Hirnflimmern: Wang Chung statt Adel Tawil – Josef Winklers Sehgewohnheiten haben sich verändert

Gerade habe ich – und man muss es mal wieder sagen: dank Internet – eine popkulturelle Lücke geschlossen, die 28 Jahre lang in meinem Lebenslauf klaffte (wenn Ihnen jetzt allein vor der Angabe „28 Jahre“ schwummerig wird und Sie sich fragen, ob das angeht, dass hier Typen Geschichten erzählen, in deren Lebensläufen solche Zeiträume Platz haben … das kommt noch besser). Nein, ich ging nicht wie ein Ägypter, obwohl das ja, siehe Adel Tawil, momentan wieder chartsrelevant wäre und ich es, wenn ich überlege, auch nie wirklich ausprobiert habe, obgleich das ja ein regelrechter Pop-Craze war damals, also: vor 28 Jahren.

Wobei damals, also: 1986 für einen Buben auf dem Land ein Pop-Craze noch so aussah, dass man auf Radio Bayern 3 Moderatoren die Behauptung aufstellen hörte, von Los Angeles bis London, sprich: auf der ganzen Welt gingen derzeit die Leute in  den Straßen herum wie Ägypter resp. halt wie die Bangles im Video zu ihrem Hit „Walk Like An Egyptian“. Und dann konnte man nicht mal schnell auf YouTube nachschauen, wie die in Los Angeles wie Ägypter über den Rodeo Drive latschen und dabei Selfie-Videos drehen und danach noch einen kryptischen Post darüber absetzen („lol“, „ich feier das übelst“ etc.). Vielmehr durfte sich halbwegs hip to the beat wähnen, wer das Musikvideo ein, zwei Mal gesehen hatte, in „Formel Eins“ oder im „Wurlitzer“ im ORF, und wenn Sie jetzt keinen Schimmer haben, wovon ich rede, dann ist das nur recht und billig, denn im Jahr 2014 von einem Modetanz von 1986 zu schwadronieren ist ja rein rechnerisch so, als hätte uns 13-Jährigen 1986 einer was von – jetzt kommt’s – 1958 erzählt; 80s-Nostalgiker bitte dieses kleine Zahlenexempel auf der Zunge zergehen lassen.

Ja, es ist wahr: You are officially old. 28 Jahre sind eine lange Zeit. Und während ich die Frage, ob von 1958 bis 1986 im Pop ca. 28-mal so viel Interessantes passiert ist wie zwischen 1986 und 2014, mal zur Diskussion stellen möchte, so steht doch fest: Die Sehgewohnheiten haben sich verändert seit 1986. Klassiker: „Die Sehgewohnheiten haben sich verändert“. Und als wir’s letztens im Kreis Kulturpessimistischer Eltern e. V. (nur Spaß) davon hatten, dass ein heutiger Märchen-Animationsfilm für Kinder ungefähr die dreifache audiovisuelle Oktanzahl eines Actionreißers aus den Achtzigern hat, fiel mir wieder eine Popmeldung ein, die ich 1986 ziemlich aufregend fand: Da hieß es, das Video zum Song „Everybody Have Fun Tonight“ der Band Wang Chung sei von der BBC aus dem Programm genommen worden, weil es so schnell geschnitten ist, dass es epileptische Anfälle auslösen könnte. Wow! Fand ich damals. Jetzt hab ich das Video erstmals gesehen und kann zu meiner Überraschung sagen: Das ist tatsächlich immer noch ziemlich abgefahren. Sie fragen: Wang Chung? So ein Anderthalb-Hit-Wonder, war im September auf Platz 2 der US-Charts – hinter „Walk Like An Egyptian“. Na so ein Zufall!

 

Diese Kolumne ist in der Juni-Ausgabe 2014 des Musikexpress erschienen. Ohne das Video.

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