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Wie Charli XCX es schafft, in ihrem Video zu „Boys“ Geschlechterrollen umzudrehen

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Zugegeben: Der größte musikalische Wurf ist die neue Single „Boys“ von Charli XCX nicht unbedingt. Eine smoothe, gut gemachte Popnummer mit Video-Game-Sounds inklusive. Interessanter als die Musik ist das dazugehörige Video. Charli XCX hat selbst Regie geführt und sich dafür Unterstützung von Künstlerin Sarah McColgan geholt. Die ist vor allem für ihre – sehr ästhetischen – Porträts von Kendrick Lamar bekannt.

„I was busy thinking ‘bout boys“, singt die 25-jährige Britin – und man glaubt es ihr sofort. Nicht nur, dass in dem Clip ein Best-of-Cast aus der Indie-, Rap- und Pop-Welt zu sehen ist: Mark Ronson, Flume, Sage The Gemini, Ty Dollar $ign, Wiz Khalifa und Vampire Weekend huschen da unter anderem durchs Bild.

Was in dem „Boys“-Video passiert, ist nicht weniger als ein Bruch mit jeglicher Erwartungshaltung an ein Musikvideo eines weiblichen, jungen Popstars. Kein sexy Rekeln von Charli XCX oder irgendwelchen Girl-Squad-Model-Freundinnen, wie man es etwa von Taylor Swifts „Bad Blood“-Video kennt.

Charli XCX sieht man lediglich am Ende des Videos in ihrer Rolle als Regisseurin und In-Szene-Setzerin. Sie präsentiert mit einem etwas anderen Blick Männer jeglichen Typs. Die sind mal eher feminin, mal nerdy, mal dick, mal dünn. Mal sind sie Poser, mal ein Gentleman, dann Hundefreunde, Daddys, Hawai-Hemd-Träger und so weiter. Und sie alle sind: so sexy wie selten zuvor in Szene gesetzt (sogar beim Zähne putzen).

Natürlich ist der Clip mit einem Augenzwinkern inszeniert, was man schon an dem eigenen Statement von Charli XCX zum Video ablesen kann: „Ich möchte mich einfach nur bei allen beteiligten Jungs dafür bedanken, dass sie meine Vision verstanden und mitgetragen haben und von dem Konzept begeistert waren. P.S. Bei der Arbeit an diesem Video kamen keine Jungs zu Schaden.“

Können Männer sich überhaupt sexy rekeln?

Aber gerade das zeigt, mit welchen Konventionen in dem Clip gespielt wird. Kaum einer erwartet eine derart sexuell aufgeladene Inszenierung in einem Video voll mit Kerlen, die teilweise nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen. Hier werden Männer einmal zum Objekt der Begierde und so dargestellt, wie es sonst eher mit Frauen gemacht wird. Lasziv Pfannkuchen essen, in Rosenblättern liegen, Pool-Spielchen und mit Teddybären kuscheln werden hier von Frauen- zu Männersachen, latente Erotik inbegriffen.

Das mag beim ersten Schauen ungewohnt und zuerst bloß witzig erscheinen, aber die hier gewählte Ästhetik thematisiert doch auch grundlegende Vorstellungen in unserer Gesellschaft.

Das passt gut in den aktuellen britischen Diskurs: BBC Radio1 sendete im Rahmen der Sendung „My Mind & Me“ einen Beitrag über Bodyshaming bei männlichen Popstars. Dort kommen Künstler wie Craig David, Sam Smith, Ed Sheeran und Years & Years-Frontmann Olly Alexander zu Wort. Die Message klingt bei allen ähnlich: Auch für Männer gibt es im Popzirkus bestimmte Schönheitsideale, denen man am besten ziemlich nahe kommen sollte. Auch wenn es nicht ganz so offensichtlich wie bei Frauen ist.

Das alles in einem zwei Minuten und 47 Sekunden langen Video zu thematisieren, kann man gelungen oder mißlungen finden. Interessant ist es allemal – und macht noch mehr Lust auf ein neues Album von Charli XCX. Das ist bisher namenlos, soll aber 2018 erscheinen.


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