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Kritik

„Nobody Knows I’m Here“ auf Netflix: Er kam, sang und verlor sich

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Doch nicht nur deswegen kann man diesen Film als einen weiteren Eintrag in das seit einigen Jahren mehr als florierende chilenische Kino sehen, für das neben bereits erwähntem Larraín vor allem Sebastián Lelio („Eine fantastische Frau“) als wichtigster Vertreter genannt werden kann.

Dem Regie-Debütanten Gaspar Antillo ist hier eine stimmige Meditation über die Schatten der Vergangenheit gelungen, die ansprechend montiert ist und visuell die Zeitsprünge zwischen den 80ern, wo wir den jungen Memo (Lukas Vergara) sehen, und der Jetztzeit anschaulich umsetzt. „Nobody Knows I’m Here“ ist ein einfühlsam erzähltes Drama über die Schwierigkeit des Überwindens von einschneidenden Erfahrungen, über das Abschließen mit Traumata und über das Verfolgen der eigenen Träume. Memos Traum hängt sich zwar vor allem an der Musik, hier konkret am Gesang, auf. Musik spielt in dem Film aber eher die Rolle eines Ventils, durch das sich Memo ausdrücken könnte, aber lange nicht traut. Einzig fehlt ihm die Bühne, die er nie bekommen hat, die er so gerne gehabt hätte. Memo singt singt kaum, aber wenn er es dann mal tut, dann mit voller Inbrunst, mit voller Freude. Das ist ungemein berührend zu sehen, ist es doch der Inbegriff dieses einen großen Auftritts, dieser einen Sternstunde, auf die musikalische Underdogs hinträumen.

Freilich enthält „Nobody Knows I’m Here“ auch eine scharfe Kritik an der Unterhaltungsindustrie: Der Film thematisiert ihre Schattenseiten und ihre Fehler, wie die Oberflächlichkeit, der Bezug auf das Aussehen oder das Ausnutzen von Memos Stimme zum eigenen Profit. Es interessiert offenbar nur das Pop-Produkt, nicht der Mensch dahinter.

Doch am Ende ist es vor allem ein Film über Vergebung geworden, zart und lebhaft erzählt. Und nicht zuletzt auch ein außerordentlicher Geheimtipp mit einem Hauptdarsteller, an den man schon länger nicht mehr dachte, der hier aber seine vielleicht beste Karriereleistung abliefert. Aber Achtung: Der titelgebende Song „Nobody Knows I’m Here“ – es ist der Hit, um den sich ja irgendwie alles dreht – wird noch eine Weile im Ohr nachklingen.



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