Kritik

Die Mini-Serie „Unorthodox“ bei Netflix: Die wahre Geschichte einer Emanzipation


Das Netflix Original erzählt vom Ausbruch einer jungen Frau aus einer extrem strengen jüdischen Gemeinde. Basierend auf den gleichnamigen Memoiren von Deborah Feldman, überzeugt die Serie durch eine authentische Erzählweise, die ganz ohne Effekthascherei auskommt, dafür aber großartige Schauspieler*innen zu bieten hat.

„Unorthodox“ beginnt mit einer Flucht – aus der Tristesse einer arrangierten Ehe, vor erdrückenden gesellschaftlichen Erwartungen und der Aussicht auf ein Leben, das sich auf ein Dasein als Ehefrau und Mutter beschränkt. Ohnehin scheint der erst 19-jährigen Esty (Shira Haas) mehr verboten als erlaubt zu sein: Als verheiratete Frau ist es ihr untersagt, langes Haar zu tragen, also wird es kurzerhand abrasiert. Sie erfährt keine Bildung jenseits der schulischen Grundlagen. Und selbst das Musizieren und öffentliche Singen gilt als Tabu, denn es sei zu verführerisch, gar zu arrogant. Ihre Existenz hat in den engen Bahnen zu verlaufen, die ihr die ultraorthodoxe jüdische Gemeinde vorschreibt, in die Etsy hineingeboren wurde.

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Den Neustart versucht die junge Frau ausgerechnet im bunten Berlin. Nur mit ein wenig Geld in der Tasche und ohne rechten Plan wie es weitergehen soll, treibt sie durch die Stadt. Mit raspelkurzem Haar und vollkommener Ahnungslosigkeit von alltäglichen Dingen, die der totalen Abschottung der chassidischen Community vom Rest der Welt geschuldet ist, wirkt sie dabei beinahe wie eine ältere Version von „Elf“ aus „Stranger Things“. Die einfachsten Dinge, wie das Bestellen in einem hippen Berlin-Mitte-Café oder das Bedienen eines Computers werden zur Herausforderung. Zu ihrem Glück stolpert sie jedoch bald in eine internationale Freundesgruppe hinein, die ihr nicht nur das Leben in Berlin nahebringt. Da sie alle Mitglieder eines Konservatoriums für musikalische Talente sind, eröffnet sich auch Esty bald die Chance auf ein Vorstellen ihres Könnens vor renommierten Expert*innen. Doch ihr Ausbruch ist kein Schlussstrich – als ihr Ehemann Yanky (Amit Rahav) und dessen Cousin Moishe (Jeff Wilbush) herausfinden, wo sie sich aufhält, folgen sie ihr, um die getürmte Ehefrau zurückzuholen.

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Eine Mini-Serie fast so authentisch wie eine Doku

In Rückblenden wird gleichzeitig immer wieder vom streng religiösen Mikrokosmos erzählt, den die Protagonistin gleich zu Beginn versucht, hinter sich zu lassen. Von ihrem Aufwachsen bei ihrer liebevollen, aber frommen Großmutter und ihrer strengen Tante, die sich mit unerbittlicher Entschlossenheit um einen Ehemann für Esty bemüht. Obwohl ihr kein Mitspracherecht bei der Partnerwahl zusteht, freut sie sich zunächst auf die Ehe und den vermeintlichen Neuanfang. Und tatsächlich scheint der zurückhaltende Yanky anfänglich nicht der allerschlechteste Bräutigam zu sein. Doch unter dem Einfluss seiner Mutter beginnt er rasch enormen Druck auf seine frisch gebackene Gattin auszuüben, als die unter Vaginismus leidende Esty ihrer wichtigsten aller Aufgaben – der Nachwuchsproduktion – nicht nachkommen kann.

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Fast dokumentarisch begleitet die Kamera Esty bei all ihren Schritten und verzichtet dabei auf ausgefallene Einstellungen oder Schnitte. Der Fokus der Mini-Netflix-Serie liegt klar auf der spannenden Geschichte selbst, die gerade durch ihre Authentizität zu überzeugen weiß. Umso glaubwürdiger wirkt sie durch die großartige Leistung der Darsteller*innen – wobei die nuancierte Mimik der Hauptdarstellerin Shira Haas ganz besonders hervorsticht. Auf Glaubwürdigkeit wurde bei dieser Produktion übrigens generell großen Wert gelegt: Alle Rollen der ultraorthodoxen Gemeinschaft wurden mit jüdischen Schauspieler*innen besetzt, gesprochen wird eine Mischung aus Jiddisch und Englisch und ein Beraterteam steuerte Expertise zu den speziellen Ritualen der rund 120.000 Mitglieder umfassenden Satmar-Community bei.

Ganz ohne Pathos und Klischees, dafür mit universeller Botschaft

Eine besondere Sensibilität, die aufgrund der Tatsache, dass der Stoff auf der wahren Geschichte Deborah Feldmans basiert, durchaus angebracht ist. Die titelgebenden Memoiren der Autorin, die in Berlin lebt, avancierten 2012 zum weltweiten Bestseller. Die Adaption weicht zwar in einigen wichtigen Punkten von ihrer Biografie ab, aber der Geist ihrer Emanzipationsgeschichte bleibt erhalten. Das mag auch daran liegen, dass es sich bei „Unorthodox“ eben nicht um effekthaschendes Sensationskino handelt. Feldman ließ sich lange Zeit mit einer Verfilmung, lehnte Angebote von männlichen Regisseuren aus Hollywood bewusst ab und vertraute ihre Erlebnisse stattdessen einem rein weiblichen Trio, bestehend aus den Drehbuchautorinnen Anna Winger („Deutschland 83“) und Alexa Karolinski („Oma & Bella“) sowie der Regisseurin (und Schauspielerin) Maria Schrader („Vor der Morgenröte“), an.

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Gemeinsam ist ihnen eine lebensbejahende Geschichte geglückt, die gänzlich ohne Klischees auskommt, da sie den Figuren genug Raum für verschiedene Facetten lässt. Trotz der speziellen Thematik der Serie ist es dem Filmteam gelungen, ohne jeglichen Pathos, die universelle Botschaft zu vermitteln, dass die Freiheit, seinen eigenen Weg zu gehen, manchmal gegen viele Widerstände erstritten werden muss – dass die Mündigkeit diesen Kampf aber immer wert ist. Am Ende ist es dann fast schon egal, wie Esty ihren neuen Weg in Berlin geht.

Die vierteilige Mini-Serie „Unorthodox“ ist ab dem 26. März bei Netflix verfügbar.

Anika Molnar/Netflix Anika Molnar/Netflix
Anika Molnar/Netflix Anika Molnar/Netflix