Loop-Guru


Wie sich Macca das bekiffte Mix-Tape erfand

Eingezwängt in sein Dienstbotenzimmer unter dem Dach der Wimpole Street 57 waren ein großer brauner Kleiderschrank, ein Bett und Mc-Cartneys Kneipenklavier. Neben dem Bett stapelten sich Goldene Schallplatten- Seine Platten und seine Instrumente befanden sich jedoch in Peter Ashers Zimmer nebenan, in einem Regal aus poliertem norwegischen Holz. Betrat man Pauls Zimmer, stand man zunächst einer Kommode gegenüber, auf der zwei Brenell-Tonbandgeräte standen. Anfangs benutzte sie Paul nur um Mixtapes zu erstellen, die wie kleine Radioshows konzipiert waren: Er kombinierte Plattenaufnahmen mit seinen Ansagen und gelegentlich auch mit einer Eigenkomposition. Das erste Mixtape nannte er „Unforgettable“, denn der erste Track war Nat King Cotes Song gleichen Namens.

„Es war ein Spaß, den man macht, wenn man stoned ist“, erklärte er später. „Man wußte, daß man später am Abend bei irgendeinem Freund abhängen würde und daß ein interessantes Stück Musik der Knaller wäre. Egal, ob Ravi Shankar, Beethoven oder Albert Ayler. „

Nach „Unforgettable“ begann Paul damit, erste Bandschleifen herzustellen, wobei ihn die von lan Sommerville beschriebenen Experimente stark beeinflußt haben dürften. Paul besaf) eine Flasche EMI-Leim und mußte immerwarten, bis die Band-Enden miteinander verbunden waren: „Die Klebestellen waren nicht sehr stabil. Ich versuchte immer, das Knacken zu vermeiden, das man hörte, sobald die Klebestelle den Tonkopf passierte. Eigentlich gelang mir das nie. Mit größerer Sorgfalt hätte ich es vielleicht schaffen können, aber meine Herangehensweise war eher hemdsärmelig. Also verwendete ich das Knacken als Teil des Rhythmus. Ich legte die Loops ein und überspielte sie, wobei ich sehr schnell sein mußte. Man konnte nie genau sagen, was man gerade aufgenommen hatte, denn beim Abhören lief das Band weiterhin am Aufnahmekopf vorbei. Selbst wenn man dabei kein neues Signal darüberlegte, wurde die Qualität schlechter, denn man nahm Stille auf. „Weshalb ein Signal, das gut hörbar sein sollte, zuletzt aufgenommen werden mußte. Wenn er Hintergrundklänge haben wollte, wußte er, wie viele Durchläufe möglich waren, bevor sie zu leise gerieten, da sie weiterhin überspielt wurden – mit jeder Umdrehung des Bandes. „Eine gute Idee spontan umzusetzen, war unmöglich. Und man mußte wissen, wann man besser aufhörte.“

Für seine Loops verwendete er Gesang, Gitarre und Bongos, die fertigen Bandschleifen wurden auf eine zweite Brenell überspielt. „Es begann mit einem Geräusch wie von summenden Bienen“, erzählt Paul,“.nach ein paar Sekunden wurde es langsamer, zuerst setzte ein Echo ein, dann kamen ein paar sehr hohe Violinenklänge dazu, im Hintergrund dröhnte langsam ein mächtiger Grundton. Eine ganz hübsche Klangcollage. Die Gitarre klang wie schreiende Möwen. Das waren nette Loops, und ich hatte Großes mit ihnen vor. Ich wollte eine kleine Symphonie erstellen, nur aus Bandschleifen.“ Schließlich überspielte McCartney die komplette Mehrspuraufnahme auf eine Kassette. Die Kompaktkassette war gerade von Philips auf den Markt gebracht worden, und alle Beatles hatten Abspielgeräte in ihren Autos – wahrscheinlich die ersten Autostereoanlagen in Großbritannien. Paul ließ also seine Loops laufen, kombinierte sie mit sorgfältig ausgesuchter Musik, und der Abend konnte kommen. Paul: „Das kleine Ding lief fünf oder zehn Minuten, danach hatte ich Musik von Julian Bream aufgenommen. Ich fühlte mich wie ein DJ. Wir ließen diese Bänder endlos laufen, rauchten einen Joint, tranken ein Gläschen Wem, und der Abend war gerettet. Es war unser Alternativprogramm zum Pub-Besuch. Man lauschte der Musik, redete ein wenig, lauschte weiter.“