JethroTull


NEIN. NICHT VON „TOO OLD TO ROCK N ROLL, too young to die“ soll hier und heute die Rede sein. Die Klischee-Schublade bleibt geschlossen. Aber fragen wird man wohl noch dürfen. Zum Beispiel: Warum tut sich der Mann das noch an? Am Geld kann’s nicht liegen, der Lachsfarm in Schottland sei Dank – und dem sich nicht sensationell, aber stetig verkaufenden Back-Katalog, der mit „Stand Up“, „Thick As A Brick“ oder „Songs From The Wood“ allerlei Meisterliches enthält. Warum also turnt lan Anderson immer noch über die Bühnen dieser Welt, auf denen er sich schon vor Jahren Knochen und Stimmbänder ruiniert hat? Warum akzeptiert einer, dessen Band einst die größten Säle füllte, dass der Gig von der Stadthalle Fürth mangels Nachfrage ins gerade halb so große Nürnberger Forum verlegt werden muss? Weil er nicht anders kann? Weil ihm und einer Menge anderer Menschen Jethro Tüll immer noch eine Menge bedeutet? Muss wohl so sein. Wie sonst sollte er es wohl ertragen, dass sein Publikum förmlich zusammen zuckt, als beim Opener „Steel Monkey“ der Gesang einsetzt? Jeden Ton muss er sich abringen, um jede Phrasierung kämpfen, Weste und T-Shirt hat er nach wenigen Minuten nassgeschwitzt vor Anstrengung – und klingt trotz allem nur wie ein Schatten seiner selbst. Doch wie von Zauberhand gerührt weiß man von einer Sekunde auf die andere wieder, warum man hier ist: Mit Roland Kirks „Serenade To A Cuckoo“, einem Instrumental (!), rettet Anderson Band und Auditorium aus drohender Erstarrung. Erstaunt stellt man in der Folgezeit fest, dass die locker eingestreuten „J-Tull Dot Com“-Songs „Spiral“ oder „Hunt By Numbers“ – prächtig zu Klassikern wie „Fat Man“ oder „Nothing Is Easy“ passen. Allein, das Gefühl, hier sei eineTull-Revival-Band am Werk, will nicht recht weichen. Zu unauffällig tun Keyboarder Andy Giddings, Bassist Jonathan Noyce und Drummer Doane Perry ihren Job, zu routiniert klappert Martin „Lancelot“ Barre Riffs und Soli herunter, zu indisponiert und bemüht aufgekratzt wirkt der Chef. Klar:“Locomotive Breath“ ist ein Selbstläufer, die Zugaben (ein arg verunstaltetes „Aqualung“ und ein treffliches „Living In The Past“) werden stürmisch bejubelt. Doch das ist’s dann auch. Der Fan wendet sich heimwärts, um „Bursting Out“ aufzulegen, das Live-Doppelalbum von 1978 – und sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel zu wischen.