Kurz & Klein


Der Zwölfjährige in mir hat keinen guten Musikgeschmack. Was nicht heißt, dass er nicht wählerisch wäre. Zum Beispiel ist er verliebt in X-tina (so sehr, dass er bisweilen darauf besteht, X-toph genannt zu werden), langweilt sich aber unendlich bei Britney Spears. Er hört sich gerne Sarah Connor an, flüchtet aber meistens bei Jeanette, hgendwie so ganz okay findet er auch Stacie Orrico, und zuerst hat er sich über ihr neues Album beautiful awakening (Virgin/EMI) auch gefreut. Nach einiger Zeit aber musste er einsehen, d3ss die Platte mit all ihren belanglosen, drögen R’n’B-Pop-Nummern alles andere als ein Meisterwerk ist. Stacie ist auf dem richtigen Weg sie will nun wie Alicia Keys und Lauryn Hill „Soul Music“ machen und spricht in Interviews von „Wahrheit“ und „Ehrlichkeit“ -, doch stolpert sie ihn blind entlang.

Zwölfjährige sind zweifelsohne auch wieder die Zielgruppe von Coolio. Nachdem das betagtere Fernsehpublikum der „Comeback Show“ 2004 kein Mitleid mit ihm hatte -es bevorzugte damals Smokie -, nimmt er nun wieder die Kids ins Visier: RETURN OF THE GANGSTA (Subside Records/Edel) heißt sein neues Album, das beim Label des italienischen Dance-Produzenten Giovanni „Vanni G“ Giorgilli erscheint. Die Produktionen sind fad und fahrig, Coolios „Skillz“ beschränkt. Eine doofe Platte, von Anfang bis Ende. Dass Snoop Dogg auf der ersten Single „Gangsta Walk“ Sachen wie „Italia, Man. know what I’m sayin‘?“ rapt, ändert daran nichts.

Natürlich gibt es auch Künstler, die anspruchsvolle Musik für Erwachsene machen. Asobi Seksu sind ein gutes Beispiel. Die New Yorker Band um die japanisch-amerikanische Sängerin Yuki Chikudate hat mit CITRUS (Friendly Fire – Import) ein geradezu himmlisches Indiepop-Album aufgenommen, für das in Deutschland derzeit noch ein Partner-Label gesucht wird. Yuki singt abwechselnd auf Englisch und Japanisch. die Arrangements und Strukturen sind detailreich und voller Überraschungen und das Songwriting ist süperb.

Ebenso zauberhaft – allerdings nur für Menschen, die eine lange Aufmerksamkeitsspanne und ganz viel Zeit haben – ist fyris swan (Hefty Records) von Solo Andata. Das meditative Instrumentalalbum ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit von Paul Fiocco (Stockholm, Schweden) und Kane Ikin (Perth, Australien). PeT Email ausgetauschte elektronische Klangflächen, akustische Gitarrenläufe, Loops, Geräusche und warme Keyboard-Sounds wurden an Laptops zu einem ansprechenden und streckenweise bestechend schönen Ganzen zusammengefügt, das – irgendwie wahrscheinlich – eine Vertonung von Isolation, Getrennt- und Einssein und Erkenntnis darstellt.

Good Heart Boutique, die „glamouröse junge Damenband“ (Presseinfo) aus ehemaligen Ida-Red- und The-Monochords-Mitgliedern, wollte so wahnsinnig gerne ein total leichtfüßiges, „freches“ Indiepop-Album aufnehmen, dass die Musik die meiste Zeit ganz schrecklich angestrengt klingt. Der deutsche Akzent mag in England charmant erscheinen, der oft leicht falsche Gesang aber sägt in Kombination mit den gelegentlich verstimmten Instrumenten an den Nerven. Wer sich dennoch für das Debüt FANTASTIC FAN (Müller und Frank) interessiert – durchhalten! Nicht alles auf diesem Album ist so dilettantisch wie der erste Song.

Nicht uninteressant ist DO SOM ETHING (Records & Me/PIAS), die erste EP der Marburger Band Tent. Die fünf ernsten , druckvollen und vor allem beeindruckend einfallsreichen Songs laufen nur knapp zwölf Minuten, sind aber ein erstklassiger Teaser für das kommende Album. Das Trio hat Auftritte im Vorprogramm von Koufax, den Figurines und The Thermais gespielt und könnte, wenn alles gut geht, eine der interessantesten Indierockbands Deutschlands werden. Wir warten mit Spannung auf das ganze Album.

