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Johannes Marx über Tom Waits

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Auf der anderen Seite gibt es dann noch die Alben, die einen zum ersten mal ein neues Musikgenre eröffnet haben. Sozusagen ein Flugticket zu einem neuen Kontinent waren. Nach langem Kramen in Platten, CDs und (ja, es gibt sie noch) MC-Kisten bin ich fündig geworden: „Bone Machine“ von Tom Waits. Das ist zugegebenermaßen schon unglaublich lange her (1992). Aber irgendwie stecken für mich in dem Album Dinge, die mich geprägt haben und heute immer noch stark beeinflussen:“Fehler is King“: Gut, das ist von Knarf Rellöm, aber ‚Bone Machine‘ spricht diese Worte jede Sekunde zu mir. Es geht nicht darum, richtige Musik zu machen, es geht darum, echte Musik zu machen. Alles andere zählt nicht.

Ich stell‘ mir gerade vor, was eine DSDS-Jury oder das andere Extrem, das Auswahlgremium einer Pop-Hochschule mit Tom Waits anstellen würde. Klar, es ist einfacher zu beurteilen, ob etwas ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ gesungen oder gespielt ist. Inzwischen kann das ja sogar „Singstar“ auf der Playstation. Operationalisieren ist hier das Stichwort: Etwas beobachtbar und an bestimmten Kriterien messbar machen und dann Zahlenwerten zuordnen. Hier also: Setzen, sechs! Das ist toll und kann auch schön in eine Excel-Datei eingegeben und zur weiteren Verarbeitung herangezogen werden. Es gibt dann schöne Grafiken, und mit denen lässt es sich bekanntlich gut argumentieren und passen hervorragend ins Computerzeitalter. Die Beurteilung, was eine bestimmte Musik in einem bewegt, scheint es in diesem System schwer zu haben. Und diese Musik hier bringt in mir Berge zum beben! Das kann aber halt keiner messen. Ich stelle mir allzu häufig die Frage, welche Eigenschaften in einem so funktionierenden Räderwerk gefördert werden. Worauf lenkt es unseren Fokus? Eine weitere Sache, die mich an Tom Waits immer imponiert hat, war die Info, daß er bevorzugt mit Straßenmusikern arbeitet. Ich weiß gar nicht, ob das stimmt, noch so ist oder jemals so war. Ist ja auch egal.

Jedenfalls hat sich diese Info tief in mein Bild von Pop-Musik eingegraben: Pop-Musik soll leicht verständlich sein. Elitäre Ansprüche haben hier, wenn es nach mir geht, nichts verloren. Um die Aussicht von einem Gipfel aus genießen zu können bedarf es ja auch nicht großen Vorwissens. Das ist natürlich kein Freischein für Banalität. Und wenn man dann selbst versucht, Pop Musik zu machen, merkt man doch sehr schnell, wie schwer es ist, einfach zu sein. Einfach und gut. Das ist Tom Waits bei „Bone Machine“ in einer unglaublichen Art und Weise gelungen. Mit so geringen Mitteln so große Musik hervor zu zaubern. Dafür all meinen Respekt!Das Experimentieren mit Sounds hat bei diesem Album einen recht hohen Stellenwert. Zum einen in der Art, wie die Instrumente und der Gesang aufgenommen wurden, zum anderen, wie doch recht „fremde“ Klänge wie der Klang von Maschinen in die Songs eingearbeitet wurden. Dadurch wirken die Stücke so bildlich, schon fast wie ein Hörspiel. Ich liebe es, in ein ganzes Album eintauchen zu können!“I don’t wanna grow up“: Das ist ein Titel auf dem Album (unbedingt auch mal das Video ansehen!), und vielleicht sollte ich mir jetzt doch endlich mal einen Ruck geben und mir einen ordentlichen Job besorgen. Diese ständige Ungewissheit. Wer zieht es denn schon wirklich durch? Das ist doch naiv in der heutigen Zeit von Musik leben zu wollen. Im Winter zum Heizen Kohlen schleppen für weitere zehn Jahre? Nein danke! Verdammt, vielleicht nächstes Jahr. Jetzt ist ja erst mal wieder Frühling und vielleicht haben wir mit unserem Release in Japan im Juni ja endlich auch unser finanzielles Glück!


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