Kurz & Klein


Aufpassen: Alle, die Popmusik machen, sind Nachmacher. Zumindest 99,7 Prozent von ihnen. Ob sie wollen oder nicht. Ob es ihnen im Einzelfall nun bewußt ist oder nicht. Hilft alles nichts! Es folgen: Beweise.

Bei Nathan Fake ist der Fall eindeutig: Er möchte dem Aphex Twin sein Twin sein. Wenigstens Halbtwin. Und wenn man DROWNING IN A SEA OF Love (Border Community/PIAS/RTD) so auf sich einperlen, -zischeln und raunen läßt und Nathan in schönsten Eno- und SELECTED AMBIENT WORKS-Farben malen sieht und bald bemerkt, wie einen das gelassener, zufriedener, ein wenig dösig macht, kommt man in so eine Gönnerlaune und dann sagt man: Mach nur weiter so, du 22jähriger Wunderknaben-Bewunderer-Knabe von der Norfolk countryside!

Krezip aus den Niederlanden sind als Nachahmer sogar richtige Überzeugungstäter: Sie wollen all das sein, was die anderen auch sind, die tagaus, tagein das Mainstreamradio vollnudeldudeln und von dortigen Musikredakteuren als Rockmusik mißverstanden wetden – also alles so überproduzierte Gefühligkeitskraftmeierei von Alannah Myles bis Jeanette Biedermann. Grausig: WHAT ARE YOU WAITING FOR(SonyBMG).

Ähnlich klar, so klar, daß einem langsam der Spaß vergeht beim Nachahmernachspüren, liegt der Fall bei Mamas Weed, einer Band aus Kreuzberg. Tschuldigung, was können wir dafür, wenn ihr in eine der vollsten Schubladen strebt, die für junge Kapellen traditionell weit offen steht: Steht „Led Zeppelin“ drauf, springen Mamas Weed gleich hinein (wohl, nachdem sie „Pearl Jam“ gerade noch entkommen waren). Leute, die Platte dann aber auch noch ELECTRIC ZEPPELIN (MKZwo/Rough Trade) zu nennen … Ihr macht’s einem wirklich zu leicht! Doch wenigstens haben Mamas Weed komische Kanten und der Zeitgeist steht vor ihrer Proberaumtür mit blutender Nase.

Droben in Schweden indes hat er fast überall Zugang, der Zeitgeist. Wir warten ohnehin stündlich darauf, daß das schwedische Außenministerium vermeldet: „Mit dem heutigen Tag spielt jeder schwedische Bürger unter einem Lebensalter von 45 in einer Rock- oder Popkapelle oder ist einschlägig als Solist tätig.“ Mon roe haben sie aber wohl eher gegen ihren Willen ins Indierockpop-Internat geschickt. Ihr Debüt ohne Namen (Roastingho/ZYX) ist eine popgewordene Dürftigkeit, die gar kein Bedürfnis weckt oder deckt. Machen nach: Delays oder sonst was, was ziemlich dick eingecremt wurde.

Freier entfalten durften und wollten sich Monty Locos, auch Schweden. Nein, -innen. Anja Bigrell (Gesang) und Maria Eklund (Gitarre) haben von Alanis Morissette und Tori Arnos gelernt: Wenn man Pop mit Ego macht, darf der auch mal ein bißchen anstrengend werden. Aber nicht zu dolle! Und im Zweifelsfall immer melodisch genug, um nicht als Selbstbehauptungs- oder -befreiungs-Belästigung abgewiesen zu werden. Von vorurteilssicheren Männern vor allem, an Schreibtischen wie diesem, die die das dann einfach abtun als sowas. Hier eigen, dort hübsch: Man Overboard(Nons/Soulfood) ist ein spürbar selbstsicheres Album, das im richtigen Moment auch Vega und sogar Nova kann.