„Wie bitte? J-ree Bird?“ Wer war das? Schiebt den Hund nach vorne-ich will sehen, wer sich mit mir anlegen will“, sagte Howe Gelb 2002 auf der Bühne in New York bei einem Giant-Sand-Konzert, nachdem ein Witzbold eben jenen Lynyrd-Skynyrd-Song gefordert hatte. „Wisst ihr“, sagte er weiter, „das ist eigentlich ein guter Song. Aber es würde zu lange dauern, das jetzt zu erklären“. Genau4:i^ Minuten braucht der Ausnahmegitarrist Tom Riepl auf seinem neuen Album Radio MOONLIGHT (zu bestellen bei www.tomriepl.com), um mit einer bewegenden Instrumentalversion zu verdeutlichen, was Howe Gelb gemeint hat. Der Rest der Fusion-Rock-Platte des Studio- und Live-Musikers, der auch mit Willy Astor auf der Bühne steht, wenn der seine klassischen und jazzigen Instrumental-Kompositionen präsentiert, klingt mal nach Larry Carlton, Donald Fagen und Flim & The BB’s, mal nach Chick Corea’s Electric Band und machmal auch nach „Smooth azz“, wie man ihn zu später Stunde auf Klassik-Radio hören kann.

In keinem Radiosender der Republik dürften die sperrigen, ausufernden Songsaus dem Album A MILLION YEARS between US (DevilDuck Records) in den Playlisten zu finden sein. Das Erstlingswerk der neuen (aber nicht aus Neulingen bestehenden) Hamburger Band Susan Screen Test ist ein wuchtiges und mächtiges Stück Progrock, das auf Seiten des Zuhörers Geduld und ein strapazierfähiges Nervenkostüm verlangt. Wer’s aushält, wird von dichten und düsteren Songs wie „No One Saves New York“ und „Something’s Coming Into Me“ vielleicht fasziniert sein – genau aber weiß ich das nicht. Zu mir will diese Platte einfach nicht sprechen.

A GENTLE KIND OF DISASTER (NoiS-O-Lutlon/Indigo) von dem Frankfurter Harmful-Sänger Emirsian ist eine intime und direkte Folk- (und irgendwie auch Chanson-) Platte mit erstklassigen Arrangements, die meist auf einer kunstvoll gezupften akustischen Gitarre aufgebaut sind. Vor allem aber ist sie eins: ein faszinierend eigenständiges künstlerisches Statement von einem Sänger und Songschreiber, dereine klare Vision davon hat, was er und wie er sich ausdrücken will.

Weit weniger eindringlich ist ARE YOUA DREAMER (Bad Taste Records), das aktuelle Album des noch weitgehend unbekannten amerikanischen Singer/Songwriters Denison Witmer. Witmer hat sich auf sanften Country-Folk à la Graham Nash und lackson Browne spezialisiert, bei dem ihn bei einigen Songs sein guter Bekannter Sufjan Stevens mit dem Banjo und der Orgel unterstützt. Hübsch ist das alles anzuhören -man fühlt sich, was die Stimmung angeht, manchmal recht positiv an Wilcos A GHOST IS BORN erinnert-, aber leider auch irgendwie austauschbar: Kaum sind die zehn Songs aus, hat man sie auch schon wieder vergessen.

Schnell vergessen will man eigentlich zunächst auch die Band Conner, weil ihr aktuelles Album hello Graphic MISSILE (Sonic Boom) beim ersten Durchlauf nach schablonenhaftem und belanglosem Neo-Wave-Rock klingt. Aber Vorsicht: Das neue Album der Band aus Kansas ist eine Zauberplatte. Beim zweiten und dritten Hören offenbaren sich plötzlich Hooks, Riffs, Melodien – Songs also – die man beim ersten Mal nicht hören kann. Wer sich vorstellen kann, wie Bloc Party und Hot Hot Heat auf Beruhigungsmitteln klingen würden, hat den Einstieg schon geschafft. Der Rest kommt dann von ganz alleine.