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Konzertkritik

Morrissey live in Berlin: „Doch, doch, ihr liebt Angela Merkel“

Vielleicht gelingt es ihm mit LOW IN HIGH-SCHOOL, die Charts wieder zu erklimmen. Man kann über seinen ewigen Compagnon Boz Boorer denken was man will, aber dem als hemdsärmeligen Sidekick belächelten Musiker ist es auch diesmal gelungen, der oftmals recht ungelenken Prosa Morrisseys die passenden Melodien auf den Leib zu schneidern. Sei es im donnernden „My Love, I’d Do Anything For You“ oder der Vorab-Single „Spent The Day In Bed“, die erst nach vermehrtem Hören ihr ganzes Potenzial auszuschöpfen vermag.

Doch genau dieses „Spent The Day In Bed“ unterstreicht die Krux, die sich allmählich ins Schaffen Morrisseys schleicht. Den Chorus „Stop watching the news!/Because the news contrives/ to frighten you/To make you feel small and alone/To make you feel that your mind isn’t your own“ kann man gut und gerne als resignierte Beobachtung auf die aktuelle weltpolitische Lage, mit all ihren Katastrophen und Verbrechen, lesen – oder eben als Abrechnung mit den „Systemmedien“ und der „Lügenpresse“, denen wir arme Lämmer (ein lyrisches Bild, das Morrissey nur zu gerne bedient) nahezu hilflos ausgeliefert sind.

Nach einer guten Stunde lässt Morrissey einen mit solchen Fragen zurück. Zum Abschluss platziert er noch rasch die für ihn wichtigste Botschaft („Meat Is Murder“) und spielt noch ein nettes Pretenders-Cover („Back On The Chain Gang“), bevor er mit etwas Zögern und einem exaltierten Schweißabwischen die Bühne verlässt. Dieser heutige Promo-Stunt scheint harte Arbeit für ihn gewesen zu sein. Mit 58 Jahren etwas kürzer zu treten, wird für Morrissey, der seine Krebserkrankung vor drei Jahren mit einem lapidaren „If I die, then I die, if I don’t, then I don’t“ verkündete, keine Alternative darstellen. Der alte Mann hat schlichtweg die ungebrochene Hoffnung, uns irgendwann allen die Augen zu öffnen.

Ihr könnt euch Morrisseys Konzert noch bis heute Abend auf der Website von Arte Concert anschauen – und hier könnt ihr nachlesen, wie uns Morrisseys Berlin-Konzert im Sommer 2016 gefiel:



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