

Sprichst du darüber mit Kolleg*innen aus der Szene?

Nein, gar nicht. Das ist eh alles total fake. Den meisten geht es bei Szene-Treffen wie beim „Splash“-Festival nur um Aufmerksamkeit oder darum, strategisch Features zu planen. Ich bin dort mit so gut wie niemandem befreundet. Deutschland ist das einzige Land im Vergleich zu HipHop-Nationen wie Frankreich, USA oder England, in dem die Schwarze Community in der Szene kaum präsent ist. Es fängt – wenn überhaupt – gerade erst an, lange Zeit war die Szene bis auf die Brothers Keepers komplett weiß.

Woran liegt es, dass es so wenige Schwarze im deutschen Rap gibt?

Die Gesellschaft repräsentiert Schwarze nicht. In den 90ern war es kurze Zeit mal „In“, Schwarz zu sein – eine Art positiver Rassismus, mit dem auch viele nicht einverstanden waren, der aber HipHop in Deutschland cool gemacht hat. Ich weiß aus sicherer Quelle, auch wenn mir das immer wieder als Verschwörungstheorie angekreidet wird, dass es einflussreiche Stimmen in der Musikindustrie gab, die dafür gesorgt haben, dass in Deutschland dann vor allem weißer HipHop gepusht wurde.

JALIL – Rapper

Von ähnlichen Erfahrungen berichtet auch Jalil. Als er sich vor über zehn Jahren bei ersten Labels vorstellte, sei ihm gesagt worden: „Du bist krass, du hast viel Talent – aber du bist Schwarz, wir wissen nicht, wie wir dich vermarkten können.“ Jalil hat es trotzdem geschafft. Dafür sorgte unter anderem die Zusammenarbeit mit Fler, die jedoch im Streit zerbrach. Als Fler ihm dann auch noch eine geschmacklose rassistische Zeile hinterherschickte – über Jalils Werdegang vom Apple-Mitarbeiter zum Berufsmusiker rappte er: „Im Apple Store warst du ein Slave / bei mir dann Django Unchained“ – sahen die wenigsten Genre-Fans darin ein Problem.

Du hast kürzlich auf einer „BLM“-Demo in Frankfurt eine Rede gehalten …

Ja, das war eine sehr spontane Sache. Bekannte von mir hatten Kontakt zu den Organisatoren und mich 30 Minuten vorher gefragt, ob ich das machen will. Für mich ist das Thema noch mal intensiver, weil meine ganze Familie in den USA wohnt. Ich habe viele Verwandte, die Polizeigewalt erfahren oder sogar Leute im Bekanntenkreis haben, die dadurch gestorben sind.

Was hast du den Leuten gesagt?

Ich habe mich bei allen Nationalitäten vor Ort bedankt und den Leuten bewusst gemacht, dass hier gerade 10.000 Leute unterschiedlichster Herkunft wegen diesem einen Thema vereint stehen. Auf der Demo habe ich viele junge Menschen gesehen, denen Erleichterung und gleichzeitig Schmerz in den Augen standen. Es tut mir weh, zu sehen, dass vielen Kids ihr Selbstbewusstsein durch systematischen Rassismus kaputt gemacht wird. Die Welt gibt diesen Menschen mit, ständig an sich selbst zu zweifeln.

Was rätst du diesen jungen Menschen, die ja auch einen Großteil deiner Fanbase ausmachen?

Wichtig ist, dass wir als Schwarze Community weniger in die Opferrolle reingehen und schneller Grenzen ziehen: Bis hierhin und nicht weiter! Ich versuche, die Leute zu empowern, sich in die Berufszweige reinzudrängen, die sie wollen und daran zu glauben, dass sie mehr sein können als ein Stereotyp. Die Wahrheit ist aber auch: Mein Vater hat mir immer gesagt, dass ich doppelt so hart arbeiten muss, wie jemand, der das Gleiche macht und weiß ist. Außerdem: Ich kenne viele afrikanische Kids, deren Eltern sich untereinander bekriegen, Nigerianer gegen Ghanesen zum Beispiel. Wir Schwarzen müssen also auch erst mal in unsere Community Ruhe reinkriegen, damit wir gemeinsam die Zustände verändern können. Der neuen Generation gelingt das schon ganz gut.

