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Lee Ranaldo & Raül Refree Names Of North End Women


Mute/PIAS/Rough Trade

Eines der grundlegenden Motive dieses Albums hat Lee Ranaldo so beschrieben: „Wenn du lange genug lebst, dann wirst du dich vieler Leute erinnern, die in dein Leben getreten sind und es auch wieder verlassen haben.“ Der Gitarrist, Sänger, Songwriter, Noisemaker und Produzent spielt damit auch auf die Einflüsse an, die er seit seiner Zeit bei Sonic Youth aufgesammelt und in seine Aufnahmen eingepflegt hat. Für NAMES OF NORTH END WOMEN kommt noch hinzu, dass Ranaldo diesen Prozess des Kommens und Gehens auf jenes Instrument bezieht, mit dem man ihn lange (nahezu ausschließlich) in Verbindung gebracht hat: die Gitarre.

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Es gibt nur wenige Gitarren auf diesem Album mit dem spanischen Komponisten und Produzenten Refree. Und die Gitarren verlassen die Tracks auch schneller, als sie diese besetzt haben. Ranaldo und Refree komponierten auf Marimba und Vibraphon, nutzten Sampler und ein Studer-Bandgerät, das Ranaldo zuletzt vor 25 Jahren eingesetzt hatte. Von alten Tapes zogen sie Drumsounds, Geräusch- und Stimmaufnahmen, dazu spielten sie Zeilen aus Gedichten (u.a. ein paar von Jonathan Lethem eingesandte Texte) und ihre eigenen Stimmen ein. Man könnte über diesen Collage-Prozess und die zahlreichen historischen Nebenstränge wahrscheinlich einen Roman schreiben, der von der Magie des Patchworks und den Geheimnissen der Sounds aus unseren Geisterhäusern handelt.

NAMES OF NORTH END WOMEN ist aber weit weniger ein Arbeitsnachweis aus den Labyrinthen der Abstraktion und Forschung als ein „ordnungsgemäßes“ Songalbum geworden. Irgendwo in diesen Prozessen des Zusammenfügens und des Verbindens von analoger und digitaler Technologie erschufen Ranaldo und Refree Melodien, die sich ganz natürlich über die entwickelte Soundbasis legten. Melodien, die in einem anderen Leben Folk- oder Popsongs bevölkerten und sich jetzt an die Erzählparts heften. Melodien, die so schnell nicht aus dem Kopf gehen wollen. Das ist die schöne Überraschung dieses Albums.


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