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Meinung

Das Preisverleihungsdilemma: Warum Schauspieler*innen auf der Bühne keine Meinung haben

Im Jahr 2016 wollte die Academy tatsächlich das ewige Aufzählen von Namen unterbinden und entschied sich dafür, eine Art Newsticker einzublenden, sobald der oder die Gewinner*in im Scheinwerferlicht steht. Auf diese Weise sollten die Dankesreden gekürzt werden und die Zeit für andere, wichtige Ansagen dienen. Leonardo DiCaprio wählte den Augenblick, als er seine „The Revenant“-Hauptdarsteller-Goldstatue ergriff, um darauf aufmerksam zu machen, dass der Klimawandel sehr wohl existiere und wir zusammen aufhören sollten, zu prokrastinieren. Dennoch wurde dieser Ansatz, alle Namen als Laufschrift parat zu haben, in den nächsten Jahren nicht mehr verfolgt. Die Reden wurden wieder länger, die Inhalte hohl. Die Schauspieler*innen hatten mit wenigen Ausnahmen nicht abgeliefert. Und wer will schon den Promis in schönsten Outfits dabei zuschauen, wie sie sich halb stotternd blamieren, weil sie nichts zu sagen haben?

Ändert sich einfach zu wenig, selbst wenn man lauter wird?

Ein Grund für die wenigen persönlichen Meinungsstücke ist auch die Politikverdrossenheit beziehungsweise der Frust auf die eigene Branche. 2018 sprach Frances McDormand vom „Inclusion Rider“ und spielte auf eine Vertragsklausel an, die auf mehr Diversität und Gleichberechtigung am Set abzielt. Ihr Anliegen wurde mit viel Applaus entgegengenommen. Doch auch 2019 konnte noch davon berichtet werden, dass Männer in Hollywood eine Million US-Dollar mehr verdienen würden als ihre Kolleginnen. Und 2020 gibt es zwar mehr Frauen denn je im Filmbusiness, jedoch häufig immer noch nicht in den wichtigen Rollen. Die kleinen Award-Vorträge der Stars lassen sie selbst in dem Raum mit vielen Gleichgesinnten gut da stehen, haben aber anscheinend nicht den gewünschten Effekt außerhalb der Glamourwelt.

Doch die Bühne sollte weiter und noch viel stärker als Möglichkeit genutzt werden, um das zu sagen, was einen persönlich umtreibt und wie mit den Problemen in Politik, Umwelt und Gesellschaft im Kleinen wie im Großen umgegangen werden kann. Nur so bleiben diese Award-Shows noch relevant – wenn Promis ihre Popularität auch mal ganz bewusst nutzen. In der Vergangenheit wurde diese Meinungsfreiheit nicht immer so wertgeschätzt. 1993 zum Beispiel unterbrachen Tim Robbins und Susan Sarandon ihre Anmoderation, um auf die Haitianer hinzuweisen, die in Guantanamo Bay festgehalten wurden und nicht in die USA einreisen durften, weil sie positiv auf HIV getestet wurden. Oscar-Produzent Gil Cates war außer sich, empfand das Nennen von persönlichen Meinungen in diesem Rahmen empörend, sogar unehrlich und wollte sie nicht mehr als Hosts bei den zukünftigen Oscars. Zum Glück kam er damit nicht durch.



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