NORAA – Sängerin und Songwriterin

Eigentlich lebt Noraa Tchari für ihre Pop-Karriere schon einige Zeit in Paris, doch seit die Corona-Pandemie die Welt lahmgelegt hat, hat sie ihren Lebensmittelpunkt vorerst nach Berlin verlegt. Dort war sie auf einer der ersten Demo am Rathaus Neukölln; ein für sie sehr bewegendes Erlebnis, bei dem sie Tränen in den Augen hatte, wie sie erzählt.

Was denkst du über die aktuelle Situation?

Ich sehe, dass alle Menschen in meinem Umfeld gewillt sind, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, auch die weißen. Dort habe ich das Gefühl, dass das neue Hinterfragen der Strukturen tatsächlich etwas bringt. Ich hatte vor Kurzem ein tolles Gespräch mit einem A&R von Universal, der mich angerufen hat und sagte: „Hey Noraa, wir wollen was ändern. Wir leben schließlich von Schwarzer Musik und können nicht die Fresse halten.“ Das hat mich besonders gefreut, weil ich ihm vor Kurzem noch in einem vierstündigen Telefon zu erklären versucht hatte, dass es schwierig ist, als Schwarzer Mensch in Deutschland Afrobeat zu machen.

Du hast in einem Interview darüber gesprochen, dass du von Schwarzen Klischees in deiner musikalischen Karriere sogar eher profitierst.

Weil ich eben genau dem Stereotyp entspreche, erfahre ich in meinem Genre nicht so viel Rassismus. Wäre ich Techno-DJ oder Country-Musikerin, wäre das anders.

Glaubst du, das Thema „Black Lives Matter“ wird die Gesellschaft wirklich verändern?

Ich erinnere mich noch an die Welle kurz nach dem Tod von Adriano (der aus Mosambik stammende Alberto Adriano wurde im Juni 2000 in Dessau von Neonazis totgeprügelt – Anm. d. Red.). Damals schrieben die Brothers Keepers ihren Song und leisteten Aufklärungsarbeit.
Ich war noch klein, kann mich aber gut daran erinnern. Ein paar Wochen später war das Thema „Neonazis“ nämlich erledigt. Das wird meiner Meinung nach mit dem Thema „Black Lives Matter“ auch so sein – es sei denn, es passiert wieder was Krasses.

ADÉ BANTU – Musiker und Aktivist

Adé Bantu war damals die treibende Kraft hinter Brothers Keepers. Deren Song „Adriano (Letzte Warnung)“ war eines der wenigen öffentlich beachteten musikalischen Statements gegen Rassismus in Deutschland. Bantu pendelt heute zwischen Nigeria, Heimat seines Vaters, und Deutschland, Heimat seiner Mutter. Zum Interview empfängt er via Skype-Call in seiner Wohnung in Lagos.

Was ist in der Gesellschaft hängen geblieben von der Botschaft der Brothers Keepers?

20 Jahre nach dem Mord an Adriano fällt es den Leuten immer noch schwer, das Kind beim Namen zu nennen: Es gibt institutionellen Rassismus in Deutschland. Deutschland hat eine koloniale Vergangenheit, mit der sich das Land auseinandersetzen muss. Deutsche, die dunkelhäutig sind, werden nicht als Deutsche wahrgenommen. Das Unwort des Jahrtausends ist „Deutscher mit Migrationshintergrund“. Ausgrenzung findet in der Sprache statt!

Was muss sich ändern?

