Grunge-Geschichte

Diese unveröffentlichten Alben von Nirvana brachten IN UTERO hervor

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Willkommen zu einer kurzen Geschichtsstunde Grunge, bitte mitschreiben: Dass Nirvana es in ihrer kurzen Karriere vor Kurt Cobains Suizid auf drei Alben brachten, ist nur die halbe Wahrheit. Während des Entstehungsprozesses hatte Nirvanas IN UTERO nämlich nicht nur einen, sondern gleich zwei Arbeitstitel. Zum einen „Verse Chorus Verse“, ein Titel, der den generischen Aufbau von Popsongs aufgriff und zum anderen „I Hate Myself And Want To Die“, einen Titel, den Kurt Cobain selbst als „ziemlich negativ, aber auch irgendwie lustig“ bezeichnete – in Anbetracht seines Todes allerdings weit düsterere Assoziationen weckt. Dabei sind die Lyrics im Vergleich zum Songtitel harmlos. IN UTERO lagen aber nicht allein verschiedene Namen zugrunde.

In seiner Entstehungsphase enthielt das geplante Album auch noch einige Songs mehr als das später tatsächlich veröffentlichte IN UTERO. Insgesamt 18 Songs nahm die Band im Februar 1993 zusammen mit Steve Albini in Minnesota auf. Darunter das von Dave Grohl geschriebene „Marigold“, das als B-Seite zu „Heart Shaped Box“ veröffentlicht wurde sowie die temporären Titelsongs „Verse Chorus Verse“ und „I Hate Myself And Want To Die“. Beide erschienen erst Jahre später exklusiv auf Compilations. „Verse Chorus Verse“ wurde zudem unter dem Titel „Sappy“ später auf dem Box-Set „With the Lights Out“ sowie auf der Jubiläumsedition von IN UTERO 2013 verwertet.

Cobain plante zwei Alben statt einem

Nachdem das Label unzufrieden mit Albinis finalem Mix war, plante Cobain zeitweise unter den Namen „Verse Chorus Verse“ sowie „I Hate Myself And Want To Die“ zwei eigenständige Platten in die Läden zu bringen. In seinen Tagebüchern schrieb er, dass er als erstes die rohe Albini-Version mit insgesamt 14 Songs als „I Hate Myself And Want To Die“ ausschließlich auf Vinyl, Kassette und 8-Track und ohne Promotion veröffentlichen wolle. Ein ironisches Statement zwischen Antikommerzialität und Verweigerungshaltung. Insbesondere weil 8-Track-Tapes, ein hauptsächlich in den USA verbreitetes Format, seit Mitte der 80er kaum noch verkauft wurden.

Wäre es nach Cobain gegangen, wäre einen Monat später die uns weitestgehend bekannte Version mit überarbeiteten Aufnahmen von „Heart Shaped Box“ und „All Apologies“ auf LP, CD und Kassette mit lediglich zwölf Titeln, aber eben mit dem Titel „Verse Chorus Verse“ und nicht IN UTERO erschienen. So hätte Cobain an der ursprünglichen Version der Platte festhalten können und wäre dennoch dem Wunsch des Labels nach einem anderen Sound nachgekommen. Unklar bleibt unter anderem, ob der andere Titel auch ein anderes Tracklisting impliziert hätte – und wie ernst Cobain es wirklich mit der Zwei-Album-Strategie meinte.

Fakt ist, dass das Label vor Albinis ursprünglichem Mix zurückschreckte und Scott Litt die als Singleauskopplungen vorgesehenen Songs „All Apologies“, „Pennyroyal Tea“ sowie „Heart Shaped Box“ neu abmischte und für letzteres Cobain Backing-Vocals und Akustikgitarre neu aufnehmen ließ. Auch wurde „I Hate Myself And Want To Die“ in letzter Minute von der finalen „In Utero“-Tracklist gestrichen, da das Album laut Cobain bereits genug lärmige Songs hatte.

Für Albini galt lange: Das Album, das er lieferte, war gänzlich anders als das, was letztlich herauskam. Auch Bob Weston, der mit ihm zusammen die Aufnahmen ausführte, bestätigt diese Einschätzung.

Erst 2003 erschien in England eine Vinyl-Neuauflage von IN UTERO, die auf Albinis ursprünglichen Mix zurückgriff. Allerdings wurden die Aufnahmen extra in den Abbey Road Studios remastered. Wer das Exemplar mit der Bestellnummer 424 536-1 sein Eigen nennt, wird feststellen müssen, dass die Unterschiede doch relativ marginal sind. Und auch Albini hat mit der Zeit seinen Frieden gefunden: Das Wichtigste für ihn sei, dass die Platte, die in die Läden kam, eben die war, die die Fans hören sollten.

Ganz zu Ende ist die Geschichte noch immer nicht, denn 1994 sollte abermals ein Nirvana-Album mit dem Titel „Verse Chorus Verse“ erscheinen. Dieses Mal hätte es sich um eine Live-Doppel-LP gehandelt. Die eine Hälfte wäre das legendäre Unplugged-Konzert der Band gewesen, die andere Hälfte eine Compilation verschiedener Live-Recordings. Obwohl bereits erste Promos verschickt wurden, erschien stattdessen lediglich „MTV Unplugged in New York“. Kurt Cobain erschoss sich am 5. April 1994 und beendete damit auch die aktive Karriere Nirvanas.

Weitere Geschichten über große und kleinere unveröffentlichte Alben – mit u.a. den Beach Boys, Beatles, Weezer, Beastie Boys und Katy Perry – gibt es in „Not Available – Platten, die nicht erschienen sind“ zu lesen.


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