Kritik

„Hunters“ auf Amazon Prime Video: Nazijagd auf Amerikanisch ist gar nicht so cool

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In der zehnteiligen Dramaserie „Hunters“, die am 21. Februar bei Amazon Prime Video gestartet ist, spielt Al Pacino einen jüdischen Geschäftsmann, der mit ein paar Verbündeten untergetauchte Nazis im New York der 1970er-Jahre verfolgt und tötet. Hier kommen gleich fünf Gründe, warum die Serie trotz hochkarätiger Besetzung einen ziemlich faden Beigeschmack hinterlässt.

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Erstens: Scheiß Nazis!

Das Produzententeam hinter der neuen Serie „Hunters“ hat von den rechtsextremen Anschlägen in Hanau am 19. Februar 2020 wahrscheinlich nichts mitbekommen. Wie wohl auch von der Regierungskrise bei der Landtagswahl in Thüringen. Denn die Angst vor dem immer stärker aufwallenden Rechtsextremismus in Deutschland ist eine andere Angst, als die Furcht vor Nazis in den Vereinigten Staaten. Und auch der Umgang mit dem Thema scheint ein anderer zu sein. Weil es in den Staaten kein anhaltendes Schuldgefühl und keine „German Angst“ gibt und auch Hollywood, trotz vieler jüdischer Filmemacher, offensichtlich vergessen kann. Die Altnazis, die sich in „Hunters“ in den 1970er-Jahren heimelig in die amerikanische Gesellschaft integriert haben, sind natürlich trotzdem durchweg schlechte Menschen, und deswegen ist Nazijäger Meyer Offerman (Al Pacino) zusammen mit den anderen Hunters moralisch legitimiert, diese Nazis zu jagen und zu töten. Diese Selbstjustiz ist nur eines der vielen Sujets, die die Serie nicht weiter hinterfragt und so, bei aller filmischen Perfektion eine zeitgemäße Auseinandersetzung mit dem Thema Rechtsextremismus ignoriert.

Zweitens: Leider unfreiwillig komisch

Jordan Peele, der mit dem Horrorfilm „Get Out“ 2017 sein Regiedebüt hinlegte, hat die Serie produziert, David Weil („Moonfall“) schrieb das Drehbuch und bezieht sich inhaltlich auf die Erzählungen seiner Großmutter Sara Weil-Grossman, einer Holocaust-Überlebenden. Daraus hätte sicherlich eine produktive Zusammenarbeit werden können, die Horrorelemente nutzt, um den Sadismus der Nazis stilistisch zu intensivieren. „Hunters“ lässt diese Möglichkeit jedoch ungenutzt und wirkt häufig dramatisch überzeichnet, die obsessiv-inszenierten Gewaltdarstellungen reichen von tragisch-komisch bis geschmacklos. Was sich bei „Inglorious Basterds“ (der in mehrerlei Hinsicht offensichtlichen Vorlage für diese Serie) noch gleichermaßen provokativ wie moralisch-vertretbar interpretieren ließ, wirkt hier schlicht übermütig, im Bestreben noch ein paar neue Tabus zu brechen.

Drittens: Hollywood-Blaupause statt Comicvorlage

Natürlich gibt es auch Superheldengeschichten, die nicht auf Comicvorlagen basieren. Und natürlich gibt es auch zahlreiche Comics, die sich kritisch mit dem Thema Nationalsozialismus auseinandersetzen, allen voran „Maus“ von Art Spiegelman. „Hunters“ bedient sich jedoch nicht bei einer Comic-Vorlage, sondern kopiert die filmische Superhelden-Blaupause mit allen stilistischen Merkmalen und Klischees, ohne einen eigenen, neuen Twist mitzubringen, den die überkuppelnde Thematik „Nazis“ so dringend gebraucht hätte. Der stets souverän als Alphatier der Truppe auftretende Offerman wird vom tollpatschig-wütenden Jonah Heidelbaum (Logan Lerman) flankiert, dessen Großmutter zu Beginn der Serie von den Nazis ermordet wird und der nun auf Rache aus ist. Viele Rollen-Klischees sind hier derart unmotiviert aufgereiht, dass so manch spannende Wendung bereits im Vorfeld erahnbar ist. Da ist die Zusammenstellung der übrigen „Hunters“-Kämpfer*innen mit einem Vietnamveteranen, einer britischen Agentin, einem Schauspieler, einer Black-Panther-Aktivistin und einem älteren jüdischen Rentner-Pärchen nur eine weitere folgerichtig-überspitzte Ideenlosigkeit des Drehbuchs.

Viertens: Amerikanismus vs. Faschismus

Aufwändige Kamerafahrten und knallige Großstadtpanoramen aus den trubeligen Straßen von New York – so richtig gut will der coole Hollywood-Look nicht zum Schreckgespenst Faschismus passen. Oft erhält man den Eindruck, dass beim Setdesign und der Bildnachbearbeitung mehr Zeit und Detailverliebtheit auf die Wiederbelebung der 1970er verwendet wurde, als darauf, die untergetauchten Nazis authentisch und grau in die Gesamtkomposition zu integrieren. Sehr deutlich wird das direkt in der Pilotfolge, in der der Nazischerge Biff Simpson (Dylan Baker) beim idyllischen Barbecue auf seinem Anwesen kurzerhand die geladenen Gäste erschießt, weil die Frau eines Gastes ihn als „den Schlächter von Arlav“ wiederkennt. Trotz der enthaltenen Hommage an die amerikanischen Grindhouse-Kinos der 1960er und 70er und ihre teilweise blutrünstigen B-Movies sehen hier sowohl die Schauspieler*innen, als auch der Drehort stets eine Spur zu makellos aus.

Fünftens: Wohin denn nun?

Klar darf man „Star Wars“-Verweise als Popkultur-Referenz in seine Serie einbauen (immerhin lief der erste, respektive vierte „Star Wars“-Teil 1977 in den US-Kinos an), seine Vorliebe für Comic-Superhelden unterbringen und Horrorfilm-Elemente mit dem grellen New York der Seventies verbinden. Aber sich in diesem Zusammenhang auch noch an einem geschichtlich so sensiblen Thema zu versuchen, wirkt beinahe so, als ob die Nazis letztlich vor allem als verkaufsfördernde Provokation bei der Vermarktung eines lahmen Drehbuchs herhalten mussten. Ein Ansatz, der weniger auf bombastischen Hollywood-Perfektionismus mit offensichtlichen Tarantino-Referenzen setzt, und den Verbleib der Alt-Nazis in Amerika mit etwas fundierterem Tiefgang beleuchtet, hätte „Hunters“ einen spannenden und eigenständigen Drall, mit deutlich mehr Abstand zu „Inglorious Basterds“ beschert. So bleibt die Serie trotz guter Schauspieler*innen eine verwirrende Vermischung verschiedener Film-Stile, die sich vergeblich am Thema Nationalsozialismus abarbeitet, ohne neue Erkenntnisse oder erzählerische Kniffe zu offenbaren.


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