Hirnflimmern: Arschleck Holiday – Über die Verstümmelung des Popklassikers „Dreadlock Holiday“

Puh. Jetzt hab ich schnell „Dreadlock Holiday“ anhören müssen, in voller Länge, damit wenigstens dieser kleine Riss in meinem persönlichen universellen Kontinuum gekittet ist. Ja, DAS „ Dreadlock Holiday“, achttausendundviermal gehörter Reggae-Pastiche von 10cc, im Popradiodauernudelbetrieb seit Menschengedenken, einer dieser Songs, die gefühlt nie veröffentlicht wurden, sondern einfach schon immer da waren – quasi mit dem Schöpfungsakt in die Welt gekommen. Dieses „Dreadlock Holiday“.

Nun weiß man ja – sofern man sich die kognitiven Fähigkeiten und das Interesse bewahrt hat, um diese Feststellung zu treffen – dass die Verblödung der Welt ständig voranschreitet. Stumpfer Stammtischbefund, klar, die Zusammenhänge sind natürlich TOTAL komplex, aber sagen wir’s mal verkürzt: Der Turboschweinsgaloppkapitalismus und seine rechte Hand The Man finden es top, wenn du Dschungelcamp schaust, ob mit oder ohne pseudopostmoderner Tongue-in-cheek-Ironie-brille. Es ist mir seit Jahren ein tiefes Rätsel, wie Leute, die mit einem Gehirn und dem Recht auf freie Gestaltung ihrer Zeit und ihres Lebens ausgestattet sind, sich mit solchem menschen- und intelligenzfeindlichem Exkrement befassen können, als sei es ein in irgendeiner Weise satisfaktionsfähiger Teil unserer Unterhaltungs- und Populärkultur. Aber ich schweife ab…

Die Agenten der Verblödung arbeiten überall, noch in die äußersten Kapillaren des Alltags, der Kultur und deren Rezeption sickern sie hinein, gern als „Optimierung“ getarnt. Permanent wird ja daran geschraubt, Sachen zu „verbessern“, hier noch eine Kante abzuschleifen, dort noch ein Pölsterchen hinzupolstern, um jedweden Konsum noch erschütterungsfreier und störungsärmer zu ermöglichen. Beispiel- und symbolhaft kann man das seit Langem am Wirken der Formatradios betrachten, an deren so engarschigem wie arschverengendem Bemühen um „Durchhörbarkeit“, das Programm immer noch genauer auf irgendwelche „Hörgewohnheiten“ „zuzuschneiden“ .

Und da hat jetzt eben ein Programmgestalter befunden, welchen Marktforschungserkenntnissen auch immer folgend, dass viereinhalb Minuten Rootsreggaepop in der Vorabend-„Schiene“ auf Radio Bayern 1, wohin ich gestern auf der B304 arglos zappte, einen Tick zu deftig sein könnten, und dass es im Sinne einer Optimierung des Hörflusses angemessen wäre, einfach die mittlere der drei Strophen – 1:12 Minuten – aus dem Lied „Dreadlock Holiday“ herauszuschneiden. Schnipp. Schnapp. Was mich überraschend haltlos auf die Palme brachte. Sie sagen: Mach dich locker, Winkler, ist doch nur „Dreadlock Holiday“! Ich aber sage: Nein. Es ist „ Dreadlock Holiday“. Popklassiker. Keine Verfügungsmasse für minderbemittelte Programmkleisterpanscher mit einer Höreranalyse-App anstelle eines Gespürs für Respekt und Musik. Und: If you tolerate this, then your Lieblingslied will be next. Zefix.


Diese Kolumne ist in der April-Ausgabe des Musikexpress erschienen.


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