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ME-Helden

DAF: Wie Robert Görl und Gabi Delgado der Elektro-Musik ein neues Gesicht gaben

Das ist Mist für neue Bands, weil: Was sollen sie anderes machen, als eine Musik, die es schon einmal gab, möglichst eigenwillig zu interpretieren? Dieses Problem haben Görl, Delgado und die anderen 1978 nicht. Der Ansatz, etwas Neues zu schaffen, ist für sie eine Selbstverständlichkeit: Na, was denn sonst, Kneipenrock spielen? Die Urkraft des Punk hat die Türen gesprengt, jetzt beginnt der Postpunk: Ein unglaublich großes Feld öffnet sich, eine riesige Spielwiese, auf der sich die Bands austoben und erproben. Alles ist möglich, hier ähneln sich Postpunk und Postmoderne. Der Punk hat alle Limitationen weggefegt, musikalisches Können ist nicht zwingend ein Distinktionsmerkmal, wichtiger ist das Verständnis dafür, was Popmusik als Kunstrichtung auszeichnen kann. Und hier sind DAF von Beginn an ganz weit vorne.

London Calling

Das erste DAF-Album trägt den Titel EIN PRODUKT DER DEUTSCH-AMERIKANISCHEN FREUNDSCHAFT und klingt nach: Keller. Es ist eine rein instrumentale Platte, weil Gabi Delgado kurzzeitig nicht mit dabei ist. Die ersten Gigs sind verwirrend, DAF spielen luftleere Industrial-Prog-Jams, es passt nicht viel zusammen, Kurt Dahlke geht, Chrislo Haas kommt. Gemeinsam zieht die Band nach London, weil – das wissen auch die Kollegen von den Fehlfarben – dies der Ort ist, an dem es passiert. In der Szene im Norden der Metropole treffen DAF dann genau den richtigen Mann: Daniel Miller ist ein ehemaliger Kunststudent, der bereits früh von herkömmlicher Rockmusik frustriert ist, ein Bruder im Geiste von Brian Eno.

Miller entdeckt Anfang der 70er die deutsche kosmische Schule, Can, Faust, Neu!, Kraftwerk, Cluster – er liebt den Ansatz, Rock zu negieren und trotzdem höchst intensiv und auch körperlich zu klingen. Was Miller vor allem schätzt: Die Gitarre, der olle Phallus, wird verdrängt, entweder nach hinten oder sogar ganz von der Bühne. 1977 erfindet Daniel Miller die Band The Normal als minimalistisches Synthie-Projekt, ein Jahr später gründet er sein eigenes Label Mute, um Bands eine Plattform zu geben, die wie er selbst die Do-It-Yourself-Idee des Punk nutzen, um eine neue Form von Synthie-Musik zu erfinden. Fad Gadget erhält den ersten Vertrag, „Back To Nature“ heißt das Demotape: Die Ironie ist in dieser hoch-urbanen und synthetisch-industriellen Musik immer schon mit angelegt. Der nächste Act auf Mute sind Silicon Teens, eine Band mit erfundenen Mitgliedern, Miller spielt alles selbst, für die Gruppenfotos posieren Schauspieler. Und dann landen diese Typen aus Deutschland bei Mute.

Geschichte wird gemacht

Daniel Miller spendiert der DAF eine Session im Studio von Conny Plank in Wolperath, Gemeinde Neunkirchen-Seelscheid. Der Draht zwischen dem Londoner Postpunk-Wahnsinn und Planks Landstudio läuft heiß, der Postpunk sorgt auch für eine interessante geografische Zerstreuung, nicht alles, was in den Metropolen entsteht, ist zwingend gut – und wenn in einem Kaff an der Wahnbachtalsperre einer der besten Klanggestalter der Welt zu Hause ist, dann bezahlt ihn Daniel Miller eben für eine Session mit diesen sensationell seltsamen Deutschen. Die ersten DAF-Tracks, die bei Plank entstehen, bilden die A-Seite der LP DIE KLEINEN UND DIE BÖSEN, Millers erstes Album auf seinem Label, es läuft unter der Labelsignatur Stumm.



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