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Diese fünf Frauen hatten 2016 das Sagen

Die Schwestern Beyoncé und Solange Knowles sind derweil im vergangenen Jahr in den USA zu zwei der wichtigsten Fürsprecherinnen der schwarzen Community, der Black-Lives-Matter-Bewegung, der Frauen geworden. Im Februar legte Beyoncé mit ihrem sensationellen Super-Bowl-Auftritt die Latte schon hoch. Vor den Augen der Nation stellte sie sich auf dem riesigen Spielfeld mit ihrer Armada von Tänzerinnen zu einem großen X auf, in Anspielung auf Malcolm X und die Black Panthers. Parallel dazu ließ sie im Video zu ihrer fantastisch minimalistischen Single „Formation“ ein Polizeiauto im überschwemmten New Orleans untergehen und einen kleinen schwarzen Jungen vor gepanzerten Polizisten tanzen. Unfassbar starke Bilder!

https://youtu.be/1ZDEX2ggvao

Miese Zeiten können für Pop gute Zeiten sein

Ich dachte, so eine feministische Ansage und Anklage strukturellen Rassismus sei kaum zu toppen – bis Ende September Solange ihr Album A SEAT AT THE TABLE veröffentlichte. Eine trügerisch ruhige R’n’B-Meditation darüber, wie man heute als schwarze Frau in den USA überlebt, ohne durchzudrehen. Allein die Orte, an denen Solange das Video zu „Don’t Touch My Hair“ spielen ließ: Schwimmbad, Museum, Basketball-Court. Orte, von denen Schwarze lange Zeit ausgeschlossen blieben, oder Orte, an denen sie heute Skandale produzieren, wenn sie aus Protest „The Star-Spangled Banner“ nicht mitsingen. Mit dem Dechiffrieren der weiteren Symbole und Anspielungen in diesem Video hätte ich gefühlt den Rest des Jahres verbringen können. Währenddessen ging es in den USA immer weiter mit den Erschießungen Schwarzer durch Polizeibeamte und der Prügel für Schwarze bei Wahlkampfveranstaltungen von Trump. Uff! Das alte Paradox, das gar nicht so paradox ist, leider: Miese Zeiten können für Pop gute Zeiten sein.

Wobei die Frage erlaubt ist, ob das überhaupt geht, was ich hier gerade mache: einfach so Popkünstlerinnen allein aufgrund ihres Geschlechts in einen Topf zu werfen. Würde man das denn bei Männern machen? Zunächst scheint die Behauptung, dass guter, sozialreflektierter Pop 2016 vor allem Frauensache war, gut zu der These zu passen, die Jens Balzer in seinem aktuellen Buch, „Pop. Ein Panorama der Gegenwart“, formuliert hat: Nach Jahrzehnten der männlichen Dominanz ist im Pop das Zeitalter des Matriarchats angebrochen. Ich finde diese Behauptung super, aber vermutlich liegt die Kritik auch nicht ganz falsch, die wiederum ein Mann, Thomas Groß, in seiner Rezension in der „Zeit“ formulierte: „Der These, Frauen hätten die Macht im Pop übernommen, steht textlich ein ausgesprochen männlicher Anspruch auf Deutungshoheit gegenüber“ – mache ich hier gar nichts anderes? Nur männliche Deutungshoheit exerzieren? Möglich, dass die Musikerinnen hier auf ihren Unterschieden bestehen würden. Zwei sind Afroamerikanerinnen, vier sind Britinnen, eine mit sri-lankischem Hintergrund, drei sind Mütter, drei kinderlos, sie gehören unterschiedlichen Generationen an, eine wurde als Mann geboren. Sie machen höchst unterschiedliche Musik. Wo sind die Gemeinsamkeiten?

„Nach Jahrzehnten der männlichen Dominanz ist im Pop das Zeitalter des Matriarchats angebrochen“ – Jens Balzer

Das könnte die Überleitung zu Anohni sein, ehemals Antony Hegarty. Nicht weil sie auf HOPELESSNESS schmerzhaft direkte, nahezu metaphernfreie Lieder über Drohnenkrieg, Erderwärmung und digitale Überwachung singt und sich dabei affirmativ nach dem Tod sehnt – eine literarische Strategie, die die Krassheit der Themen noch hervorhebt. Sondern weil Anohni auf ihrem Album das Weibliche und das Männliche gegenüberstellt. Das Sorgende, Beschützende und das Destruktive, Aggressive. Östrogen und Testosteron. Das war tatsächlich eine der interessantesten Pop-Erfahrungen des Jahres: von einer transsexuellen Sängerin erklärt zu bekommen, wie geschlechtsspezifisches Verhalten eben nicht allein sozial konditioniert, sondern – zu einem gewissen Grad zumindest – hormonell bestimmt ist.



M.I.A. veröffentlicht neuen Song „OHMNI 202091“ über ihre Patreon-Seite
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