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Floating Points Elaenia

Pluto Records/Rough Trade VÖ: 6. November 2015

von

Die Bedeutung des Formats Album als Indikator für Status und Prominenz des Künstlers hat in der modernen elektronischen Musik nach der Acid-House-Revolution Ende der 80er-Jahre immer weiter abgenommen. Es ist mehr Regel als Ausnahme, dass einer wie Floating Points sieben Jahre nach seiner Debüt-Single, nach zahlreichen EPs, deren Tracks locker drei bis vier Alben füllen würden, den Ruf als einer der besten DJs und ungewöhnlichsten Produzenten der Welt genießt und immer noch kein Album veröffentlicht hat. Wenn so einer dann doch noch mit seinem Debüt­album kommt, dann kann dieses sich leicht gegen ihn richten, weil man als Vergleichspunkte ein Dutzend 12-Inches heranziehen kann, auf denen der Künstler unter Umständen „früher“ besser gewesen sein könnte.

Aber mit der Post-Dance-Music der mittleren 10er-Jahre ist ein anderes Phänomen verbunden, das eine definitorische Funktion erfüllt: Die beste elektronische Musik wird an den äußeren Rändern des Genres produziert, in ihr werden scheinbar unumstößliche Grundsätze wie das Vorhandensein eines geraden Beats oder die Omnipräsenz der Kickdrum infrage gestellt, und manchmal ist die bessere elektronische Musik gar nicht elektronisch. Wobei wir bei ELAENIA, dem Debütalbum von Floating Points, wären.

Sam Shepherd, 24-jähriger Produzent mit klassischer Ausbildung, gleichermaßen besessen von zeitgenössischer klassischer Musik, Avantgarde-Jazz, R’n’B, Techno und House, hat ein Monster von Album erschaffen, das er zu gleichen Teilen elektronisch und nicht-elektronisch hergestellt hat. Dabei bedient sich Floating Points der Parameter von klassischem House und der Techniken der Jazz-Improvisation. Wobei Jazz eher eine Einstellung meint, ein flüchtiges Gefühl, als Ausdruck des letzten Potenzials der Freiheit in einer Musikwelt, in der alle Möglichkeiten bereits durchdekliniert erscheinen; Jazz auch als übergeordnetes Thema, so wie vor 20 Jahren bei Drum’n’Bass und heute bei Flying Lotus, aber dann doch ganz anders bei Floating Points.

In „Nespole“ benutzt er die Codes und Bausteine von klassischem House, um ein Stück Minimal Music zu kreieren. Das bereits als Single veröffentlichte „Silhouettes (I, II, III)“ ist die reinste Elektro-Jazz-Improvisation, „Argente“ könnte um Mitternacht aus dem Soundlabor von Four Tet herausgeplinkert sein. Und der Titeltrack „Elaenia“ ist eine musikalische Kontemplation, die sich schön ausgewogen zwischen Wohlklang und Experiment bewegt. Allein die Gäste auf diesem Album stecken das Territorium ab, auf dem sich Floating Points mit seiner Musik bewegt: der Jazz-Schlagzeuger Tom Skinner, der Hot-Chip-Assoziierte Leo Taylor, Susumu Mukai (aka Zongamin) und die klassische Violinistin Quian Wu – also zwischen elektronischer Musik, Jazz und zeitgenössischer Klassik.

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