Hirnflimmern: Josef Winkler entdeckt die Wildecker Herzbuben wieder

Der Moderator im Popradio hat Paul McCartney gerade den „Seichtesten der Beatles“ genannt, was natürlich so ist, als würde man Wilfried Gliem als den Dünnsten der Wildecker Herzbuben bezeichnen. Gell, jetzt fragt man sich, woher der weiß, wie so ein Wildecker Herzbub mit Klarnamen heißt. Aber freilich: Internet. Oder? Vertrauen Sie mir, dass ich das wirklich grad nur gegoo… äh, recherchiert hab? Früher hätte man sich auf jeden Fall ganz schön verdächtig gemacht, wenn man wie aus der Pistole geschossen hingeschrieben hätte, wie ein Wildecker Herzbub heißt. Hat der etwa eine Platte von denen, auf der er mal schnell hat nachschauen können? Sind die Wildecker Herzbuben bei dem daheim „household names“? Wenn man Mitte der 90er – immerhin ihrer großen Zeit – hätte wissen wollen, wie die Wildecker Herzbuben heißen, dann hätte man jemanden von der Plattenfirma anrufen müssen, und das hätte man mit Sicherheit gelassen. In einer Zeit vor dem Internet wäre Ihnen also ein Kolumneneinstieg wie dieser erspart geblieben. Denken Sie da mal drüber nach.

So, und jetzt stehe ich als Kolumnierender mit momentan akutem Inspirationsmangel vor einer schweren Entscheidung. Bitte ich noch einmal um Aufschub beim gepeinigten Redakteur? Oder schmiere ich Ihnen jetzt hier was aufs Brot, was Sie wohl weder als glaubwürdig noch als interessant einstufen werden, was ich persönlich aber gerade ziemlich abgefahren finde? Sie merken schon, aus der Nummer kommen wir beide nicht mehr raus. Also: Nachdem der obere Teil dieses Textes seit zwei Tagen auf meinem Schirm steht und mich fragend anglotzt – „Und? Geht’s jetzt bald mal weiter?“ – bin ich vorhin ins Dorf gefahren, um Lebensmittel zu erwerben. Und welche Meldung springt mich da an, völlig analog und internetfrei, von der zu meinem Unmut wie selbstverständlich im Dorfladen- kassenbereich „on display“ liegenden Blödzeitung? Genau: Dass der mir bis vor Kurzem noch anonyme Wilfried Gliem von der Gruppe Wildecker Herzbuben in den Promibigbrothercontainer einziehen wird, was mir bis auf die Tatsache, dass ich vor 36 Stunden zum ersten Mal in circa 18 Jahren an die Wildecker Herzbuben gedacht habe, wohltuend scheißegal ist, von der Zeitung aber als „dicke Sensation“ apostrophiert wird, wohl primär, um in dem Zusammenhang das Wort „dick“ verwenden zu können.

Sie haben recht: Wo sind wir diesmal nur hingeraten? Fing ja noch ganz okay an mit den Beatles, aber dann… Lassen Sie mich schließen mit einem recht treffenden Dialog mit meiner Tochter. E. singt das Lied „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ vor sich hin. Ich beiße ihr in ihren weichen Oberarm. E. (vorwurfsvoll): „Du probierst es überhaupt nicht mit Gemütlichkeit, du beißt mir die ganze Zeit in den Arm!“ Ich: „Äh, aber ich probier’s eigentlich schon mit Gemütlichkeit…“ E.: „Aber du schaffst es nicht mit Gemütlichkeit.“ Stimmt. Ich arbeite dran.

Diese Kolumne ist in der Juni-Ausgabe des Musikexpress erschienen.

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