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Mein 1210er und ich

Zugegeben: Es gibt nicht sehr viele davon im real existierenden Kapitalismus, aber ich habe ein Faible und allerhöchsten Respekt für Musikgruppen und Konsumprodukte, die lange Zeit Bestand haben und dabei nichts von ihrer Faszination einbüßen. Künstler, bei denen Output und Haltung und Produkte, bei denen Design und Qualität eine wunderbare Einheit ergeben. Zum Beispiel die amerikanische Avant-Pop-Band The Red Krayola, die seit 49 Jahren existiert. Aber auch die Mercedes-Benz-Baureihe R 107 – für Nichtexperten: die Roadster 280 bis 560 SL. Sie wurden von 1971 bis 1989 produziert – 18 Jahre lang, das ist eine Ewigkeit bei den heute üblichen Modellzyklen in der Automobilindustrie. Und ich mag den Technics SL-1210. Der Plattenspieler wurde von der japanischen Marke 1972 als Hi-Fi-Gerät für zu Hause eingeführt und seine Produktion erst im Jahr 2010 nach 38 Jahren von der Muttergesellschaft Panasonic eingestellt.

Meine persönliche Geschichte mit dem Zwölfzehner, wie die Auskenner die Wundermaschine nennen, beginnt nicht lange vor seinem Tod: im Jahr 2007. Ein paar Jahre nach der Revinylisierung meines Hörverhaltens beschloss ich, mir einen „vernünftigen“ Plattenspieler zu kaufen. Oder gleich zwei und noch ein Pioneer-Mischpult dazu. Ich lege nämlich manchmal auf, ich kann zwar nicht mixen, also: ich kann nicht beatmatchen, weil mir das nie jemand gezeigt hat, ich bin aber ein Meister der „atmosphärischen“ Übergänge. Den Zwölfzehner, das Arbeitsgerät des DJs bei jedem „Gig“ vor mir auf dem Pult stehen zu sehen, hat mich weichgeklopft, der Anblick hatte etwas Vertrautes, ein Gefühl von Zuhausesein, warum sollte er dann nicht gleich auch zu Hause stehen? Ich mag das klare, klassische Design des Plattenspielers mit seinem mattschwarzen Korpus (das baugleiche Brudermodell SL-1200 unterscheidet sich nur durch sein silbernes Gehäuse), die wenigen Bedienelemente: Ein-/Aus, Start-/Stop, Pitch Control, 33 und 45, fertig.

Im Lauf seiner 38-jährigen Geschichte wurde der Plattenspieler immer wieder sanften Modifikationen unterzogen. So wurde 1979 der überarbeitete Technics SL-1210 MKII eingeführt. Er steht als das am längsten produzierte Gerät der Unterhaltungselektronik im „Guinness Buch der Rekorde“. Mit diesem Modell kam der Bedeutungswandel: Was vorher ein Hi-Fi-Plattenspieler für gehobene Ansprüche war, wurde wenig später zur Standardausrüstung für Radiostationen und Diskotheken und zum DJ-Plattenspieler, zu dem DJ-Plattenspieler. Auf der ganzen Welt. Damals, Ende der 70er, entdeckten die HipHop-DJs die Qualitäten des Zwölfzehners: der quarzgesteuerte Direktantrieb des Plattentellers, der die Platten innerhalb von 0,7 Sekunden auf die Wunschdrehzahl bringt und wieder zurück auf null. Der Technics läuft auch unter extremen Partybedingungen, er ist nicht kaputt zu kriegen. Das schwere, robuste Gehäuse macht ihn relativ unempfindlich gegenüber Stößen und Feedback aus den Soundanlagen und zu einem idealen Arbeitsmittel zum Scratchen. Ab da war der Zwölfzehner mehr als ein Plattenspieler, er wurde das Musikinstrument für die Postmoderne für HipHop-, Techno-, House-DJs und -Produzenten. Meine beiden Technics nehmen angejahrten Platten ihren Zustand nicht übel. Bei Kratzern, die die Nadeln meiner ausrangierten alten Plattenspieler zum Hüpfen gebracht haben, bleibt der Tonarm des Technics stoisch in der Spur. Ich möchte keinen anderen Turntable haben, kein funky Vintage-Teil mit Holzgehäuse und auch keine Berlin-Mitte-Hipster Plattentruhe, die sich so schön macht auf Instagram (#interieur) und in der Fernsehreklame mit ausgelassenen jungen Menschen, die trotz ihrer Ausgelassenheit so vernünftig sind, an ihre Altersvorsorge zu denken.

Vor fünf Jahren wurde die Produktion des Zwölfzehners eingestellt. Wer vorher noch einen gekauft hatte, war safe. Nicht einmal 500 Euro musste man für ein fabrikneues Modell bezahlen. Heute kostet ein originalverpackter Technics bis zu 2 500 Euro. Dass Panasonic die Produktion eingestellt hat, war eine klassische unternehmerische Fehlentscheidung. Zwar berief sich der Konzern mit Recht auf den beschleunigten Wandel im Audio-Markt von analog zu digital. Was die „Entscheider“ nicht bedachten, war die Rückkehr der Schallplatte, die vor fünf Jahren schon nicht zu übersehen war. Im September 2014 kündigte Panasonic an, die Marke Technics wieder einzuführen. Und tatsächlich: Am 5. Januar stellte Panasonic den Nachfolger des legendären Zwölfzehner vor – den Technics SL-1200GAE bzw. SL-1200G. Der Plattenspieler, der technisch auf den neuesten Stand gebracht wurde, soll ab Sommer erhältlich sein.


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