Auch selbstbewußt, durchaus: Magneta Lane aus Kanada, drei junge Frauen, die am offensichtlichsten Blondie nachtun würden, hätten nicht schon ein paar andere Kapellen mit Frauen in verantwortungsvoller Position Blondie nachgetan, nach denen Magneta Lane nun noch ein Stück offensichtlicher klingen. Wie: Magnapop, Veruca Salt usw. Nur ist DANCING WITH DAGGERS (Paper Bag/Cargo) leider etwas arg manierlich, indieernst, gitarrenpoparrig. Es sagt nicht: Komm her! Oder: Bleib bloß dort stehen! Oder irgendwas anderes mit auch nur einem kleinen Ausrufezeichen.

On topic: Das offensichtlichste Nachmaching darf von Leuten, die das allzu gerne anprangern, immer noch am Sampling festgemacht werden. Bäh, ist das: immer bäh! Wax Tailor aus Frankreich: auch so einer. Sampelt auf TALES OF THE FORGOTTEN MELODIES (Mole Listening Pearls/Intergroove) Filmdialogschnipsel, Bar- und Beinahe-azz-Zeug, bautTripHop-Noir-Kulissen (Stichwort: „Downbeat“) auf und hatte mit seiner originalitätsfreien Version des „Der Mann, der zu viel wußte“-Klassikers „Que Sera“ auch noch einen Hit in Frankreich. Da kann man nicht nur im Headquarter von Ninja Tunes nur noch den Kopf schütteln: Wie vorgestern ist das denn?! Und wie pupslangweilig?!

„This four piece Richmond band“, die da Gregor Samsa heißt, läuft in diesem Kasten hier quasi ein bißchen außer Konkurrenz, weil sie auf ihrem Debütalbum nach zwei EPs nicht nur recht wenig wie jemand anders sein möchte (oder muß oder…), sondern weil sie überhaupt ganz wenig sein möchte. Diese Band und ihre Musik, immer nur am Schaffen von „dreamy, multi-layered atmospherics“. „From heavy and dark one moment to hushed and serene the next.“ Sehr richtig. Wunderschön. Oder gar nicht da. Oder, im besten Moment: beides. Titel: 55.12 (Own/Alive). „Da ist doch alles klar, Herr Kommissar.“ (Und wer sich über den im eigentlichen Wortsinn ziemlich kafkaesken Bandnamen aufregt, soll erst mal schauen: Welche Band aus Hamburg beschäftigt und belegt denn gerade wieder alle möglichen Titel, Thesen,Temperamente – na, wie heißt die?!)

Das Bandkollektiv Cerberus Shoal aus Portland, Maine, gibt sich unterdessen allergrößte Mühe, nicht der ein- oder max. zweidimensionalen Kopiererei überführt zu werden. Ein Mittel: Formate sprengen. Da darf ein Lied auf THE LAND WE ALL BELIEVE IN (Monotreme/Cargo) auch mal 16 Minuten dauern. Und eins 15. Und dann noch eins elf. Da wird, aus dem Folkverständnis heraus, das Wege einschlägt, über die auch schon Waits, Chadbourne, Beefheart natürlich stapften, rechtzeitig mit Traditionen gebrochen, daß es eine Anstrengung ist. Oder eine Vision. Was man davon hat, ist klar: Cerberus Shoal gibt es seit zwölf Jahren, in denen sie elf Platten veröffentlicht haben. Und, hat einer von uns auch nur eine zu Hause im Schrank stehen? Ziehen wir also den Hut vor den 0,3 Prozent, die sich die allergrößte Mühe geben, auch weiterhin anders zu sein. Also anders anders. Ganz anders anders.

Nicht wie Nobody & Mystic Chords Of Memory (zweitdoofster Kapellenname der Rubrik, leider) aus Hippiehausen, wo’s aber ja auch schon seit ein paar Jahren Strom gibt. Die treffen mit ihrer aus Folk, Folkpop und zart breakenden Beats sehr gut die Mitte. So gut, daß sich die Plattenfirma bemüßigt fühlt, mit „Broaden A New Sound“ sogar einen kleinen Radiohit ausgemacht haben zu wollen. Ja, in welcher Welt leben die denn?! Mit TREE COLORED SEE (Mush/Rough Ttade) für einige Momente auf jeden Fall in einer hübsch unaufgeregten.