Weiße müssen eine antirassistische Kultur erschaffen. Racial Profiling ist immer noch legal! Vor ein paar Monaten saß ich in der Bahn und eine Gruppe junger Polizisten ging schnurstracks auf mich zu und fragte nach meinem Ausweis. Ich sagte: „Kein Problem. Aber ich möchte, dass Sie dann auch alle anderen im Abteil kontrollieren.“ Dann ging die Diskussion los. Keiner im Zug griff ein und machte den Polizisten klar, dass sie mich als Menschen ausgrenzen, entmachten und kriminalisieren. Antirassismus muss geübt werden. Damit muss man im Kleinen anfangen.

SARAH FARINA – DJ

Im Gespräch mit der Berliner DJ Sarah Farina soll es eigentlich darum gehen, dass Techno seine Schwarzen Wurzeln vergessen hat, und die Haltung von Clubs zum Thema Rassismus. Doch sie hat ihre*n Freund*in James dabei, die sie seit Langem als Agent und Freund begleitet – denn „zwei Perspektiven sind notwendig in dieser Diskussion“, findet Sarah Farina. James ist weiß. Und so wird das unser Thema …

Anhand der Gespräche, die ihr miteinander führt, könnte man vermutlich viel über einen fortschrittlichen Diskurs lernen …

SARAH: Vor allem lernen wir die ganze Zeit auch übereinander. Dieser Austausch ist wichtig, aber er muss für mich in einem „Safe Space“ stattfinden, und es muss für mich schon ein grundlegendes Verständnis des Problems geben auf der Seite der weißen Person. Darüber zu reden bedeutet für mich nämlich auch, zu schmerzhaften Ereignissen zurückzukehren, die mir widerfahren sind.

JAMES: Auch, wenn ich mich mit vielen Sachen schon auseinandergesetzt habe, merke ich, wie viel Weg noch vor mir liegt. Man kann sich den Mustern noch viel bewusster werden, in denen wir unbewusst denken.

Nehmt ihr die Art und Weise, wie wir gerade miteinander über das Thema sprechen, als „richtig“ wahr?

JAMES: Es gibt kein Richtig oder Falsch, das alles ist ein Prozess. Klar ist, dass wir Weißen immer wieder auf die Nase fallen werden und uns Kritik aussetzen müssen. Daran kann man aber wachsen. Wir müssen uns trauen, Fehler zu machen.

SARAH: Man kann vieles anhand des Feminismus erklären. Ich bin oft auf Panels zum Thema „Gender Equality“, aber noch nie hat dort ein Mann gesprochen. Ich würde mir wünschen, dass in solchen Gesprächsrunden auch mal Männer dabei sitzen, die sich als Feministen bezeichnen. So würden sie gleichzeitig auch die Rolle des Unterdrückers einnehmen und könnten darüber sprechen, was sie tun möchten, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Sarah, warum war es dir so wichtig, James mit in diesem Gespräch zu haben?

SARAH: James ist ein Ally für mich; ein Mensch, den ich zurzeit brauche. Es ist ja ein gemeinsamer Kampf, bei dem es nicht um Schwarz gegen Weiß geht. Als Team kann man sich die emotionale Arbeit aufteilen. Für mich ist das eine Entlastung.

JAMES: Wenn immer nur Schwarze Stimmen zu „Black Lives Matter“ befragt werden, sprechen immer Leute, die sowieso schon ihr Leben lang mit Rassismus konfrontiert worden sind und möglicherweise retraumatisiert werden. Wir sollten die Last ausgleichen. Rassismus ist ein Thema, mit dem wir uns alle auseinandersetzen müssen.

SARAH: Ich glaube, dass diese Dialoge beim Lesen eine Aktivierung auslösen. Wieder ein Feminismus-Beispiel: Wenn ein Mann über das Thema spricht, wird ihm eher zugehört als einer Frau – auch wenn sie das Gleiche sagen, was schon ein Problem an sich ist. Es gibt sicher Leute aus der Schwarzen Community, die es nicht gut finden, wenn bei so einem Thema Weiße sprechen. Aber noch mal: es gibt hier kein Richtig oder Falsch. Wir haben alle verschiedene Meinungen, ungeachtet des Geschlechts oder der Hautfarbe.

Dieser Artikel erschien erstmals im ME-07/2020.

 


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