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Popkolumne, Folge 61

Pin-up-Virologen und Glied-Gedichte – Volkmanns Corona-Popwoche im Überblick

LOGBUCH: KALENDERWOCHE 15/2020

Aktuell ist es ein gesellschaftlich anerkanntes Verhalten, die Straßenseite zu wechseln, wenn jemand entgegenkommt. Heute darf man mit den Augen rollen, wenn sich wer im öffentlichen Raum auch nur räuspert. Sollte der- oder diejenige sogar ausspucken oder husten, sind diesen April strafende Blicke einhergehend mit erheblichen Bestrafungsphantasien absolut vernünftige Reaktionen.

Muss Euch was gestehen: Wenn dies alles hoffentlich bald zurückgebaut wird und die Straßen wieder den rotzenden, distanzlosen Massen gehören, werde ich nicht verhindern können, an diese Zeit jetzt mit gewisser Wehmut zu denken. Sorry schon mal!

P.S.: Habe dieser Tage außerdem meine Mutter besucht. Besitze zwar keine Kinder, aber wenn das Plakat schon mal da hing…

LISTE DER WOCHE: Wie hoch ist Dein Corona-Index?

Für jedes „Ja“ gibt es einen Punkt. Bei 8-10 Punkten kannst Du wirklich von Dir behaupten: „Corona-Frühjahr 2020 – ich war dabei!“

01. Wurdest Du im örtlichen Supermarkt mindestens einmal zurechtgewiesen, weil Du keinen Wagen benutzt hast oder sonstige neue Regeln nicht beachtet hast?

02. Hast Du in den vergangenen Wochen schon mal mit härteren Strafen für schnaufende Jogger*innen auf dem Gehweg geliebäugelt?

03. Wärst Du langsam so weit, auf eine Verschwörungstheorie einzubiegen, die eine Verbindung herstellt zwischen dem fantastischen Wetter aktuell und dem elenden Dauerregen vor dem Shutdown?

04. Ist Dir klar, dass Du, auch wenn Du noch ein Stück Hefe bekommen würdest, keine Ahnung hättest, was man damit anfangen sollte?

05. Hast Du auch den Eindruck, dass der Ausspruch „Netflix and chill“ von Verheißung zu einer Drohung gemorpht ist?

06. Wurdest Du dieser Tage schon mal darauf aufmerksam gemacht, bei Zoom- oder anderen Video-Konferenzen nicht so laut in den Bildschirm zu brüllen? Die Übertragung funktioniere ja digital und nicht per Schall.

07. Hast Du Dich mittlerweile auch komplett von der Eingangs-Utopie zu Beginn der Maßnahmen verabschiedet, dass Du jetzt endlich mal alle über Jahre liegen gebliebenen Bücher lesen wirst?

08. Warst Du mehrfach auf dem Twitter-Profil von Cem Özdemir, um zu gucken, was seine Corona-Infektion macht und hast gesehen, dass er den ganzen Tag Quatsch schreibt oder retweetet, als wäre er ein übergeschnappter Teenie?

09. Hast Du auch das Gefühl, ja, wir befinden uns in einer Zeit des globalen wie privaten Umbruchs, aber, nein, es ist trotzdem gerade nicht der passende Termin, um mit dem Alkohol aufzuhören?

10. Hast Du heute von der Packung mit sechs Äpfeln, die Du zum Anfang der Maßnahmen gekauft hast, immer noch mindestens fünf?

Foto: Linus Volkmann

PENIS DER WOCHE: Till Lindemann

Das Über-Glied des Deutschrocks, Till Lindemann, wurde von dem nachdenklichen Bierzelt-Verlag KiWi versehentlich für einen Lyriker gehalten. Promi-Namen bestimmen längst auch die Buchbranche, warum dann also nicht Rammstein-Sänger Lindemann als Germany’s Next Top-Poet?

Und er liefert auch ab. „100 Gedichte“ heißt das Werk. Natürlich nicht qualitativ, sondern hinsichtlich medienwirksamer Provo, die ihm den Buchvertrag ja ohnehin überhaupt eingebracht haben dürfte. Aus dieser Sammlung heraus schwappt nun ein stolperndes Gedicht über die Vorzüge von Date-Rape und Rohypnol. Das wird das Thema Lyrik richtig weit nach vorne bringen, das kann man jetzt schon spüren. Neue Generationen bald voll auf Hexameter, Daktylus und Jamben. Wobei man allerdings sagen muss, dass die hingewichste Verteidigung („Ja, kennt Ihr Bauern nicht das Lyrische Ich?“) von KiWi-Ex-Verleger Helge Malchow einen vielleicht NOCH mehr herunterzieht, als es Lindemanns Vergewaltigungs-Zeilen bereits tun.

Eine sehr schöne Einordnung, die der Kunstfreiheit ihren Raum lässt, aber dennoch Kritik an so einem Stuss möglich macht, liest man bei Margarete Stokowski in ihrer „Spiegel“-Kolumne.

MINI-INTERVIEW DER WOCHE: Kathrin Wessling

Kathrin Wessling ist eine norddeutsche Hashtag-Jongleurin, sie hat schon viele große Marken auf Social Media sympathisch, ja, menschlich wirken lassen. Zudem ist sie auch Buchautorin. „Nix passiert“ (Ullstein), ihr aktueller Roman, erzählt von Liebeskummer, Schwermut und wie es sich anfühlt, plötzlich wieder nach Hause zu den Eltern zu ziehen. Zurück zum Start, zurück ins Kaff, das in dieser Geschichte hier Braus heißt.

