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Hirnflimmern: DAS VORSPIEL ANDERER LEUTE


Letztens hab ich mich – und das ist im Zeitalter der Berufsjugendlichkeit ja nicht unbedingt von Übel – mal so richtig erwachsen gefühlt, ja, sagen wir’s, wie’s ist: alt. Also nicht alternativ wie früher im „Alt-Rock“, sondern einfach: alt. Nicht dass das Gefühl besonders erhebend gewesen wäre, man muss das jetzt hier gar nicht schönreden von wegen Reifegrad und „die Wirrungen der Adoleszenz hinter mir gelassen“ (ich kann vielmehr mit gebotener Dringlichkeit versichern – und tue dies hier auf die Gefahr hin, eine Binsenweisheit zu perpetuieren –, dass die Wirrungen der Adoleszenz, wenn man das Ganze ernsthaft betreibt, ein ausgesprochener Pipifax sind im Vergleich zu den Wirrungen des fortschreitenden Alters, man mache sich da bitte keine Illusionen), eher wie die Begegnung mit einem früheren Ich.

Mein früheres Ich lehnte in diesem Fall an einem helllichten Mittwochvormittag um 11 mit einer Gelassenheit, die mir nicht nur unbegreiflich erschien, sondern auch meine Nerven kitzelte und mich gaaanz laaangsaaam aaaggressiv machte, tastend an einer übermütig geöffneten Bierdose nippend, als müsste es sich das Zeug um diese Tageszeit erst mal schöntrinken, an einem schrottigen Golf III in einer kilometerlangen Stauschlange vor einer Autobahnauffahrt im Chiemgau. Und vor und hinter und kilometerlang überall um mich herum noch viel mehr frühere Ichs in ihren mit Mattenrollen und Grillgerät, Getränkepaletten und Sonnenhüten vollgestopften Fahrzeugen – Festivalvolk! Gott steh uns bei. Festivalvolk. Festivalvolk, ausgestattet mit aller Zeit der Welt sowie vor allem mit nicht beruflich bedingter, sondern wunderbar amateurhaft betriebener Jugend, welche sie dieses aus meiner Sicht als katastrophal zu beschreibende Anreisestau-Chaos als u.U. „kultiges“ Party-Vorspiel zu der anstehenden mehrtägigen Fete dort auf der anderen Seite der Autobahn begreifen ließ. Und mittendrin mein aktuelles Ich: ein nervöser Erwachsener mit einem Termin, der schleunigst auf diese verfluchte Autobahn musste.

Was ich nicht tat: den Termin sausen und alle Konventionen fahren lassen, mich mit den Stauern verbrüdern, einen lustigen Hut aus dem Kofferraum kramen und mit meinen neuen Freunden ein haltloses Wochenende zwischen Schlamm und Ravioli, mittelguten Bands und Kloschlange verleben. Was ich auch nicht tat: aussteigen, meinem früheren Ich zu seiner Gelassenheit gratulieren, es um eine Zigarette und eine Dose grausigen Palettenbiers anschnorren und es zur Strafe etwas volltexten über die alten Zeiten – was WIR schon Lebenszeit auf Festivalanfahrten haben liegen lassen, frage nicht! … Was ich nach 20 Minuten tat: ausscheren und mich an der Stauschlange vorbei mehrere Hundert Meter vordrängeln. Die Stauenden, an denen ich vorbeiglitt, protestierten kaum. Man hatte Verständnis für mich. Der Erwachsene hat’s halt eilig – tu noch ein Faxe her.

Diese Kolumne ist in der Oktober-Ausgabe 2014 des Musikexpress erschienen.

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