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Popkolumne, Folge 50

Lars Eidingers Aldi-Tüte, Billie Eilishs Bond-Song und Wheatus‘ Loser-Hymne „Teenage Dirtbag“ – Die Popwoche im Überblick

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Sie zeigte nämlich, dass Ironie nicht mehr so funktionieren kann wie etwa in den Fun-orientierten Neunzigern – weil sie allzu schnell als Zynismus verstanden und kritisiert wird. Was einerseits daran liegt, dass sich politische und gesellschaftliche Zustände immer stärker zuspitzen und den Leuten das lässige Lachen zunehmend im Hals steckenbleibt. Andererseits ist die Frage in den Vordergrund getreten, wer sich etwas Dekadentes wie Ironie überhaupt leisten sollte. (Eine populäre Antwort ist: Ein beliebter, weißer, reicher Schauspieler ist es vielleicht nicht.)

Letztendlich treibt die Luxustüte nur auf die Spitze, was bei Middle-Class-Kids in Städten wie Berlin eh gang und gäbe ist: mit den Insignien von Armut zu spielen, ein bisschen Prekariat zu behaupten, wo in wenigen Jahren ein Bausparvertrag sein wird, und sich so street credibility bei abgesicherter Lebenslage ermogeln. Vielleicht fühlt sich der eine oder die andere vom Aldi-Lars ertappt, weil man eben doch nicht aus Schichtzugehörigkeitsgründen „so irre pleite“ ist, sondern weil man die letzten beiden Gin-Tonic-Runden im Berghain bezahlt hat. Kein Grund also, sich über ein Stück Leder mit Aldi-Logo aufzuregen. Lieber mal wieder die Coverversion des Gentrifizierungskritiker-Klassikers „Common People“ von Isolation Berlin hören.


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Überraschung der Woche: Billie Eilish singt den Bond-Song

James Bond, Agent 007, ewiger Anzugjockel und Ladykiller im Dienste ihrer Majestät, gespielt von einer Frau: Die Vorstellung gefällt einem schon, weil sie Traditionalisten mindestens so sehr verärgern dürfte wie einst die weibliche Ghostbusters-Belegschaft. Aber: No chance, meinte kürzlich Barbara Broccoli, Produzentin der James-Bond-Reihe. Auf die Frage, ob 007 nicht so langsam mal von einer Frau gespielt werden könnte, sagte sie dem US-Magazin „Variety“: „Er kann jede Hautfarbe haben, aber er ist männlich.“

Im gleichen Atemzug sprach sie sich allerdings dafür aus, Männerrollen nicht einfach für Frauen umzuschreiben – und betonte, Frauen seien „weitaus interessanter als das“. Kann man natürlich für miefigen Sexismus halten. Schließlich können Frauen ja erst einmal: alles. Spannend sein können solche Experimente ja allemal, und ein paar Irritationsmomente haben dem Hochglanzkino noch nie geschadet. Aber ob man aber gerade 007, der ja (trotz Transformation in der Ära Daniel Craig) letztendlich ein slicker Pistolero der alten Männlichkeit ist, ein Relikt quasi, unbedingt feministisch umdeuten muss? Ob man genau diese Institutionen krampfhaft auf gegenwärtig bürsten muss – oder ob’s nicht Zeit für eine ganz neue Art (weibliche) Heldin wäre?



#WHATWEDONEXT: Billie Eilish wirbt für digitalen Optimismus und die Generation Z
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