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Interview

Im Gespräch mit Disarstar: „Ich bin Teil des Systems, das ich kritisiere“

D: Ich bin Teil des Systems. Ich bin dazu gezwungen, Miete zu zahlen, Essen zu kaufen, erwerbstätig zu sein. Selbst beim Majorlabel bin ich nur Lohnarbeiter. Ich produziere etwas, gebe es dem Unternehmen, verkaufe das gewinnbringend und die geben mir einen Teil des Gewinns ab. Dadurch lebe ich in einem stetigen Widerspruch: Zum Einen muss und möchte ich Geld verdienen, denn das bedeutet mehr Freiheit und mehr Handlungsmöglichkeiten. Gleichzeitig will ich möglichst fair bleiben und niemandem die Butter vom Brot nehmen.

ME: Du würdest gerne das System ändern, aber akzeptierst es, ein Teil davon zu sein.

Disarstar: Es gibt einen Spruch, der lautet: „Geld bringt dich ins Schwitzen, ich würde es lieber abschaffen, als es zu besitzen“.  Aber solange ich es nicht abschaffen kann, möchte ich mein Leben so gut wie möglich gestalten und frei leben.

ME: Wie sieht ein alternatives Gesellschaftssystem für dich aus?

Disarstar: Privateigentum von Produktionsmitteln sollte abgeschafft werden. Aber wenn ich das sage, denken die Leute immer, ich würde ihnen ihre Hose wegnehmen wollen. Dennoch müssten meiner Meinung nach die Villen in der Hamburger Elbchaussee zu Flüchtlingsheimen werden.

ME: Könntest du deine Texte noch mit gutem Gewissen umsetzen, wenn du selber genug Geld hättest für eine Villa an der Elbchaussee?

Disarstar: Ich hoffe, dass ich in meinem Leben nie in die Position komme, mich mit dieser Frage auseinandersetzen zu müssen. Vielleicht würde ich irgendetwas Geiles machen, wenn ich so reich wäre – Hotelbau auf Sri Lanka zu korrekten Preisen. Aber vielleicht würde ich mich durch so viel Geld auch total verändern.

ME: Du hast dich selbst schon als Linksextremist bezeichnet…

Disarstar (lacht): Das habe ich lange nicht mehr gemacht. Ich bin nicht linksextrem, ich bin linksradikal. Ich hab damals den Fehler gemacht, mich als linksextrem zu bezeichnen.

ME: Wie hat deine politische Bildung begonnen?

Disarstar: Das ging los, als ich dreizehn Jahre alt war. Damals hat sich meine wirtschaftliche Situation aus familiären Gründen radikal verschlechtert – das hat mich zum Nachdenken gebracht. Seitdem gehe ich einen Reifeprozess durch. Das Problem ist, dass ich meine politische Meinung schon immer in Musik dokumentiert und manifestiert habe. Dadurch muss ich heute für Sachen gerade stehen, die ich mit fünfzehn Jahren gesagt habe und die ich heute anders sehe. Aber ein Song hat etwas Endgültiges. Dabei ist es eigentlich ein Prozess.



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