Interview

ESC-Vorentscheid „Unser Song für Lissabon“: „Die Musik steht leider nicht im Vordergrund“

Das ist verblüffend. Ich fände es spannend, wenn es um einen konkreten Song-Wettbewerb ginge, die Künstler sich also auch wirklich mit einem eigenen Lied bewerben. Damit es um Inhalt geht – Text, Prosa, Poesie, Botschaft und Songwriting. Alles, was in der Musik ganz vorne steht. Stattdessen bewerben sich die Künstler, man findet sie spannend – aufgrund der Persönlichkeit, des Sounds, des Bildes, das sie erzeugen – und lässt sie dann an Workshops teilnehmen, damit man mit ihnen Songs finden kann, die genau das nochmal verkörpern.

Müssten Sie als Talent-Scout nicht argumentieren, das gehöre zusammen – Musik und Charakter?

Sympathie, Charisma und Authentizität spielen erst dann eine Rolle, wenn die Musik – der Sound, der Song – einzigartig und gut ist. Dann will ich wissen, wer dahintersteckt. Bei Eurovision läuft es gefühlt andersherum: Erst im zweiten Schritt spricht man über die Lieder. Ich ertappe mich selbst dabei, wenn ich den ESC angucke: Die pompösen Performances und Outfits fallen in meiner Bewertung unwillkürlich ins Gewicht. Die Beurteilung geht etwas weg von der Musik, hin zum Gesamtpaket.

Der Gewinner des ESC 2017 Salvador Sobral verkündete allerdings, er habe gewonnen, weil es ihm um die Musik gegangen sei.

Beim ESC funktioniert immer eine Momentaufnahme. Irgendetwas haut dich um – jeden etwas anderes. Es kann die hübsche Sängerin oder der heiße Typ sein, die total beeindruckende Choreographie, der Mix aus volkstümlich und modern. Klar, manchmal gewinnen leise Songs, aber insgesamt wirkt es auf mich so: Je lauter und beeindruckender die Performance, desto eher bleibt sie im Kopf. Wenn dann noch die Persönlichkeit stimmt, gewinnt man. Ansonsten richtet sich das Ganze natürlich sehr nach Quote.

„Talentwettbewerbe und die Denke dahinter führen weg von der Musik“

Inwiefern?

Wie bei jedem Talentwettbewerb wird der Auftritt dem angepasst, was funktionieren könnte – was Zuschauer begeistern könnte, was sie vielleicht noch nicht gesehen haben. Bei meiner Arbeit mache ich genau das Gegenteil: Ich schaue zuerst, wie die Künstler wirken wollen und was sie zu sagen haben. „Lass es uns anders, ganz eigen und individuell machen“, sage ich. Bei Talentwettbewerben geht es aber um Zuschauer-Votings, darum eine Jury zu beeindrucken. Da muss man auch überlegen, was ihr gefällt, womit man punkten könnte. Diese Denke führt vielleicht weg von der Musik, hin zur Show.



Deutscher ESC-Beitrag 2020 wurde von zwei Jurys ausgewählt
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