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Live-Kritik: PANTHA DU PRINCE & THE BELL LABORATORY

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Wo sich der Glocken Klang frei entfaltet, darf und muss das Publikum mitformen an der Musik.

Im Parkett muss man stehen. Die Klappsesselchen hat die Haustechnik abmontiert. Damit mehr Menschen erleben können, was das Hebbel-Theater an gleich zwei Tagen ausverkauft: die Liveaufführung der Symphonie ELEMENTS OF LIGHT. Von und mit Pantha Du Prince, dem vielfach geadelten Elektromeister und Sound-Stalker. Samt Bell Laboratory, einem fünfköpfigen Glöckner- und Percussionisten-Zirkel, der wie Pantha in weißen Hemden und mit langen, grauen, ebenso blitzsauberen Handwerkerschürzen gewandet ist. Als würden die sechs zum Höhepunkt des Abends dann selbst noch eine Glocke gießen. Für ein solches Ereignis steht man ja sogar auch gerne mal, aber eben doch erst ein wenig verloren herum, wenn die Veranstaltung zwar schon begonnen hat, sich die schwebenden, den hohen Saal ganz allmählich ausmessenden Klänge der Handglocken, mit denen das Ensemble das Konzert zeremoniell einläutet, erst noch zu so etwas wie Musik formen müssen. Dabei ist das viel besser als Fertigaufschnitt: Musik, an der der Geist mitformen darf!

Aber dazu gleich noch mehr. Denn nun endlich bimmelt eine Triangel im ausdrücklichen Sechzehntel-Takt das Ende der Standmeditation ein. Und auf dem drei Tonnen schweren Carillon werden die ersten Glocken angeschlagen: mächtig, aber doch maßvoller als gedacht, ein Plexiglasmantel hält das ungeheuer feierliche Monstrum in Schach. Die Teile des weiteren Instrumentariums aufzuzählen, das wie ein Versuchsaufb au die Bühne einnimmt, wäre sicherlich ein großes Musiklehrervergnügen (und für Mike Oldfield sowieso): Röhrenglocken, Marimba, Klangvasen, Vibrafon, Gongs, Steel Drums Der Reiz dieses Konzerts besteht dann auch darin, jedem Ton ein quasi handwerkliches Fertigungsdetail zuordnen zu können und so Ohren und Augen lustvoll über dieses Wimmelbild springen zu lassen. Doch das größte Erlebnis dieser Aufführung ist es, der Vielfalt dieser Klänge und ihrer Dynamiken nachzuspüren, ihrer mit Worten jenseits von Fachchinesischem wie „Residualton“ und „Frequenzmodulation“ kaum vermittelbare assoziative Sogkraft ausgeliefert zu sein. Am Ende ertappt man sich gar dabei, den Maschinen des Zeremonienmeisters etwas weniger Pegel zu gönnen. Denn Beat und Bumms drohen dort, wo das House-Fundament deutlicher zutage tritt, die Lebendigkeit des Sounds einzuschränken, die Klänge zu Patterns zu degradieren.

Doch was bliebe andererseits übrig von seinem gefeierten Crossover von Club und Konzerthaus, würde sich Pantha Du Prince quasi selbst aus seinem Werk komponieren? Unten im Parkett kennt man die richtigen Antworten auf solche Fragereien. Dort wird gejauchzt vor Freude, wenn sich der Bass breit wie das ganze Theater unter die Musik schiebt und dafür sorgt, dass selbst diese Kirche im Dorf bleibt. Ein Dorf mit Namen Rave.


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