Hirnflimmern: Josef Winkler pfeift das Horst-Wessel-Lied

Gerade habe ich das Horst-Wessel-Lied vor mich hin gepfiffen. Bitte WAAAS? Also: Eigentlich pfiff ich nur eine kleine Melodie vor mich hin, die am Vormittag in einem Radiobeitrag zu hören gewesen war und die meine für Ohrwurm-related affairs verantwortliche Hirnregion wohl als so eingängig gespeichert hatte, dass sie sich jetzt am Nachmittag noch mal in aller Unbedarftheit bei ihr unterhakte und meinen Mund die Töne formen ließ, sozusagen an meinem Bewusstsein vorbei, bevor Letzteres aufmerkte und mir auf die Schulter tippte: „Äh, Chef, bist du sicher, dass du das wirklich pfeifen willst, was du da gerade pfeifst?“ Was…? Um Himmels willen! Man kann ja einmal herausgepfiffene Töne nicht wieder in sich hinein zurücksaugen, sonst hätte ich es in diesem Moment getan. So war ich einfach froh, dass ich gerade allein und bei geschlossenem Fenster in meiner Küche stand und nicht etwa, sagen wir, in der überfüllten Tram, an einem belebten Eck in der Fußgängerzone oder auf der Pegida-Gegendemo.

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, dass es zwar ziemlich viele Liedtexte gibt, die man aus verschiedenen Gründen nicht im Munde führen sollte und auch nicht wollte oder die gar per Gesetz verboten sind, aber nur wenige Melodien, die in dieser Art „unutterable“ sind? Verbotene Melodien. Schräge Vorstellung. Eine Tonfolge, das Abstrakteste, was es in der Kunst gibt, so weit konkretisiert, dass sie etwas Böses repräsentiert und unspielbar, unsingbar, unpfeifbar geworden ist. Die Melodie von „Die Fahne hoch“ ist mir so geläufig, weil kaum ein Redakteur einer historischen Wissenssendung über den Nationalsozialismus in Radio oder TV es versäumt, an irgendeiner Stelle mal kurz dieses verdammte Lied einzuspielen.

Dass man dagegen machtlos ist, wenn untere Hirnschichten partout ein Lied catchy finden, erlebt man im Alltag, wenn man auf einmal wieder das alles durchdringende „Atemlos durch die Nacht“ auf den Lippen hat. Und nein, ich finde, man muss dem nicht nachgeben, so von wegen „ach, was soll’s, es ist nun mal ein Ohrwurm“. Klar ist: So eine uralte Hirnfunktion – das Einprägen von Umweltgeräuschen – wird niemals so sophisticated sein wie man selbst im Hier und Jetzt, man darf da gegensteuern. Ganz damit aufzuhören, in der (Halb-)Öffentlichkeit vor sich hin zu pfeifen oder singen wäre freilich auch langweilig.

Mein Hinterhofgegenübernachbar etwa – sein Gesicht sah ich nie, ich kenne nur seinen Pfiff – ist Classic-Rock-Pfeifer. Einmal hörte ich ihn recht exquisit „Paranoid“ von Black Sabbath interpretieren. Und letztens – beim Wohnungsputz o.ä. – gab’s „Hey Jude“. Sehr ambitioniert. Und die Stelle mit dem Crescendo „better-better-better-better-better- better-yeeeeeeaaaaahh!“ im Übergang zum „naaa-naa-naa“-Teil hört sich gepfiffen echt … interessant an. Ich glaube, wir müssen bald noch mehr übers Pfeifen reden.

Diese Kolumne ist in der März-Ausgabe des Musikexpress erschienen.

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