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Homeoffice Tag 1000.

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Kathrin, du beschreibst das Broken-Heart-Elend aus männlicher Perspektive – wie hast du dafür recherchiert oder nutzt du einfach Empathie?

KATHRIN WESSLING: Ich nutze einfach den Glauben daran, dass Männer genau so Menschen sind wie ich einer bin und sie von daher jetzt auch nicht so viel anders sind.

Wenn ich heim zu Mutti komme für paar Tage, zeigen mir ein paar Dinge schnell, dass ich hier nicht mehr als erwachsen gesehen werde: „Mach dir doch das große Licht an beim Lesen“, sagt Mutti und drückt für mich auf den Schalter. Hast du ähnliche Erinnerungen – und sind die auch ins Buch geflossen?

KATHRIN WESSLING: Meine Mutter hat mir an Weihnachten erklärt, wie man eine Wärmflasche befüllt. Ich bin 34.

Autorin in Zeiten von Corona. Wie sehr oder auch nicht crasht dir die momentane Situation deine Pläne für das Buch?

KATHRIN WESSLING: Richtig doll. Halbe Lesetour abgesagt worden, Einnahmen für drei Monate weg. Ich habe schnell reagiert und bin nun in einer Festanstellung. Ich will nie wieder so existentielle Ängste haben, ich bin es leid.

Foto: Kathrin Wessling

AUTOR UND VIRUS-PIN-UP DER WOCHE: Christian Y. Schmidt

Lange bevor durch eine neue Art des Stockholm-Syndroms dem Virologen Drosten nicht nur die Ohren, sondern auch die Herzen zuflogen, hatten wir Popkultur-Nerds schon längst unseren eigenen Seuchen-Messias: Christian Y. Schmidt. Der frühere „Titanic“-Redakteur unterhielt in jenem Magazin für lange Zeit auch eine Kolumne, in der er von seinem Leben in seiner Wahlheimat China berichtete.

Im Januar, als das Virus noch auf Asien beschränkt schien, konnte man bereits auf Schmidts Facebook-Seite Berichte über das zum Erliegen gekommene öffentliche (und private) Leben lesen. Bis heute berichtet er klar, transparent und nicht ohne einen gewissen Witz (der aber nie die Fakten verwischt).

Aktuell befindet er sich wieder in Deutschland, außerdem ist sein Buch „Der kleine Herr Tod“ (Rowohlt) erschienen. Ein äußerst pointiertes Nebenwerk, das er zeitgleich zu seinem Roman „Der letzte Huelsenbeck“ schrieb. Der kleine Herr Tod hat Sterbologie und Death Metal in Helheim studiert. Diese sprühende Groteske ist echt kurzweiliger „Quatsch mit Salsa“, von der (und von Schmidt selbst) man hier einen Eindruck bekommen kann:

 

PLATTE DER WOCHE: Rong Kong Koma

„Lebe Deinen Traum“ (Rookie Records) ist nur eines dieser Alben, die von der aktuellen Situation geschluckt wurden. Release-Party? Vergesst es. Tour? Keine Chance.

Rong Kong Koma kommen aus Berlin – ihre Musik sieht sich deutlich beeinflusst von Rio Reiser und vom Saufen. Doch haben sie nicht hinreißen lassen, einen virilen Kreuzberg-Phallus aus dieser Quelle zu zimmern wie die Rockkasper Milliarden. Rong Kong Koma hämmern sich nicht die Faust gegen die Brust – und wenn doch dann nur, um sich selbst weh zu tun. Eine düstere wie hochästhetische Platte ist „Lebe Deinen Traum“ geworden.

Meme der Woche

MEANWHILE BEI BILD.DE (kein Meme)

GUILTY ODER PLEASURE?
(90s-Edition Pt. 3)

Die Sache ist ganz einfach: Ein verhaltensauffälliger Act aus dem Trash-Kanon der 90er wird noch mal abgecheckt. Geil or fail? Urteilt selbst!

FOLGE DREI:
Mark‘Oh

HERKUNFT: Dorsten (NRW)
DISKOGRAPHIE: 7 Studio-Alben
ERFOLGE: Silberner BRAVO-Otto in der Kategorie „Rap & Techno“ // „Tears Don’t Lie“ schafft es 1994 auf Platz Eins der deutschen Charts.
TRIVIA: Der Song „Droste, hörst du mich“ spricht den ehemaligen Mathe-Lehrer von Mark’Oh an, der jenem prophezeite, es im Leben zu Nichts zu bringen.

PRO
Mark’Oh beweist, dass der DJ-Boom der Neunziger nicht nur für kreative Feingeister empfänglich war. Auch der hemdsärmelige Hochzeits-Plattendreher konnte mit infantilen Song-Attrappen den Dancefloor und den Sender VIVA bei Laune halten. Eine Demokratisierung von Kunst – ganz im Beuys’schen Sinne: „Jeder ist ein Künstler“.

CONTRA
Dass der revolutionäre Techno-Trend im Mainstream gleich schon wieder klingen musste wie Deutscher Schlager, ist die Schuld von Schießbudenfiguren wie Mark’Oh. Kommerzieller Gaga ohne jeglichen Glanz. Trostlos und minderbemittelt.

P.S.:
Wer hat Lust mit mir eine aktuelle Drosten-Version des Mark’Oh-Klassikers aufzunehmen? Zuschriften werden selbstverständlich anonym behandelt.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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