Album der Woche

Pauline Anna Strom Angel Tears In Sunlight


RVNG Intl. (VÖ: 19.2.)

von

Das hat sie nicht verdient: Im November 2020 kündigt das Label von Pauline Anna Strom deren erstes Album seit mehr als drei Jahrzehnten an. Eine Sensation! Und dann, nur einen Monat später, im dunklen Dezember, verkündet selbiges Label den Tod von Pauline Anna Strom. Mit 74 Jahren. Timing sucks. Das gloriose Release nun im Februar 2021 darf sie nicht mehr erleben.

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Wer war diese Frau? Blind geboren, lebte sie zuletzt mit ihren beiden Leguanen. Zwischen 1982 und 1988 brachte sie drei LPs und vier Kassetten raus. Zu einer Zeit, als das echt noch eine Seltenheit war, dass eine Frau auf analogen Synthesizern Ambient zauberte. Zur zeitlichen Einordnung: Max Richter war damals noch ein pubertärer Teenager, als die Strom Musikgeschichte schrieb. Der kommerzielle Erfolg blieb allerdings so bescheiden, dass Pauline Anna Strom irgendwann ihr Equipment verscherbeln musste. Eine Schande!

Seit einiger Zeit ist sie aber wieder in vieler Munde und auch Ohren: Seit ihr Label 2017 eine Compilation rausbrachte, haben viele Jüngere entdeckt, was für eine Pionierin diese Frau ist, pardon, war. Klang-Bescheidwisser wie das Elektro-Duo MGMT wussten das freilich auch vorher schon: 2010 haben sie den Track „Morning Splendor“ von Pauline Anna Strom auf der von ihnen kompilierten Episode der sagenhaften Soundserie LATE NIGHT TALES gemixt.

Pauline Anna Strom war eine der großen Komponistinnen unserer Zeit

Dass Pauline Anna Strom auch Meisterin der japanischen Heilkunst Reiki war, glaubt man leicht: Auch die Tracks auf ihrem neuen, nunmehr letzten Album erinnern, sogar wenn sie kubanisch anmutende Rumba-Rhythmik programmiert, an japanische Environmental- und New-Age-Musik der 1980er (wie man sie etwa wunderbar versammelt findet auf der Compilation KANKYO ONGAKU) – nicht nur wegen einem melodisch-perkussiven Segen aus Marimba und aus Vibraphon: Pauline Anna Strom hat eine überaus seltene Gabe, meditative Klangsteingärten zu bauen, in denen ein Roboter-Chor Renaissance- Gesang anstimmt.

Es schnaubt und zischt und knautscht. Warmer, aber nie wohlfeiler Techno, ohne Kickdrum-Beats. Irgendwo muss eine Voliére voller Synthesizer- Vögel stehen, die polyrhythmisch, polymelodisch, vielleicht auch polyamourös Klanggeschenke in die Luft stecken. Pauline Anna Strom war eine der großen Komponistinnen unserer Zeit. Dass wir es so spät gemerkt haben, spricht nicht gegen sie. Wir können nur hoffen, dass es im Himmel Leguane gibt.

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